Luthers Thesen: Wer ist die Kirche?

Sterbende sollen nicht büßen müssen, sagt Luther. Aber wer legt die richtige Buße überhaupt fest?


Mit der achten These widmet sich Luther einem besonderen Aspekt der Frage nach der Buße. Während er bisher diskutiert hatte, wie Schuld vergeben werden kann, folgt in den nächsten Thesen die Auseinandersetzung mit einer besonderen Lebensphase, dem Sterben. Die neunte These lautet:

Die kirchenrechtlichen Bußsatzungen sind allein den Lebenden auferlegt; nach denselben darf Sterbenden nichts auferlegt werden.

Fragen wir zunächst nach der Bedeutung „kirchenrechtlicher Bußsatzungen“. Wie schon bei der Diskussion einiger anderer Thesen fällt auf, dass uns die Idee, da sei eine Institution, die Satzungen für das Verbüßen von Schuld hat, heute eigentlich fremd ist. Gerade die Kirchen scheinen uns gar nicht die geeignete Organisation, die in Satzungen festlegen könnte, nach denen Bußen für schuldhaftes Verhalten festgelegt werden könnten. Das ist, wenn überhaupt, der Gerichtsbarkeit des Staates vorbehalten, werden wir spontan einwenden.

Aber wir hatten bereits geklärt, dass auch das staatliche Gericht eigentlich nicht über Schuld spricht, wenn wir mit Schuld meinen, dass ich mit meinem Tun Schuld gegenüber anderen Menschen auf mich geladen habe. Schuld ist hier ja nicht einfach kausal gemeint in dem Sinne, dass jemand einen Schaden für einen anderen durch strafbares Verhalten verursacht hat – und somit zu bestrafen ist. Schuld, für die man Buße tun muss, ist eine moralische Angelegenheit.

Dass für die Festlegung, welche Buße für welche moralische Schuld angemessen sei, eine Kirche zuständig sein soll, ist uns zunächst fremd. Aber was bedeutet hier Kirche? Wir denken natürlich zuerst an diese Organisationen, die ihre Mitglieder in auffälligen Häusern sonntags versammelt, damit die Kirchenmänner und -frauen andächtig über wichtige Fragen des Lebens referieren können. Wir denken an festgelegt Rituale, nach denen in diesen Gebäuden gewisse Lebensereignisse – Geburt, Kindheit, Heirat, Tod – gefeiert werden.

Aber wenn wir Luthers Thesen ins Hier und Jetzt hinüberreißen wollen, dann dürfen wir weder unseren jetzigen Begriff von Kirche, noch den, der zu Luthers Zeit vorherrschte, einfach zum Verstehen der Idee seines Satzes nehmen. Die Kirche, die Luther erlebte, gibt es nicht mehr, und die Kirchen, die wir heute haben, kannte Luther nicht. Wir müssen also nach dem Sinn suchen, der in dem Satz steckt, dem Sinn, der den Sinnzusammenhang des Guten, Wahren und Schönen ausmacht, den wir als das Göttliche oder kurz als Gott bezeichnet hatten.

Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen. Das ist ein alter Satz. Dann nehmen wir Kirche hier und jetzt als die Gemeinschaft derer, die an den Sinnzusammenhang des Schönen, Wahren und Guten in unserem Leben glauben, einen Sinnzusammenhang, der uns einzelne überlebt und den wir in dieser Gemeinschaft erleben.

Hat diese Gemeinschaft Regeln für die Buße von Schuld? Die Gesetze, nach denen staatliche Gerichte urteilen, sind es nicht. Aber es gibt in dieser Gemeinschaft unzählige Geschichten, Märchen, Gleichnisse, Sprichwörter, die ein ungeschriebenes Regelwerk bilden, wie die Mitglieder der Gemeinschaft mit Schuld umgehen sollten.

Nach diesen Regeln also sollte Sterbenden keine Buße für ihre Schuld auferlegt werden. Warum das so sein muss, wird klar, wenn wir zur ersten These zurückkehren. In der Buße geht es ja letztlich darum, Frieden mit den Mitmenschen zu finden, sodass wir mit der Gewissheit sterben können, dass unsere Mitmenschen sich unserer im Guten erinnern. Wer als Sterbender schuldig wird, hat keine Gelegenheit mehr zur Buße. Deshalb sollten unsere Regeln so sein, dass wir Sterbenden ihre Schuld unmittelbar vergeben können.

Wir werden das bei der Diskussion der nächsten Thesen noch genauer bedenken können.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • derblondehans

    … Buße ist Reue, Reue ist Buße, die Umkehr des Menschen zu Gott; wie schon geschrieben: die Hinwendung zu Gott. Das können Sie bis zum letzten Atemzug. Das hat, zunächst, nix mit Strafe zu tun. Ist aber für Vergebung notwendig. Je nachdem, was Ihnen auf Erden erlassen wurde – das darf die Kirche, wie wir ’s von Jesus wissen – glaube ich allerdings, dass es ‚oben‘ nicht ganz ohne ‚Backpfeifen‘ abgehen wird. Sie sehen Katholiken sind im Vorteil. 😉

    Lukas 12, 47 ‚Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen. Etwa so?!

    48
    Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man um so mehr verlangen.‘

  • UJ

    Der Gedanke, dass auch Sterbende/Tote für ihre Schuld büßen sollten, hat kirchen- und dogmengeschichtlich einen einfachen Grund. Gerade im Christentum der Spätantike, in der sich viele Frömmigkeitsformen, die wir heute kennen erst entwickeln mussten, galt die Beichte (ähnlich wie zuvor die Taufe) als einmaliger Akt, der das „Schuldkonto“ des Menschen auf „null“ stellte. Sollte ein Christ danach wiederum schuldig werden, insbesondere in Form der Todsünden (Ehebruch, Mord, Apostasie) hatte er schlicht und einfach Pech gehabt und galt als unrettbar verloren.
    Das führte dazu, dass viele Menschen, die sich zum christlichen Glauben bekannten, mit ihrer Taufe und später dann auch mit ihrer Beichte so lange warteten wie nur irgend möglich, idealerweise bis zum Sterbebett. Sicher ist sicher.
    Auch als die Beichte nicht mehr als einmaliger Akt galt sondern regelmäßig praktiziert wurde, verschwand diese Einstellung nicht ganz. Oft sparte man sich die Beichte großer Sünden, für die man eine saftige Buße erwartete, bis zu dem Zeitpunkt auf, da man dem Tod ins Auge sah. Ein utility approach im Umgang mit Schuld und Sühne, könnte man sagen.

    Dies war ein entscheidender Faktor für Entstehung der kirchlichen Lehre über das Purgatorium, vulgo: Fegefeuer. Der Hintergedanke: Wenn es einen allmächtigen Gott gibt, dann hat er auch Macht diesseits und jenseits des Todes und niemand kann sich davor drücken, seiner Schuld ins Auge zu sehen und Buße zu leisten.
    Man sieht hier interessanterweise eine Umkehr der Fragestellung. Während Luther fragt ob man Sterbenden überhaupt eine Buße auferlegen könne, treibt die kirchliche Tradition die Frage um, wie man mit Sterbenden umgeht, die ihren Zustand eigennützig instrumentalisieren.
    Interessant ist hierbei, dass Sterbende bei Luther eine Art Zwischenstatus zu haben scheinen. Sie gehören offensichtlich (noch) nicht zu den Toten, sind aber auch nicht mehr dem Reich der Lebenden zuzuordnen. Doch das wäre ein interessantes Thema für eine andere Diskussion…

    Jetzt zur Frage der Vergebung der Schuld Sterbender:
    Es stimmt: wer stirbt kann nichts mehr wieder gut machen. Trotzdem ist seine Tat und deren Folgen in der Welt und entfaltet ihre Wirkung. Was Luther übersieht, und was auch Sie, Herr Friedrich, in ihrem Text kaum beleuchten, ist die Tatsache, dass Schuld immer eine soziale Dimension hat, die weit über die Beziehung zwischen, sagen wir, Täter und Opfer hinausgeht. Es geht eben mitnichten nur darum, dass ich mit meiner Tat einem anderen Menschen schade, ich verändere damit auch die Sozialstruktur des Gemeinwesens in dem ich mich bewege.

    Ein Beispiel: In der Nachbarschaft wird eingebrochen. Der Täter wird erstaunlicherweise von der Polizei ertappt und in einem Schusswechsel tödlich verletzt. Im Sterben bittet er die inzwischen herbeigeeilten Hauseigentümer um Vergebung. Mit seinem letzten Atemzug nennt er außerdem noch den Namen seiner Versicherung, damit die Betroffenen schneller entschädigt werden können.
    Nach Ihrer Logik, Herr Friedrich, wäre jetzt alles in Butter, vorausgesetzt, die Geschädigten vergeben dem Einbrecher.
    Trotzdem werden Sie in Zukunft wahrscheinlich zwei mal Fenster und Türen kontrollieren, wenn Sie aus dem Haus gehen. Und ob sich die Angehörigen von Täter und Opfer jemals vorbehaltlos unter die Augen treten können, ist auch die Frage. Ihre Welt hat einen Knacks bekommen, den man nicht mehr ungeschehen machen kann und der Ihr Verhalten prägt, ob Sie es wollen oder nicht.
    Manchmal kann dieser Knacks sogar so gewaltig sein, dass er nicht nur das Verhalten einer eher kleinen sozialen Gruppe bestimmt, sondern ganzen Gesellschaften einen neuen Spin mitgibt. Man denke nur an den Holocaust und hier z.B. an Adornos berühmtes Zitat, dass es barbarisch sei, nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben.

    Die Schuld, die Menschen auf sich laden, und die Folgen dieser Schuld sterben nicht mit. Sie bleiben und entfalten Wirkung über den Tod hinaus. Müsste man da nicht ein Jenseits postulieren, damit auch Reue, Buße und Vergebung ihre Wirkung über den Tod hinaus entfalten können?

  • Herold Hansen

    Bewundernswert, wie hier noch inbrünstig und ernsthaft über subtile Befindlichkeiten der christlichen Kirche disputiert wird, während die obersten Hirten des christlichen Glaubens in Deutschland, Herr Bedfort-Strohm und Kardinal Marx kürzlich diesen Glauben in Jerusalem zum Schmarren erklärten.

    Sie legten das Signum des Glaubens, ihr Bischofkreuz bereitwillig und in vorauseilendem Gehorsam ab, bevor sie die Moschee betraten.
    Aus Constantins „In diesem Zeichen wirst du siegen!“ ist ein “ In diesem Zeichen wirst du ein Verlierer sein!“ geworden.

    • derblondehans

      … Marx und der Irrgläubige haben ein Ei auf dem Kopf.

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