Martini, Girls, Motoren

Seit mehr als 50 Jahren sind Bond-Filme absolute Kassenschlager. Auch der neue Streifen „Spectre“ wird für volle Kinos sorgen. Das Erfolgsmodell der 007-Reihe ist so gut, dass sie auch schwächere Drehbücher trägt. Die Produzenten sollten daher vor allem eines tun: Nicht an der Hauptfigur herumdoktern.

007 - Filmreihe mit Lizenz zum Kassenschlager
Identicons by Timo Rödiger: Daniel Craig als James Bond

Am 5. November ist es so weit. Dann kommt „Spectre“ in die Kinos. Der 24. Streifen mit Superagent James Bond. Man muss kein Prophet sein: Auch dieser Film wird ein Kassenschlager. Nicht, weil die Handlung so vielschichtig ist oder das Schauspielensemble so herausragend (ok, Christoph Walz gibt einen genialischen Bösewicht; aber Javier Badem war beim Vorgängerfilm „Skyfall“ auch kein schlechter Gegenspieler). Nein, Bond-Filme sind erfolgreich weil sie Bond-Filme sind. Und (fast) jeder Bond-Film folgt dem gleichen Grundmuster: Cooler Einzelgänger und Herzensbrecher kämpft sich durch Autocrashs, Schießereien sowie vorgewärmte Betten – bevor es zum finalen Showdown mit einem Superschurken kommt. Phantastische Gadgets (entwickelt vom MI 6-Haustüftler Q) und jede Menge Spezialeffekte dürfen nicht fehlen. Martini, Motoren und (Bond-) Girls gehören auf jeden Fall zur 007-Grundausstattung.

Viele Männer wären gerne wie 007

Da viele Männer – auch, wenn sie es öffentlich bestreiten – im Herzen gern wie James Bond wären, kann der Erfolg der 007-Reihe eigentlich immer so weitergehen. Es sei denn, die Drehbücher werden noch schlechter, als sie es am Ende der Ära Roger Moore waren – oder die Produzenten kommen auf die Idee, die Figur politisch korrekt zu deformieren.

Gewiss, der Bond-Charakter war nie statisch, sondern hat sich mit jedem seiner bislang sechs Hauptdarsteller gewandelt. Der Schotte Sean Connery gilt als der „Bond schlechthin“ – cool, zynisch, nonchalant. Roger Moore war der Inbegriff des Engländers: steif, ironisch, snobby – dabei von allem etwas zu viel. Die Grenze zwischen Doppeldeutigkeit und Witzfigur wurde dabei oft überschritten. Der Waliser Timothy Dalton gilt als der „unterbewertete Bond“. Hart, emotional und jedem Geschmeidigen – für das gerade Vorgänger Moore stand – abhold, konnte er die Herzen der Fans nie wirklich erobern. Nach zwei Drehs war Schluss für den Shakespeare-Darsteller. Nachfolger Pierce Brosnan hatte mehr Fortune. Viermal durfte er als 007 ran; sein letzter Auftritt in „Stirb an einem anderen Tag“ war der bis dahin kommerziell erfolgreichste Bond. Dennoch musste der Ire weichen.

In wichtigen Märkten wie Nordamerika und Fernost hatte sich der Wind gedreht. Brosnans glatter, wieder ironischer daherkommender und wenig facettenreicher Bond entsprach nicht mehr dem Zeitgeist. Die neuen Trendsetter im Actionbereich – US-Serien wie „24“, „Breaking Bad“ oder „Homeland“ – hatten eine andere Erfolgsformel entwickelt: Helden brauchen eine dunkle Vergangenheit – und besser noch – ein paar psychische Macken!

Homeland-Star oder Sherlock als Craig-Nachfolger?

All das wurde Daniel Craig auf den Leib geschrieben. Bond erhielt eine düstere Vorgeschichte – und begann sich unglücklich in eines seiner Girls zu verlieben. In „Spectre“ wird das Spiel mit Bonds Ängsten und Gespenstern auf einen neuen Höhepunkt hin getrieben. Zwangsläufig kommt die Frage auf, wie man Craigs 007-Interpretation überhaupt noch steigern kann.

Irgendwo zwischen all den Bond-Darstellern gab es noch den Australier George Lazenby, über den man eigentlich nur weiß, dass man eigentlich nichts über ihn wissen muss.

Nachdem Craig nun viermal den Doppelnull-Agenten gegeben hat, kokettiert auch er mit Amtsmüdigkeit. In der britischen Boulevardpresse versetzen solche Äußerungen ganze Scharen von Bond-Auguren in Aufregung. Flugs wurde ventiliert, ob dies nur eine Aufforderung zu Vertragsverhandlungen war – oder ob demnächst tatsächlich ein Konklave den siebten Bond der Neuzeit wählen muss. Wie bei der Papstwahl existiert eine Liste der Kandidaten, die für die 007-Rolle ernsthaft gehandelt werden. Vorn dabei sind Hugh Jackmann („Wolverine“), „Homeland“-Star Damian Lewis, „Sherlock“-Mime Benedict Cumberbatch – und Idris Elba. Letzterer brillierte unter anderem in der Polizei-Serie „Luther“ – und hat ein entscheidendes Alleinstellungsmerkmal: seine dunkle Hautfarbe.

Schauspielerisch ist Elba ein Schwergewicht. Sein „Luther“ ist mindestens zehnmal spannender als 90 Prozent der Krimis, die Deutschlands öffentlich-rechtlicher Rundfunk hervorbringt. Die künstlerische Fallhöhe zwischen ihm und hiesigen Krimi-Darstellern wie Til Schweiger erreicht gefühlt Dimensionen des Mount Everest. Dennoch habe ich an anderer Stelle geschrieben, warum ich einen solchen Relaunch der Bond-Figur für keine gute Idee halte.

Bond wurde als „weiße Figur“ erschaffen

Dies meinen auch Roger Moore sowie ein ehemaliger Gegenspieler von 007. Yaphet Kotto, der erste dunkelhäutige Rivale des Agenten, erklärte: „Zum Teufel mit der politischen Korrektheit, wir müssen bei dem bleiben, was buchstäblich korrekt ist. Es gibt die Möglichkeit, sich Rollen auszudenken, für die es noch keine etablierten Vorbilder gibt. (Autor) Ian Fleming hat James Bond als weiße Figur erschaffen, die von weißen Schauspielern verkörpert werden sollte.“

Ex-Darsteller Kotto weiß, was das Geheimnis der 007-Reihe ist: Man kann Bond in Nuancen variieren, das Grundmodell sollte man niemals in Frage stellen: 007 ist und bleibt eine traditionell-britische, versnobte Figur, die beim Dinner mit der Queen im Buckingham Palace ebenso performt, wie beim Martini am Pool. Wie hoch der Wert der Marke Bond ist, zeigte sich unter anderem bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2012 in London, wo Agent und Königin gemeinsam eine tragende Rolle hatten.

Eben diese bewährte, urbritische Figur hat seit 53 Jahren Millionen, wenn nicht gar Milliarden Menschen in die Kinos und vor die Bildschirme gelockt. Wer dieses Original – mit all seinen Macken – auf dem Altar der politischen Korrektheit opfert, nimmt ihm ein Stück Zauber.

007 ist kein Instrument der Volksbildung

Dabei wäre es nicht einmal konsequent, einfach nur die Hautfarbe zu wechseln. Wenn schon politisch korrekt, dann aber richtig! Bond bräuchte nicht nur ein anderes Aussehen oder eine andere sexuelle Orientierung, er dürfte auch keine spritfressenden Autos mehr fahren, sondern bestenfalls Tesla oder Renault Hybrid. Auch Schießen wäre tabu. Zumindest müsste 007 Angehörige feindlicher Kartelle zunächst fragen, ob sie nicht im Stuhlkreis über die Konsequenzen ihrer Taten diskutieren möchten. Und statt Martini – geschüttelt nicht gerührt – stünde Karottensaft aus biologischem Anbau auf dem Ernährungsplan. Flirten mit Miss Moneypenny? Was für ein Chauvinismus! Strengstens verboten!

Deshalb, liebe Anhänger der political correctness, lasst die Kirche bitte im Dorf! Bond ist nicht real – und kein Instrument der Volksbildung. Er ist einfach eine fiktive Gestalt, die seit Jahrzehnten Menschen begeistert.

Wer sozialkritische Unterhaltung bevorzugt, kann – zumindest hierzulande – ja Tatort sehen, und sich daran ergötzen, wie Ermittler mit Sozialarbeiter-Aura durch tagesaktuelle Bezüge mäandern und in Weltschmerz-Dialogen grundlegende Fragen des Seins reflektieren. Ganz so, als seien sie Margot Kässmann beim Nachhaltigkeits-Workshop des Kirchentages. Aber nicht vergessen: Ballauf, Batic & Co. müssen auch nicht ihre Produktionskosten einspielen. Die sind vergesellschaftet!

Als Bond-Fan hoffe ich, dass die Macher, unabhängig von der Weiterbeschäftigung von Daniel Craig, ihr Erfolgsrezept beibehalten – und 007 auch künftig samt Martini, Girls und schnellen Autos auf Verbrecherjagd geht. Ihre Majestät, der MI 6 und die Fans brauchen ihn noch: Bond, James Bond!

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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