Was ist das Böse?

Ist es das Böse, das uns im Terror begegnet? Und wie soll man mit ihm umgehen? Genügt es, „gut“ zu sein?

Hieronymus Bosch: Auschnitt aus dem Weltuntergangstriptychon. gemeinfrei

Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 taucht immer wieder „das Böse“ als Erklärungsmuster für Terroranschläge auf, zumindest, wenn sie in der westlichen Welt verübt werden. Auch nach den Anschlägen von Paris am Freitag meldeten sich Stimmen zu Wort, die vom Bösen sprachen, das nun einmal in der Welt sei und dessen Existenz und Wirksamkeit wir nicht verleugnen können. Unter dem Motto Das Gute ist stärker als das Böse riefen die Europäischen Staats- und Regierungschefs zu einer Schweigeminute auf.

Aber was ist das Böse? Und ist es geeignet, um als Erklärungsansatz für Terror zu dienen, vielleicht sogar, um eine Idee zum praktischen Umgang mit den Gefahren des Terrorismus zu finden?

Das Böse als politischer Kampfbegriff

Der Begriff des Bösen ist auch in der modernen Welt nie ganz verschwunden. Er diente natürlich zur Kennzeichnung des Faschismus und des Holocaust. Später wurde, je nach politischer Lage, die Sowjetunion und das „sozialistische Lager“ als „Reich des Bösen“ bezeichnet.

In diesen Fällen diente der Begriff des Bösen als politischer Kampfbegriff, mit dem Begriff des Bösen soll dann ein politischer Feind charakterisiert werden, mit dem man nicht friedlich verhandeln kann, der keinem Argument der eigenen Rationalität zugänglich ist. Der Feind, der als böse gekennzeichnet wird, gefährdet die eigene Existenz radikal, und muss deshalb ebenso radikal bekämpft und vernichtet werden.

Umgekehrt wurde im Herrschaftsbereich des Sozialismus während des kalten Kriegs natürlich der „US-Imperialismus“ als böse bezeichnet, insbesondere dort, wo sich die USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts militärisch engagierten. Allerdings hatte die Verwendung dort vor allem pädagogische Motive, das Wort fand eher Verwendung in Kindergärten und Grundschulen, wenn es darum ging, Kindern einen „antiimperialistischen Hass“ gegen die USA und ihre Verbündeten anzuerziehen.

Warum wurde das US-geführte kapitalistische System (wenigstens außerhalb der Kindererziehung) nicht ebenso als böse bezeichnet? Der Grund liegt wahrscheinlich im wissenschaftlichen Erklärungsanspruch für das – vorgeblich oder tatsächlich – aggressive Verhalten des politischen Feindes. Die Gefahr, die vom Kapitalismus und dessen imperialistischer Ausprägung ausging, wurde ja ökonomisch begründet – der einzelne Kapitalist musste nicht als böser Feind angesehen werden – das System als System war bösartig – etwa vergleichbar einem Krebsgeschwür.

Das Böse ist überall

Wenn heute Terroristen als böse bezeichnet werden, wenn gesagt wird, dass sich im Terror das Böse zeige, dann ist darin natürlich auch noch eine politische Bedeutung hörbar, insbesondere, wenn der Begriff von Regierungschefs und Präsidenten verwendet wird. Aber wenn der Begriff in der öffentliche Debatte auftaucht und wenn er von Zuhörern akzeptiert wird, dann nicht nur als Werkzeug zur eigenen Radikalisierung der Ablehnung derer, die mit dem Begriff des Bösen charakterisiert werden.

Wenn wir versuchen, die verschiedenen Verwendungssituationen des Begriffs auf einen Nenner zu bringen, dann fallen zwei Aspekte auf: Zum einen die Irrationalität des Bösen. Dem Bösen ist, wenigstens in seinem bösen Handeln, mit keinem Argument der Vernunft beizukommen. Die Gründe, die er für sein böses Handeln vorbringt, sind innerhalb unserer Vernunft nicht akzeptabel, und zwar absolut nicht akzeptabel. Das zweite, was zum Bösen gehört, ist, dass der Böse dem anderen seinen Willen, seine Macht, sein Weltbild, seine Normen und Verbindlichkeiten aufzwingen will.

Diese beiden Merkmale finden wir überall, wo wir ein Verhalten intuitiv als Böse bezeichnen: Das schreiende Kind, das sich im Kassenbereich des Supermarkts zornig auf den Boden wirft und von seinen Eltern mit bloßer Körperkraft zum Weitergehen gezwungen werden kann, wird als böse bezeichnet. Linke Aktivisten sehen die US-Regierung, die Wall Street oder überhaupt den Kapitalismus als böse an, wenn sie sagen, dass sie aus bloßer irrationaler Profitgier der ganzen Welt den American Way aufzwingen wollen und dabei die Lebensgrundlagen auf der Erde vernichten.

In der Tat ist das Böse überall, in fast allen Kulturen und fast allen Epochen gibt es die irrationalen Eiferer, die versuchen, gewaltsam ihre Art zu leben anderen Menschen aufzudrängen. Es scheint eine anthropologische Konstante zu sein, das Böse scheint zum Menschen dazu zu gehören. Aber warum funktioniert das Böse? Woraus gewinnt es seine Anziehungskraft?

Die Wirksamkeit des Bösen beruht auf dem Genuss, den es bereitet, wenn man andere Menschen, am besten zunächst gegen ihren Willen, zu einer Handlung bringen kann. Umso mehr Menschen man manipulieren kann, desto höher der Genuss. Dieser Genuss des manipulierenden Führers trifft auf den Genuss der Geführten an der kollektiven Aktion, dem Gemeinschaftserlebnis, dem Rausch der Gleichheit, die den kleinen Einzelnen plötzlich zu einem kollektiven Großen macht.

Diese Paarung aus Führer und Masse beobachten wir im Rockkonzert ebenso wie auf der politischen Großdemonstration und eben auch im Terrorismus. Zum Bösen wird dieser Genuss dadurch, dass der Führer die manipulierte Gefolgschaft dazu bringt, sich denen gegenüber, die nicht zur Gemeinschaft gehören, als überlegen und hochwertiger anzusehen. Führerschaft und kollektive Aktion allein sind noch nicht böse, wie jedes Rockkonzert zeigt. Wird aber die Überzeugung von der eigenen Überlegenheit den Anderen gegenüber zum Kitt, der die manipulierte Gemeinschaft zusammenhält, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Bösen. Was nur noch fehlt, ist die Behauptung, dass es die Anderen sind, die mit ihrem Anderssein die überlegene Gemeinschaft bedrohen.

Religionen sind nicht böse

Man sieht, dass Religionen zunächst nicht böser sind als Fans einer beliebigen Musikrichtung. Auch die Überzeugung, dass der eigene Glaube besser sei als alle anderen, macht Religionsanhänger noch nicht zu bösen Terroristen.

Allerdings liefern alle Religionen, wie auch viele andere Ideologien, die meinen, etwas vom guten und richtigen Leben an sich zu wissen, immer einen guten Nährstoff für das Böse. Jeder Anspruch, zu wissen, wie die Menschen richtig leben sollen, lässt sich radikalisieren. Jede solche Idee lässt sich zur Manipulation von Anhängern einsetzen. Und wenn man diesen Anhängern dann noch einredet, dass die Anderen, die ihrem Glauben nicht anhängen, eine Bedrohung für das eigene gute Leben sind, dann ist es zum Bösen nicht mehr weit – denn dann müssen die Anhänger der betreffenden Ideologie versuchen, ihre Lebensweise den anderen aufzudrängen, ein Versuch, der von jenen anderen als irrational empfunden werden muss.

Böse sind immer nur die anderen

Damit ist klar: Irrational, unvernünftig und aggressiv bedrängend sind immer nur die Anderen. Und: Die Charakterisierung des Anderen als „das Böse“ kann selbst manipulierend und radikalisierend, mithin böse sein. Allerdings empfinden wir dann nicht nur den radikalisierten Teil der Anderen als bedrohlich-böse, der sich in aggressiver Weise gegen uns selbst wendet, sondern eben auch schon das ideologische Fundament der Anderen, welches von radikalisierenden manipulierenden Führern als Mittel zur Kollektivierung gebraucht wird.

Diese Ideologie kann aber alles sein, was irgendwie mit normativem Anspruch für die Lebensführung daherkommt – es muss keine Religion sein und jede Religion hat, wie auch alle anderen ideologisch ausgeprägten Normsysteme, das Zeug dazu, zum Bösen zu werden. Deshalb ist es gerade falsch, die Wurzel des Bösen in einer Religion zu suchen. Das Böse sucht sich seine manipulativen Werkzeuge in den Religionen und Ideologien.

Klar wird somit auch: wer gegen das Böse kämpft, begibt sich immer in die Gefahr, selbst zum Bösen zu werden, insbesondere dann, wenn nicht nur die Bösen bekämpft werden, sondern die Ideologien, derer sie sich bedienen, als Wurzel des Bösen, als Quelle und Fundament der Radikalisierung und Aggressivität der Bösen angesehen werden. Man muss die Bösen radikal bekämpfen – so wie die Nazis bekämpft werden mussten, so müssen auch die Terroristen, ihre Organisationen und Institutionen und ihre Infrastrukturen bekämpft werden.

Aber diese müssen von den Ideologien unterschieden werden, derer sie sich bedienen. Selbst wenn uns die religiösen Normen und die kulturellen Prägungen anderer Gesellschaften fremd sind und mit unseren eigenen Werten nicht vereinbar scheinen – unsere Ablehnung darf sich immer nur im beispielhaften Vorleben von Alternativen zeigen. Denn der beste Nährboden für das Böse ist, wenn es ihm gelingt, seine Gegner selbst böse werden zu lassen.

Lesen Sie zu den Terroranschlägen von Paris auf DieKolumnisten auch die Debattenbeiträge von Heiko Heinisch, Sören Heim und Alexander Wallasch.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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