Lili marleent immer noch

„Lili Marleen“ von Marlene Dietrich? Nein. Eigentlich kennt man die Version von Lale Andersen. 1941 in El Alamein gehört, in Belgrad gesendet, bei den Nazis erst topp, dann hopp, und letztlich von allen geliebt. Und bis heute eines der am meisten übersetzten Lieder der Welt.

Laterne in der Nacht
Lili Marleen wartet bei der Laterne Nacho Frontale bei pixabay

Vor ein paar Tagen stieß ich auf ein Reel, bei dem die Person darin ungefähr sagte: „Ich nenne mich Marlene nach Marlene Dietrich, weil eines meiner Lieblingslieder ihr Lili Marleen ist.“ Ich konnte mich nicht enthalten, trocken zu kommentieren: „Lale Andersen“. Denn so heißt die Sängerin. Ich erzählte das meinem Mann und sagte dazu noch, klar, Marlene Dietrich hat es auch gesungen, aber vor allem auf Englisch und vor amerikanischen Soldaten. Er wiegte den Kopf und meinte noch skeptisch und nicht ganz unbegründet: Aber ist auch die Andersen-Version diejenige, die man kennt oder eher die von der Dietrich? Und dann suchten wir auf spotify die Versionen und – ja, natürlich ist es die von Lale Andersen

Marleen und Marlene

Ich bin ziemlich sicher, dass das Missverständnis mit Marlene Dietrich auch daran liegt, dass sie eben Marlene heißt, und diese Namensähnlichkeit daran schuld ist. Ich meine mich zu erinnern, dass es mir auch so ging. Aber irgendwann las ich etwas darüber, das meine eigene Assoziation ergänzte zu einem: „NICHT Marlene Dietrich“ und nach und nach merkte ich mir auch „Lale Andersen“.

Bergkirchweih in Erlangen

Wann genau ich das Lied zum ersten Mal gehört habe, weiß ich nicht mehr. Aber es war mindestens 1994, denn das war das erste Mal, dass ich auf der Bergkirchweih in Erlangen war, wo ich studiert habe. Und wenn man Student in Erlangen in den frühen 90er Jahren war, gab es sogar eine Woche vorlesungsfrei, weil sowieso alle – Studenten und Profs – sonst nur unkonzentriert mit Kater in den Hörsälen aufgetaucht wären. Und der To-Go-Bräuereikeller, zu dem man hinging, war der letzte hinten links, der „Entlas Keller“. Am frühen Nachmittag fing man mit dem Biertrinken und fröhlichen Beisammensein an, an den noch mäßig vollen Tischen, um dann gegen Abend endlich DIE Band (die da gerade aktuell die heißeste auf der Kirchweih war) zu hören. Zum festen Repertoire JEDER Band dort gehörten zwei Lieder: „Leaving on a Jetplane“ ,  zwischendurch, mitten im Repertoire und – das allerletzte Lied, wenn um 23:00 Uhr Zapfenstreich war: „Lili Marleen“ . Heute, 32 Jahre später, werden beide immer noch gespielt, und „Lili Marleen“ ist sogar die Abschiedshymne für das Fassbegraben am letzten Tag der Bergkirchweih.
Ich habe eine kleine Schwäche für Marlene Dietrich, da ich mir in meiner kargen Studentenzeit mal für wenig Geld eine CD mit einigen ihrer Lieder gekauft hatte und rauf- und runterhörte, ob „Fesche Lola“ oder „Sag mir, wo die Blumen sind“ und eben auch ihre englische Version von „Lili Marleen“.

Woher und wann?

Was hat das Lied so populär gemacht, was sind seine Ursprünge? Schon 1944 hat die BBC eine kurze Quasi-Dokumentation dazu gesendet: „The real story of Lili Marlene“ (sic), mit einer Mischung von Fakten und Propaganda, was im vorletzten Kriegsjahr mehr als verständlich war. Was ist aber die wahre Geschichte?
Das Lied ist so bekannt, so erfolgreich, dass die Details zum Mythos werden, und nicht mehr alle verlässlich wahr.
Die Verse (Lyrics) wurden von Hans Leip geschrieben, 1915, als er kurz vor der Abreise an die russische Front stand. In den 30er Jahren wurde der Song dann von der Kabarett-Sängerin Lale Andersen aufgeführt, sie hatte gleich zwei Versionen der Melodie, und schließlich entschied sie sich für diejenige, die wir heute noch kennen, mit dem soldatisch anmutenden, stark eingängigen Rhythmus.

Namensverwirrung

Lale Andersen ist keine skandinavische Immigrantin (wie in dem BBC-Dokudrama von 1944 noch behauptet wird), sondern ein Pseudonym für die aus Bremenhaven stammende Liese-Lotte Wilke. Sei es, weil das Nordische einen Hauch von Exotik einflößen sollte, sei es, weil man sie mit der Sängerin Zarah Leander verwechselte, hielt sich dieser Mythos etwas. Letztlich haftete der Sängerin auch nach dem Krieg für immer dieses One-Hit-Wonder an, das sie auch noch mit der großen Marlene Dietrich teilen musste. Dass Rainer Werner Fassbinder 1981 mit Hannah Schygulla einen Lili-Marleen-Film produzierte, der auf der Autobiografie von Lale Andersen sehr frei basierte, aber eben die Protagonistin „Willie Bunterberg“ nannte – kann auch zur Verwirrung beigetragen haben.

Radio Belgrad 1941

Doch sowohl die BBC 1944 als auch Fassbinder 1981 halten an einem Detail der Historie fest, das eben legendär ist. Der Song wurde nämlich am 1. August 1939, also genau einen Monat vor dem Überfall Hitlers auf Polen aufgenommen, mit Orchester, mit dem Zapfenstreich, mit dem Männerchor, aber gerade mal mit einer Auflage von 700 Schallplatten. Und eigentlich war der Song somit dem Untergang geweiht. Doch als die Wehrmacht den Balkan besetzte und mit Radio Belgrad einen Soldatensender für unter anderem dem Wüstenkorps unter Rommel aufbauen wollten, war diese eine Schallplatte eben unter denen, die zur Verfügung standen. Und der Song wurde dann immer kurz vor Sendeschluss um 21:57 Uhr abgespielt, das erste Mal am 18. August 1941. Der Song wurde sehr schnell nicht nur zum Hit für die direkten Adressaten in den reichsdeutschen Reihen, sondern traf mit seinen einfachen Versen und seiner perfekten Mischung von Melancholie und Soldatischem, und natürlich der weiblichen Stimme bald auch für alle anderen die es hörten, etwa bei den Allierten, den perfekten Ton.

Rettung durch die BBC

Doch die Nazis fanden heraus, dass die Sängerin Sachen von jüdischen Freunden herausschmuggelte und sie bekam Berufsverbot. Ihr Foto durfte nicht abgedruckt werden, sie durfte nicht mehr auftreten oder neue Lieder aufnehmen, lediglich die populäre Schallplattenversion – die war nur noch schwer zu streichen. Die BBC bemerkte aber dieses Canceln und es heißt, dass sie mit einer bewusst lancierten Falschmeldung, dass Lale Andersen im Konzentrationslager gelandet sei, das Reich zwang, ein Dementi darüber zu veröffentlichen. Und genau dadurch wurde sie vor einer Internierung gerettet.

In der Sahara

Die Popularität des Liedes war am größten in der Sahara, wobei angeblich zur Sendezeit die Waffen schwiegen und man „Lauter, lauter“ aus den alliierten Stellungen nach drüben rief, damit das Radio mit dem Song auch zu ihnen rüberklang. Und diese Beliebtheit soll Marlene Dietrich, die zur Truppenbetreuung vor Ort war, dann mitbekommen haben und sie hat dann die englische Version aufgenommen und aufgeführt.

Nina Haagen

„Lili Marleen“ ist laut Wikipedia das meistübersetzte Lied im 20. Jahrhundert gewesen, und es hat zahlreiche Versionen erlebt, und wie der Spiegel 1981 sagte: „Wann immer, nach 1945, auf der Welt ein Krieg ausbrach, in Indochina, Korea, Israel, Vietnam, stieg die Tantiemen-Kurve des Liedes steil nach oben; Lili marschiert mit.“ Etwa auch die kroatische Band Zr. Gumice 1990 im Krieg auf dem Balkan, mit der Übersetzung „Cekam te“(Ich warte auf dich).
Eine schöne Version ist für mich diese mit Nina Hagen und Nana Mouskouri im französischen Fernsehen im Jahr der Wiedervereinigung 1990. Ausgerechnet eine Griechin, vom Balkan, und eine Punk-Ost-West-Flüchterin.

Patricia Kaas

Allerdings ist eine andere deutsch-französische Grenzgängerin mit dem Song mehr verbunden: Patricia Kaas. In ihrem Song „D’Allemagne“  erwähnt sie zwischendurch „Lili Marleen“. Die Sängerin ist im lothringischen Forbach geboren und hat mit 13 Jahren (!) angefangen, aufzutreten, und unter anderem in der „Rumpelkammer“ in Saarbrücken, wo sie auch mit unserem Titellied Erfolge feierte. Das Lied entstand noch im Kalten Krieg, 1987, das Grenzgängertum zwischen Frankreich und Deutschland, das für sie persönlich so wichtig war, das überträgt sie hier auch auf die Mauer zwischen Ost und West. Das „Wiedersehen“ mit Lili Marleen klingt ein bisschen wie die Vorahnung der Wieder-VEREINIGUNG.

Es war ganz sicher der Zufall, der dem Lied den Weg in den Äther gefunden hat, aber den Platz in den Köpfen und Herzen der Menschen – das hat es mit seiner Ambiguität zwischen Kriegsrealität und Melancholie jenseits von Kriegsparteien und Ideologie schon selbst geschaffen.

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