Familienausflug: Comic-Salon Erlangen

Seit dem Jahr 2000 ist der jedes zweite Jahr stattfindende Comic-Salon Erlangen regelmäßiger Anlaufpunkt für Kolumnistin Chris Kaiser. Immer wieder gibt es schöne Momente und Überraschungen, Highlights und bleibende Erinnerungen.

Wandbild mit Comics
Comic-Salon Erlangen Chris Kaiser (privat)

Meine Kinder sind in Erlangen geboren, wo ich und mein Mann über 20 Jahre gewohnt haben. Meine Familie ist seit langem nicht mehr dort ansässig, aber einen Termin alle zwei Jahre lassen wir uns meistens nicht nehmen, außer es gibt eine weltweite Pandemie (2020). Ein bisschen nerdy, aber das ist es nicht unbedingt, was es ausmacht. Es ist einfach wunderbar, engagierte und talentierte Menschen zu treffen, die ihre Geschichten nicht nur niederschreiben, sondern gleich zeichnen.

Ein bisschen traurig bin ich, dass ich die Jahre vor meinem ersten Besuch auf dem Festival der neunten Kunst verstreichen ließ, ohne meinen lokalen Vorteil zu nutzen. Ich war nämlich immerhin 7 Jahre schon in der Stadt, als ich mich endlich dahin wagte. Und immerhin gab es in dem Jahr der Jahrtausendwende (also im Jahr 2000) die Möglichkeit, mit meinem jetzigen Mann – damals frisch mein Mitbewohner – diesen kulturellen Fixpunkt unseres gemeinsamen Lebens zu installieren. Das Thema damals: Phantastik und dazu eine Sonderausstellung mit den uncanny Zeichnungen des Alien-Designers HR Giger. In der etwas schummerigen Ausstellungshalle des Rathauses, aber mit direkten Spotlights auf die Exponate, saugten mein Mann und ich diese alptraumhaften Welten auf Papier in unser Gedächtnis auf.

Tentakel und Nebenräume

Und in den Gängen der Verkaufsstände kicherten wir wie kleine Kinder, als wir für einen Freund einen Hentai auf DVD kauften, irgendwas mit Mai und Tai und Tentakel-Außerirdischen. Hentai sind nichts anderes als Animes mit pornografischem Inhalt und eine besondere Spezialität der japanischen Perversion sind eben Tentakel, die sich in Öffnungen von Frauen begeben und diese gegen ihren Willen zum Orgasmus bringen. Dann entdeckten wir noch einen kleinen Neben-Ausstellungsraum, in den man nur Erwachsene hineinließ und da sahen wir dann die ganze Bandbreite auf Papier, von Serpieris Druuna über SM-Porno, Orgien-Darstellungen, bis hin zu tantrischem Glücklich-mach-Sex und humorvollen Überzeichnungen.

Und wir suchten auch weitere Locations auf, die in der gerade mal 100.000-Einwohner-Stadt verteilt waren und huschten zum Bespiel während der laufenden Vorstellung des britischen Filmes „Things to Come“ von 1936 hinein und waren derart geflasht, dass wir lange Jahre nach dem Film suchten, bis wir ihn auf amazon bestellten.

Alle zwei Jahre

Zwei Jahre später waren wir wieder auf der Matte, inzwischen nicht nur für einen Tag, sondern mit der Event-Karte, und mit Zeit und Muße, mit Neugierde, mit Enthusiasmus. Und als die Kinder danach auf die Welt kamen, waren sie auch dabei, ob klein, oder nach und nach größer, bis sie selbst danach verlangten.

Im Jahr 2006 wurden in der Stadt überall 2500 Schlumpf-Figuren zum 50. Jubiläum des belgischen Comics verteilt, etwa 20 cm groß und vollständig weiß, zum Selberbemalen und -schmücken. Mein Mann und ich waren schon verzweifelt, dass wir keine fanden, wir wollten unbedingt unserem Kind ein unvergessliches Erlebnis verschaffen und es überraschen. Ich war schon am Aufgeben der Suche, als mein Mann das Kind aus dem Kindergarten abholen wollte und gleich drei Figuren heimbrachte. Es gab nämlich Sonderkontingente für Schulen und Kitas und andere Eltern waren wohl weniger Nerds als wir. Unser Kind durfte mit einem Schlumpf nach Belieben rumklecksen, den zweiten übernahm mein Mann, und den dritten habe ich ehrgeizig mit meinem Bastelzeug beklebt und bemalt. Nein, wir haben nichts gewonnen, zumindest keinen Preis, aber immerhin unbezahlbare Erinnerungen.

Panini-Sammelhefte

Die Panini-Heftchen, die es bis zur Pandemie gab, in die man von allen Locations, Verlagen und Veranstaltungen Sticker reinkleben konnte, waren extrem beliebt bei unserem Nachwuchs, schade, dass sie aufgegeben wurden. So kriegt man sie, und so kriegt man sie jung und willig. Wir rannten durch die halbe Stadt, um alles einzusammeln, teilten uns sogar auf und hatten im besten Jahr 4 Hefte fast vollgekriegt. Wenn wir zwischendurch etwas relaxten, kamen wir mit obskursten Künstlern in der letzten Ecke der Ausstellungsräume ins Reden und bewunderten dieses Völkchen von Idealisten, die mit einer solchen Hingabe eine Menge Arbeit und Engagement hineinsteckten, um Schönes, Verstörendes, Großartiges, Abstruses, Farbiges und Düsteres zu erzeugen und immer etwas dazu erzählen konnten.

Joscha Sauer – Signatur der Extraklasse

Als auf dem Vorplatz zum Rathaus ein paar verkleidete Comicfiguren herumliefen, verliebten sich unsere Kinder in Joscha Sauers „Tod“ aus der „Nicht Lustig“- Reihe und damit waren wir alle Fans und mussten auch seine Signierstunde besuchen. Cartoon- und Comic-Zeichner-Signaturstunden sind eine ganz andere Angelegenheit als die Wald-und-Wiesen-Autoren, die nach deinem Namen fragen und schnell mal zwei Zeilen kritzeln und schon nach „NEXT“ rufen. Joscha Sauer zum Beispiel braucht dafür an die 3-5 Minuten, in denen er sich aus dem Nichts einen ganz neuen Cartoon ausdenkt und ihn dann mit akkuratem Strich zeichnet. Man kann nur in Ehrfurcht versinken!

Überhaupt konnten wir uns darauf verlassen, bei jedem einzelnen Comic-Salon durch Zufall etwas zu entdecken, das uns begeisterte. In einem Jahr stießen wir auf einen Siebenbürgen-Comic, dessen Zeichner und Autor seine eigenen Erlebnisse mit einem freiwilligen sozialen Jahr mit einer Wärme und Liebe in eine bebilderte Geschichte wandelte, dass wir gleich mehrere Exemplare signieren ließen, um weiter zu verschenken.

Chinesischer Comic

Ein anderes Mal kam ich zu einer Signierstunde dazu mit einem wunderschönen, warmherzigen chinesischen Comic – worin die Sehnsucht einer Jugendlichen in China nach Freiheit und Kunst ihren Ausdruck fand. Die Zeichnerin in ihrer ruhigen Art und mit viel Können, schenkte mir auf der ersten Seite im Band ihr Talent und ihren feinen Humor.

Außerdem hängt in unserem Wohnzimmer das Tryptichon eines Design-Studenten aus Österreich, worauf er mit feinem Strich sein Leben in Sichtweite der Berge ausbreitete.

Vor zwei Jahren waren wir endlich nach Corona und einmal Aussetzen wieder dort und fast hätten wir es nicht geschafft. Es war das Wochenende, an dem hier bei uns in Bayern das Hochwasser kam. Es regnete und regnete, alles nass und düster und auf dem Heimweg Umwege, um dem Wasser auszuweichen. Aber in den Zelten und diversen Räumen der Veranstaltung diese Magie der Kunst, ob es das Künstlerinnen-Kollektiv mit Boys Love-Mangas war  oder die österreichischen Superhelden-Comics – ich wusste wieder, warum ich diesen Comic-Salon liebe.

„Der schönste!“

In diesem Jahr, an diesem Wochenende, war es nur ein kleiner Abstecher, ein Hopser nach dort, nach Mittelfranken, für einen halben Tag, und ich war zu sehr beschäftigt mit anderen Dingen, so dass ich nur mit sehr geringer Vorfreude hinfuhr, eher als eine Art Pflichttermin wahrnahm. Aber es war auch diese Sicherheit dabei, dass ich diesen Funken wiederfinden werde. Dieses „Je ne sais quoi“, das einen hineinsaugt. Und ja, absolut richtig! Mein Mann zog mich an der Hand: „Komm, ich zeige dir den schönsten Stand vom diesjährigen Comic-Salon“ und das wars in der Tat! Zwei junge Frauen, vor einer Box in schwarz, beklebt mit Neon-Schrift und Zeichnungen aus ihren Comics, beide in verschiedenem Stil. Wo die eine der beiden mit kantigem Strich, und rötlichem Wüstensand arbeitet,  woraus mein Mann mit der Künstlerin gleich ein „Fachgespräch“ über die „Mad Max“-Reihe entspann, zeigte mir die andere ihren Cyberpunk a la Akira und William Gibson, beide mit strahlendem Lächeln und Überzeugung für ihr Werk. Und wie mit Liebe und ästhetischem Sinn ihre Kunst präsentiert, und stolz auf Nachfrage verkündet wurde: „Ja, das ist mein Vollzeit-Job!“ – das ging durch Mark und Bein, das war wieder das Highlight, das wir inzwischen mit einer Selbstverständlichkeit vom Comic-Salon erwarten. Manchmal braucht es nicht mehr, dass einem das Herz wieder überfließt.

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