Corona als Charaktertest

Ein leises Danke-Frau-Merkel-für-Ihren-guten-Corona-Job wäre durchaus angebracht, meint Kolumnist Henning Hirsch


Pfingsten steht vor der Tür, die Sonne scheint, mein monatelang sich in freiwilliger Selbstisolation kasteiender Nachbar steckt seine blasse Nase aus dem Fenster, schnuppert, ob die Luft noch nach Sars-CoV-2 riecht, entscheidet für sich, und weil Herr Ramelow das auch so sieht, dass die Gefahrenlage eine beherrschbare, wenn nicht sogar bereits obsolete, ist, steigt in sein Auto und fährt endlich mal raus aufs Land. Mit kurzem Stopp an der ESSO. Alles rein in den leeren Tank, denn der Sprit ist günstig. Wenigstens diesen kleinen Vorteil hat Corona uns beschert, sagt er. Und dann düst er ab in Richtung Vulkaneifel. Zwar nur ein kurzer 48h-Urlaub und ungewohnterweise in der Heimat, weil die Grenzen ja noch zu sind; jedoch dringend notwendig. „Ist ja nun schon wieder zwölf Wochen her mit den Skiferien. Eine Ewigkeit!“, seufzt mein Nachbar, der jedes Jahr 5x verreist. Im Sommer gerne nach Ko Samui. „Aber das wird 2020 schwierig werden. Vielleicht geht alternativ Mallorca. Zwar nicht dasselbe wie Thailand. Aber besser als nichts“.

Das große Gewimmel

Auf den Straßen wimmelt es, in den Innenstädten wimmelt es, in den Geschäften wimmelt es aufgrund der noch gültigen Abstandsregeln und Hygienevorschriften noch nicht ganz so wie früher; allerdings wird’s ebenfalls dort – dem oben erwähnten Herrn Ramelow sei Dank – alsbald auch wieder fröhlich wimmeln. Wie überhaupt das Wimmeln ein urmenschlicher Trieb zu sein scheint. Ich behaupte mittlerweile sogar, dass die Menschen in der Periode ihrer Bleibt-zu-Hause-Kasernierung das Wimmeln am meisten vermisst haben. Das ständige Alleinsein in der 3-Zimmer-Wohnung und die Ruhe auf den Autobahnen sind zugegebenermaßen nicht jedermanns Sache. Dafür, dass wir notorische Wimmler sind, haben wir uns in den ersten vier Wochen der Pandemie gut geschlagen. Sagen alle Politiker, und mein Nachbar sagt’s auch. Also wird es stimmen.

Der Wendepunkt war um Ostern herum erreicht. Mehr als ein Monat Homeoffice war dem postmodernen Wimmler schlichtweg nicht zuzumuten. Die Politiker mit ihren feinen Antennen für jedes neue Magengrummeln ihres Wahlvolks empfingen die Wir-haben-die-Schnauze-voll-von TK-Pizza-und-jeden-Abend-ne Serie-auf Netflix-Signale der zunehmend frustrierteren Bürgerinnen und Bürger und kalibrierten umgehend ihren Corona-Kompass neu: 16 Ministerpräsidenten rückten von der Kanzlerin ab, die Kanzlerin mahnte ihren Chef-Virologen, nicht ständig alles allzu Schwarz zu sehen, der Boulevard nahm sich die Wissenschaft im Allgemeinen und den Drosten im Speziellen zur Brust. Und vorneweg marschierte Herr Laschet, dem es mit den Lockerungen gar nicht schnell genug gehen kann, nachdem er im März noch von der dringend notwendigen Entschleunigung aufgrund der immensen Gefährdungslage gesprochen hatte. Aber weshalb sollte Adenauers Einsicht, „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“, nicht ebenfalls für andere gelten? Wir sind alle Rheinländer (also Adenauer, Laschet und ich) und reden heute so, morgen so und übermorgen wieder so oder auch schon mal komplett andersherum. Bei Adenauer, der ist lange tot, und mir, ich bin bloß ein kleiner Kolumnist, ist das allerdings weniger folgenschwer als bei Laschet, der noch Großes vorhat, wobei ihm sein Corona-Schlingerkurs eventuell noch gehörig auf die Füße fallen könnte. Aber das ist ein anderes Thema.

Corona ist auch nur ein Schnupfen

Wo waren wir stehengeblieben? Richtig, beim Wendepunkt um Ostern herum. Quasi über Nacht wurde Covid-19 von tödlicher Gefahr auf Grippe und wiederum zwei Nächte später auf „auch nicht schlimmer als ein Schnupfen“ runtergestuft. In der Art eines Tornados, wie er periodisch die Südküste der USA heimsucht, von dort aus eine Spur der Verwüstung von Louisiana bis Arkansas hinterlässt, dabei an Kraft verliert, bis er schließlich in Missouri nur noch als laues Lüftchen wahrgenommen wird. Was ist das denn für ein Vergleich, fragen Sie mich? Ein Tornado ist doch was völlig anderes als ein Virus. Stimmt, antworte ich. Wir benehmen uns aber im Moment trotzdem dergestalt, als verhalte sich Corona wie ein Wirbelsturm: weitergezogen, Gefahr vorüber. Dass es nicht so ist, wissen die Virologen, die Freimaurer, Bill Gates und die, die 1918 – Die Welt im Fieber (*) gelesen haben. Die zweite Welle lauert irgendwo da draußen in den Weiten des Atlantiks oder im Dickdarm einer Wildente.

Dass die Menschen wieder wimmeln wollen – geschenkt. Gemäß einer nicht-repräsentativen Umfrage in meiner Nachbarschaft vermissen 40 Prozent den regelmäßigen Friseurbesuch, ein Drittel will zu McDonald’s und die Hälfte möchte endlich mal wieder an den Strand. Das sind aufaddiert mehr als 100 Prozent, sagen Sie? Stimmt: Mehrfachantworten waren möglich. Sind alles urmenschliche Sehnsüchte, das sehe ich ein. Was jedoch im Wimmeltrieb-Zusammenhang verstört, ist der Umstand, mit welcher Vehemenz bis hin zu verbaler Brutalität diese Wünsche vorgetragen werden. Die wohlstandsverwahrlosten Anti-Corona-Demonstranten agieren ja nicht im luftleeren Raum. Das, was sie auf ihre Plakate schreiben und maskenbefreit quer über unsere Marktplätze grölen, ist nichts anderes als das, was man vorher schon tausendfach auf den digitalen Plattformen lesen konnte. Wenn man Facebook & Twitter für ein 1-zu-1-Abbild der realen Welt hält – was sie beide glücklicherweise (noch) nicht sind –, dann kann einem an manchen Tagen Angst und bange werden; dermaßen empathielos und voller Häme wird dort, nachdem wir das Schlimmste überstanden haben (ich klopfe 3x auf Holz), gegen die noch fortbestehenden Corona-Vorsichtsmaßnahmen gehetzt. Weshalb es unzumutbar sein soll, beim Einkaufen eine Maske aufzuziehen, 1.5m Abstand einzuhalten und sich hin und wieder die Hände zu waschen – keine Ahnung. Und dass wir die Krankheit nicht in Altersheime einschleppen sollen, müsste ebenfalls einleuchten. Tut es aber nicht jedem. Man liest im Netz auch solche Sätze: „Meine Oma stirbt lieber in Würde als würdelos eingesperrt zu sein.“ Was soll man darauf erwidern? Am besten nichts und still hoffen, dass die besagte Oma den Besuch ihres Enkels unbeschadet überstehen wird.

Politik muss manchmal schnell entscheiden

Wie Covid-19 letztlich einsortiert werden muss, wie groß die reale Gefahr für Leib und Leben tatsächlich war, ob unser Gesundheitssystem ohne Staythefuckathome kollabiert wäre, werden wir erst in ein, zwei Jahren abschließend beurteilen können. Politik muss jedoch manchmal im Hier und Heute eine Entscheidung treffen und kann sich den Luxus des Aussitzens nicht immer leisten. Und dass bei Ausbruch einer globalen Seuche mit ungewissem Ausgang der Aspekt der sofortigen Gefahrenabwehr unbedingten Vorrang vor allen anderen Betrachtungsweisen genießt, scheint mir ein Ding der Selbstverständlichkeit zu sein. Selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass man Politik im Sinne der Allgemeinwohlverpflichtung begreift; was natürlich nicht in jedem Land selbstverständlich ist. Wer davon faselt, dass Gesundheit und Leben bloß zwei Faktoren unter vielen im Grundrechte-Kanon darstellen, der sieht das mit der Notwendigkeit eines solidarischen Shutdowns folgerichtig anders. Für den sind die Öffnungszeiten des lokalen Baumarkts wichtiger als die ausreichende Bettenkapazität im Kreiskrankenhaus. Von da bis zum Gedanken, dass wir – und vor allem die alten Leute – eh irgendwann sterben müssen, ist es erfahrungsgemäß nur ein kleiner Schritt. Eugenik light im 21sten Jahrhundert. Der Primat der Wirtschaft endet für mich allerdings dort, wo es um lebensrettende Maßnahmen geht.

Ich habe vollstes Verständnis für die Nöte von Branchen, die wegen des Lockdowns in Existenznot geraten sind: z.B. Gastronomie, Kulturbetriebe, Fitnessstudios. Hier geht es oft um’s blanke wirtschaftliche Überleben. Und deshalb müssen zum einen schnelle finanzielle Hilfen angeboten und zum anderen Fortführungsperspektiven aufgezeigt werden. Weshalb in manchen Bundesländern der Aufenthalt in einem Sportstudio strenger beurteilt wird als bspw. der Besuch eines Gottesdienstes, erschließt sich dem nicht-virologisch-geschulten Betrachter nicht immer. Warum in NRW Sachen erlaubt sind, die Bayern weiterhin verbietet, begreift auch nicht jeder. Dass die betroffenen Wirtschaftszweige darüber ihren Unmut äußern – völlig legitim. Weniger Verständnis habe ich hingegen für diejenigen, die jammern, dass sie ein paar Wochen lang nicht ins Sportstudio durften. So what? Mach jeden Morgen ein paar Kniebeugen und Sit-ups auf dem Wohnzimmerteppich, und gut ist es. Und am wenigsten Verständnis habe ich für die Gruppe von Schreihälsen, die sich lautstark über den Wegfall von Trainingsmöglichkeiten beschweren, ohne je ein Fitnessstudio von innen gesehen zu haben.

Hauptsache, dagegen gestänkert

Und ebenfalls die Äußerungen mancher Politiker – auch jenseits der dauerstänkernden Fundamentaloppositionisten von der AfD – lassen mich abwechselnd ratlos und verstört zurück. Was einen Herrn Lindner reitet, wenn er von Corona-Maulkörben spricht oder seinen Parteikollegen Kubicki antreibt, der mal ganz salopp die Sinnhaftigkeit der R-Zahl in Zweifel zieht, oder auf welcher Grundlage Frau Sudings Warnruf, durch die temporären Schulschließungen stünden die Lebenschancen mehrerer (!) Generationen auf dem Spiel, erfolgt, wissen vermutlich die drei Genannten selbst nicht so genau. Hauptsache, mal wieder einen rausgehauen und der Kanzlerin und ihrem Rasputin (pardon: Drosten) ordentlich was eingeschenkt. Für mich hat dieser faktenfreie Beißreflex schon was Pawlowartiges. Aber auch das ist ein anderes Thema.

Politik ist ein undankbares Geschäft, wie blauäugig sind Sie denn, Herr Kolumnist, fragen Sie? Ich weiß, dass Politik ein undankbares Geschäft ist. Mache aber der guten Ordnung halber hin und wieder trotzdem darauf aufmerksam. Ich wiederum behaupte, bei der Einsicht bzw. der Nicht-Einsicht in die Notwendigkeit solidarischen Handelns zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen. Wer zwingend gebotene Vorsichtsmaßnahmen als Panikmache verunglimpft und sich gar zu der Behauptung versteigt, eine Gesundheitsdiktatur stünde kurz bevor, ist bestenfalls verstrahlt. Vermutlich gehört er aber der Glaubensrichtung an, die von der unbedingten Vorteilhaftigkeit individueller Entscheidungen und singulären Tuns überzeugt ist. Gemäß dieser Doktrin muss halt jeder für sich selbst wissen, wie er mit einer Seuche umgeht. Der Staat hat sich da rauszuhalten. Kann man mögen und dran sterben. Und wenn man dran stirbt, ist es auch nicht weiter tragisch, denn man hat sich das ja freiwillig ausgesucht. Da ergibt der Spruch, „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, gleich einen ganz anderen Sinn.

Wie wär’s zur Abwechslung mal mit einem leisen Das-haben-Sie-gut-gemacht-Frau-Bundeskanzlerin?

Ob es eine gute Idee war, einen Großteil unserer Präventionsregeln über Bord zu werfen und von nun an so zu tun, als ob Covid-19 eine vorübergezogene, kleine Wintergrippe gewesen sei, werden die kommenden Monate erweisen. Der Optimist in mir hofft: Ja, das war’s. Der Pessimist im schräg gegenüberliegenden Hirnlappen raunt hingegen: Es kommt oft heftiger, als man denkt. Unterm Strich lässt sich aber festhalten, dass Deutschland aufgrund raschen Handelns halbwegs glimpflich aus der Sache rausgekommen ist. Zumindest halbwegs glimpflich aus der ersten Welle der Sache rausgekommen ist. Wie man die Auswirkungen einer Pandemie durch anfängliches Verharmlosen und zu lange mit der Entscheidung warten verschlimmert – dafür brauchen wir bloß nach USA, UK und Brasilien zu schauen. Deshalb wäre an dieser Stelle ein leises Danke-Frau-Merkel-das-haben-Sie-gut-gemacht durchaus angebracht. Ich bedank mich doch nicht bei ner Kanzlerin dafür, dass die ihren Job ausübt. Dafür wird die doch fürstlich bezahlt, sagen Sie? Ich weiß, dass Sie das nicht tun, antworte ich. Mir würd’s schon reichen, wenn Sie sich nicht ständig über Ihre Phantomschmerzen wegen des Baby-Lockdowns beklagen würden. Und Frau Merkel würde das ebenfalls reichen. Da bin ich mir sicher.
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(*) Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber. Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte

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Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von mir lesen möchte: www.saufdruck.de

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