Auch für Menschen, die öfter nach Südamerika reisen, ist Paraguay meist nur „Fly-Over-Area“. Nur wenig Touristen reisen dorthin, nur wenige Deutsche könnten das Land auf der Weltkarte finden oder wissen, wie die Hauptstadt heißt. Es brauchte ein Elfmeterschießen im Sechzehntelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft, um Deutschland und den Rest der Welt dazu zu bringen, sich ernsthaft mit Paraguay zu beschäftigen. Das sagt vielleicht mehr über Paraguay aus als jede Statistik.
Der 29. Juni 2026 wird in deutschen Fußball-Annalen als weiterer Tiefpunkt verzeichnet werden: Im Gillette Stadium von Foxborough, Massachusetts, schied die DFB-Elf im Sechzehntelfinale der WM 2026 nach Elfmeterschießen gegen Paraguay aus. Zum dritten Mal in Folge scheiterte Deutschland früh. Bundestrainer Julian Nagelsmann sprach nach dem 4:5-Desaster von einem Gegner mit „einfachen Mitteln“. Einfache Mittel? Als hätte man bei einem K.-o.-Spiel gegen Paraguay nicht von vornherein mit knallhartem Defensivspiel, Provokationen und Schauspieleinlagen der Kategorie Komödienstadel Asunción rechnen müssen.
Paraguay mauerte, foulte als gäbe es kein Morgen mehr, stemmte sich in jeden Ball, stand tief und gewährte der spielerisch überlegenen DFB-Elf kaum Platz. Auf dem Spielfeld stand aber auch ein überforderter Schiedsrichter, dessen Fehlentscheidungen dafür sorgten, dass die ständigen Schmutzeleien der Paraguayos weitgehend folgenlos blieben. Ein gewisser Julio Enciso, von dem man nach der WM wohl nie wieder etwas hören wird, köpfte die Führung aus elf Metern, vollkommen ungestört, Kai Havertz glich aus, doch dann versagten gleich drei deutschen Schützen die Nerven im Elfmeterschießen, während José Canale eiskalt für die Südamerikaner verwandelte. Das Ergebnis: Deutschland draußen, Paraguay im Achtelfinale, und plötzlich fragte sich ganz Deutschland, wer oder was Paraguay eigentlich ist. Gehen wir dem einmal nach.
Das unsichtbare Land
Paraguay ist neben Bolivien der einzige Binnenstaat Südamerikas, etwa so groß wie Deutschland und die Schweiz zusammen, und hat rund sieben Millionen Einwohner. Das ist im Wesentlichen auch schon das, was manche Menschen darüber wissen. Kein Strand, kein Anden-Panorama, kein Machu Picchu, kein Tango, kein berühmter Karneval, kein Hippie-Flair in der Atacama-Wüste. Keiner kommt aus dem Urlaub zurück und schwärmt von Asunción, der Hauptstadt, die von sich selbst behauptet, die älteste auf dem südamerikanischen Festland zu sein – was stimmt, aber touristisch so elektrisierend wirkt wie die Aussage, man habe das älteste Industriegebäude von Castrop-Rauxel oder Cottbus besichtigt.
Das Land liegt gewissermaßen im toten Winkel der Wahrnehmung. Wer Südamerika bereist, fliegt nach Buenos Aires, nach Rio, nach Bogotá oder Lima. Wer Natur sucht, findet sie am Amazonas, in Patagonien, auf den Galápagos-Inseln. Paraguay liegt dazwischen – geografisch, kulturell, touristisch. Der westliche Teil, der Gran Chaco, ist eine trockene, schier endlose Tiefebene, in der im Hochsommer Temperaturen von über 45 Grad herrschen und außer Rindern, Mennoniten und Schmugglerflugzeugen nicht viel verkehrt. Der östliche Teil ist subtropisches Tafel- und Bergland mit Sojafeldern, so weit das Auge reicht. Die berühmteste Sehenswürdigkeit, an der Paraguay überhaupt beteiligt ist, hat es mit Brasilien zusammen gebaut: der Itaipú-Staudamm. Ein Bauwerk, das man pflichtschuldig fotografiert und über das man danach schweigt.
Korruption als Staatsprinzip
Was Paraguay fehlt an touristischem Charme, macht es mit Korruption und Kriminalität wett. Im Corruption Perceptions Index von Transparency International belegt das Land Platz 149 von 180 – tief im roten Bereich, mit einem Indexwert von 24 von 100 möglichen Punkten. Den Grundstein dafür legte der deutschstämmige Diktator Alfredo Stroessner, der sich 1954 an die Macht putschte und über drei Jahrzehnte lang regierte, indem er Minister, Generäle und die Colorado-Partei mit Landbesitz und Schmuggelrouten bei Laune hielt. Die Colorado-Partei regiert Paraguay, mit einer kurzen Unterbrechung, bis heute. Das erklärt manches.
Stroessners schwieriges Erbe ist strukturell tief im Land verankert. Sein späterer Parteigenosse Horacio Cartes wurde 2013 zum Präsidenten gewählt – obwohl ihm die US-amerikanische Drogenbehörde DEA nachweislich Verbindungen zur Geldwäsche vorwarf, wie aus bei Wikileaks veröffentlichten Geheimdienstberichten hervorgeht. Das US-Finanzministerium sanktionierte Cartes 2023 wegen mutmaßlicher Verbindungen zu transnationalen kriminellen Organisationen. In Paraguay blieb er Ehrenpräsident der Colorado-Partei. Zwischen 2013 und 2022 wurden 39 paraguayische Politiker wegen Verbindungen zum Drogenhandel und Geldwäsche angeklagt – Senatoren, Bürgermeister, Gefängnisdirektoren. Die Justiz ist notorisch unzuverlässig, das Sicherheitsgefüge löchrig, und die Verflechtung von Politik, Großgrundbesitz und organisiertem Verbrechen ist nicht Ausnahme, sondern Geschäftsmodell.
Die Kokainsuperautobahn
Paraguay ist außerdem der größte Marihuana-Produzent Südamerikas und war jahrelang einer der wichtigsten Umschlagplätze für Kokain. Die Grenzregion Ciudad del Este – das Dreiländereck zwischen Paraguay, Brasilien und Argentinien – gilt als labyrinthisches Paradies für Produktpiraten, Waffenschmuggler und Drogenhändler. Cineasten ist Ciudad del Este vielleicht aus dem Miami Vice-Remake von 2006 bekannt. Dorthin verschlägt es die Drogenfahnder aus Florida in dem Action-Thriller. Die Stadt wird dabei als Gomorrha des Drogenhandels und der Gesetzlosigkeit sowie als hyperaktiver Marktplatz für illegale Geschäfte aller Art präsentiert.
Regisseur Michael Mann zeichnete damit kein völlig falsches Bild. Bis zu 66.000 Kilo Kokain, die in europäischen Häfen sichergestellt wurden, hatten nachweislich ihren Ursprung in Paraguay. Die Washington Post bezeichnete die Wasserstraße Paraguay-Paraná Ende 2025 als „Superautobahn des Kokains“. Das brasilianische Verbrechersyndika PCC investiert massiv in paraguayische Immobilien, Tankstellen und Hotels – zur Geldwäsche, versteht sich.
Im Chaco, der kargen Wildnis im Westen, landen gestohlene Kleinflugzeuge – „Cabritos“ genannt – auf privaten Haciendas, deren Besitzer offiziell Viehzucht betreiben. Allein 2025 wurden in Argentinien sieben solcher Maschinen mit Drogenladungen aus Paraguay sichergestellt. Senator Erico Galeano steht wegen Geldwäsche und krimineller Vereinigung vor Gericht; die Staatsanwaltschaft forderte 17 Jahre Haft. Im Februar 2026 wurde der ehemalige Chef der Zivilluftfahrtbehörde, Félix Kanazawa, mit durchgeschnittener Kehle in seinem Auto aufgefunden – er hatte mit der Staatsanwaltschaft kooperiert.
Der Fairness halber sei vermerkt: Die paraguayische Regierung hat zuletzt tatsächlich Fortschritte erzielt. Die Operation „A Ultranza PY“ – die größte Anti-Drogen-Operation in der Geschichte des Landes – führte zur Beschlagnahmung von über 250 Millionen Dollar. Die Kokainbeschlagnahmungen auf paraguayischem Territorium sanken 2025 um 82,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die USA loben die engere Zusammenarbeit mit der DEA. Es bleibt zu hoffen, dass diese Bemühungen nachhaltig sind.
Was bleibt
Paraguay wird nach dem Achtelfinale – wo die Franzosen um Superstar Kylian Mbappé den Guaraníîs zeigten, dass man sie anders als die unerfahreneren Deutschen mit schmutzigen Spielchen allein nicht bezwingen kann – wieder in den medialen Dornröschenschlaf sinken. In Deutschland musste derweil der oft arrogant und überfordert wirkende Bundestrainer Julian Nagelsmann seinen Hut nehmen. Was wohl nicht passiert wäre, wenn die DFB-Elf mit Ach und Krach gegen einen fanatisch kämpfenden, aber sportlich arg limitierten Gegner Paraguay gewonnen hätte und erst danach gegen den großen Turnierfavoriten Frankreich ausgeschieden wäre. Insofern muss Fußball-Deutschland den lustigen Holzhackerbuam vom Rio Paraguay auch ein wenig dankbar sein. Und man fragt sich hierzulande, ob es nicht besser gewesen wäre, Jürgen Klopp schon früher als Bundestrainer zu installieren. Dabei wäre das die interessantere Frage: Wie kann ein Land, das kaum ein Reisender aufsucht, kaum eine Zeitung erwähnt und kaum ein Atlas ausreichend illustriert, dennoch eine Schwerkraft entfalten – für Schmuggel, für Korruption, für einen bestimmten Typus politischer und sportlicher Unverfrorenheit, der im Herzen Südamerikas seinen eigentümlichen Nährboden findet.
Fußnoten und Quellen
- FIFA WM 2026 Spielbericht Deutschland–Paraguay, 29.06.2026.
- Statistische Einordnung des deutschen WM-Abschneidens nach internationalen Medienberichten.
- Spielbericht und Kaderdaten der FIFA zur WM 2026.
- Weltbank und CIA World Factbook: Paraguay.
- Transparency International, Corruption Perceptions Index 2024.
- U.S. Department of the Treasury, Sanktionen gegen Horacio Cartes, 2023.
- UNODC und regionale Sicherheitsberichte zum Drogenhandel in Südamerika.
- Berichterstattung zur Wasserstraße Paraguay–Paraná, u.a. Washington Post, 2025.
- Angaben der paraguayischen Behörden zur Operation ‚A Ultranza PY‘.
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