Wutbürger im Konzert?

In Köln wurde ein Konzert abgebrochen, weil das Publikum gestört hat. Einer hat sogar „gefälligst deutsch“ gesagt!

Klatschen sollt ihr, aber nicht stören! Foto: Heinrich-Böll-Stiftung. Lizenz CC BY SA 2.0

Ausgerechnet in Köln, musste das sein? Wenn wir jetzt „nach Köln“ sagen, dann wissen wir gar nicht mehr, ob von der Silvesternacht die Rede ist, oder von vergangenem Sonntag. Denn wie erst gestern (jawohl, erst mehr als 24 Stunden nach jenen unsäglichen Ereignissen, die uns alle noch immer umtreiben!) bekannt wurde, haben Konzertbesucher in Köln am Sonntag eine Aufführung eines Steve-Reich-Stückes so dermaßen gestört, dass die Aufführung abgebrochen werden musste!

Er hat „Deutsch“ gesagt! Und „Gefälligst“!

Doch damit nicht genug! Mindestens ein Zuschauer soll schon wenige Minuten zuvor, als der Cembalist Mahan Esfahani in englischer Sprache versuchte, dem Publikum das Musikstück zu erläutern, mit einem Zwischenruf aufgefallen sein, in dem er forderte, die Erläuterungen sollten doch „gefälligst“ auf Deutsch erfolgen!

Jawohl, auf Deutsch! Und auch noch „gefälligst“! Da ist für die empörte Öffentlichkeit natürlich klar: Da ist wieder einmal das Wut-Bürgertum auffällig geworden, wieder haben wir einen Beleg dafür, dass der dumpfe Fremdenhass nun „in der Mitte der Gesellschaft“, ja, sogar in den Konzertsälen angekommen ist.

Schauen wir uns die Sache mal der Reihe nach an. Wir haben ein Konzert, eine Konzertreihe mit einem Stammpublikum. Die Leute gehen da am Sonntag hin, um etwas Angenehmes zu erleben. Das kann man natürlich kritisch sehen, man kann fordern, dass die Zuhörer eines Konzerts mit sogenannter Ernster Musik sich nicht erfreuen, sondern sich ernsthaft beschäftigen und auseinandersetzen wollen.

Dieses Publikum hatte, neben gefälligen und gewohnten Stücken von Familie Bach, nun schon zwei Kompositionen von zeitgenössischen Komponisten angehört. Wir wissen nicht, in welcher Verfassung sich die Zuhörer danach befanden. Aber sie haben tapfer bis hierhin ausgeharrt. Es folgte die Erläuterung des Cembalisten zu der Steve-Reich-Komposition – in englischer Sprache.

Verstehen Sie Englisch?

Ich persönlich kann dem Englischen recht gut folgen, etwa den Durchsagen auf einem internationalen Flughafen, und selbst den Nachrichten von BBC. Wenn ich Erläuterungen zu einem zeitgenössischen Musikstück in englischer Sprache hören würde, kann ich mir vorstellen, dass ich die in zweifacher Hinsicht nicht verstehe: Einerseits würden mir wohl einige Vokabeln fehlen, andererseits könnte ich die feinen Zusammenhänge und Bedeutungsspielräume des gesagten im mündlichen Vortrag wohl nicht ausreichend nachvollziehen, damit der Vortrag mir beim Verstehen des Stücks helfen könnte.

Es ist schlicht eine Zumutung, einem Laien-Kunstpublikum in der eigenen Heimatstadt eine Erläuterung zu einem Kunstwerk in einer Fremdsprache anzubieten, ohne dass diese in die Muttersprache übertragen wird. Dabei ist es völlig egal, ob die Fremdsprache die Weltsprache Englisch ist und die Muttersprache das Deutsche, oder ob es zum Beispiel genau umgekehrt ist. Hier hat der Veranstalter schlicht versagt, wenn er es nicht für erforderlich hält, dem Englisch sprechenden Künstler einen Deutsch sprechenden kompetenten Übersetzer zur Seite zu stellen. Das ist eine Missachtung der Kunst ebenso wie des interessierten Publikums. Dass sich dieses darüber empört, ist gut nachvollziehbar.

Störungen sind Teil der Performance

Bleibt die Störung der Aufführung des Musikstücks selbst. Bekanntlich haben solche Störungen eine gute Tradition, sie sind fast notwendig Teil der Kunstrezeption und des Diskurses über Kunst. Der Künstler will mit seinem Werk etwas Neues, Ungewohntes schaffen, und muss damit rechnen, dass das mündige Publikum dieses Neue ablehnt, es zurückweist, dass er am Publikum scheitert. Da hilft es auch nicht, dass das Werk, das da am Sonntag zur Aufführung kam, bereits 50 Jahre alt ist, denn es gehört auch gerade zur Musikkultur, dass ihre gewöhnlichen Zeitspannen des Alt-Werdens nicht in Monaten, sondern in Jahrhunderten gemessen werden.

Ich selbst bin begeisterter Steve-Reich-Hörer, auch wenn mein Zugang der eines Laien ist. Wenn ich ein Stück von ihm genießen möchte, lege ich zu Hause eine CD ein. Natürlich würde ich mir gern auch einmal ein Stück von ihm live anhören, aber wenn ich ins Konzert gehe, muss ich damit leben, dass gerade die öffentliche Musikaufführung in einem ganz spezifischen Sinn demokratisch ist – sie kann vom unverständigen aber mündigen Zuhörer auch gestört werden. Der Veranstalter kann viel dafür tun, dass diese Störungen unterbleiben – durch gute Erläuterungen und Einführungen. Wenn er das unterlässt, kann es sein, dass er scheitert, dass es zum Eklat kommt – das gehört als Risiko zu jedem Konzert.

Mit Wutbürgertum und Fremdenfeindlichkeit hat das alles nichts zu tun. Leider leben wir aber in Zeiten, in denen die politischen Stimmungsmacher gern jedes Ereignis für ihre Zwecke ausnutzen und uminterpretieren. Auch damit muss man in einer Demokratie der (sozialen) Medien wohl leben.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über Lüge und Empörung in sozialen Medien.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • Doktor D

    Der Bericht von Esfahani (der betroffene Musiker) selbst liest sich schon so, dass da Leute, denen die musikalische Richtung nicht passt – und das Verwenden der englischen Sprache (Reden Sie gefälligst Deutsch! nicht: Könnte das bitte jemand übersetzen?) – nicht bereit waren, einfach den Saal zu verlassen, wie das hier in Stuttgart sowohl im Konzertsaal als auch in der Oper üblich ist, oder am Schluss aus voller Inbrunst zu buhen. Sie haben sich stattdessen aufgeführt wie kleine Kinder, denen der Papa oder die Mama nicht die Süßigkeit gekauft hat. Dann soll halt keiner Spaß haben. Das zeugt von schlechter Erziehung und nur im Nano-Bereich vorhandener Frustrationstoleranz. Wer viel im Kulturbereich unterwegs ist, kennt dieses Klientel aber schon länger: gutsituierte Rentner & Pensionäre, die aus der Tatsache, dass sie etwas bezahlt haben, ableiten, dass es nun aber absolut passgenau nach ihren Erwartungen gehen soll. Sie haben sich das ja schließlich alles selbst erarbeitet, nicht?!?! Leider wird in der Berichterstattung über den musikalischen Tumult nicht berichtet, wie engagiert sich der andere (größere) Teil des Publikums für die Musik ins Treffen geworfen hat. Eigentlich war das Ganze eine Werbung für die Kraft der Kunst, Leute anzupacken.

    Esfahani selbst sieht die Sache deswegen im Grunde positiv – und dass er und sein Instrument Mittelunkt eines ästehtischen Tumultes waren wie früher Strawinsky etc. hat ihm wohl ganz gut gefallen:
    „Some people are jerks;
    Some people have fear and express it through hostility;
    Some people are annoyed when they don’t understand something immediately off the bat, and therefore develop fear. See no. 2 in order to find out how that develops.
    For all the talk about fusty ‘old people’ keeping classical music back, the overwhelming support against yesterday’s detractors came from people from a variety of ages and backgrounds. So, I realised the truth of that funny rude proverb they say about what happens when you make assumptions.

    I’m also fairly sure that the harpsichord has never been in a situation which has inspired total order breaking down in a concert hall. For me, that’s indescribably awesome. If this instrument can inspire opinions, then we are on to something. Of course, I wish people would express themselves in more respectful ways, but who am I to judge? My brain hurts to think what would have transpired had I played something really new. –

    See more at: http://slippedisc.com/2016/02/noisy-dissent-disrupts-a-harpsichord-recital/#sthash.KPXJnQgk.7CrNzYSs.dpuf

  • Rolf Ahlers

    Sehe ich anders. Ich finde nicht, dass es ein Kennzeichen eines mündigen Publikums ist, gleich Laut zu geben, wenn ihnen irgendetwas an der dargebotenen Musik nicht passt.
    Ich bin auch nicht der Meinung, dass es die Pflicht des Konzertveranstalters, einen oder mehrere Übersetzer bereitzustellen, für den Fall, dass einer der Musiker gerne die Musik erläutern möchte, die das Publikum gerade nicht versteht.
    Das hat aber alles nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, die „in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist“.

  • Rokin

    „Mit Wutbürgertum und Fremdenfeindlichkeit hat das alles nichts zu tun.“ Die Fremdenfeindlichkeit erst mal außen vor – was war denn das Stören eines Konzertes anderes, als die eigene Wut über alle anderen Interessen zu stellen, verbunden mit Zerstörungslust? Hier ist durchaus eine direkte Verbindung zu letztlich unpolitischen „politischen“ Äußerungen von „Wutbürgern“ zu sehen.

    Und nein, wenn man ins Konzert geht, muss man nicht mit dem Risiko eines Eklats „rechnen“. Eine Konzertkarte ist kein Lottoschein – man muss nicht still hoffen, dass kein Idiot nebendran sitzt, dem irgendwas nicht gefällt. Sondern man kann das ein einem gebildeten Land fordern.

    Der Autor ist mir zu fatalistisch.

  • lolicon

    in kunst und wissenschaft ist es mittlerweile völlig üblich, die englische sprache zu verwenden. der künstler, für mich einer der bedeutensten unserer zeit auf seinem gebiet, kann davon ausgehen, dass gerade ein gebildeteres publikum dazu fähig ist. englisch ist auch für ihn eine fremdsprache und ich weiß nicht, ob er überhaupt deutsch spricht.
    das verhalten der zuschauer ist proletenhaft und hat in einem konzertsaal nichts zu tun. wer sich so aufführen will, sollte in ein schlagerkonzert gehen.

  • Jürgen Braatz

    Skandal in Köln! Die Abonnenten der Philharmonie wollten tatsächlich den Text verstehen, in denen ihnen ein Stück erklärt wurde! Konnten sie aber nicht, weil es auf Englisch erklärt wurde. Ja, wer in ein Konzert geht, hat gefälligst die Fachsprache der Musiktheorie auf Englisch zu verstehen! Wenn nicht, hat er sich still für seine Ignoranz zu schämen. Einself!! Und dann sind sie einfach gegangen! Ja wo gibts den sowas? Wer im Konzert ist, hat gefälligst sitzenzubleiben bis zum bitteren Ende!

    ( Disclaimer: Wir sind neulich auch aus einem Ballett mit minimalistischer Musik und minimalistischer Bewegung gegangen. Es war uns schlicht zu langweilig. Die Provokation von vor 30 Jahren war keine mehr.)

  • Mana

    Apparantly he used the microphone for the first time AFTER the performance was interrupted. It was not a usual introductory explanation of the piece. (Apologies for writing in English)

    • Mana

      Sorry I think I may be wrong, apologies again!

    • Rolf Ahlers

      You don’t have to apologise for your English.

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