Barock ´n Roll

Clemens Haas über seine musikalische Heimat, den Barock.


Bild von Julia Casado auf Pixabay
So sehr ich Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms und all die unzähligen anderen liebe und verehre: Meine musikalische Heimat ist der Barock. Hier fühle ich mich zuhause, das ist meine Muttersprache. Alles führt hierhin, hier wird die (abendländische) musikalische Sprache voll entfaltet, von hier aus entwickeln sich die verschiedenen Dialekte und Erweiterungen, aber der Kern dieser Sprache bleibt (mit wenigen Ausnahmen wie etwa der Zwölftonmusik) erhalten bis in die heutige Popmusik. Mit den Worten der wunderbaren Sopranistin Simone Kermes:

Unsere Basis liegt im Barock, sage ich immer, bis hin zur Popmusik.

 

Barock, das ist die Zeit, in der man – auch als Mann – Perücken trug und fingerdick Schminke und eimerweise Parfüm, um den Uringestank zu überdecken. Eine Zeit der Künstlichkeit, und auch die Musik ist in einem engen Korsett gehalten. Musik ist ohnehin die künstlichste oder abstrakteste aller Künste: Im Gegensatz etwa zur Bildhauerei und der Malerei (also zumindest bis vor ziemlich kurzem) oder der Schriftstellerei (zumindest der Prosa, die Lyrik ist ein Mischwesen) wird hier nichts Vorhandenes dargestellt, sondern etwas Neues, eben Künstliches erschaffen, und das gilt ganz besonders für die Musik des Barock.

Oh Mann

Anders als insbesondere in der Musik der Romantik gestattet man sich hier keine „menschlichen“ Ausschweifungen und Ausbrüche, sondern Gefühle werden künstlich kodiert dargestellt. Solcherlei Kodierungen werden in der sogenannten „Affektenlehre“ beschrieben. Die Fleißigen unter Ihnen dürfen diesen Begriff gerne googeln, auf die Schnelle gebe ich Ihnen ein Beispiel. Setzen Sie sich mal leicht gebeugt hin und murmeln Sie resigniert „Oh! mann…“. Und Zack: Sie haben gerade das sogenannte „Seufzermotiv“ erfunden, ganz streng genommen ein fallender Sekundschritt mit betontem ersten und leiserem angebunden zweiten Ton. Das heißt: So völlig künstlich und aus der Luft gegriffen ist die Affektenlehre dann doch nicht, sondern orientiert sich an unserem intuitiven Empfinden; die Affektenlehre ist sozusagen angewandte und in Form gegossene Klangpsychologie.

Ich hatte eigentlich so überhaupt gar nicht vor, mit ganz starkem Tobak zu beginnen, aber ein grandioses Beispiel für das Seufzermotiv in der Verwendung für Schmerz und Verzweiflung ist nun mal das Crucifixus aus der h-moll Messe von Bach. Dazu noch parallel die Mittel der Chromatik und der verminderten Akkorde, die ihrerseits schmerzerzeugende musikalische Affekte sind. Denn Kreuzigungen sind nun mal ziemlich unangenehm, hab ich mir sagen lassen. Und man sieht hier auch mal wieder: Selbst wenn man will – an Bach kommt man einfach nicht vorbei. God bless.

 

Ein anderes wunderbares Beispiel ist „Dido´s Lament“ aus Henry Purcells „Dido and Anaeas“, hier in einer umwerfenden Einspielung von Teodor Currentzis mit MusicAeterna und Simone Kermes. Diese Einspielung habe ich eben erst beim müßigen Rumsurfen entdeckt und bin gerade über beide Ohren verknallt. Man kann über youtube und spotify (zurecht) eine Menge schimpfen, aber manchmal sind die auch ein Segen.

 

Beginnen wollte ich eigentlich ursprünglich mit etwas ziemlich Weltlichen und leicht Skurrilen: Der Liebeserklärung an einen Baum, aus der Oper Xerxes von Händel. Gesungen vom wundervollen anbetungswürdigen Andreas Scholl, es gelingt mir so gut wie nie, dabei nicht zu weinen vor schierer Schönheit. Ich werde wohl nie (hoffentlich) aufhören, davon fasziniert zu sein, wie tief man mit kodierten musikalischen Mitteln am Eingemachten rütteln kann.

 

 

Bach ist Bach

Chnüff. Überhaupt ist Händel im Vergleich zu Bach der irgendwie bessere Repräsentant des Barock, weil Bach das Problem hat, nicht nur ein Komponist des Barock, sondern eben auch Bach zu sein, also Repräsentant der Musik schlechthin, oder auch Repräsentant Gottes selbst. Wir machen darum weiter mit Händel.

Um mal das Spannungsfeld „künstliche“ „affektierte“ Musik mit gepuderten Perücken und parfümbeschminkten Kunstgesichtern versus wahre menschliche Empfindung darzustellen, gucken wir hier einen Ausschnitt aus dem ganz netten Film „Farinelli“.

 

Die gleiche Arie, „Lascia ch’io pianga“ aus Händels Rinaldo, gibt es auch in der Exposition von Lars von Triers wunderbarem Film „Der Antichrist“ zu hören. Sie müssen sich zum Anschauen des Links womöglich damit einverstanden erklären, teilweise auch ästhetische Schwarzweißbilder zweier liebender Menschen beim Genießen körperlicher Liebe sehen zu müssen; das ist in Zeiten, in denen wir täglich ungefragt und ganz selbstverständlich mit dumpfem Hass und Bildern von Gewalt und ersaufenden Menschen penetriert werden, natürlich ziemlich viel verlangt, entscheiden Sie bitte gern selbst, und schließen sie gegebenenfalls keusch die Augen.

 

Genug mit dem Geträller, ich bin ja ein Tastenheini, und eines der „klassischen“ (sic!) Instrumente des Barock ist das Cembalo. Zusammen mit einem Bass bildet es als „basso continuo“ oder Generalbass das Rückgrat ziemlich vieler oder gar fast aller barocker Kompositionen – nach dem großen Musiktheoretiker Hugo Riemann nennt man diese Epoche dann auch „Generalbasszeitalter“. Wegen seines scharfen schneidenden Klangs, das im Gesamtkontext etwa eines grösser besetzten Werks eher rhythmisch als harmonisch wahrgenommen wird, nennt man das Cembalo auch „das Schlagzeug des Barock“. Und hier haben wir wieder eine Gemeinsamkeit des Barock zum Rock n Roll oder der Popmusik: Stellen Sie sich die mal ohne Generalbass vor, also ohne Bass und Schlagzeug. Da wird das Pop-Repertoire aber ganz schnell ganz ganz dünn.

Natürlich hat der technische Fortschritt auch beim Cembalo nicht innegehalten, und heute haben wir mit dem modernen Konzertflügel ein Tasteninstrument mit einer Klangfülle und Ausdrucksmöglichkeiten, von dem Bach, Händel, Rameau & Co nur feucht träumen konnten. Trotzdem liebe ich diesen Klang, seit ich mich erinnern kann.

Der Vertrag

Also eigentlich war die erste Liebe ein Spinett im örtlichen Musikhaus, aber das ist nur eine besondere Bauform des Cembalos. Und die Liebe war so groß, daß ein Vertrag geschlossen werden musste:

VERTRAG Ich gebe Papi das ganze Kommuniongeld, er muß dann das restliche Geld für den Bausatz eines Spinetts auftreiben und den Bausatz kaufen.

Wenn es um große Lieben geht, kann man schließlich gar nicht vorsichtig genug vorgehen! Das Cembalo ist bis heute mein ältester und heiligster Besitz.

Nun weiß man nicht, was die Barockkomponisten getan hätten, hätte ihnen ein moderner Konzertflügel zur Verfügung gestanden. Und soll man deren Werke originalgetreu auf einem Cembalo aufführen, oder darf man die neuen Möglichkeiten nutzen? Wie auch immer man diese Frage beantwortet (aus meiner Sicht ist beides sehr reizvoll): Niemand vermag es so grandios, die Schlankheit und Transparenz des Cembaloklangs mit der Fülle und den Ausdrucksmöglichkeiten eines Flügels zu vermählen wie der anbetungswürdige Grigory Sokolov, nicht mal… ach Sie wissen schon, der kommt noch.

 

Wir schonen unsere Muskulatur und bleiben gleich demütig im Staub liegen für die nächste Performance der absoluten Extraklasse. Wir begannen mit Bach, wir enden mit Bach (den Beethoven hinterher dürfen Sie gern auch noch mitnehmen, dann wird’s aber heute nichts mehr mit aus dem Staub machen, fürchte ich) und wie immer mit – Sie haben´s erraten – Trifonov.

 

Clemens Haas

Clemens Haas

Clemens Haas, geb. 1968, hat Mathematik und Philosophie durchaus studiert mit eifrigem Bemühn, dann aber doch zurück gefunden zur ersten Liebe, Klavier und Tonmeisterei und dieses Studium dann auch abgeschlossen. Er arbeitet als freier Toningenieur und Komponist für ÖR und private Rundfunk- und Fernsehanstalten und für die Werbeindustrie.

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