MJÖ und Muslimbruderschaft

Seit Jahren tauchen immer wieder Berichte auf, die der Muslimischen Jugend Österreichs (MJÖ) Verbindungen zur Muslimbruderschaft unterstellen. Das wurde und wird stets vehement bestritten. Aber die Gegendarstellung der MJÖ verliert zusehends an Glaubwürdigkeit.

Grafik: Timo Rödiger

In einem Artikel in der österreichischen Onlineausgabe der NZZ wird der Muslimischen Jugend Österreichs (MJÖ) unterstellt, im Schatten der Muslimbruderschaft zu stehen – ein Vorwurf, der in den vergangenen Jahren immer wieder erhoben wurde und gegen den die MJÖ gelegentlich mit Klagen oder Klagedrohungen vorgeht. Nun hat die Journalistin Elisalex Henckel für die NZZ einen weiteren Beleg für diesen Vorwurf entdeckt: Auf der Internetseite der Jungen Musliminnen Österreichs (JMÖ), einer Art Tochterorganisation, sie selbst sprechen von „Partnerorganisation“ der MJÖ, fand sie unter der Rubrik „Wer wir sind“ einen Artikel zur „Partnerorganisation“ MJÖ, in dem es heißt, die MJÖ sei „Mitglied des Europäischen Dachverbands ,Forum of European Muslim Youth and Student Organizations‘ (FEMYSO)“. Das ist vor allem deshalb brisant, weil die MJÖ bislang vehement bestreitet, dieser Organisation, die der Muslimbruderschaft zugerechnet wird, anzugehören. Erst im Mai dieses Jahres musste das Nachrichtenmagazin Profil in einer Richtigstellung schreiben, die MJÖ sei „nicht Mitglied des europäischen Netzwerks Muslimischer Jugend- und Studentenorganisationen ‚Femyso‘“. Sie sei vielmehr nur für einen kurzen Zeitraum von 2003 bis 2005 außerordentliches Mitglied gewesen.

Muslimbruderschaft oder nicht?

Von einer nur außerordentlichen Mitgliedschaft stand in jenem Artikel auf der Seite der Jungen Musliminnen – er wurde unterdessen entfernt – jedoch nichts. Dort war vielmehr dezidiert von einer Mitgliedschaft die Rede. Eine offizielle Stellungnahme der MJÖ steht bis zur Stunde noch aus, aber Dudu Küçükgöl, bis vor kurzem im Vorstand der MJÖ, versucht sich auf ihrer Facebookseite an einer Begründung: „Manchmal sind veraltete Dokumente noch online“, schreibt sie dort, was wohl heißen soll, diese Seite sei schon lange nicht mehr aktuell und es wurde schlicht vergessen, sie zu löschen. Was ihre Facebook-Freunde überzeugen mag, ist bei näherer Betrachtung nicht glaubwürdig.

Die JMÖ wurde erst 2005 gegründet, also in jenem Jahr, in dem die MJÖ offiziell aus der FEMYSO wieder ausgetreten sein soll. Trotzdem wurde diese Mitgliedschaft auf der Website der JMÖ als zentrale Information über die MJÖ kolportiert und das bis Oktober 2015? Das führt uns allerdings zu der Frage, wann das Dokument mit der verfänglichen Information überhaupt veröffentlicht wurde? Es heißt immer, das Internet vergisst nichts. Das kann unangenehm sein, ist manchmal aber auch ganz praktisch – abhängig davon, worum es geht. Ist eine Seite einmal im Webarchiv (https://archive.org/) gespeichert, ist es sehr schwer, die entsprechenden Inhalte wieder aus dem Netz zu bekommen. Von diesem Webarchiv wurde die Internetseite der JMÖ am 1. März 2006 erstmals erfasst. Die Rubrik „Wer wir sind“, unter der sich bis vor wenigen Wochen das Dokument mit dem Hinweis auf die Mitgliedschaft der MJÖ in der FEMYSO fand, existierte zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht. Diese Rubrik wurde erst zwischen dem 29. September 2007 und dem 28. Mai 2008 (zwei Tagen, an denen die Seite neuerlich im Webarchiv erfasst wurde) angelegt. Warum stellen die Jungen Musliminnen Österreichs zwei bis drei Jahre, nachdem ihre Partnerorganisation MJÖ aus der der Muslimbruderschaft zugerechneten FEMYSO ausgetreten sein soll, auf ihrer Website einen Artikel online, in dem genau diese Mitgliedschaft hervorgehoben wird?

Warten auf Antworten

Man darf gespannt sein, wie das von Seiten der MJÖ kommentiert wird. In diesem Zusammenhang könnten die Verantwortlichen der MJÖ auch erklären, warum ihre Organisation überhaupt je Mitglied in der FEMYSO gewesen ist und wann genau und aus welchen Gründen sie diesen Dachverband wieder verlassen hat. Zumindest das Familienministerium sollte sich für die Antworten auf diese Fragen interessieren, denn immerhin wird aus seinen Mitteln die Beratungsstelle Extremismus finanziert, für die mindestens vier ehemalige Führungspersonen der MJÖ tätig sind.

 

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Heiko Heinisch

Heiko Heinisch

Nach Abschluss des Geschichtsstudiums arbeitete Heiko Heinisch u.a. am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaft. Nach längerer freiberuflicher Tätigkeit arbeitet er seit Mai 2016 als Projektleiter am Institut für Islamische Studien der Universität Wien. Nach längerer Beschäftigung mit den Themen Antisemitismus und nationalsozialistische Judenverfolgung wuchs sein Interesse an der Ideengeschichte, mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Ideen von individueller Freiheit, Menschenrechten und Demokratie.
Er hält Vorträge und veröffentlichte Bücher zu christlicher Judenfeindschaft, nationalsozialistischer Außenpolitik und Judenvernichtung und widmet sich seit einigen Jahren den Problemen, vor die Europa durch die Einwanderung konservativer Bevölkerungsschichten aus mehrheitlich islamischen Ländern gestellt wird. Daraus entstand das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?“ im Wiener Passagen Verlag (2012). Er ist Mitglied des Expert_Forum Deradikalisierung, Prävention & Demokratiekultur der Stadt Wien.
Im Dezember 2016 erschien das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Charlie versus Mohammed. Plädoyer für die Meinungsfreiheit“ im Passagen Verlag.

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