Sprach-Spiele statt Gendern

Um so zu sprechen, dass sich niemand verletzt oder diskriminiert fühlt, helfen vermutlich keine künstlichen Konstruktionen, sondern ein schöpferisch-spielerischer Umgang mit den Möglichkeiten unsere schönen und vielfältigen Sprache.

A Scene At The Stairs Foto: Isengardt. Lizenz CC BY 2.0

Es gibt ein weit verbreitetes Unbehagen hinsichtlich der bewussten Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache. Dieses Unbehagen zeigt sich schon im Wort „gendern“. „Gendern“ – das klingt gleichermaßen unfreundlich wie umständlich, es klingt nicht gerade nach einer schönen, gefühlvollen Sprache, nicht nach Poesie und Leichtigkeit, sondern nach Vorschrift und Schwerfälligkeit.

Vielleicht sollten wir damit beginnen, auf das Wort „Gendern“ zu verzichten. Und statt zu diskutieren, ob der Doppelpunkt im Wort nun nach irgendwelchen technischen oder gar wissenschaftlichen Kriterien der Gerechtigkeit näher kommt als das Binnen-I, sollten wir uns vor allem vergegenwärtigen, welches Anliegen mit der ganzen Diskussion um diese Hilfskonstruktionen eigentlich verfolgt wurde.

Es geht um eine bessere, eine angemessenere Sprache. Es geht darum, alle gleichermaßen in der Sprache einzubeziehen, die auch gemeint sind. Es geht um eine freundliche, angenehme, eine schöne Sache. Das gesprochene Wort soll in den Köpfen Bilder erzeugen, Assoziationen auslösen und Impulse schaffen, die unserer Lebensrealität oder vielleicht auch nur unseren Wunschvorstellungen entsprechen. In einer solchen Welt erzählt mir jemand von einem Gespräch einer Leitungskraft mit einer Pflegekraft und in dem Bild, das in meinem Kopf entsteht, hat die Leitungskraft langes lockiges Haar und die Pflegekraft brummt mit einer Bassstimme.

Normalerweise achten wir auch darauf, wie wir sprechen. Wir kennen die Situationen, in denen wir die Worte mit Bedacht wählen. Wir haben schon in der Schule gelernt, dass wir mit Gleichaltrigen anders reden als mit Erwachsenen, und es fällt uns zumeist nicht schwer, so zu sprechen, dass niemand verletzt, verärgert, zurückgesetzt oder gekränkt werden kann.

Wer älter ist, macht irgendwann auch die Erfahrung, dass die eigene Art zu sprechen altmodisch wirkt – sie passt einfach nicht mehr so richtig auf die Dinge und Ereignisse der Gegenwart. Das alte, gewohnte Wort ruft Assoziationen aus vergangenen Zeiten hervor, die eigentlich nicht zu dem passen, was man in der Gegenwart benennen will. Es ist dann selbstverständlich, dass man sich neue Sprechweisen angewöhnt. Das ist manchmal anstrengend und manchmal wirkt es unbeholfen. Aber das liegt vor allem daran, dass man eine Weile aus der Übung gekommen ist, sich mit den Veränderungen der Zeiten mit zu verändern.

Die meisten Menschen haben also Übung darin, sich selbst sozusagen kritisch zuzuhören und bewusst neue Formulierungen und Begriffe aufzunehmen, wenn die alten nicht mehr passen.

Um nichts anderes geht es bei der geschlechtergerechten Sprache. Wer sich selbst beim Sprechen und beim Zuhören beobachtet, bemerkt schnell, dass bestimmte gewohnte Begriffe althergebrachte Vorstellungen von der Welt transportieren, die eigentlich niemand mehr will und die längst überholt sind. Dann hört man genauer hin und überlegt, wie man sprechen könnte, um den Zeiten und dem, was man selbst eigentlich sagen will, gerecht zu werden.

Dabei helfen vermutlich keine künstlichen Konstruktionen, sondern ein schöpferisch-spielerischer Umgang mit den Möglichkeiten unsere schönen und vielfältigen Sprache. In dieser Sprache gibt es Leute und Kräfte und Personen, da gibt es Zuhörende und Mitlesende, da kann man mal eine weiblich und mal eine männliche Form benutzen, am besten so, dass die Verwendung ein wenig überraschend klingt. Auf diese Weise macht Sprechen Spaß und wird nicht zur frustrierenden Gender-Pflicht, die immer ein bisschen zu angestrengt wirkt. Das Sprach-Spiel, welches wir täglich spielen, lässt sich auf diese Weise am besten modernisieren.

Jörg Phil Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Phil Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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