Antisemitismus auf der Bühne als Geschäftsmodell?

Warum Nicht-Juden keine Judenwitze erzählen sollten, erzählt uns heute Henning Hirsch

Bild von Michael Schwarzenberger auf pixabay

„Wer Lisa Eckhart Antisemitismus vorwirft, muss entweder geistesgestört sein oder böswillig“, twittert der dauertwitternde Dieter Nuhr.

Und obwohl mir Dieter Nuhr noch egaler ist als die tägliche Kijimea-Werbung vor der Tagesschau bzw. ich beide vom Nervtöt-Niveau her auf demselben Level ansiedele, will ich an dieser Stelle ein paar Überlegungen einbringen. ‚Der Hirsch und denken: wie soll das zusammengehen?‘, wird der ein oder andere Leser jetzt sagen. Also zu seiner Frau am Frühstückstisch sagen, weil mir kann er es ja nicht persönlich sagen, denn ich sitze alleine an meinem Schreibtisch und das Telefon ist auf stumm geschaltet. Okay, ich versuch’s.

Ich möchte der Klarheit halber vorausschicken, dass ich mir aus Comedy nicht allzu viel mache. Weder aus politischer noch aus ballermann-artiger. Früher, in der Zeit als es bloß drei Fernsehsender gab, schaute mein Vater gerne Notizen aus der Provinz, ein Format mit Dieter Hildebrandt, das in die Comedy-Richtung ging. Mein Vater schaute es gerne, um sich über den Linken Hildebrandt aufzuregen – denn mein Vater liebte es, sich über linke Politik aufzuregen –, und ich schaute es, weil gerade nichts anderes im Fernsehen lief, und ich um diese Uhrzeit nicht mehr mit Freunden telefonieren durfte. Also schaute ich Notizen aus der Provinz und auch noch ein paar andere Sendungen, die ähnlich waren wie Notizen aus der Provinz, deren Namen ich jedoch vergessen habe, und wurde dadurch mittels der in den 70er Jahren marktüblichen Satire sozialisiert. Für meinen Vater waren die damaligen Comedians – die sich selbst natürlich nie so bezeichnet hätten, denn den Begriff kannte vor 50 Jahren außer ein paar polyglotten Weltenbummlern niemand bei uns – alle links, für mich waren es alte Männer, die ständig über langweilige Politik redeten. Aber – und das soll dann doch schon bereits an dieser frühen Stelle der Kolumne erwähnt werden – bei diesen prähistorischen Comedians war immer klar, WO sie politisch standen. Auch wenn sie, um einen Punkt von der entgegengesetzten Seite zu beleuchten, in die Gestalt eines Reaktionärs schlüpften, ahnte man: dieser Kniff dient dazu, den Wahnsinn einer Sache (also Wahnsinn aus ihrer linken Perspektive heraus) auf die Spitze zu treiben. Im Traum wäre niemand auf die Idee gekommen, Heinz Schubert mit seiner Rolle Alfred Tetzlaff aka Ekel Alfred zu identifizieren. Wir wussten also bei all diesen älteren Herren, woran wir waren. Der Humor kam mitunter bemüht daher, manchmal langweilig, in der Retrospektive betrachtet geradezu bieder mit Tendenz hin zum erhobenen Zeigefinger. So ging’s halt in den braven 70er-TV-Jahren auf bundesdeutschen Bildschirmen zu.

Dürfen Deutsche (inkl. Österreicher) Judenwitze erzählen?

Ich überspringe die Transformationsphase mit Harald Schmidt als deutschem Klon von David Letterman und gelange direkt zur heutigen Comedian-Generation und hier speziell zur (angeblichen) Femme fatale Lisa Eckhart. Das heißt wir lassen die Ballermann/ Ischgl-Artisten Atze Schröder, Olli Dittrich, Matze Knop und – last but not least – Mario Barth links liegen und kümmern uns ebenfalls nicht um Volker Pispers. Ottfried Fischer, Herbert Feuerstein & Kabarett-Konsorten. Heute geht’s einzig um Lisa Eckhart und das, was sie auf deutschen Kleinkunstbühnen verkörpert.

Hier als Appetizer ein paar Bonmots aus ihrem Wiener-Schmäh-Mund:

Am meisten enttäuscht es von den Juden; da haben wir immer gegen den Vorwurf gewettert, denen ginge es nur ums Geld, und jetzt plötzlich kommt raus, denen geht’s wirklich nicht ums Geld, denen geht’s um die Weiber, und deshalb brauchen sie das Geld.

Es ist ja wohl nur gut und recht, wenn wir den Juden jetzt gestatten, ein paar Frauen aufzugreifen. Mit Geld ist ja nichts gutzumachen. Den Juden Reparationen zu zahlen, das ist, wie dem Mateschitz ein Red Bull auszugeben … Was tun, wenn die Unantastbaren beginnen, andere anzutasten? … Die heilige Kuh hat BSE.

Ich habe drei Jahre in Paris gelebt, um dort Germanistik zu studieren … Ich wollte dort als sprachliches Wunderkind gelten undhab mich als Polin ausgegeben, da sind sie mir dann aber dahinter gekommen und sagten: „Na, das ist aber schon sehr einfach, DU studierst Deutsch als Fremdsprache“, und letztlich wurde ich mehr gehänselt als der Jude in BWL.

Das ist klar antisemitisch, empören Sie sich , Frau Müller?
Das ist ein ganz eindeutiges Statement gegen Antisemitismus, widersprechen Sie sofort, Herr Meier?
Woody Allen hat sowas auch erzählt, wirft nun Herr Schmitz in unsere Runde hinein.
Es ist halt überhaupt nicht klar, was es sein soll, sage ich und mache die Sache damit völlig konfus.

Beginnen wir mit Woody Allen. Wenn ein Jude einen Judenwitz erzählt, geht das völlig in Ordnung. Weshalb sollte ein Jude auch keine jüdischen Witze reißen dürfen? Ich mein, ich als Kölner mache gerne Witze über Kölner, manchmal auch über Düsseldorfer, aber die Geschichten über Kölner sind echt lustiger. Wenn aber ein Stuttgarter mit seinem komischen Akzent Witze über Kölner macht, finde ich das schon mäßig erheiternd. Falls es ein Sachse mit seinem noch komischeren Akzent tun sollte: oh weh! Um wie viel schlimmer muss es also in jüdischen Ohren klingen, wenn eine junge Deutsche Judenwitze zum Besten gibt? Lisa Eckhart ist Österreicherin, machen Sie mich auf meinen regionalen Zuordnungsfehler aufmerksam? Dann darf sie das natürlich. Denn die Österreicher waren ja qua Eigendefinition ebenfalls Opfer der Nazi-Barbarei gewesen. Ob aber die Juden an diese österreichische Eigendefinition glauben, glaube ich wiederum nicht. Es macht also einen Riesenunterschied, WER einen Judenwitz erzählt. Es gilt die einfache Faustregel: Deutsche (inkl. Österreicher) sollten es vernünftigerweise nicht tun. In 99.9 Prozent der Fälle geht der Schuss (pardon: Witz) nach hinten los. Sie fordern also ein die Meinungsfreiheit einschränkendes Witzverbot, Herr Kolumnist, fragen Sie mich? Ich fordere es nicht, ich gebe bloß einen unverbindlichen Tipp, antworte ich Ihnen.

Aber Lisa Eckhart erzählt doch ihre Witze, um uns Deutschen den Spiegel vorzuhalten, uns unsere hässliche antisemitische Fratze mittels satirischer Überspitzung plakativ vor Augen zu führen, wenden Sie nun ein? Das mag zwar sein, erwidere ich – obwohl ich diese hehre Absicht eher bezweifele –, aber so eine Zielsetzung funktioniert nur dann, wenn ich als Zuschauer weiß, wo Frau Eckhart politisch steht. Und diesbezüglich hüllt sie sich in beharrliches Schweigen. Wir tappen hinsichtlich ihrer persönlichen Beweggründe im Dunkeln. Sie ist eine Kunstfigur. Sie muss ÜBERHAUPT nichts erklären, sagen Sie? Okay, falls Frau Eckhart eine reine Kunstfigur darstellt, deren private Standpunkte strikter Geheimhaltung unterliegen, dann darf sie sich nicht wundern, wenn sie missverstanden wird. Nur Banausen verstehen diese Art von Humor nicht, schauen Sie mich nun böse an? Ich habe kein Problem damit, ein Banause zu sein, und dass ich vieles nicht verstehe, zieht sich wie ein roter Faden seit früher Kindheit durch mein Leben.

Kunstfigur vom Künstler trennen?

Sie halten Lisa Eckhart für eine Antisemitin? Nicht Ihr Ernst, Herr Kolumnist, oder?
Nein, tue ich nicht. Bzw. ich weiß es nicht so genau, denn sie äußert sich zu dieser Problematik ja nie außerhalb ihrer grellen Bühnenauftritte. Ich habe einen ganz anderen Verdacht: Lisa Eckhart hat den unappetitlichen Tabubruch einfach als Geschäftsmodell erkannt und verdient ihr Geld damit, Judenwitze auf der Bühne zu erzählen. Bar jeglicher inhaltlicher Botschaft. Die Pointe um der Pointe willen. Selbst wenn sie es täte; das tun doch viele andere ebenfalls. Auch Sie als Kolumnist sind ja nicht frei von dieser Attitüde, geben Sie zu bedenken? Für einen guten Witz würden Sie doch das Grab Ihrer Eltern verpfänden, oder? Das stimmt, allerdings mit zwei Einschränkungen: ich würde nie Witze über Stuttgarter und Leipziger (und über Juden schon gar nicht) zum Besten geben und bei mir ist dem Leser halbwegs präsent, wo ich politisch stehe. Ob der Leser meinen politischen Standpunkt teilt, ist dabei nebensächlich. Ihm ist aber klar, wo er mich in etwa zu verorten hat. D.h. es existiert zwar die Kunstfigur Kolumnist, die ist jedoch nicht komplett von der Privatperson Henning Hirsch abgekoppelt. Auch beim Auslöser dieses Beitrags, Dieter Nuhr, ahnen wir, dass seine wiederholten Polemiken gegen Greta Thunberg und die FfF-Bewegung nicht ein reiner Kunstkniff sind, sondern der Privatmeinung des Privatmanns Nuhr entspringen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie dieser der Bewahrung des gepflegten Altherren-Kalauers verpflichtete Kabarettist das Theater verlässt, auf ein Fahrrad steigt, zu seinem Grünen-Ortsverein strampelt und dort über die Abstandsregeln von Windrädern diskutiert. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bringt er sein Klimawandel-skeptisches Weltbild eins zu eins auf die Bühne. Vermutlich ist die Kunstfigur Nuhr sogar der ehrlichere Mensch als die Privatperson. Was das für Lisa Eckhart bedeutet, fragen Sie mich? Sagen Sie es mir, erwidere ich. Was es für Schröder, Dittrich, Knop u Barth bedeutet? Bei denen ist es egal.

Komplett wurscht, meinen Sie jetzt, Satire darf alles?
Sehe ich nicht so. Satire darf vieles, aber halt nicht alles. Bei Böhmermanns Entgleisungen gegenüber Erdogan war für mich vor ein paar Jahren bspw. ein Punkt erreicht, wo ich den Tatbestand der Beleidigung als erfüllt ansah. Und nein, ich bin kein Fan des türkischen Präsidenten. Aber eine ehrabschneidende Beleidigung erkenne ich auch jenseits meiner politischen Präferenzen. Was hat Erdogan mit Lisa Eckhart zu tun, fragen Sie mich? Ja ja, ich bin ein bisschen vom Thema abgewichen, ein Wesenszug alter Männer, die am Sonntagmorgen beim Tippen der Kolumne noch nicht richtig wach sind. Deshalb schnurstracks zurück zur (angeblichen) Femme fatale der deutschsprachigen Kleinkunst: Lisa Eckhart darf alles auf die Bühne bringen, was sich im Rahmen der gesetzlich festgeschriebenen Meinungsfreiheit bewegt. Sie darf dabei Tabus brechen. Sie darf Judenwitze erzählen, antisemitische Klischees bedienen. Sie muss uns nicht erklären, wie sie persönlich dazu steht. Sie kann sich einzig auf ihre (angebliche) Kunstfigur zurückziehen. Sie (und ihre Fans) können jeden, der Fragen hinsichtlich der Ethik dieses kommerzialisierten Tabubruchs formuliert, als Nicht-Checker oder Kunstbanausen titulieren.

Aber mir als Nicht-Checker steht es vice versa natürlich zu, mich über anti-jüdische Klischees, die erklärungsfrei auf deutsche Kleinbühnen zum Gaudium des Publikums transportiert werden, zu wundern und anzuraten, in Interviews ab und an eine Erklärung hinterherzuschieben. Denn spätestens an dem Punkt, an dem man (breiten) Applaus von der falschen Seite erhält, sollte man als Künstler hellhörig werden und seine Inhalte kritisch hinterfragen. Gar NICHTS muss Frau Eckhart! Kann keiner was dafür, wenn die Falschen Beifall klatschen, sagen Sie? Davor sei keiner gefeit? Stimmt, kann jedem Künstler passieren. Trotzdem finde ich es grenzwertig, wenn ich plötzlich lauten Beifall von der Seite gespendet bekomme, deren charakterliche Defizite ich ja mit meiner Darbietung offenlegen möchte. Der stramme Antisemit gratuliert der antisemitischen Kunstfigur? Da scheint offensichtlich was schief zu laufen. Oder doch nicht? Vielleicht ist es ja völlig egal, von wem der Applaus stammt. Hauptsache, die Kasse klingelt am Ende des Abends.

Tabubruch bloß, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

Kann keiner was dafür, dass Sie ein humorloser Nicht-Checker sind, Herr Hirsch, sagen Sie? Diese Frau ist das Beste, was die deutsche Comedy zu bieten hat. Ei ei ei, antworte ich. Dann kann es mit der Qualität der deutschen Comedy ja nicht allzu weit her sein. Das inhaltleere Zurschaustellen anti-jüdischer Klischees, also den Tabubruch bloß um des Tabubruchs willens, finde ich unappetitlich. Was nützt die geschliffenste Rhetorik, wenn das, was auf der Bühne präsentiert wird, über Weimarer-Republik-Stammtischhumor nicht hinausreicht? Dinge, die man heute wieder sagt, weil man das ja schließlich noch unzensiert wird sagen dürfen, ohne gleich in die rechte Ecke gestellt zu werden, oder?

Muss man wirklich jeden Tabubruch ausprobieren? JA!, rufen Sie, denn sonst wird man heutzutage gar nicht mehr gehört. Nur dem Tabubrecher ist mediale Aufmerksamkeit garantiert. Und zudem herrscht Meinungsfreiheit. Wäre ja noch schöner, wenn wir uns keine antisemitischen Klischees mehr anhören dürfen. Und wenn die (angebliche) Satire nur eine Mogelverpackung ist, um ungestraft antisemitische Klischees unters Volk zu bringen, frage ich? So dumm können doch selbst Sie sich nicht stellen, als dass Sie es nicht verstehen. Doch SO dumm bin ich, dass ich die Beweggründe, antisemitische Klischees als Geschäftsmodell auf die Bühne zu bringen, nicht in Gänze nachvollziehen kann. Halt wie so oft böswillig von Ihnen, meinen Sie? Nennen Sie es, wie Sie wollen, sage ich.

Ob jemand, der den unappetitlichen Tabubruch als sein Alleinstellungsmerkmal erkannt hat, trotzdem auftreten darf, stellen Sie mir jetzt eine letzte Fangfrage? Auf jeden Fall, antworte ich. Denn es herrscht ja Meinungsfreiheit, und es handelt sich schließlich um Satire, die alles darf. Ich werd’s mir aber nicht anhören und verstehe jeden, der BUH! im Zuschauerraum ruft. Denn auch für die Zuhörer gilt Meinungsfreiheit; oder für die dann doch nicht?

Heute möchte ich mit einem Witz von Woody Allen schließen:
Immer wenn ich Wagner höre, habe ich das Bedürfnis, Polen zu überfallen.

Woody Allen darf den erzählen?
JA, Woody Allen darf den erzählen.

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Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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