Die Bruderschaft des Pop

Kaum eine andere Giganten-Band spaltet die Gemüter so sehr wie die Bee Gees. Dabei ist ihr Werk eine Entdeckung wert. Die Hörmal-Kolumne von Ulf Kubanke

Photo: Bee Gees 2005 by kind permission of Universal Music

Wenn eine Band ein Album als kommerziellen Flop empfindet, das über eine Million Exemplare verkauft, in Deutschland die Top Five knackt, in Großbritannien die Top Ten und in den USA die Top Twenty, ist sie entweder größenwahnsinnig oder von himmlischen Erfolgen verwöhnt. Auf die Bee Gees, denen eben dies mit ihrer 1969er Doppel-LP „Odessa“ passierte, trifft letzteres zu. Ihr immenser Erfolg und einhergehende weltweite, nahezu kultische Verehrung von Fans standen in ihrer aktiven Zeit dabei oft im polarisierenden Gegensatz zu harscher Kritik. Kaum eine andere Band unter den ewigen Legenden des Musik-Olymps wurde trotz aller Höhenfluge so oft belächelt und der Seichtheit bezichtigt wie diese Bruderschaft des Pop. Beide Seiten übersahen dabei meist, welch enormes handwerkliche wie kreative Ausnahmetalent die Gebrüder Gibb jenseits aller Geschmacksfragen in musikhistorisch große Songs gossen.

Bereits seit Ende der 50er erfolgreich

Grund genug, sich eingehend mit den Höhen und Tiefen dieses englischen Trios zu beschäftigen, das bereits ab Ende der Fünfziger Jahre als Kinderstars Erfolge verzeichnete. Jene frühen Tage etablierten den ältesten Bruder Barry als songwriterisch dominierenden Vordenker. Als die um drei Jahre jüngeren Zwillinge Robin und Maurice erwachsen wurden, verschob sich diese Vorherrschaft naturgemäß; dies besonders aufgrund Robins nicht minder ausgeprägten kompositorischen Fähigkeiten. Ihr Ringen innerhalb der Gemeinschaft um Individualität, eigene künstlerische Handschrift und Ausrichtung brachte manches Zerwürfnis, manch zeitweilige Trennung sowie etliche durch künstlerische Reibung entstandene Höhepunkte mit sich.

Hierzu zählen allein zwischen 1966 und 1968 drei Platten, die eine gute Handvoll Evergreens von jener Sorte abwarfen, deren Melodien sich fest ins musikalische Kollektivgedächtnis frästen. Ihr erster echter Welthit, das „New York Mining Disaster 1941“ klingt zwar so sehr nach den Beatles, dass sogar George Harrison sich extra eine Single kaufte, um die ebenso verblüffende wie unbeabsichtigte Ähnlichkeit nach zu hören. Danach indes sind Bee Gees ganz bei sich und definieren den Sound der Sixties mit eigener Ausstrahlung mit. Ihr Schmachtfetzen „To Love Somebody“ entwickelt sich zu einem der meistgecovertsten Hits überhaupt. Zu den Interpreten zählen so unterschiedliche Musiker wie Eric Burdon, Nina Simone, Janis Joplin, Michael Bolton bis hin zur Alternative Rock-Ikone Billy Corgan von den Smashing Pumpkins. „(The Lights Went Out In) Massachusetts“ war als brithumoriger Sarkasmus und Seitenhieb gegen die Dominanz Kaliforniens bzw. San Franciscos in der Hippie-Subkultur gedacht. Da sich alle trendy Kids dorthin aufmachen, gehen woanders eben die Lichter aus und verwaisen die Städte. Sogar unter den weltweit stärksten Ohrwürmern nimmt diese Melodie einen vorderen Rang ein. Ob geliebt oder gehasst: Einmal gehört vergisst man sie nie mehr. Derlei schaffen nur ganz große Songwriter.

Als besondere Perle erweist sich das zwischen Spiritualität und Philosophie pendelnde Singer/Songwriterstück „I Started A Joke“. Neben der smarten Interpretierbarkeit der Zeilen erstrahlt besonders das ansprechende, sensible Arrangement, welches einerseits komplett ein Kind seiner psychedelischen Ära ist, andererseits dennoch als zeitlose Umsetzung auch noch nach über einem halben Jahrhundert funktioniert ohne angestaubt zu klingen. Als wichtiger vierter Mann im Bunde schält sich ihr Manager Robert Stigwood heraus, der mitunter die Produzentenrolle einnimmt. Stigwood, der auch The Who oder Cream betreute, kennt sich entsprechend aus mit schwierigen Konstellationen. Doch auch er kann den internen Kampf um die Vormacht bei den Bee Gees nur begrenzt eindämmen.

Produktive Rivalitäten

Die Explosion erfolgte 1969 anno des obig genannten „Odessa“. Die Bandchemie krankte in jener Phase an heftigen Rivalitäten zwischen den Hauptsongwritern Barry und Robin. Der Platte tat dies jedoch hörbar gut. Damals vergleichsweise verschmäht, gilt die Scheibe heute künstlerisch als ihr ultimatives Meisterwerk. Das Lied „Odessa“ stammt vom damals erst 19 jährigen Robin, der nebenbei demonstriert, welch ein konnzeptionell begnadeter Visionär in ihm steckt. Die Vermischung klassischer Elemente mit typischer Sixties-Psychedelik ist schon für sich eine Schau. Als Kirschen auf der Torte fungieren Maurice Gibb und Paul Buckmaster. Der zu oft sträflich unterschätzte Maurice – ein versierter Multiinstrumentalist, dessen kreative Ideen die Songs seiner Brüder meist erst richtig zu voller Blüte führten – steuert eine wundervolle Akustikgitarre bei. Buckmaster (u.A. später als wichtiger Arrangeur für Bowie, Rolling Stones oder Miles Davis tätig) rundet das Ganze mit seinem sensibel eingestreuten Cello ab.

Drei Lieder auf „Odessa“ beschäftigen sich mit dem Untergang eines gleichnamigen Schiffes anno 1898. Ähnlichen Schiffbruch erleidet die Karriere der Bee Gees, nachdem Robin aufgrund der Degradierung seiner Songperle „Lamplight“ zur B-Seite vorerst das Handtuch wirft. Zwar dauert die Auszeit nicht lang. Doch auch nach der Rückkehr dümpelt die Band in der ersten Hälfte der 70er als lustloser Schatten ihrer selbst im inspirationsfreien Raum. Nur selten gibt es Lichtblicke wie „How Can You Mend A Broken Heart“, das die allermeisten vor allem in Al Greens Version aus dem Film „Notting Hill“ kennen. Als Tiefpunkt gilt mit Berechtigung das TV-Special samt alberner Ritterparodie „Cucumber Castle“ sowie ihre gleichnamige LP. Musik, die leider auch klingt wie aus dem Gurkenschloss.

Prägend für die Disco-Ära

Doch jede wahrhaft große Band kennt ihre nicht minder große Krise und überwindet selbige mit etwas Glück und viel Zusammenhalt. Die Wiederentdeckung echter brüderlicher Ergänzung ohne Eifersüchteleien spielte bei den Gibbs eine ebenso große Rolle wie ihr ausgeprägtes Gespür für musikalische Trends. Ergo erfinden sie sich vollkommen neu und schnappen sich eine gehörige Portion angesagten Disco-Flairs. Der Clou: Während andere Kollegen einfach auf den den Zug des Zeitgeistes aufspringen, um eine Runde mit zu fahren, drücken die Bee Gees 1977 mit „Saturday Night Fever“ dem gesamten Genre kurzerhand einen musikhistorisch prägenden Stempel auf, der den Stil vom Szene- zum Massenphänomen avancieren ließ. Simultan Filmmusik zum gleichbetitelten John Travolta-Streifen wie auch vollwertiges Studioalbum, gehört die LP zu den meistverkauftesten Schallplatten aller Zeiten. Es nistet sich mit über 40 Millionen Exemplaren lässig zwischen AC/DCs „Back In Black“, Michael Jacksons „Thriller“, Pink Floyds „Dark Side Of The Moon“ oder dem „Hotel California“ der Eagles ein. Hinzu kommen ausgekoppelte Monsterhits wie „Night Fever“, „How Deep Is Your Love“ sowie besonders das in jedem noch so entlegenen Winkel des Planeten bekannte „Ha-ha-ah-ah Stayin‘ alive, stayin‘ alive“. Der Track verkörpert den absoluten Disco-Song als ewige Blaupause wie Gradmesser. Mit seiner bärenstarken Melodie und der clever arrangierten Killer-Gitarren-Hook beweist das Lied nebenbei, dass immenser Mainstreamerfolg und künstlerischer Anspruch einander nicht ausschließen müssen, sondern mitunter sogar bedingen.

In den 80ern widmeten sich besonders Barry und Robin ihren Solopfaden. Ersterer machte sich u.A. einen Namen als Komponist und Produzent für Showbizhochkaräter wie Barbra Streisand. Der jüngere Bruder hingegen veröffentlichte ein paar eigene Scheiben und landete mit „Juliet“einen west- wie osteuropaweiten Hit, der sich zu einer Visitenkarte typischer Eighties-Evergreens mauserte. Auch wenn es bis zur Jahrtausendwende noch ein paar finale Alben der drei Überflieger gab, so bleibt vom letzten Karriereviertel vor allem ein weiterer Signatursong im Ohr: „You Win Again“ (von „E.S.P.“ 1987). Dieses Lied spiegelt wie kaum ein anderes die widersprüchliche Qualität der Bee Gees. Einerseits stieß die Nummer vor allem bei Rockfans auf harsche Ablehnung und verfestigte auch im Feuilleton voerst die Ansicht, wonach die Gibbs weit seichter seien als Pionierkollegen a la Beatles, Kinks, The Who oder Rolling Stones. Auch spricht die nahezu plastiniert im 80er-Klischee verankerte Produktion nicht gerade für das Stück. Gleichwohl erweist sich die Qualität der Melodie in ihrem strukturellen Flow als zeitlos und weit ansprechender als ihre äragebundene Verkleidung. Nach dem viel zu frühen Ableben seiner beiden Brüder äußerte Barry Gibb 2016 das perfekte Fazit: „Wir wollten alle eigenständige Popstars werden. Das brachte Konflikte mit sich. Aber wir waren wirklich. Denn wir haben uns sehr geliebt. Ja, wir haben uns gestritten. Aber wir haben nie aufgehört, einander zu lieben. Anders kann man nicht 45 Jahre zusammen bleiben.“

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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