Spielsucht: ein sträflich unterschätztes Phänomen

Immer mehr Spielsüchtige kreuzen seinen Weg. Speziell das Zocken in Online-Casinos ist gefährlich, sagt Kolumnist Henning Hirsch

Bild von Tomek auf Pixabay

Eine Sucht, die oft lautlos und für Außenstehende kaum bemerkbar daherkommt, ist das Glücksspiel. Dass man da Haus und Hof und Ferrari verzocken kann, weiß zwar jeder, der schon mal Dostojewskis „Der Spieler“ gelesen oder den Film „The Gambler“ mit Mark Wahlberg auf Amazon Prime gesehen hat; jedoch ist es für Dritte häufig schwer, die Poker- oder Einarmiger-Banditen-Leidenschaft eines Verwandten oder Bekannten zu erkennen, denn der Spieler ist ein Meister darin, seine Abhängigkeit zu verschleiern. Erst, wenn Haus und Hof tatsächlich verzockt sind, und der Ferrari (angeblich) seit 12 Monaten in der Reparaturwerkstatt steht, werden manche Freunde deshalb erstaunt fragen: „DU zockst? Und bist jetzt komplett blank? Warum hast du uns davon nie ein Sterbenswort gesagt?“

Weshalb schreibt der Hirsch jetzt über Glücksspielsucht, wollen Sie wissen? Gibt’s im Moment keine dringenderen Themen? Zockt der Hirsch etwa selber und sucht mittels Kolumne nach Sponsoren? Zuzutrauen wär’s ihm ja. Ich kann Sie beruhigen oder muss Sie enttäuschen (suchen Sie es sich aus): Nein, ich zocke nicht. Ich war in meinem bisherigen Leben insgesamt ein halbes Dutzend Mal in einem Spielcasino, habe in Kneipen und Spielhallen vielleicht zwei Dutzend Mal Geld in einen Automaten geworfen und saß 3x an einem (realen) Pokertisch. Ich hab‘ – lange ist’s her – ein paar Mal Skat um einen Pfennig (oder war’s ein Zehntelpfennig?) pro Punkt gespielt, mich in den 80-ern einige Monate in einer Kölner Zockerkneipe an den Backgammon-Würfeln probiert und habe hin und wieder einen Lotto- oder Totoschein ausgefüllt. Bei keinem dieser Versuche bin ich reich geworden, in 90 Prozent der Fälle verlor ich Geld, nichts davon hat mir einen richtigen Kick gegeben, nichts davon triggert mich. Am schwierigsten war es, vom Backgammon loszukommen, weil ich die Kellnerin, die uns die halbe Nacht mit Kaffee und Cola versorgte (keinen Alkohol beim Spielen trinken!), echt sexy fand. Aber als die hübsche Bedienung den Job wechselte, stand auch ich endgültig vom Zocker-Tisch auf. Seitdem habe ich nirgendwo mehr auch nur 1 müden Cent in ein Glücksspiel investiert.

Okay, dass Sie selber nicht zocken, haben wir nun verstanden, Herr Kolumnist. Weshalb schreiben Sie dann darüber: sind Ihnen die anderen Themen ausgegangen, ist Ihnen langweilig? Ich schreibe darüber, weil das Glücksspiel wie eine grob fahrlässig unterschätzte Pandemie auf dem Vormarsch ist, und ich in letzter Zeit immer mehr Gefährdete kennenlerne. Wobei das nicht ganz stimmt: Ich kenne diese Menschen schon seit einer halben Ewigkeit. Bloß war mir lange nicht bewusst, dass sie in diesem Ausmaß spielen. Bei einigen ahnte ich es, bei manchen blieb mir deren Sucht jedoch komplett verborgen. Um an dieser Stelle konkret zu werden: Wir reden von Menschen (überwiegend männlich), die JEDEN Tag mehrere Stunden in Spielhallen oder virtuellen Casinos abhängen. Oder beides abwechselnd tun. Die zwar noch nicht Haus & Hof verzockt haben, aber mitunter kurz davor stehen, weil sie ihre Kreditraten nicht mehr pünktlich begleichen können. Die jetzt beginnen, ihre Freunde anzupumpen, damit die Immobilie gerettet werden kann. Wenn das geborgte Geld tatsächlich für die Kreditrate verwendet wird, dann wär’s halbwegs okay. Nicht selten wird der Betrag allerdings sofort wieder auf den Online-Roulettetisch geschmissen, in der irrigen Annahme, dort in einer Kamikaze-Aktion binnen 1 Nacht alle Verluste wieder zurückzuholen. Am Ende ist das Haus – samt der darin lebenden Familie – tatsächlich futsch und man kann den Kumpel dann nur noch zur Schuldnerberatung und zum Gerichtsvollzieher chauffieren (weil sein eigenes Auto längst verpfändet ist). Ich hoffe, das reicht als Begründung für eine Glücksspielsucht-Kolumne erst mal aus.

Glücksspiel: ein paar Zahlen

Aber der Reihe nach: Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) analysiert im Jahresrhythmus das sogenannte pathologische (krankhafte) Glücksspiel und meldet für 2020 (letzter Erhebungszeitraum) folgende Zahlen: Auf dem legalen deutschen Glücksspielmarkt (alle Anbieter, sämtliche Angebote) wurden 38.3 Mrd. Euro umgesetzt. Der Löwenanteil mit knapp 50 Prozent entfiel hierbei auf die gewerblichen Geldspielautomaten. Auf den Plätzen rangieren: Lotto & Toto (20.7%), Spielbanken (16.4%) und Sportwetten (11.6%). Der Rest verteilt sich auf: Fernsehlotterie, Prämien- & Gewinnsparen, Klassenlotterie, Postcode-Lotterie sowie Pferdewetten. Hinzu kommt der nicht-regulierte Markt, der von Experten auf eine Größenordnung von 1.6 Mrd Euro Bruttospielertrag (Umsatz nach Abzug der ausgeschütteten Gewinne) geschätzt wird, was circa 6 bis 7 Milliarden an Spieleinsätzen entspricht. Illegale Glücksspielangebote findet man überwiegend online und hier in Form von: Sportwetten, Casinos, Poker und Zweitlotterien. Illegal bedeutet, dass diese Anbieter über keine deutsche Lizenz verfügen. Die Casinos – auch wenn das Angebot in deutscher Sprache präsentiert wird – befinden sich auf Malta, Zypern, Curacao oder in Gibraltar. Es gilt die Regel: egal, wie lukrativ die Ausschüttungsquote auch sein mag – ohne deutsche Lizenz ist das Angebot illegal.

2020 war ein Jahr rückläufiger Glücksspieleinsätze. Verursacht v.a. durch die COVID-19-Pandemie, weshalb speziell die stationären Betreiber von diesem Umsatzeinbruch betroffen waren. Als Konsequenz resultierte daraus eine Verschiebung der Anteile von 85 zu 15 (2019) auf 80 zu 20 (2020). D.h. jeder fünfte Spiel-Euro wandert mittlerweile auf die Tische der Online-Casinos. Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren verstärken. Die drei – aus Spielerperspektive – Haupttreiber der Entwicklung sind: Anonymität, Ubiquität (man kann überall und zu jeder Uhrzeit teilnehmen) und die (angeblich) höheren Gewinnchancen.

Die Online-Community wächst schnell

Die DHS führt jährliche Umfragen zum Thema „Glücksspiel“ durch: 2021 gaben knapp 30 Prozent der Befragten an, mindestens 1x/Jahr an einem Glücksspiel teilzunehmen. Circa 10% spielten mehrmals. Knapp 5 Prozent der Bevölkerung (Altersgruppe: 16 bis 70 Jahre) wetteten auf Sportereignisse, 2% spielten an Geldautomaten, weitere 2% beteiligten sich an Online-Casinospielen, 1.3% waren in Spielbanken aktiv.

Die DHS geht von 2.3 Prozent Betroffenen (gesamte deutsche Bevölkerung, im Altersintervall zwischen 16 und 70 Jahren) aus, bei denen eine akute Tendenz hin zu „Störung durch Glücksspiel“ besteht. Nochmals aufgeteilt in: leichte, mittlere Störung und schwere Störung. Nimmt man bloß die Spieler mit schwerer Störung in den Fokus, so beläuft sich bereits deren Anzahl auf rd. 300.000 (krankhafte) Zocker. Die mittelschweren Fälle dazu addiert, reden wir von 700.000 Menschen in unserem Land, die beständig mehr spielen, als es ihrer Psyche und ihrem Portemonnaie guttut. Und das sind nur diejenigen, die ihre Abhängigkeit offen zugeben. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Besonders besorgniserregend ist dabei der Umstand, dass sich der Online-Casinomarkt von 2019 auf 2020 mehr als verdoppelt hat. Experten prognostizieren alleine für Deutschland demnächst 10 Milliarden Euro Einsätze bei virtuellen Spielangeboten. Die Community der Online-Zocker wächst kontinuierlich. Auf den illegalen Plattformen wird Spielerselbstschutz klein geschrieben. Kaum ein ausländischer Betreiber hält sich an das 1.000-Euro-max.-Budget/Monat.

Warum zockt der Zocker?

Im Gegensatz zum Teamspiel (z.B. Basketball) spielt jeder Glücksspieler für sich alleine entweder gegen ein Gerät, einen Bildschirm, eine „Bank“ oder einen Automaten. Dabei baut sich eine kurzfristige, als positiv empfundene Spannung auf (die Erwartung auf den möglichen Gewinn), die sich nach einigen Sekunden jedoch schon wieder verflüchtigt. Um das Gefühl rasch zu wiederholen, wird sofort neues Geld gesetzt. Und zwar so lange, bis entweder die Taschen leer sind oder die Kreditkarte am Limit angelangt ist. Den Suchtfaktor stellt dabei gar nicht der Gewinn dar (der oft sofort „reinvestiert“ wird), sondern das Risiko der unsicheren Erwartung verleiht dem Zocker den eigentlichen (Dopamin-) Kick. Sobald dieses Glücksgefühl häufig gesucht wird und das Zocken – sowie die dafür notwendige Mittelbeschaffung – den Tagesablauf bestimmen, spricht man von Sucht.

Etwas vereinfacht zusammengefasst – pathologisches Spielen erkennt man an diesen vier Faktoren:
1. Ich kann mit dem Spielen erst aufhören, sobald ich kein Geld mehr habe
2. Verlieren empfinde ich als persönliche Niederlage, die ich (schnell) wettmachen möchte
3. Ich denke oft ans Glücksspielen und empfinde einen inneren Spieldrang
4. Zur Geldbeschaffung habe ich schon andere Menschen belogen und betrogen (und evtl. bestohlen).

Wer ist besonders gefährdet?

Generell gilt: es spielen mehr (v.a. junge) Männer als Frauen. Wobei Anzahl und prozentualer Anteil der spielenden Frauen – begünstigt durch die Anonymität der Online-Angebote – ständig zunehmen.

Wie bei jeder Sucht stellt die Sozialisation im Elternhaus einen wichtigen Faktor dar. Wenn bereits die Eltern (krankhaft) spielen, dann sind die Nachkömmlinge in der Konsequenz stärker gefährdet als Kinder, die in nicht-zockender Umgebung aufwachsen. Die zweite Gruppe, die anfällig ist, zeichnet sich durch eine Gemütsverfassung aus, die von ständiger nervöser Anspannung im Verein mit geringem Selbstwertgefühl dominiert wird. Das innere Erleben durch ein entgegengesetztes Auftreten zu kompensieren, zehrt an den Kräften. Am Spielautomat/-tisch fällt all das vom Süchtigen ab; hier kann er seine Unruhe abreagieren und ist vollständig konzentriert auf das Geschehen, das seine ganze Aufmerksamkeit beansprucht. Das Gegenüber ist neutral, und nicht am Spieler als Person interessiert, ihm muss nichts vorgegaukelt werden. Dafür spielt das Gegenüber allerdings dem Süchtigen was vor: nämlich eine faire Chance auf einen schnellen Gewinn.

Am Ende hilft nur Abstinenz

Der erfahrene Spieler ist sich seiner geringen Chance, die er gegen das Gerät/die „Bank“ besitzt, zwar durchaus bewusst; dennoch gibt er sich der Illusion hin, dass er den Automaten austricksen kann und alles unter Kontrolle hat. Wer es nicht schafft, selbständig loszulassen oder sich rechtzeitig in eine Therapie zu begeben, dem drohen finanzieller Ruin, Verlust sämtlicher freundschaftlicher und familiärer Kontakte, im Extremfall sogar soziale Verwahrlosung und gesundheitliche Probleme. Nicht wenige Zocker müssen, um überhaupt noch schlafen zu können oder zwischendurch ein paar Stunden Ruhe zu finden, sich mit Alkohol u/o Tranquilizern betäuben. Pathologisches Spielen begünstigt definitiv den Substanzmissbrauch, sodass Zocker oft von zwei Dingen „entgiften“ müssen: der Droge (Alkohol, Tabletten, Kokain etc.) und ihrer fatalen Spielleidenschaft. Wie bei jeder Suchterkrankung gilt auch fürs Zocken die eiserne Regel: Heilung kann nur derjenige erfahren, der dauerhaft abstinent bleibt i.S.v. Investiert nie mehr 1 Cent in ein Glücksspiel. Andernfalls droht sofort der Rückfall.

An dieser Stelle stoppe ich erst mal. In Teil 2 werden wir uns mit der Frage „Welche Spielformen sind besonders suchtgefährdend? (also das Crack unter den Amphetaminen)“ beschäftigen. Für heute wollen wir festhalten:
▪ Die Zockerei geschieht häufig im Verborgenen
▪ Das Spiel verlagert sich konsequent in die Online-Casinos
▪ Die virtuellen Plätze sind sehr viel schwerer zu kontrollieren als die stationären Betreiber
▪ Anonymität & Ubiquität des Online-Angebots verleiten immer mehr Menschen dazu, hohe Beträge im Internet zu riskieren
▪ Die Anzahl pathologischer Spieler steigt beständig.
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Weiterführende Literatur:
/ DHS: Jahrbuch Sucht 22 (hier das Kapitel „Glücksspiel – Zahlen und Fakten“)
/ DHS: Pathologisches Glücksspielen (Suchtmedizinische Reihe, Band 6)
/ Schneider, Ralf: Die Suchtfibel, 21. Aufl. (Kap, „Wie wird jemand zum problematischen Spieler?“)

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von ihm lesen möchte: www.saufdruck.de

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