So sollten Lyrikübersetzungen immer präsentiert werden!

„So Träume und verschwinde ich“ zeigt, wie Lyrik in Übersetzung aufbereitet werden soll, findet Literaturkolumnist Sören Heim.


Übersetzerinnen von Gedichten haben es schwer. Leser übersetzter Gedichte oft noch mehr. Denn weit verbreitet scheint die Vorstellung zu sein, dass wenn Gedichte sich doch sowieso nicht übersetzen lassen, man in erster Linie den „Inhalt“ möglichst originalgetreu rüberbringen müsse. Aber meine Güte, was im Gedicht trägt denn mehr sogenannten Inhalt als die Form?

Schön, dass Nursel Gülenaz und Angelika Overath, die mit dem kleinen Gedichtband So Träume und verschwinde ich türkische Liebesgedichte von Edip Cansever, Cemal Süreya und Turgut Uyar ins Deutsche gebracht haben, das ähnlich zu sehen scheinen. Ihren Übertragungen der Texte der drei in den 50er Jahren berühmt gewordenen Dichter der sogenannten „zweiten Neuen“ (Ikinci Yeni) haben sie die Idee Marguerite Duras‘ vorangestellt, die schlimmsten Übersetzungsfehler seien musikalische. “Wir glauben, die Übersetzung eines Gedichtes sollte ein Gedicht sein”, schreiben Sie.

Die poetische, transparente Übersetzung

Und genauso ist es! Ein großes Kunstwerk in einer anderen Sprache ist nur annähernd adäquat übersetzt, steht am Ende auch ein großes Kunstwerk in der Zielsprache. Die Schwierigkeiten dabei und die Gewalt, die dem Original ohne Zweifel angetan werden muss, macht man transparent, indem man zumindest allgemein die Prinzipien angibt, nach denen übertragen wird und jene Qualitäten der Ausgangssprache, die der Zielsprache möglicherweise fehlen. Auch darüber sprechen Gülenaz und Overath, indem sie etwa auf die klanglichen Besonderheiten der türkischen Vokalharmonie hinweisen, das Fehlen bestimmter Artikel und überhaupt die besondere Neigung des Türkischen als agglutinierende Sprache Worte durch das Anhängen von Zeit, Besitz, Fall usw zusammenzuziehen. Fragmente, die dann, was einen harmonischen Wohlklang zu erzielen erleichtert, sich aufgrund der Vokalharmonie zwingend assonant an den Stamm anfügen.

Und als sei das nicht genug, wurde der Gedichtband auch durchgängig zweisprachig angelegt. Was die Konzeption betrifft, ist So Träume und verschwinde ich also durchaus mit Recht als perfekter Gedichtband zu bezeichnen. Denn auch, wer des Türkischen nicht mächtig ist, braucht zur Lektüre eigentlich zwingend diese Zweisprachigkeit. Ausspracheregeln sind schnell gelernt, und ein Gedicht muss von der klanglichen Seite her ja doch über die Originalsprache nachvollzogen werden. Wenigstens einen Klang sollte man versuchen ins Ohr zu bekommen.

Die Unterschiede zwischen denen doch bei aller Mühe recht typisch modern deutsch klingenden Versen (also ohne Reim, ohne stärkere Assonanzen, eher deskriptiv) und dem türkischen Original sind nunmal noch immer himmelweit. Hier der Schluss von „Seni Günlere Böldüm“ (Ich habe dich in Tage geteilt):

Dün akşama doğru turuncu bir bulut geçti
Sonra bütün bulutlar hep birden geçti
Anılar, anılar, belki hepsi bir kelime.

Gestern gegen Abend ist eine orangenfarbene Wolke vorbeigezogen
Danach sind alle Wolken zusammen vorbeigezogen
Erinnerungen, Erinnerungen, vielleicht sind alle ein Wort.

Empfehlenswert ist es auch immer, sich Werke im Original anzuhören, auch wenn man die Sprache nicht versteht. Die Krone der Lyrikübersetzung erringt, wer wie Zong-Qi Zai solche Hörbeispiele gleich mitliefert. Aber in diesem Fall hilft Youtube:

Die drei übersetzen Dichter selbst gelten als zentrale Akteure einer Modernisierung der türkischen Sprache sowie auch dessen, worüber Gedichte reden können bzw. dürfen. Liebe und Erotik, aber auch Urbanität, sind relativ unverstellt Thema, was wiederum dazu geführt hat, dass sich neuere türkische Protestbewegungen auf diese Texte und deren Autoren beziehen. Im Vorwort gibt es darüber mehr zu lesen. Man sieht hier einmal wieder, dass Texte politisch sein können; ja vielleicht nur politisch sein in dem Sinne, dass sie tatsächlich Menschen bewegen, ihr Denken und Fühlen neu zu befragen und zu verändern, wenn sie nicht, oder zumindest an der Oberfläche nicht, im parteiischen Sinne politisch sind. Wenn Sie es schaffen, etwas Allgemeines zu greifen, woran auch die anschließen können, die keine Lust haben, gepredigt zu bekommen.

Angebetete ohne Profil

Thematisch fiele mir als Vergleich am ehesten die persische Dichterin Forruch Farrochsad ein, die in ähnlicher Weise ihr ganz persönliches Fühlen mit den Zwängen der Zeit und den Veränderungen der Lage im Land und der Weltlage verknüpft.

Allerdings muss ich auch gleich einschränken: Farrochsad gelingt das so viel subtiler, so viel vielschichtiger auch als den in So Träume und verschwinde ich versammelten Gedichten. Die faszinieren zwar hier und da durch sehr bildhaftes Sprechen und die Kombination unerwarteter Metaphern, doch ist keines dabei, das mich so wirklich ergreift. Mag sein, weil die Geliebten, die besungen werden, am Ende eben vor allem das sind: Geliebte. Ohne Profil, ohne große andere denn körperliche Besonderheiten, die gepriesen werden. Damit werden schließlich auch die Liebenden und die Liebe selbst flacher. Wer fließend Türkisch spricht, findet vielleicht im Klangerlebnis genug, um über diese Schwäche hinweg zu trösten, die ja historisch betrachtet vielleicht auch gar keine Schwäche ist: Denn anscheinend musste das Dichten über Liebe von diesen Dichtern ja überhaupt erst in Richtung Moderne aufgebrochen werden.

Am stärksten herausragen „Günlerden“ (Von den Tagen) von Censever und „Göğe Bakma Durağı“ (Haltestelle Himmelsschau) von Uyar.

Wer darüber nachdenkt, diesen Band anzuschaffen oder vielleicht auch zu verschenken (denn in dem schicken Westentaschenformat ist es natürlich auch ein wunderschönes Geschenk), sollte vielleicht diese beiden Texte einfach einmal anlesen, und sich dann entscheiden.

In jedem Fall: Es wäre wünschenswert, dass mehr Verlage dem Beispiel folgen und nicht nur für Schule und Universität relevante Autorinnen und Autoren im Bereich der Lyrik generell zweisprachig herausgeben. Jedes große Gedicht ist in sich so bedeutend, dass man nicht hunderte davon versammeln muss. Lieber halbiert man die Masse und gewinnt durch eine zweisprachige Ausgabe so unglaublich viel an Qualität.

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Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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