Lisa Eckhart – und?

Seit ein paar Tagen schlägt ein zwei Jahre alter Auftritt der Kabarettistin Lisa Eckhart hohe Wellen. Es wird ihr alles Mögliche und vor allem ein gefährlicher Umgang mit Antisemitismus vorgeworfen. Warum eigentlich? Eine Kolumne von Heinrich Schmitz


Bild von Harald Matern auf Pixabay

Kolumnen sind reine Meinungsbeiträge. Keine wissenschaftlichen Abhandlungen. Keine verbindlichen Urteile. Keine Gutachten. Nichts, was Anspruch auf Wahrheit in Anspruch nehmen könnte oder auch nur wollte. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass unterschiedliche Kolumnisten ganz unterschiedliche Meinungen haben. Kolumnen sind subjektiv, jeder Kolumnist steht für sich, auch wenn DieKolumnisten ihre Texte auf einer gemeinsamen Plattform veröffentlichen. Ich wollte erst publizieren schreiben, aber das klingt mir zu geschwollen. Mögen andere sich Publizist*in nennen, ich lass das lieber.

Henning Hirsch nahm als Erster der Kolumnisten den Eckhart-Ball auf und dribbelte elegant um den heißen Brei herum, indem er Argumente derjenigen, die anderer Meinung sind als er, gleich locker im Plauderton abarbeitete, ohne aber die Kernfrage beantworten zu wollen, ob denn nun Lisa Eckhart eine Antisemitin ist oder antisemitische Gedanken fördert.

Das ist aber der Punkt, um den es geht. Erst wenn dieser Punkt positiv geklärt ist, man also feststellen könnte, dass sie eine Antisemitin wäre oder mit Antisemitismus ihre Brötchen verdient, dann kämen andere Fragen dran.

Nun kann man es sich so einfach machen wie Dieter Nuhr und behaupten:

Wer Lisa Eckhart Antisemitismus vorwirft, muss entweder geistesgestört sein oder böswillig

aber das wäre genau sowenig ein Beweis dafür, dass sie keine Antisemitin ist, wie die Tatsache, dass diese Aussage ausgerechnet von Dieter Nuhr kommt, das Gegenteil beweist. Auch ein Nuhr kann einmal recht haben.

Auf der Suche nach Beweisen, die einen Anfangsverdacht der antisemitischen Haltung bestärken könnten, landet man immer wieder bei demselben Auftritt bei den Mitternachtsspitzen. Bitte vollständig sehen, bevor Sie weiterlesen.

Ja. Da wimmelt es von Tabubrüchen. Ja. Da werden antisemitische Vorurteile zelebriert. Ja. Da werden rassistische Vorurteile zelebriert. Ja, da werden homophobe Vorurteile zelebriert. Ja, ja, ja. Und ja, da wird die political correctness mit langen scharfen Fingernägeln hart an den Eiern gepackt.

Aber, das ist weder antisemitisch, noch rassistisch, noch homophob. Mag sein, dass manche das denken, mag sein, das manche das auch denken wollen, weil sie sich irgendwo ertappt fühlen. Wenn man den gesprochenen Text nur liest, ist das sogar verständlich. Und da scheint mir ein ganz wesentliches Problem im Umgang mit Lisa Eckhart zu bestehen. Es ist kein geschriebener Text. Es ist auch kein vorgelesener Text. Es ist ein kleiner Teil einer Performance einer Kabarettistin, den man nur im Gesamtzusammenhang wahrnehmen sollte.

Unmittelbarkeit der Beweisaufnahme

In der Strafprozessordnung gibt es den Grundsatz der Unmittelbarkeit der Hauptverhandlung, insbesondere der Beweisaufnahme. Ein Zeuge ist live und in Farbe zu vernehmen. Es reicht nicht, wenn er eine geschriebene Aussage an das Gericht schickt oder einen Schauspieler, der nur seinen Text aufsagt. Das Gericht und natürlich auch der Verteidiger will das, was er sagt, aus seinem Mund hören, es will ihn sehen, womöglich riechen. Denn eine Aussage besteht eben nicht nur aus dem Gesagten, sondern auch aus den nonverbalen Signalen. Es kommt auf den Tonfall an, auf Gesten und die Mimik, ein Zungenschnalzen, ein Hochziehen der Augenbraue und manch anderes, was den Richter dazu bringt, einem Zeugen zu glauben oder an ihm zu zweifeln.

Ein kleines Beispiel: Ein Beschuldigter, der hacke-dicht war, wurde – obwohl das eigentlich nicht zulässig ist – über Stunden hinweg vernommen. Ihm wurde nahegelegt, doch „endlich“ zu gestehen, sein “Gewissen zu erleichtern“, nicht weiter zu leugnen, das Opfer erstochen zu haben. Obwohl er nur noch schlafen wollte, wurde die Vernehmung nicht unterbrochen. Irgendwann sagt er dann, „Na wenn Sie das meinen, dann werde ich den wohl erstochen haben“. Die Vernehmungsbeamten meinten, sie hätten ein Geständnis. Sie waren allerdings die einzigen, die das meinten, denn diese sarkastische Äußerung des Beschuldigten, war obwohl der protokollierte Wortlaut etwas anderes vermuten ließ, alles andere als ein solches.

Nicht anders ist es mit Kabarettisten. Klar, spielt bei ihnen auch der Text eine wichtige Rolle, entscheidend ist aber der gesamte Auftritt. Es ist schon falsch, – wie geschehen – sich nur eine Passage aus einem Programm herauszupicken, aber geschenkt. Das macht man halt heute so, wenn man jemanden verbal schlachten oder im übertragenden Sinn auf den Scheiterhaufen zerren will. Nur wenn man das tut, dann sollte man sich wenigstens die Mühe machen und genau zuzuhören.

Opfer vs Opfer

Was in diesem Schnipsel, der die Antisemitenjäger nun zwei Jahre später und nicht etwa damals in helle Freude versetzt, tatsächlich wunderbar herausgekitzelt wird, ist das Dilemma derjenigen, die alle Juden für grundsätzlich immer ganz tolle Menschen, alle Schwarzen, alle Flüchtlinge und alle Frauen für immer nur bedauernswerte Opfer halten, die ihres immerwährenden Schutzes bedürfen, die nie und nimmer etwas Böses tun, ja nicht einmal tun könnten. Wäre man oberflächlich, könnte man die als Linke bezeichnen, aber wir sind ja nicht oberflächlich.  Und wenn sich nun herausstellt, dass auch ein Jude, ein Schwarzer, ein Flüchtling, ein Schwuler ein Verbrechen begehen kann, dann führt das genau zu dem, was Lisa Eckhart „BSE bei der heiligen Kuh“ nennt. Es hilft weder den Juden, noch den Schwarzen, den Flüchtlingen, den Schwulen, noch den Frauen, so zu tun, als seien sie anormalerweise per se besser als der Rest der Menschheit. Auch das ist eine Form von gedrehtem Antisemitismus, Rassismus, Fremden-, Frauenhass und Homophobie, wenn denjenigen wieder einmal aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe bestimmte  Eigenschaften zugeschrieben werden, die in diesem Fall ausschließlich positiv sind.

Dass es auch jüdische, schwarze, fremde, weibliche und schwule Verbrecher gibt, ist genau so wenig ein Geheimnis, wie die Verbrechen, die innerhalb der Kirchen begangen werden. Das bei Tätern, die Priester sind, zu benennen, ist allerdings kein Tabu; warum sollte es das dann bei anderen Tätern eines sein? Alleine dafür, dass Lisa Eckhart dieses Dilemma, wenn ein Opfer per Gruppenzugehörigkeit ein anderes Opfer per Gruppenzugehörigkeit verletzt, so schön herausgearbeitet und damit bestimmte positive Vorurteile erschüttert hat, könnte ich sie knutschen – was sie sich natürlich verbitten würde, da sie nicht aus ihrer exaltierten Rolle fällt.

Aus der Rolle fallen

Ja, Lisa Eckhart fällt nur selten und nur für Sekundenbruchteile aus ihrer selbstgewählten Rolle, der ätzend arroganten, selbstverliebten, unmoralischen, starken, geilen Frau. Mag sein, dass das alleine den ein oder anderen Mann schon abschreckt. Ich mag gerade das Ätzende an ihr, mit dem sie die Verkaufslackierung von der scheinbar korrekten politischen Haltung ihrer Mitbürger und vor allem ihres Publikums abkratzt. Leute an- und abzuätzen, von denen man lebt, ist bei weitem mutiger, als auf denen herumzuhacken, die eh keiner mag. Wenn sie das hohe Ross zum Pony schrumpft, hilft das auch und gerade denen, denen sie Kopfzerbrechen macht. Das hält aber offenbar nicht jeder aus.

In einem Interview mit dem Standard macht sie deutlich, warum sie es sich nicht so einfach macht, wie viele Kabarettisten:

Eckhart: Es gibt sehr viele Künstler, die sich mit dem rechten politischen Spektrum beschäftigen, was gut und notwendig ist, wo der Markt aber auch gedeckt ist. Ich möchte deshalb lieber bei denen, bei denen ich davon ausgehe, dass sie wie ich keine Unmenschen sind, schauen, in welche moralischen Dilemmata sie sich verstricken. Und die sind vielseitig. Etwa das hohe Ross, dass wir sittlich überlegen seien. Das mag stimmen, wenn man sich den Duktus mancher Rechten anschaut, nur, sich darauf auszurasten kann es nicht sein. Die Überzeugung, der bessere Mensch zu sein, ist immer riskant. Sich zu hinterfragen, wo werde ich fundamentalistisch in meinen guten Absichten, hat aber noch niemandem geschadet.

Lisa Eckhart erzählt keine Witze. Wer das behauptet, hat Fips Asmussen nicht gesehen. Lisa Eckhart macht literarisches Kabarett. Wenn Henning Hirsch meint, das sei Comedy oder sie in einem FB-Kommentar gar mit Asmussen vergleicht, dann verwechselt er da was oder er hat ihr Programm gar nicht gesehen. Hier geht es gerade nicht darum, mit irgendwelchen selbst geschriebenen oder geklauten Witzen das Publikum zu erheitern und Lachorgien auszulösen. Wer Schenkel klopfen will, soll sich bei Mario Barth amüsieren. Hier geht es um das Aufdröseln von Widersprüchen auch und gerade innerhalb derjenigen, die sich stets auf der richtigen Seite wähnen. Den Fundamentalismus der guten Absicht vorzuführen, ist bei Lisa Eckhart  Programm. Durchaus provozierend, schon durch die affektierte Rolle der manierierten Bühnenfigur, die es an zur Schau getragener Arroganz wohl selbst mit einem Falco aufgenommen hätte.

Das ist Kunst und Kunst muss nicht gefallen, muss nicht politisch korrekt sein, muss stören, muss wehtun, muss reizen. Und sei es auch nur zum Nachdenken oder zum Widerspruch. Und den gibt‘s ja nun reichlich. Vermutlich für mich gleich mit.

Lisa Eckhart ist nichts für einfaches Vergnügen. Aber auf einer Party will ich auch keinen Stockhausen

hören. Das bedeutet aber nun nicht, dass Stockhausen keine großartige Musik geschrieben hätte, die man außerhalb einer Party durchaus hören sollte. Es mag ja auch sein, dass es Menschen gibt, die Stockhausen nicht für einen großen Musiker und Lisa Eckhart nicht für eine großartige Künstlerin halten. Das ist okay. Man muss nicht alles verstehen und vor Allem, man muss nicht alles mögen. Man muss aber auch nicht alles schlecht machen, nur weil man es nicht versteht oder weil man es nicht mag. Und man muss nicht zwingend unlautere Motive unterstellen, wenn einem ein Künstler nicht gefällt.

Es ist eben ein Unterschied, wenn Fürstin Gloria von Thurn und Taxis sagt: „Der Schwarze schnackselt gerne“. Dann ist das blanker ungeschminkter Rassismus, ernst gemeint, auch wenn das mit einem charmanten Lächeln verkauft wird. Denn, auch wenn man es nicht glauben mag, die meint es so, dass Afrika Probleme mit Aids hat, weil „der Schwarze“ so gern schnackselt. Da spricht keine Kunstfigur, das ist keine Performance der Fürstin in der Rolle einer kabarettistischen Klosterschwester, das ist der offen geäußerte Alltagsrassismus einer erzkatholischen Trulla (Anzeigen sind zwecklos, ich habe gerade erst ein Verfahren beim OLG Köln gewonnen, in dem die Staatsanwaltschaft ernsthaft meinte, „Trulla“ sei eine Formalbeleidigung und Schmähkritik. Isses nich, ischwör), die allen Schwarzen eine bestimmte Eigenschaft zuschreibt.

So etwas werden Sie bei der Kunstfigur Lisa Eckhart nicht finden. Und dass die Privatperson derartiges denken könnte, scheint mir absurd. Bis vor ein paar Tagen hat Lisa Eckhart sich überhaupt nicht zu diesem Vorwurf geäußert und ja, ich hätte mir gewünscht, dass sie es auch nun nicht tut, weil es nicht in ihrem Interesse liegen kann, ihre Kunstfigur zu entzaubern.

Wer nichts Böses getan hat, muss sich nicht verteidigen, wenn ihm Böses vorgeworfen wird. Es gibt keine Pflicht sich zu verteidigen. Das gilt im Strafrecht wie auch im Alltag. Teile des Publikums und der Medien sehen das gerne anders. Die bilden sich ein, sie hätten einen Anspruch darauf, dass man sich als Künstler erklärt. Dabei sollte ein Künstler dies tunlichst unterlassen und nur durch seine Kunst sprechen. Ein Kunstwerk zu erklären, entwertet es, denn das Kunstwerk ist, wenn es einmal in der Welt ist, nicht mehr im alleinigen Interpretationsbereich des Künstlers, auch wenn der Künstler hier selbst nicht unerheblicher Teil des Kunstwerke geworden ist. Gerade das macht den Reiz von Kunst aus. Jeder mag etwas anderes erkennen, jeder sich etwas anderes dabei denken. Aber das passiert dann im Kopf des Kunstkonsumenten. Witzig, wenn man dann seine üblen Gedanken über das , was der Künstler geschaffen hat, dem Künstler vorwirft, statt sich mal zu hinterfragen, warum man selbst so etwas meint, und ob es nicht auch ganz anders gemeint sein könnte.

Dicke Titten Kartoffelsalat

Ja, David Bowie steckte in Ziggy Stardust, aber er war es nicht. Matthias Distel – kennen Sie nicht? Gucken Sie mal Promi-Big-Brother – steckt in Ikke Hüftgold, aber dieser dumme Saufdepp ist eben nicht der, für den ihn die Mittelfinger hochhaltenden Ballermänner halten,

sondern ein Satireprojekt Distels, dass sich irgendwie verselbständigt hat und nun den Saufkumpanen erfolgreich die Kohle aus der Tasche zieht. Auch das ganz wunderbar.

Nothing is real and nothing to get hung about

Wenn nun aber alleweil eine Künstlerin verdächtigt wird, antisemitischen Umtrieben Zucker zu geben oder selbst Antisemitin zu sein, dann ist es verständlich, dass sie einmal kurz aus der Rolle tritt, um der Absurdität dieses Vorwurfs Ausdruck zu geben. So sagte Sie in einem Interview mit dem NDR:

Was soll man da sagen. Wissen Sie, es gibt nichts Lächerlicheres als einen Unschuldigen, der krampfhaft versucht unschuldig zu wirken. Deswegen auf so etwas einzugehen, wäre schon höchst dubios. Das ist etwas, dem ich mit großer Verwunderung zuschaue, aber mir fehlt da ehrlich gesagt der Anknüpfungspunkt bei diesem – wie ich doch unterstelle – sehr boshaften Missverstehen.

Ganz wunderbar dann ihre Reaktion gleich auf die nächste Frage:

Aber fühlen Sie auch ein bisschen Verständnis für die Kritik, die Ihnen entgegenschlägt?

Eckhart: Ich habe sie mir anfangs natürlich schon zu Herzen genommen, bin es dann alles selbstkritisch durchgegangen. Aber man muss auch mal zugeben können, wenn man recht hat – und den Eindruck hatte ich.

Ja, Lisa Eckhart, den Eindruck habe ich auch.

Living is easy with eyes closed
Misunderstanding all you see
It’s getting hard to be someone
But it all works out
It doesn’t matter much to me

 

Im Pressetext zu dem Programm „Die Vorteile des Lasters“ schreibt Lisa Eckhart:

Wie widersetzt man sich der Spaßgesellschaft ohne den eigenen Spaß einzubüßen? Wie empört man seine Umwelt ohne als nstler verleumdet zu werden? Wie verweigert man sich dem Konsumerismus ohne auf irgendetwas zu verzichten? Wie verachtet man die Unterhaltungsindustrie ohne Adorno schmeichelnd ans Gemächt zu fassen? Wie wird man zum Ketzer einer säkularisierten Welt?

Darum geht’s und sie zeigt, wie es geht, auch wenn das mit der Verleumdung nun munter versucht wird. Es wird ihr nicht schaden.

P.S.: Der Vorwurf, es gehe Lisa Eckhart mit den Tabubrüchen um Aufmerksamkeit, ist spaßig. Wem, der davon lebt, dass die Öffentlichkeit ihn ernährt, geht es denn nicht um Aufmerksamkeit? Und um was geht es all den Kommentatoren, Feuilletonisten, Kolumnisten? Na klar, ausschließlich um die Sache.

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Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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