Biathlon ist der bessere Fußball!

Heute startet die Biathlon-WM. Sören Heim macht sich Gedanken zur Beliebtheit des Sports, zieht erstaunliche Parallelen zum Fußball und fragt sich, ob man nicht viel mehr Sportler bewaffnen sollte.

Miriam Gössner and Tora Berger: Der Unsicherheitsfaktor macht den Sport interessant. von Ximeg unter CC BY-SA 3.0, bearbeitet

Biathlon ist wahrscheinlich die Sportart, die von selbst erklärten Fachleuten am meisten Prügel bekommt. Für die Wintersportpuristen, für die Schlittenfahren, auf Brettern den Berg runterrutschen, auf Brettern durch den Wald stapfen und in hautengen Klamotten auf dem Eis tanzen als „richtige“ Sportarten durchgehen ist Biathlon irgendwie das Gegenteil: Kein richtiger Sport also. Sondern irgend so ein Mischling aus zwei nicht zusammenpassenden Sportarten, die wahrscheinlich waffengeile Deutsche erfunden haben, damit sie wenigstens irgendwo mit den Norwegern und den Österreichern mithalten können.

Puristen und Verächter

Und für abgeklärte Sportverächter? Für die ist Biathlon der Inbegriff von allem was man an Wintersport schon immer irgendwie suspekt fand. Harte Jungs und Mädels, die auf Skiern durch den Wald stapfen und dazwischen auch noch militärische Übungen abhalten. Und überhaupt ein „Sport“, den so eigentlich nur waffengeile Deutsche erfunden haben können. Stimmt natürlich nicht so ganz, aber immerhin: Eine militärische Vergangenheit des Biathlon ist wie überhaupt bei fast allen Sportarten gegeben.

Abseits von Puristen und Verächtern ist Biathlon heute eine der beliebtesten Wintersportveranstaltungen. Die Beliebtheit in Deutschland, Norwegen, zunehmend auch in mehreren Osteuropäischen Ländern mag mit den jeweiligen nationalen Erfolgen zu tun haben. Doch ich bin zuversichtlich, dass im Gegensatz zu Tennis oder Formel 1, die für gewöhnlich nur dort Interesse wecken wo gerade nationale Akteure in der Spitze mitmischen, Biathlon auch in mageren Jahren einen Teil der Fans halten kann. Und das ist höchstwahrscheinlich auf Zufall zurückzuführen, und dabei doch alles andere als zufällig.

Füße, Zufall, Sozialismus

Vor einigen Jahren schon stellte sich im Blog Zettels Raum Betreiber „Zettel“ die Frage, was eigentlich die breite Beliebtheit des Fußballsports ausmache. Neben einigen anderen historischen und kulturellen Gründen wurde dabei vor allem der Zufallsaspekt als springender Punkt ausgemacht.

Daß ein Tor fällt, ist ein vergleichsweise seltenes Ereignis. Anders als beim Handball oder beim Basketball, wo sozusagen Tore in Serie fallen und man eher darauf lauert, daß ein Tempo-Gegenstoß nicht zum Tor führt.

(…)

Die Verwendung der Füße nicht nur als Waffe im Kampf, sondern auch – anders betrachtet – zur Be-Handlung (zur Befußlung sozusagen) eines Gegenstandes bringt aber nicht nur diesen Reiz der Beschränkung mit sich, sondern sie ist auch die Ursache für das, was vielleicht das Wichtigste beim Unterhaltungswert des Fußballs ist: Die fehlende Präzision, die dieser Befußlung eigen ist; mit der Folge, daß die Vorgänge im Spiel einem starken Zufallseinfluß unterliegen.“

Das führt letztendlich auch dazu, dass ein Fußballergebnis deutlich schwerer vorhersehbar ist als die Ergebnisse in anderen Massensportarten. Fußball ist anarchischer als vergleichbare Spiele, das Mitfiebern mit dem Underdog kann ebenso befriedigend sein wie das Wetten auf den Platzhirsch. Wenige Tore und relativ viele Unbekannte im Spiel übersetzen sich in relativ häufige unerwartete Ergebnisse. Das macht Fußball auch für das sporadische Publikum interessant, wobei die einfacheren Regeln im Gegensatz zum kaum von Zufallselementen bestimmten American Football natürlich eine weitere Zugangserleichterung darstellen.

American Football liefert ein entscheidendes Stichwort: Denn natürlich gibt es Massensportarten, die ihren Reiz gerade nicht aus dem Chaotischen ziehen, sondern aus der – sind die Ausgangspositionen erst einmal bekannt – beinahe mit Schach vergleichbaren Berechenbarkeit erwartbarer Ergebnisse. Wer sich hier in die Materie eingearbeitet, kann in unvergleichlich gesicherterem Maße sich als Fachmann profilieren, als es im Fußball zumindest noch vor dem Statistik-Hype, den man auch hier seit einigen Jahren mehr schlecht als recht zu etablieren versucht, möglich war.

Vielleicht lässt es sich so überspitzen: Während Fußball mit den Gepflogenheiten der verwalteten Welt zumindest von Zeit zu Zeit so weit bricht, dass Erfolg nicht determiniert erscheinen mag, steigern die Statistiksportarten die Verwaltungsstruktur ins Heroische. Prozentzahlen und Durschnittwerte sowie deren Personifikationen werden zu den Helden eines in der Breite „postheroischen“ Zeitalters. Allerdings: Gerade die Statistiksportarten sind sehr darum bemüht mittels Gehaltsobergrenzen und „Draft“ den Wettbewerb extrem ausgeglichen zu halten und den Zufall quasi systemisch durch die Hintertür einzuführen. Die NFL ist in diesem Sinne beispielsweise vor allem ein gigantisches, manch einer würde sagen sozialistisches, Kartellamt.

Weiter alle Blicke auf Gössner

Und Biathlon? Ist der Fußball des Wintersports! Das regelmäßig noch von Wind und Wetterkapriolen erschwerte Geballer zwischendurch bringt genau die richtige Menge Zufall in den ansonsten doch sehr berechenbaren Langlauf, um die Sache auch für nicht eingefleischte Fans interessanter zu machen. Schlampige Genies wie Uschi Disl, Lars Berger, Ole Einar Bjoerndalen, bevor er sich im Alter zwangsweise professionalisierte, oder etwa die derzeit pausierende Darja Domratschewa sind im Wintersport nur im Biathlon denkbar, und führen hier in den Beliebtheitswerten ähnlich vor den akribischen Arbeitern wie im Fußball die Baslers, Cantonas und Maradonas vor den Hamanns, Baresis, Gerards und Deschamps. Dass in Deutschland zum Beispiel Uschi Disl immer noch für Biathlon steht, während eine Gesamtweltcupsiegerin wie Martina Beck (ehemals Glagow) vergleichsweise in Vergessenheit geraten ist, spricht da ebenso Bände wie die anhaltende Begeisterung für Miriam Gössner (sogar ihr Startverzicht in der Staffel wird zur Nachricht). Gerade Gössner mag sich bessere Schießergebnis wünschen, aber für den Zuschauer sind Schießstandchaos und Aufholjagden interessanter als eine dauerhaft stehende Null.

Und da es im Wintersport die knallharten Statistiksportarten zum Einfuchsen kaum gibt, steht der Biathlon bei der breiten Masse allein auf weiter Flur. Dass man im Schießstadion noch relativ viel von der Action mitbekommt ist natürlich auch nicht zu verachten.

Gebt den Torhütern Waffen!

Und mittlerweile sieht es ja so aus als bekämen zumindest die Topvereine im Fußball alle unkontrollierbaren Variablen immer besser unter Kontrolle. Schwer vorhersehbar sind in naher Zukunft vielleicht dann nur noch einige wenige Meisterschaftsspiele, in den Ligen ist, wie selbst die Nutznießer der Entwicklung bemerken, ja heute schon größtenteils tote Hose. Biathlon mausert sich also langsam zum besseren Fußball! Wenn selbst der FC Bayern München die Einführung eines „salary cap“ nach amerikanischen Vorbild nicht mehr kategorisch ausschließt (sondern eine europaweite Einigung anmahnt) ist die Lage ernst. Aber womöglich gibt es eine einfachere Lösung: Gebt den Torhütern doch ein Kleinkalibergewehr in die Hand! Was beim Langlauf funktioniert hat sollte auch beim Fußball die Spannung steigern. Und Schussball wäre doch DER Sport unserer sowieso schießwütiger werdenden Zeit, nicht? Bis es soweit ist schau ich jetzt erst einmal Biathlon WM.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • UJ

    Schuss und Toooor!

  • Herold Hansen

    Es liegt jetzt ganz in der Hand der Kanzlerin, in die Umkleidekabinen einzudringen und sich mit Hand um die Schulter fotografieren zu lassen.

  • hg

    Naja, ist der Kombinierer Riiber kein „schlampiges Genie“? Was ist mit Felix Neureuther (zumindest dem früheren)?

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