Was kommt nach dem Händeschütteln?

Das Reichen der Hand ist eine wichtige soziale Geste – das merken wir an der Irritation, die man empfindet, wenn man es bei Treffen vermeiden muss. Was könnte dieses Ritual ersetzen?


Umso länger wir uns zur Begrüßung und zum Abschied nicht die Hände schütteln dürfen, desto mehr fragt man sich, warum wir es je getan haben. Der feste Händedruck ist vermutlich auch schon vor drei Monaten eine der häufigsten Gelegenheiten zur Weitergabe von Viren und Bakterien zwischen mehr oder weniger fremden Menschen gewesen. Könnte die gegenwärtige Zurückhaltung nicht eine gute Gelegenheit sein, sich diesen Körperkontakt ganz abzugewöhnen?

In diesen Tagen treffen wir ohnehin selten mit Menschen zusammen, denen wir zu Beginn der Begegnung die Hand reichen würden. Wenn es aber doch mal dazu kommt, entsteht eine gewisse Verlegenheit: irgendetwas fehlt. Aber was genau vermisst man da?

Der Händedruck ist ein Ritual, und als solches hat er eine Bedeutung für unsere Zusammenleben in der Gesellschaft. Aber welche? Kaum jemand, der über diese Frage nachdenkt, wird sich noch genau daran erinnern können, wie er diese Geste erlernt hat. Das ist das Dilemma mit solchen Gewohnheiten. Wir wissen eigentlich gar nicht genau, warum wir ihnen folgen. Und wenn wir uns selbst oder andere nach den Gründen fragen, denken wir uns meistens etwas aus, was plausibel klingt und was andere akzeptieren können.

Etwa so: Das Geben der Hand ist ein Zeichen der Höflichkeit und des Respekts dem anderen gegenüber. So bringt man es den Kindern bei: „Gib der Oma mal die Hand, das macht man so, das gehört sich.“ Auf jeden Fall ist es ein Zeichen von Ablehnung oder gar Respektlosigkeit, die ausgestreckte Hand nicht zu ergreifen. Wer erinnert sich nicht, wie Bodo Ramelow dem AfD-Vorsitzenden in Thüringen den Händedruck verweigerte? Vielleicht geben wir einander deshalb normalerweise die Hand, um mit der Verweigerung dieser Berührung ein starkes Zeichen der Ablehnung setzen zu können?

Einander die Hand reichen, das hat sogar sprichwörtliche Bedeutung, wobei damit nicht immer das Händeschütteln gemeint ist, da kann man sich auch die Menschenketten vorstellen, oder das trauernde Beisammenstehen am Grab.

Auf jeden Fall ist der Händedruck beim Zusammentreffen und auch der beim Abschied eine Geste des Friedens, wenigstens des Waffenstillstands oder der Bereitschaft zur zeitweisen friedlichen Zusammenarbeit. Der Händedruck besiegelt etwas, und wenn man sich dabei auch noch in die Augen sieht, was man ja tun sollte, dann versichert man einander, dass man sich wenigstens bis demnächst an ein paar soziale Spielregeln halten will, dass man verlässlich und berechenbar sein wird.

Der Moment des Händedrucks ist deshalb auch ein Augenblick des Innehaltens. Man macht einen Anfang damit, selbst wenn man danach auseinandergeht.

Ohne eine solche Geste wird es also auf Dauer nicht gehen. Wer den Händedruck aber als Berührung nicht mag, sollte die Corona-Krise als Chance sehen: Jetzt ist der richtige Moment, auszuprobieren, was als Alternative in Frage kommt. Eine leichte Verbeugung, ein freundliches Nicken? Ein Winken? Das Zusammenschlagen der Hacken? Das Tippen an die (imaginäre) Hutkrempe? Wir werden das nicht per Abstimmung entscheiden können, aber wir können heute beginnen, dies und das zu versuchen und die Irritation nutzen, um mit anderen darüber zu reden. Das wäre ein Anfang für einen friedlichen Abschied vom Händedruck.

Jörg Phil Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Phil Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie.

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