Gott erklärt?

Atheismus ist nicht im Gleichgewicht mit Gottesglaube

Auf arte läuft eine Serie in welcher es dokumentarisch und in Episoden um Suche nach dem Glück geht. Eine Folge ist über das Glück im Glauben und mein Kolumnisten-Kollege Jörg Phil Friedrich hat darin einen Auftritt. So stolperte ich über dieses Thema und es inspirierte mich, aber weckte auch Widerspruch.

Glaube und Religion
Religion und Gott hat viele Ausdrucksformen zefe - pixabay

Auf arte läuft eine Serie in welcher es dokumentarisch und in Episoden um Suche nach dem Glück geht. Eine Folge ist über das Glück im Glauben und mein Kolumnisten-Kollege Jörg Phil Friedrich hat darin einen Auftritt . So stolperte ich über dieses Thema und es inspirierte mich, aber weckte auch Widerspruch.

Darin fällt der Satz: „Die Gottesthese ist nicht weniger plausibel als die atheistische These“.

Ich bin Atheistin, was ich mit Stolz verkünde, denn ich habe mir diesen Status erkämpft und erarbeitet. Man kommt ja zwar auch als Atheist auf die Welt und kann somit erst später gläubig werden, etwa durch die Frühsozialisierung und das bewusste oder unbewusste Weltbild, das einen am Anfang prägt, und diese waren bei mir dann dennoch (sehr früh) christlich. Protestantisch-Lutherisch, mit Bibelwort und Gottesdienst, Tradition und häusliche Frömmigkeit. Wenn man Biografien von „Inzwischen atheistisch“-Menschen liest, ist das mitunter eine Erzählung von Befreiung von Zwang und Unterdrückung, von Indoktrination, die man hinter sich lässt. Das ist es bei mir nicht. Beide Phasen meines Schwingens in der Welt waren von Freiheit, von positiven Gedanken, von Inspiration und „Wahrheit“ beseelt und auch in Respekt vor dem jeweils anderen als Grundeinstellung. Es gab eine etwas turbulentere und unklare Zeit des Übergangs dazwischen, aber dennoch recht unspektakulär und ohne Ressentiments.

Versöhnung von zwei Zuständen

Am liebsten wäre mir eine Versöhnung zwischen beiden Zuständen, auch zwischen Menschen, die sich in jeweils einem davon heimisch und geborgen fühlen, oder als Wahrheit und richtig empfinden. Doch was ich nicht mag und wovon ich nichts halte, ist zu sagen: Man weiß es nicht wirklich, es könnte doch durchaus einen Gott geben. Eine solche Einstellung begreife ich nicht. Die allzu spezifische Vorstellung eines Gottes, die ist doch nicht Nachbarvorstellung zum „nichts“ des Atheismus, so ein bisschen als Übergang.

Kippbild (A-)Theismus?

Es gibt diese Kipp-Bilder, bei denen man sich einlassen muss, das Bild als Ente oder als Hase, als alte Frau oder als junge, etc. u sehen. Und dieses Kippen hat zur Folge, dass das jeweils andere vollständig verschwindet, man muss sich zum Zurückkippen anstrengen, zurückarbeiten. Vielleicht so? Man ist Atheist, also fällt es genau deswegen schwer, sich einen Gott vorzustellen? Und als gläubiger Mensch – wie kann man sich eine derart gottentleerte Welt ohne Gottes Regeln und Durchdrungenheit vorstellen?

Ich akzeptiere den Vorbehalt, dass ich im Moment eben im Kippzustand des „Atheismus“ stehen könnte und DESWEGEN die göttliche Existenz nicht erkennen kann – natürlich. Ich muss mir misstrauen, und schauen, ob ich mit anderen Voraussetzungen eine andere Position einnehmen würde. Und ich bin auch ungern im Chor derjenigen, die sich selbstsicher und laut anti-theistisch aufführen. Ob es die „Theodizee“ ist oder die Lächerlichkeit von religiösen Praktiken, die naive und hoffnungslos verstaubte Formelhaftigkeit von Denken und Sprechen, und was auch immer inzwischen gewohnheitsmäßig in bestimmten freigeistigen Kreisen als Argument gegen Glauben angeführt wird – not my cup of tea. Kultur und Traditionen sind – im Guten und Schlechten – Teil des menschlichen Daseins, von außen grundsätzlich mit Befremden angeschaut. Und das eben auch bei religiösen Praktiken – ob die richtige Handgeste, die Abfolge von zeremoniellen Abläufen, die Heiligkeit von Dingen, die bis ins Absurde gehen können – natürlich kann ich das lächerlich finden. Aber dann vergesse ich, dass ich entweder meine eigenen lächerlichen Rituale pflege oder dass mir der soziale Kitt fehlt und ich gerne diese Lächerlichkeit in Kauf nehmen möchte, um teilnehmen zu können. Und die Theodizee, die vorausgesetzte Gerechtigkeit eines allmächtigen und allguten Gottes, wird zwangsläufig durch die grausame Realität ständig in Frage gestellt – aber ist das dann nicht das Problem der Voraussetzung dieses Gottes? Ein ständig interventionistischer Gott, der allen recht machen soll? Von dem Moment an, in dem ich das nicht von mehr Gott verlange, fällt das Problem von selber weg. Und somit auch dieses Argument gegen seine Existenz.

Wer ist Gott und wenn ja, wie viele?

Und da sind wir mittendrin im Problem: Welcher Gott soll es denn sein, der als genaues Gegenüber zur singulären Position des Atheisten in diesem Kippbild stehen soll? Wenn ein kleiner Faktor, wie der Verzicht auf die Vorstellung vom interventionistischen UND allmächtigen und allguten Gott schon zu einer Variante mit völlig anderen Voraussetzungen führt – dann ist womöglich ein Kontinuum vorliegend, bei dem „Gott“ unendliche Möglichkeiten einnehmen kann, und „Atheismus“ nur ein Endpunkt davon. Auch das wird im kruden anti-theistischen Zynismus formuliert: „Wir sind alle Atheisten bezüglich der meisten Götter, an die Gesellschaften jemals geglaubt haben. Einige von uns gehen nur einen Gott weiter“ (Richard Dawkins)

Clever und witzig, und irgendwie auch richtig. Aber nicht mein Punkt. Mein Punkt wird es erst in der Kritik an der abendländischen Vorstellung vom monotheistischen Gott als den Default-Gott. Genau genommen ist aber die Vorstellung über „Gott“ so variabel wie es Menschen auf der Welt gibt. Mindestens. Wir können uns auf sprachlicher Ebene austauschen, welche Eigenschaften und Fähigkeiten unser Gott hat, wenn man derselben Religion angehört, aber letztlich ist das, was einen Gott „göttlich“ macht, das Superlativ, das Übermenschliche, das, was ihn überlegen macht. Und das absolute Superlativ wird dem monotheistischen Gott zugeschrieben, aber damit schwindet er aus unserem Blick und wird unbeschreiblich. Womöglich nur noch zum Prinzip? Zu einem Abstraktum? Zu dem All! Das sind aber sehr unterschiedliche Superlative, und somit nicht unbedingt auf einer Dimension angeordnet, an deren einem Ende der Atheismus und am anderen der Glaube an den Superlativ-Gott steht.

Lineares und nicht-lineares Kontinuum

Und im linearen Kontinuum des personalen Gottes mit fassbaren, aber übermenschlichen Eigenschaften bis hin zum superlativen personalen Gott sind einige Religionen angeordnet. Polytheisten oder Animisten, Volksaberglaube, sogar das Christentum selbst mit seiner Dreifaltigkeit ordnen sich gestreut auf dieser Linie ein.

Der Atheist bewegt sich auf dem linearen Kontinuum zum Glauben an den monotheistischen Gott dem anderen Ende zu. Aber womöglich glaubt er an das Prinzip, das Abstraktum, an das All! Vielleicht glaubt er auch an sehr überlegene Wesen, an mächtige Aliens, die vielleicht die uns zugänglichen Naturgesetze brechen können.

Nein, es gibt doch kein Kippbild, in welchem man entweder an diesen einen Gott glaubt, oder Atheist ist. Und jeweils das andere in dem Moment nicht für wahr halten kann. Als Irrglaube und Irrlehre sieht. Es gibt keine Symmetrie, in welcher ich in meinen zwei Phasen meiner Weltanschauung „die Seiten gewechselt“ habe und jetzt das Andere eben nicht mehr „sehen“ kann, obwohl es genauso noch da ist. Oder gar eine Chance hat zur Wiederkunft in meinem Leben.

Gottes- und andere Prinzipien

Die Relativität, das Prinzipielle, das allzu Gewollte und Kalkulierte. Das Gesponnene in einer Logik, die man sich selbst stellt – das sehe ich in der Vorstellung von einem Gott oder einem „Prinzip“, das gottähnlich ist. Ich kann mir das Universum als eine Ausformung einer mathematischen Versuchsbank vorstellen, vielleicht kann man darin ein „Prinzip“ sehen, aber wieso sollte ich das in derselben Kategorie wie dem Glauben an einen Gott betrachten? Der konkrete Lobpreisung und eine Religion verlangt? Wenn es diesen Superlativ-Gott gäbe, der so superlativ ist, dass er nur noch Prinzip und Abstraktum ist, dann ist das ganze soziale und archaische Brimborium, das Menschen darum veranstalten, von einer erschreckenden Lächerlichkeit.

Spiritualität – wolkiger Begriff

In der Sendung auf arte fällt das Stichwort „Spiritualität“ und erst als ich das zum wiederholten Male hörte, fiel mir auf, dass ich nicht wirklich verstehe, was das bedeuten soll. Der Begriff bringt eine Nichtfassbarkeit mit sich, als wolle er wolkenartig alles ausfüllen, was nicht konkrete Religion ist, ob Prinzip oder All, Verbundenheit zwischen Welt und Sein, oder eigentlich lediglich das, was man „fühlt“, ohne eine Empfindung zu haben. Wenn Gedanken sich von Logik befreien und frei schweben. Ich will gar nicht abstreiten, dass ich selbst „Spiritualität“ besitze, oder behaupten, ich sei als Atheist mathematisch genau und nur im Konkreten lebend. Ich denke nur nicht, dass wir uns mit diesem Begriff einen Gefallen tun. Religion und Glaube können negative Auswirkungen haben, Fanatiker sind ins Toxische abgleitende Religiöse. Somit hat Religion eine realistische, eine komplexe Begrifflichkeit. Atheismus ist beschränkt in seiner Definition in der Abwesenheit von der Vorstellung eines Gottes. Aber Spiritualität? Es wird nur von denjenigen benutzt, die sich damit als beseelt und abgehoben, jenseitig, besonders kennzeichnen wollen. Es gibt keine „Grenze“ zu diesem Begriff. Man fürchtet sich vor „Esoterik“, aber ist offen zur „Spiritualität“. Man ist nicht gläubig, aber ist spirituell …

Mut zum Glauben, Mut zum Nichtglauben

Glaube versetzt Berge. Man fühlt sich in einer Religion nicht alleine, dafür in einer Lebens- und Vorstellungsstruktur. Und selbst wenn man an Gott glaubt, sollte man ehrlich zugeben, dass Gott eine hervorragende Projektionsfläche für kulturelle und individuelle Imagination bietet. Auf der anderen Seite macht Atheismus einsamer als Religion. Wer ist mutiger, ein Atheist oder einer, der glaubt? Der Gläubige wagt den Schritt, sich selbst in etwas Größerem aufzugeben; der Atheist fasst die Leere des Jenseits ins Auge. Aber beides erfordert eine Art von Mut.

Wir Menschen brauchen mehr als nur das Gegebene, die Realität –  wir haben Kultur, wir haben einen Erfindungsgeist, der sich über das Bekannte und Konkrete erhebt, bis hin zum Abstraktum und zum Phantastischen und Unmöglichen. Wir können sogar etwas derart Schwammiges wie „Spiritualität“ besprechen, ohne dass wir im Einzelnen sicher wissen, was damit gemeint ist. Wir können in verschiedenen Kulturen und Sprachen ganz Gegensätzliches als Lebenswirklichkeit annehmen. „Wahrheit“ selbst kann sich in unterschiedlichen Ebenen anders zeigen, mal als der Stein, der uns schmerzhaft auf den Fuß fällt, mal eine abstrakte physikalische Formel, mal als Datensammlung in Zahlen und Tabellen usw.

Physikalische Formel der Gottesvorstellung

Die physikalische Formel ist genauso wenig Realität wie die Gottesvorstellung, aber beide haben eine Essenz des menschlichen Seins in eine Formel gefasst, die man mit einem bestimmten Code wieder entschlüsseln und ins eigene Leben tragen kann. Für einen Gläubigen wird Gott beim Entschlüsseln unter Umständen konkret. Doch selbst für einen Gläubigen sollte klar sein, dass diese Vorstellung vom Gott nicht dasselbe wie der Gott sein kann, über den er redet. Wie die physikalische Formel eine abstrahierte Funktionalität eines Realitätsausschnitts beschreibt, aber nicht einmal der Ausschnitt der Realität selbst ist, geschweige denn einen Ewigkeitscharakter hat, der für immer und alle Zeiten gilt. Und dennoch können sich alle Wissenschaftler auf der Erde darauf einigen und diese beschriebene Funktionalität bestätigen. Im Gegensatz zur Gottesvorstellung, die je nach Kultur eben anders ist. Womöglich fundamental anders. Und ein Atheist ist der Beweis, dass die physikalische Formel für ihn Gültigkeit hat, auch wenn er nicht daran glaubt. Die Gottesvorstellung jedoch nicht.

Wissenschaft erklärt (nicht alles)

Man sagt: Man kann nicht alles durch Wissenschaft erklären. Gut, ja, aber kann man es mit Gott? Mit Religion? Mit Spiritualität? Wenn man das behauptete, wäre ich skeptisch. Die Wissenschaft wagt sich nicht in die Spekulation, etwas zu erklären, wofür sie sich nicht nach selbstgestellten und offengelegten Regeln darum bemüht hat. Was genau „erklärt“ etwas außerhalb der Wissenschaft etwas? Mit Begriffen wie „Spiritualität“? Oder ohne Anspruch auf transparente und geregelte Vorgehensweise? Das ist doch keine Qualität! Kunst, Religion, Spekulation, Gefühl – das öffnet ganz sicher Wege, die einer restriktiven Herangehensweise wie in der Wissenschaft verwehrt sind, aber „erklären“ in dem Sinne?

Inspiration, Motivation, Bedeutung, Glückseligkeit, Trost – das Erzeugen dieser Momente ist nicht das Ziel der Wissenschaft – auch wenn sie es trotzdem kann. Religion und Glaube sind dafür geeigneter. Kunst und Kultur sind dafür geeigneter. Andere Menschen sind dafür geeigneter. Aber „erklären“? Nein. Genau dafür ist die Wissenschaft am besten da.

Religion und Gott sind nicht an sich „falsch“, so wie Kunst und Literatur nicht „falsch“ ist. Sie bilden insgesamt Kultur und soziales Miteinander der Menschen. Aber Vorsicht, Krieg ist auch Teil der Kultur und des sozialen Miteinanders der Menschen. Und Religion kann vernichtend sein. Weil sie existenzielle Macht annehmen kann. Und wie ein amerikanischer Philosoph schon sagte: Mit großer Macht kommt große Verantwortung. Und Religion kann auch einem erfundenen Gott diese große Macht, fast Allmacht, verleihen.

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