Luthers Thesen: Der Papst und Ferdinand von Schirarch

Keine Institution kann Schuld erlassen, auch kein Gericht. Strafverschonung schützt nicht vor der Last der Schuld.


Die sechste Luther-These beginnt fast genauso wie die fünfte. Jetzt geht es aber nicht mehr Strafe, sondern um Schuld. Sie lautet:

Der Papst kann nicht irgendeine Schuld erlassen; er kann nur erklären und bestätigen, sie sei von Gott erlassen. Und gewiss kann er ihm selbst vorbehaltene Fälle erlassen; sollte man diese verachten, würde eine Schuld geradezu bestehen bleiben.

Die zentrale Aussage, über die wir im Hier und Jetzt nachdenken können, lautet: Keine institutionelle Autorität kann eine Schuld erlassen.

Vor wenigen Wochen gab es in Deutschland und Österreich eine engagierte Diskussion um das Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach. Hier ging es um die Frage, ob ein Pilot, der ohne Befehl ein Passagierflugzeug abgeschossen hat, um einen Anschlag auf ein Stadion zu verhindern, Schuld hat am Tod der Passagiere oder nicht, ob er schuldig zu sprechen sei, oder ob er unschuldig ist.

Die Luther-These verweist darauf, dass es in Entscheidungen von staatlichen Autoritäten, wie es Gerichte sind, eigentlich nie um eine Schuld im moralischen Sinne geht. Natürlich hat das Wort Schuld, das Schuldig-Sein, das Verschulden eine vielfältige Bedeutung. Jemand hat Schuld an etwas, das heißt im alltäglichen Sprachgebrauch, er hat es verursacht. Das ist aber weder im rechtlichen noch im moralischen Sinne die Bedeutung von Schuld. In der Rechtsprechung geht es um die Frage, ob sich jemand mit der Verursachung strafbar gemacht hat. Dass der Pilot kausal den Tod verursacht hat, ist unbestritten, fraglich ist, ob sein Handeln strafbar war. Moralisch allerdings stellt sich noch eine andere Frage: Ob er mit seinem Handeln Schuld auf sich geladen hat.

Um diese Schuld geht es in der sechsten These, und von der sagt Luther: eine Recht-sprechende Institution kann zwar Strafen erlassen, aber keine Schuld. Auch wenn jemand im rechtlichen Sinne unschuldig ist, bedeutet es nicht, dass er nicht eine moralische Last zu tragen hätte.

Wer kann mich von meiner moralischen Last befreien? Luther meint, Gott könne das, und der Papst als Vertretungsinstanz Gottes könne „erklären und bestätigen“, Gott habe die Schuld erlassen.

Wer wäre nun dieser Gott für die, die an einen personalen und aktiven Gott nicht glauben können, und schon gar nicht an einen irdischen Vertreter, der im Namen Gottes sprechen könnte? Es gibt auf diese Frage inzwischen eine Reihe schöner Antworten, eine davon hat erst vor wenigen Tagen Volker Gerhardt für Hohe Luft gegeben. Gott oder das Göttliche können wir als einen Gesamtzusammenhang verstehen, der unserem Leben Sinn gibt, und der sich im Dreiklang aus dem Guten, dem Schönen und dem Wahren zeigt. Erreichbar wäre dieser Gott (oder das Göttliche) durch unser Gewissen und unsere Intuition, die uns in der Reflexion helfen, das Gute, Schöne und Wahre zu sehen.

Aber wer ist dann der Papst? Man könnte antworten: Jeder, der uns geduldig dabei hilft, Gewissen und Intuition zu befragen, der unsere Schuld versteht und mit trägt. Die Schuld wirklich erlassen kann nur der, demgegenüber wir schuldig sind. Aber die Schuld erträglich zu machen, dabei können manche helfen. Einer trage des Anderen Last, heißt es. Einer sei des Anderen Papst, könnte man beim Lesen der sechsten These fordern.

Hier geht es zur fünften These.

 

 

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • derblondehans

    … J.F., Sie wollen/möchten, das unterstelle ich jetzt mal, ebenso wie Luther und andere, darauf hinaus, Christus hat seiner Kirche kein sichtbares Oberhaupt gegeben, da Petrus keinerlei Vorrecht vor den anderen Aposteln empfangen hat, es kann somit kein(e) ‚Nachfolger‘, kein(e) ‚Stellvertreter Gottes‘, wie auch immer, auf Erden geben .… aaaber, Jesus zu Petrus; ‚du bist Petrus (der Fels), und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen … Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben … weide meine Lämmer, weide meine Schafe … ‚ So hat Jesus zu keinem anderen seiner Apostel gesprochen, er gab Petrus den Auftrag, seine Brüder im Glauben zu stärken. Dieses Amt, eines Oberhauptes, hat Petrus nach Christi Himmelfahrt ausgeübt.

    Die Lutheraner sind nicht mal Kirche, s.h., Ratzinger. Sie nennen sich selber ‚Evangelische‘, weil sie vorgeben, sie hätten ihre Lehren aus dem Evangelium ‚geschöpft‘. Sie bilden keine gemeinsame Kirche, sind in mehr als 250 Sekten gespalten, haben ihren Glauben von Anbeginn ständig geändert. Ein gelehrter Protestant, Harms Klaus, ‚ man könne diese Lehren alle zusammen auf einen Fingernagel schreiben.‘ ‚Protestantische Leeren‘ 😉 also. Nun ja.

    Luther hat das Evangelium wohl doch nicht verstanden. Luther hat sich selbst überhöht. Er bezeichnete, beispielsweise, den heil. Apostel Jakobus als ‚Strohepistel‘, weil in dieser im Brief ausdrücklich schreibt, dass der Glaube ohne gute Werte tot und nutzlos ist.

    Womit wir beim Thema sind. Jesu in Matthäus 6 ‚Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.‘

    Mein ich (auch). 😉

    … ach ja, noch kurz zu Luft-Nummer:

  • UJ

    Irgendwie kam mir bei diesen Artikel spontan der großartige Film „Good Will Hunting“ in den Sinn. Insbesondere eine Szene finde sehr passend:

    https://www.youtube.com/watch?v=GtkST5-ZFHw

    Was passiert hier? Eine Autorität (der Therapeut alias Robin Williams) spricht einen Jugendlichen (Matt Deamon) von seiner Schuld los. Er, der Therapeut, hilft nicht, die Schuld zu tragen. Er erklärt sie auch nicht. Er spricht auch nicht über die Schuld, die sein Schützling ihm gegenüber auf sich geladen hat. Sein Urteil „It’s not your fault“ ist pauschal, undifferenziert und gilt für das ganze Leben. Und es bewirkt etwas bei dem jungen Mann.
    Kein anderer Satz hätte eine solche Auswirkung haben können. Und er hätte nicht dieselbe Wirkung entfalten können, wäre er nicht von einer Autorität sondern beispielsweise aus dem Freundeskreis des Jugendlichen gekommen.

    Unsere Freunde sind voreingenommen, was ihre Meinung über uns betrifft. Sie verteidigen uns aus Prinzip. Gerade deshalb sind es ja auch unsere Freunde. Der Satz „It’s not your fault“ vor ihnen ausgesprochen, würde eher wie eine Freundschaftserklärung wirken, wie eine Bekräftigung, dass man auch weiterhin füreinander einsteht. Das ist wichtig. Aber eben nicht dasselbe, wie der Satz von Robin Williams, ausgesprochen von einer Autorität, die ein junger Mann gleichzeitig anerkennt und bekämpft.

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