Keine Angst vor Smartphone-Sucht

Ein Wissenschaftler erforscht unseren Umgang mit dem Smartphone – und eine Panik bricht aus. Aber wir müssen uns nicht vor der Smartphone-Sucht sorgen, sondern vor der Wissenschafts-Hörigkeit der Medien.

Rauchen oder Chatten - was ist gefährlicher? Foto: Jake Stimpson, Lizenz CC BY 2.0

Das Abendland wird untergehen, wenn wir nicht endlich unsere Smartphone-Nutzung einschränken! Zu dieser Einschätzung kann man kommen, wenn man manchen Berufsmahnern in den Medien Glauben schenkt. Vor allem die jungen Leute starren ja nur noch auf ihre Mobiltelefone und nehmen ihre Umwelt gar nicht mehr wahr. Sie reden nicht mehr miteinander, sondern surfen nur noch im Internet. Wo soll das nur hinführen?
So reden nicht nur die ganz alten Leute oder offensichtliche Technik-Muffel, sondern inzwischen auch Wissenschaftler. Und wenn die uns schon warnen, dann muss es doch wirklich schlimm sein, oder?

Ein Forschungsprogramm

Schauen wir uns einmal ein aktuelles Forschungsprogramm zu diesem Thema an. An der Universität in Bonn kam Alexander Markowetz auf eine tolle Idee, um unser Nutzungsverhalten bezüglich der Smartphones zu erforschen. Man stellte eine App zum Herunterladen bereit, die alle Nutzungs-Aktivitäten am Gerät aufzeichnet und an einen Server sendet. Diese Daten haben Markowetz und seine Kollege dann ausgewertet und sind zu erschreckenden Ergebnissen gekommen: Drei Stunden am Tag nutzen wir unser Smartphone inzwischen! Das ist nur eine von vielen alarmistischen Behauptungen, die als Forschungsresultate inzwischen die Medien erreicht haben.

Nun ist der Ansatz der Datenerhebung zunächst mal, nun ja, überraschend. Man stelle sich vor, man stellt sich etwa an einen Zigarettenautomaten und bittet jeden, der da Zigaretten zieht, mal seinen Tabakkonsum zu protokollieren. Kann man daraus ableiten, ob die Gesellschaft dem Tabak verfallen ist oder nicht? Wohl kaum.

So ähnlich ist es auch hier. Als Probanden kommen zunächst mal nur Smartphone-Besitzer in Frage. Aber nicht nur das: Sie müssen auch von der Möglichkeit, diese Protokoll-App herunterzuladen, gehört haben. Sie müssen dazu bereit und in der Lage sein, die App herunterzuladen und zu installieren. Sie müssen eine gewisse Vertrautheit mit dem haben, was die App macht, damit sie nicht aus Misstrauen davon absehen, sich diese App zu laden. Und sie müssen ein gewisses Interesse an den Ergebnissen haben.

Ein ganz gewöhnlicher Smartphone-Nutzer, der vielleicht telefoniert, SMS schreibt, hin und wieder gar nach dem Wetter schaut, wird das alles nicht tun. Und jemand, der gar kein Smartphone besitzt, natürlich schon gar nicht.

Nichtssagende Ergebnisse

Die Ergebnisse sagen also über das allgemeine Smartphone-Benutzungsverhalten in der Bevölkerung gar nichts. Sie sagen nur: Leute, die Smartphone-Apps nutzen, nutzen Smartphone-Apps.

Die Studie, die die Wissenschaftler um Markowetz veröffentlicht haben, ist voll von solchen tiefschürfenden Erkenntnissen. Etwa: Extrovertierte Menschen nutzen WhatsApp mehr als introvertierte Menschen. Das klingt im wissenschaftlichen Englisch natürlich viel gewichtiger:

From a perspective of a personality psychologist, we observed that Extraversion is of high importance in understanding WhatsApp usage. In keeping with earlier smartphone studies on Extraversion and call behaviour (e.g. [16], [20]), extraverts also use WhatsApp for longer durations compared with introverts. This was hypothesized, because extraverts usually reach out more often to their social networks than introverted individuals.

Sollen wir sie spielen lassen?

Natürlich könnte man sagen: Lass sie doch spielen, die Wissenschaftler an den Unis. Schließlich sollen die Studenten lernen, wie man Apps baut, außerdem haben sie ein bisschen statistische Methoden angewendet und ein sauberes Paper draus gemacht, das zur Veröffentlichung kam.

Aber die Geschichte ist damit ja leider noch nicht vorbei. Denn mit ihren bahnbrechenden und zugleich so erschreckenden Erkenntnissen haben unsere tapferen Forscher sich an die Öffentlichkeit gewandt – schließlich will man sich mit aller Macht dagegen wenden, dass wir in Digitaler Demenz versinken. Schon vor einem Jahr erschien der erste Zeitungsbericht, und in den letzten Monaten kam Markowetz in fast allen seriösen Medien zu Wort.

Dort fand man natürlich nichts über den fragwürdigen Forschungsansatz und die dürren Resultate. Stattdessen lesen wir da Warnungen vor der Smartphone-Sucht und kluge Hinweise, wie man sich vor ihr schützen kann. Wissenschaftler haben was festgestellt, etwas sehr schlimmes noch dazu, etwas, was uns alle betrifft und wovor man warnen, warnen, warnen muss. Wer wird da kritisch nachfragen.

Ein Buch hat er geschrieben

Fragen kann man natürlich, warum ein junger Juniorprofessor (in den Medien wird der Junior natürlich weggekürzt, damit wir nicht auf falsche Gedanken kommen) so plötzlich allen Medien Rede und Antwort steht. Ein Buch hat er geschrieben, der tapfere Kämpfer gegen die Smartphone-Sucht! Ein „digitaler Burnout“ drohe uns nämlich. Jawohl.

Jetzt mal ganz ehrlich: Natürlich nutze ich (obwohl ich schon 50 bin) mein Smartphone mehrere Stunden am Tag. Das liegt daran, dass ich damit so vieles machen kann, wofür ich zuvor ganz verschiedene Dinge brauchte: Briefe schreiben, mich verabreden, Zeitung und Bücher lesen, spielen, Musik hören, nach der Uhrzeit sehen, Rechtschreibung und Wortbedeutungen und Übersetzungen nachschlagen. Dann kommt dazu, dass ich mit dem Smartphone auch in Situationen etwas Sinnvolles machen kann, in denen ich früher einfach rumstand oder herumsaß und wartete. Das ist für mich wahrlich kein Grund zum Weinen.

Soll Markowetz sich über seine mediale Präsenz freuen, bestimmt schafft er es auch noch zu Anne Will. Soll er reich werden mit seinem Buch. Ich bin sicher: Die alarmistische Allianz aus Wissenschaftlern und Medien wird uns genauso erhalten bleiben wie die Techniker und Unternehmer, die uns immer mal wieder mit einem neuen Stück Technik eine Freude machen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über das Wesen der Religionen.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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