Schweigen müssen ist Strafe

Strafe bemisst sich nicht in Zahlen. Wenn Beate Zschäpe in der kommenden Woche aussagt, sinkt ihre Strafe, auch wenn sie dadurch länger im Gefängnis bleibt.


Erneut steht der Tag, an dem Beate Zschäpe im NSU-Prozess aussagen will, kurz bevor. Schon lange wird über die Frage diskutiert, ob die Hauptangeklagte reden will, was das für Auswirkungen hat und ob sie nicht lieber schweigen sollte. Ihr anfangs recht gutes Verhältnis zu den drei Pflichtverteidigern hat sich wohl nicht zuletzt deshalb dramatisch verschlechtert, weil die Anwälte ihre Mandantin davon abhalten wollten, zu reden.

Eine einfache Rechnung

Für die Juristen ist die Sache klar: Das Risiko, dass die Angeklagte ihre Situation mit einer Aussage nur schlimmer macht, ist so hoch, dass sie lieber schweigen sollte. Sie könnte Dinge sagen, die sie selbst belasten. Sie könnte sich in Widersprüche verwickeln, vielleicht nicht mal, weil sie lügt, sondern weil sie sich falsch erinnert, weil sie Zeiten und Orte durcheinanderbringt, nicht zuletzt, weil ihre eigenen Erinnerungen durch das, was bisher im Prozess gesagt und behauptet wurde, trügerisch geworden sein könnten. Also sollte Zschäpe, im eigenen Interesse, lieber schweigen.

Dabei gehen die Anwälte, und mit ihnen die meisten Medien und Kommentatoren, ja, der große Teil der Öffentlichkeit von einer einfachen Rechnung aus: Die Strafe, die Zschäpe letztlich zu verbüßen hat, wird in Jahren gemessen. Die Zahl der Jahre, die die Angeklagte eingesperrt hinter Gittern verbringen muss, ist sozusagen das direkte Maß für die Strafe, die sie verbüßen muss.

Strafe und Strafmaß

Vielleicht haben wir als moderne Gesellschaft auch gar keine andere Möglichkeit, als die Strafe für ein Verbrechen auf ein Maß zu bringen, das man eben in Zahlen angeben kann. Wie sollten wir sonst beurteilen oder sogar einen Konsens darüber herstellen, welche Strafe für welche Untat angemessen ist? Durch das Strafmaß können wir vergleichen, wir können darüber diskutieren, ob es etwa böser ist, als Spitzensportler Dopingmittel zu nehmen oder als Führungskraft etwas zu unterschlagen, für beides sieht das Strafgesetzbuch ungefähr die gleiche Bestrafung vor.

Aber wir wissen aus dem alltäglichen Sprachgebrauch auch, dass die Strafe, die einen Täter wirklich trifft, nicht mit der Zahl der Jahre im Gefängnis oder der Geldsumme, die er zu zahlen hat, identisch ist. „Die ist schon genug gestraft…“ oder „Das ist keine wirkliche Strafe für den…“ sind so typische Formulierungen, mit denen wir zugeben, dass Strafe sich nicht in Zahlen messen lässt.

Die Strafe trifft

Denn eine wirkliche Strafe trifft den Täter, und die gleiche Bestrafung trifft verschiedene Menschen ganz unterschiedlich. Es kann sein, dass es dem einen völlig egal ist, dass er Jahre im Gefängnis verbringt, während ein anderer dort zugrunde geht und ein Dritter schon etwa durch die Begegnung mit dem Opfer der Tat und mit der Erkenntnis, dass das Opfer ihm nicht vergeben kann, unendlich gestraft ist.

So kann es auch eine Strafe sein, schweigen zu müssen, sich nicht äußern zu sollen in einem Strafprozess, weder zur eigenen Entlastung, noch, um Schuld eingestehen zu können. Wir wissen noch nicht, was Zschäpe in der nächsten Woche aussagen will, und ganz bewusst erscheint dieser Text, bevor wir das erfahren und darüber reden können. Denn für meine Überlegung hier ist der konkrete Fall nur der Anlass, nicht der Gegenstand.

Schweigen zu müssen, das kann sich für einen Menschen zu einer unerträglichen Belastung entwickeln – so groß, dass es jede mögliche Dauer einer Gefängnisstrafe übersteigt. Deshalb lässt sich von außen gar nicht sagen, ob es für eine konkrete Person auf der Anklagebank richtig oder falsch ist, auszusagen. Wir sind unfähig, eine Strafe ohne Zuhilfenahme einer Maß-Zahl zu beurteilen. Das heißt aber nicht, dass in den Zahlen irgendeine objektive Wahrheit über die Höhe einer Strafe steckt. Für Zschäpe mag es richtig sein, jetzt eine Aussage zu machen, auch wenn sich dadurch ihr Aufenthalt im Gefängnis verlängert. Ob man es ihr gönnt oder nicht – dadurch, dass sie redet, sinkt ihre Strafe wohl in jedem Fall wieder auf ein Maß, das für sie erträglich ist.

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Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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