Von Zeit zu Zeit les‘ ich den Akif gern…

Einen eher amüsierten Blick wirft Kolumnist Sören Heim auf Akif Pirinçci. Große Comedy, geniale Wutbürger-Verarsche, befindet er. Wenn es nur nicht so viele Leute ernst nehmen würden.

Die Grenzen zwischen Lustigem und Schrecklichem verschwimmen so leicht. Gemeinfrei

Geile Show, Akif!

Geile Aktion. Und wie sie dem alle auf den Leim gehen. Das war meine erste Reaktion, als ich Splatter wie „Das Schlachten hat begonnen“ von Akif Pirinçci auf der Achse des Guten entdeckte. Ein Serdar Somuncu in Hardcore dachte ich (ernsthaft!), einer, der der bürgerlichen Verrohung den Spiegel vorhält, indem er ihren Protagonisten das Freihaus liefert, was sie sich sehnlich wünschen: so einen richtigen Wutbürger mit „Migrationshintergrund“. Einen ohne wenn und aber. Einen, der ihre Sprache nicht nur spricht sondern formt. Passt auf, dachte ich, der verarscht euch nur. Das dicke Ende kommt noch und was für ein dickes das sein wird! Noch als der Verlag das Video der Lesung aus Pirinçcis Deutschland von Sinnen lancierte, schien mir das nicht abwegig. Die Märchenonkel-Betonung, die Mimik, das demonstrative Rauchen. Und diese Bilder dazu! Mal ehrlich Leute, wer kann sich das ansehen, ohne sich dabei vor Lachen einzupullern?

Pirinçci wirkte wie einer (und wirkt heute noch so), der sich die ganze Zeit innerlich über sich selbst und die Menschen amüsiert.

Zahlen und andere Tricks.

Nun ja. Anderhalb Jahre später darf man wohl kaum noch hoffen, dass es sich um ein besonders elaboriertes Long Con handelt. Pirinçci meint was er sagt. Pirinçci sagt was er denkt. Und Pirinçci meint, sagenswertes zu denken, auch wenn man ihm die Überraschung darüber, dass ihm jemand zuhören will, ohne weiteres abkauft. Das bedeutet aber auch: Charakteren, von denen Pirinçci nur den exponiertesten darstellt, kann man kaum mit Vernunft beikommen. Die Absurdität der pirinçciesken Dystopien wurde frühzeitig von Jochen Gabler herausgearbeitet, was ansonsten zu Pirinçci noch zu sagen war, hat Tobias Kaufmann als seltener Abweichler auf der Achse des Guten geäußert. Eigentlich wars das. Wenn Pirinçci solche Szenarien an die Wand malt:

„Die Bundesregierung gesteht bereits ein, dass 2015 bis Jahresende etwa eine Million `Schutzbedürftige´ ins Land gekommen sein werden. Was ich nicht glaube, denn ich gehe von eineinhalb Millionen aus. Davon sind round about 1.125000 gut genährte, kräftige junge Männer. Wie man hört, wollen sie so rasch wie möglich ihre Familien nachholen.
Nächstes oder übernächstes Jahr werden ihnen also ebenfalls round about mindestens dreieinhalb bis vier Millionen Minderintelligenzler folgen, darunter jede Menge alte Leute. Denn was die hiesige Lügenpresse verschweigt, ist der Umstand, dass ihre nach D-Land geflüchteten Lieblinge mit Familie in Wahrheit ihre Eltern, Großeltern, Geschwister und Cousinen meinen“

Dann ist seine Diskursstrategie durchsichtig. Wie Sarrazin erfindet er Zahlen, die aufgrund ihrer scheinbaren Genauigkeit plausibel klingen. Erwartbare Ausschreitungen, wenn Tausende Menschen über längere Zeit auf engem Raum zusammen gepfercht werden, stilisiert Pirinçci später zu Kulturkämpfen. Religiöse motivierte Übergriffe, übel, keine Frage, wiederum werden zu kulturellen-ethnischen Konflikten verfestigt. Wie überhaupt Pirinçci auch darin Sarrazin ähnelt, dass Religionskritik als „Vorraussetzung aller Kritik“ (Marx) ihn einen feuchten Kehrricht interessiert. Lieber gibt man sich kaum haltbaren Spekulationen zu Populationsgenetik und der Potenz muslimischer „Jungmänner“ hin.

„Rassenkeile! Rassenkeile!“ (Eric Cartman)

Beiseite: Natürlich ist es unvernünftig davon auszugehen, dass die kulturellen Veränderungen, die mit Zuwanderung, gesellschaftlicher Alterung und all den anderen Prozessen einhergehen, denen Gesellschaften unterworfen sind, ohne größere Verwerfungen daherkommen werden. Und will man sich nicht in die Ecke der „gutmenschlichen“ Träumer stellen lassen, muss man wohl auch zugeben, dass der Islam dabei eine nicht unwichtige Rolle spielen könnte. Ja: Auch eine Rückkehr der offenen Gewalt auf dem europäischen Kontinent scheint in den letzten Jahren immer weniger auszuschließen. Dazu aber tragen dann auf den ersten Blick unverbundene Politikfelder, wie die europaweite Austerität und der damit verbundene Aufstieg radikaler Parteien, ein kurzsichtiger Umgang mit der Ukraine-Krise, sowie unter ferner Liefen vielleicht auch der Hass, den ein Pirinçci sät, mehr bei als die „Flüchtlingskrise“. Wenn Eric Cartman oft genug auf dem Schulhof „Rassenkeile“ ausruft, hat er seinen Anteil daran, wenn es wirklich knallt.

Lachen hilft. Lachen hilft!

Aber halt! Nach dem anfänglichen Fehler, „den kleinen Akif“ (so nennt er sich auf seiner Website) nicht ernst zu nehmen, mache ich nun den Fehler, ihn zu ernst zu nehmen. Es ist ein sattsam bekannter und dennoch durch die Geschichte immer wieder ignorierter blinder Fleck der Debattenkultur, in den Akif Pirinçci als durchweg ästhetisch stilisierte Kunstfigur, hineinstößt. Das Ideal einer vernünftigen Debatte auf Augenhöhe ist machtlos, wo sich der Gegner in den schwammigen Bereich der Ästhetisierung – in Pirinçcis Fall der splatter-pornografischen Verkitschung – zurückzieht. Und auch die Meta-Debatte, die, wie es Jörg Friedrich in seiner Kolumne vorexerziert, Diskursstrategien durchsichtig macht, wendet sich letztlich nur an die, die es sowieso besser zu wissen meinen. „Preaching to the Choir“ eben. Inhaltlich vollkommen richtig, gut gemeint, doch auch vorhersehbar, und, um mit dem großen Homer Simpson zu sprechen: „Laaaaaangweilig“. Dekonstruktion tut niemandem mehr weh.

Die bürgerliche Kunstkritik etwa kannte keine Mittel, um sich adäquat mit den Selbstinszenierungen der italienischen Futuristen auseinanderzusetzen. So stand sie auf verlorenem Posten. Gewiss, man kritisierte, verriss, schrie dagegen an – und bekam von Marinetti und Kollegen im Zweifel handfest aufs Maul. Saalschlachten waren im futuristischen Kunstverständnis nämlich ausdrücklich mit einbegriffen. Vielleicht ist daher Gelächter noch immer der elegantest mögliche Umgang mit Pirinçci. Denn nüchtern betrachtet ist die Kunstfigur Akif Pirinçci grotesk, und könnte damit ernsthaft lustig sein. Wenn nicht die Rezeption bei Parteigängern und Gegnern so oft Grund zum Weinen gäbe.

So ist Alexander Wallasch schon auf der richtigen Spur, wenn er Pirinçci im Interview die Möglichkeit gibt, sich selbst zu entblößen (und wirklich jetzt: könntet ihr euch die obige Lesung nicht auch zwanzigmal ansehen? Mit ner Kippe und nach ner halben Flasche Scotch kommt’s gleich nochmal so gut).

Die Geschmacksverwirrungen der konservativen Revolution

Was Pirinçci trotz konsequenter Stilisierung zur Kunstfigur allerdings nicht ist: Ein großer Künstler. Dass heutige Wiedergänger einer konservativen Revolution, die sich aller Nähen zum NS zum Trotz doch zumindest im aristokratischen Stilbedürfnis deutlich von diesem abgegrenzte, nicht fähig sind, den himmelweiten Unterschied zwischen Pirinçci und Charakteren wie Louis Ferdinand Celine, Ernst Jünger oder eben Fillipo Tomaso de Marinetti zu registrieren, zeigt vor allem die geistige Verarmung dieses Milieus. Der Aura von Mafarka der Futurist etwa kann sich auch der nur schwerlich entziehen, den angesichts des Dargestellten das blanke Grausen packt.

Mir aber macht die Unfähigkeit zur Unterscheidung – zu Recht? Zu Unrecht? – ein wenig Hoffnung: Wer sich auf die Pirinçcis dieser Welt stützt und Sprachgewalt von Gewalt an der Sprache nicht mehr unterscheiden kann, macht keine Revolutionen. Er verbaut sich den Weg in die gesellschaftliche Mitte, der früheren konservativen Revolutionären offen stand. Der schleichende Abbau demokratischer Strukturen, der in vielen Staaten Europas auch ohne aggressive Wortführer vonstatten geht, ist eine größere Gefahr für die sowieso viel zu oft Behauptung bleibenden „westlichen Werte“.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014.

In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel.

Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten.

Monographien:
Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front
Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover
kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu
Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen

Audio-Exklusiv:
La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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