Erkenne dich selbst … im anderen

Chris Kaiser las schon mal in den sozialen Medien: „Das kann nicht sein, das habe ich noch nie gesehen!“ oder „Ich habe Lebtags so etwas nicht erlebt, so etwas gibt es nicht!“. Ganz lustig fand sie mal: „Was für ein Blödsinn – so ein Buch ist mir noch nicht untergekommen, das gibt es nicht!“

Katze sieht sich gespiegelt
Im Spiegelbild Pixabay - Kadres

Wer kennt in Zeiten der erhitzten Sozialen Medien nicht solche Sprüche wie: „Das kann nicht sein, das habe ich noch nie gesehen!“ oder „Ich habe Lebtags so etwas nicht erlebt, so etwas gibt es nicht!“. Ganz lustig fand ich mal: „Was für ein Blödsinn – so ein Buch ist mir noch nicht untergekommen, das gibt es nicht!“

Die eigene Erfahrungswelt, die Subjektivität des Wahrnehmens und des Erlebens – man neigt einfach dazu, sie für universell zu halten. Bei kleinen Kindern sieht man das, wenn sie sich zum Beispiel „verstecken“, indem sie die Augen zuhalten. Wenn sie selbst nichts mehr sehen, dann wird der andere sie auch nicht sehen, so die Logik dahinter. Freilich habe ich das auch später als größeres Kind als grobe Einschätzung beim Versteckenspielen genommen: Bin ich hinter einem Hindernis und kann den Suchenden nicht sehen, dann bin ich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch außerhalb seiner Sichtweite. Und wenn meine Augen freie Sicht auf etwas haben, dann hat jemand anderes eben auch freie Sicht auf sie. Es gibt also ein Spiel um Erkennen und Erkanntwerden, das in Verbindung zueinandersteht.

Das eigene Gesicht

Doch was ist mit dem eigenen Gesicht? Wie erkennt man das auf Fotos oder im Spiegel? Es gibt Filme Die zwei Leben der Veronika  oder Us, da trifft der Protagonist auf seinen Doppelgänger und staunt oder ist erschrocken. Aber würde das so überhaupt funktionieren? Ich meine – wem hat denn so perfekt gegenwärtig, wie man selbst aussieht, und dann noch in Gestik und Mimik übereinstimmt? Tatsächlich gibt es Studien aus diesem Jahrhundert, die sich mit dem Selbsterkennen des Gesichts beschäftigen und es scheint einiges darauf hinzuweisen, dass man auf Fotos sich selbst schneller erkennt als andere. Woran das liegt, lässt sich aber aus den Daten nicht unbedingt schließen. Plausibel ist entweder, dass man Verwandtschaft durch Ähnlichkeit erkennt oder dass man als moderner Mensch (und nur diesen kann man im Moment gut testen) eine solche Vielzahl an verschiedenen Versionen seiner Selbst in Bildern, Spiegel, Videos etc. hatte UND sich selbst für sehr wichtig erachtet, dass diese Daten einfach am interessantesten sind.

Zwei Meilensteine

In der Entwicklungspsychologie des menschlichen Kindes gibt es zwei Meilensteine, die bemerkenswert sind. Der erste kommt üblicherweise mit dem zweiten Lebensjahr, wenn es sich selbst im Spiegel erkennt. Das hat natürlich nichts mit seinem Aussehen zu tun, sondern vor allem damit, dass das Spiegel-Ich sich synchron bewegt. Die Spiegelbildlichkeit und Synchronizität der Bewegungen und natürlich auch so etwas wie das, dass ich meine Hand sehr wohl direkt UND zugleich im Spiegel sehen kann und dabei vergleichen. Anders als mit dem Gesicht. Und ich schließe wohl als Kind – auch mithilfe inzwischen angesammelten Wissen über die Vollständigkeit einer Person – darauf, dass ich ein Gesicht besitze, wie auch mein Spiegelbild. Diese Selbsterkenntnis im Spiegel beim Kind wird klassisch mit dem „Rouge-Test“ erfasst: Ein Kind sieht im Spiegelbild einen gezeichneten Fleck im Gesicht und greift in sein eigenes Gesicht danach. Zu diesem Zeitpunkt gibt es schon erste Anhaltspunkte, dass dieses Menschlein schon angefangen hat, ein Sinn für das Ich zu entwickeln.

Wo sucht Sally?

Im Alter von 4 Jahren kommt dazu das Bewusstsein, dass die eigene Erfahrung sich von der der anderen unterscheiden kann. Und auch dafür gibt es einen klassischen Test, der heißt aus dem Amerikanischen „Sally-Anne-Test“. Dabei wird dem Kind ein Spiel mit zwei Puppen gezeigt: Sally und Anne. Die Puppe Sally legt eine Murmel im Beisein von Anne in einen Korb und geht anschließend aus dem Raum. Da nimmt Anne die Murmel aus dem Korb heraus und legt sie in eine Schachtel. Sally kommt zurück und sucht jetzt die Murmel. Das zuschauende Kind wird gefragt, wo Sally die Murmel suchen wird. Die Leistung, die das getestete Kind erbringt, ist, zu erkennen, dass Sally nicht wissen kann, was das Kind selbst weiß. Nämlich, dass die Murmel jetzt in der Schachtel ist, während Sally in dem Korb sucht.

Ich und Du

Die Annahme eines Ichs, im Unterschied zum Du der Mutter und den anderen Menschen; das Erkennen des Spiegelbilds als Abbildung des realen Ichs und die enorme Leistung, zu verstehen, dass mein Wissen sich von dem der anderen unterscheidet – das sind die Basis-Werkzeuge zur Selbsterkenntnis.

Wir sind soziale Wesen und brauchen die anderen Menschen, um ein Selbstbild zu entwickeln, dazu reicht der Spiegel einfach nicht aus. Ich muss erkennen, dass die anderen Menschen sind, um mich selbst als einer zu vermuten. Und dann fängt das Elend auch schon an – wie gleich sehe ich mich mit anderen Menschen, und wie unterschiedlich von ihnen?

Emotionen

Ich kann davon ausgehen, dass andere Menschen wie ich Trauer, Freude, Glück, Einsamkeit etc. empfinden können. Und wahrscheinlich die meisten trauern, wenn sie jemanden sehr Nahestehenden an den Tod verloren haben. Doch wie stark die Trauer einen geistig oder gar körperlich beeinträchtigt, kann schon verschieden sein. Ich kann auf meine eigene Trauererfahrung zurückgreifen, um die von anderen zumindest zu vermuten, aber mehr nicht. Und was bei mir Freude oder Glück auslöst, kann bei anderen etwas ganz anderes sein. Und das wiederum kann sich von meinem jetzigen Ich und von meinem früheren Ich und von meinem künftigen Ich unterscheiden. Und so weiter.

Wissen

Und das sind nur die direkten Emotionen, die ein bisschen punktuell daherkommen: Ich fühle DAS oder ich fühle es nicht. Ganz anders jedoch zeigt sich Wissen: Es betrifft einen Strang von Informationen, die sich mäandernd zwischen den Gefühlen und dem Gedächtnis schlängeln und in Teilen wiederholen, in Teilen überschneiden, sich verändern, beißen etc. Das ist mitunter so komplex, dass man schon über das Wissen ÜBER das Wissen diskutieren kann (Sokrates: „Ich bin der weiseste aller Griechen, denn ich weiß, dass ich nichts weiß.“). Ich bin oft nicht mal im Bilde darüber, was ich alles weiß und nicht weiß und Wissen kann neues Wissen erzeugen oder altes auslöschen.

Glauben

Und wenn dann noch der Glaube dazukommt, also das, was einem einen Wertekanon, eine Struktur der Welt vorgibt, sich in eine unsichtbare oder nichtgreifbare Vorstellung flüchtet – dann haben wir ein Konvolut von Ich- und Fremd-Geistigkeiten, von Wissen, Glauben, Fühlen – das bei der Komplexität nur noch individuell sein kann, schon rein statistisch. Selbst Teile von Wissen, selbst ähnlicher Glaube, selbst gleiche Emotionen (wie Trauer) können nicht mehr identisch sein.

Und Kommunikation zwischen uns Menschen lebt von diesen Unterschieden. Nur dadurch ist Kommunikation sinnvoll, denn identische Wesen würden keinen Fluss von Informationen benötigen, es wäre ein stagnierender Sumpf ohne Bewegung, in dem wir alle feststecken. Aber wenn es NUR Unterschied gäbe, dann würde die Kommunikation ebenso sinn- und nutzlos sein, weil wir keine Bits und Bytes aus diesem Fluss gebrauchen könnten, denn alles müsste völlig individuell zugeschnitten sein. Und so wie wir eine gemeinsame Sprache brauchen, die eine stabile Grammatik benutzt, so sollten wir uns auch klar werden, dass es Dialekte gibt und individuelle Idiome und Sprachticks, sowie etwas freiere und etwas strengere Gebräuche der Sprachregeln. Und ebenso die Lebenswelten, die dieselbe Sprache beschreibt, sich unterscheiden können. Und ähneln. Und unterscheiden. Und ähneln… etc.

Und wie sich Lebenswelten und Wissen unterscheiden können, sogar die vermeintlich selbe Sprache, so können sich auch die Wahrnehmung von der Welt und der Wertekanon unterscheiden. Hoffentlich nicht allzusehr, aber im Detail ganz bestimmt.

Lager und Pole

Wenn ich in den letzten Wochen bei meinem Scrollen in den sozialen Medien durch die Achterbahnen der Algorithmen mal ins linke, mal ins rechte politische Lager der Amerikaner geworfen wurde, dann konnte ich den Eindruck gewinnen, verschiedene Welten zu besuchen. Nicht, dass meine eigene Ansicht sich dabei unsicher schwankend zeigte, das nicht. Aber wenn ich meine Empörung einerseits und glückselige Bestätigung andererseits überwinden konnte, dann konnte ich erkennen, wie die unerbittliche Selbstsicherheit des eigenen Lagers kein neues Wissen aus dem anderen Lager mehr zuließ. Und auch wie sehr Wissen und Glauben sich nochmal gegenseitig beeinflussten. In diesen Polen war es nicht mehr möglich, auch nur zu verstehen, dass man anders denken könnte.

Profillos und trivial

Wenn ich mich aber so verstricke in meinem eigenen Wissen, ohne fremdes Wissen mehr zumindest anzuerkennen, dann verliere ich ein gutes Stück an der Fähigkeit, mein Ich zu profilieren. Wenn ich die Grenzen meines Ichs und meiner Gleichen nicht mehr an dem der anderen erkennen kann, wenn ich verleugne, dass es ein Anderes gibt, das ebenso legitim sein kann, grundsätzlich und in vehementer Ingnoranz – dann verliert sich mein eigenes Wissen in der Trivialität des Immergleichen. Und ich verliere auch die Fähigkeit, mein Ich auszuweiten, in Bewegung zu halten.

Ich habe dann alle Bücher gelesen, denn ich werde nicht erfahren WOLLEN, dass es noch andere gibt.

 

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