Von (Riesen-) Arschlöchern und Screenshots

Beim Arschloch kommt es immer auf Betonung und Uhrzeit an, sagt Kolumnist Henning Hirsch und fordert eine Entstigmatisierung dieses geradezu poetischen Begriffs


»Sie sind ein Riesenarschloch«, schreibt der eine.
»Das müssen ausgerechnet Sie Vollpfosten mir sagen«, schreibt der andere zurück.
»Vollpfosten ist justiziabel«, kommt’s nach wenigen Sekunden vom Ersten.
»Und Riesenarschloch sowieso. Klage schon raus«, reagiert der Zweite.
»Blockiert euch gegenseitig. Dann braucht ihr euch nicht mehr zu lesen und an die Gurgel zu gehen. Ist zudem gesünder für den Blutdruck«, versucht ein Dritter zu schlichten. Allerdings vergeblich. Einen Tag später sind beide Kontrahenten von den Admins jeweils für eine Woche aus dem Verkehr gezogen. Zwangsferien statt freiwilliger Mäßigung. (*)

»Facebook ist für einige der Ersatz für die Südkurve. Digitaler statt analoger Frustabbau«, erklärt mir eine Bekannte. Das ist ein Seitenhieb auf mich, weil ich früher treuer Besucher des FC war und mich hin und wieder (aus purer Notwehr!!) in der Südkurve ein bisschen geprügelt habe. LANGE her. Mittlerweile rege ich mich über die ewige Fahrstuhlmannschaft nur noch allein zu Hause – bei geschlossenen Fenstern und Türen – auf.

Losgelöst von den ewigen Fragestellungen, nach welchen Kriterien Facebook sperrt, ob die Admins Menschen oder Maschinen sind – und falls Menschen: welchen IQ sie aufweisen –, ob die Sperrungen automatisch erfolgen oder der (angebliche) Verstoß gegen die Gemeinschaftsstandards vorher von einem User gemeldet werden muss, soll im folgenden Text der Versuch einer Ehrenrettung des völlig zu Unrecht in die Kategorie „justiziable Beleidigung“ einsortierten Begriffs Arschloch unternommen werden.

(*) Der obenstehende Dialog ist komplett frei erfunden und beruht einzig auf der Fantasie des Autors. Spielt sich jedoch so ähnlich täglich zigtausendfach in den sozialen Gladiatorenarenen ab.

Schon die Sumerer schimpften auf den Darmausgang

Die Wortherkunft ist nicht eindeutig geklärt.

Herkunft: Unbekannt. Doch vermutlich stammt es aus dem sumerischen Haak’tablamarama‘, das übersetzt so viel bedeutet wie Schuld der Unverdaulichen, das von den Sumerern als Wort für den Darmausgang aber auch als Schimpfwort für eine missliebige Person verwendet.
© pipere

Unnötig zu sagen, dass mir Schuld der Unverdaulichen sprachlich außerordentlich gut gefällt. Aber ich will hier nicht abschweifen, sondern möglichst nah am Arschloch dranbleiben und bloß noch anmerken, dass die sumerische Herkunft aufgrund der schwierigen 1-zu-1-Transkription der Keilschrift ins lateinische Alphabet zu 70 Prozent pure Spekulation bleibt. Historisch belegt ist der Begriff aber auf jeden Fall fürs Mittelalter, in dem bekanntermaßen herzhaft und oft geflucht wurde, woran auch die danach fälligen obligatorischen Rosenkränze und Ave Maria nichts änderten. Allerdings wohl begrenzt aufs deutsche und englische Sprachgebiet. Romanen, Slawen, Araber können den anatomischen Ort des Arschlochs zwar korrekt lokalisieren, haben die Vokabel jedoch nicht in ihren Schimpfwortkanon aufgenommen. Die Italiener behelfen sich mit Stronzo, das übersetzt „Haufen Scheiße“ bedeutet, was zwar ähnlich klingt, aber halt nicht dasselbe ist. Wie es die Russen oder Ägypter nennen oder gar schreiben, weiß ich nicht und bin ehrlich gesagt auch zu faul, das jetzt zu recherchieren.

Arschloch: justiziabel und Sperren verursachend

Zurück zum deutschen Arschloch: die Verwendung dieses Worts in Blickrichtung auf einen Dritten ist justiziabel. Die grundlegende Norm hierfür ist §185 StGB:

Beleidigung
Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Dazu existieren behördeninterne Listen – die von Bundesland zu Bundesland variieren –, in denen die indizierten Wörter gesammelt und – sobald neue Schmähbegriffe auf den Markt kommen – aktualisiert werden.

Die Strafbewehrtheit gilt sowohl für das gesprochene als auch geschriebene Arschloch, des Weiteren ebenfalls für dessen visuelle Demonstration (Daumen und Zeigefinger werden soweit gekrümmt, bis sie sich an den Spitzen berühren und ein O bzw. ein Loch bilden). Einige besonders Schlaue geben sich dem Irrglauben hin, das Setzen des Begriffs in Anführungszeichen könne sich strafmildernd auswirken. Jedoch: Was sollen die Gänsefüßchen fürs Arschloch ausdrücken? Dass es sich beim derart Titulierten nur um ein kleines – und kein riesiges – handelt? Oder dass der Schreiber es scherzhaft meint? Bei Bildungsbürgern beliebt ist die Variante, das Wort, wenn es sich denn überhaupt nicht vermeiden lässt, so zu schreiben: A-loch. Aber das sieht für meine Augen genauso dämlich aus wie es in meinen Ohren klingt, wenn eine erwachsene Frau „Töpfchen“ sagt, wenn sie Klo meint.

Während in den Generationen meines Vaters und Großvaters weitgehend Konsens darüber herrschte, dass Arschloch eine No-go-Vokabel darstellt, bei deren In-den-Mund-nehmen man als Kind abwechselnd mit Hausarrest, Taschengeldreduktion oder den Mund-mit-Seife-auswaschen bestraft wurde – in der Schule drohten Klassenbucheinträge, Herbeizitieren der Eltern und seitenlange Strafarbeiten –, gelang dem damals jungen Bundestagsabgeordneten Joschka Fischer im Herbst 1984 mit dem legendären Zwischenruf:

Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch,

der Beginn der schrittweisen Entstigmatisierung des Begriffs.

Kein Tag ohne 10x Arschloch in Kino und TV

Seit diesem historischen Datum sickert der einstmals übel beleumundete Begriff immer mehr in unsere Alltagskonversation ein. Wir werden mittlerweile in TV, Kino und Literatur mit Arschlöchern geradezu überflutet. Das Kleine Arschloch von Walter Moers hat Kultstatus erreicht. »Du bist echt ein Arschloch, weißt du selber« – wie viele Ehefrauen das wohl schon ihren Männern an den Kopf geworfen haben, wenn sie diese beim Seitensprung ertappten oder ihnen das Kreditkartenlimit gekürzt wurde? MILLIONEN an JEDEM Tag des Jahres. Regen sich die Ehemänner groß darüber auf, drohen sie ihren Frauen mit Klage oder gar mit Sperrung (bspw. des gemeinsamen Kontos)? In 99,9% der Fälle lautet die Antwort: Nein. Nur in Facebook und Twitter laufen alle gleich Amok, wenn sie in der Hitze des Gefechts mal so tituliert werden. Dieselben, die sich vorher Faschist, Kommunist, bildungsferner Analphabet, Insasse der geschlossenen Psychiatrie um die Ohren gehauen haben, mutieren binnen Sekunden zu ehrpuseligen Mimosen, sobald das Wort Arschloch erschallt. Da werden dann Screenshots angefertigt, die man Minuten später im eigenen Profil demonstriert, um von den Followern eine Portion Mitgefühl einzuheimsen. „Wie unfair du mal wieder von deinen bösen Kontrahenten behandelt wirst, du Armer. Und dabei bist du selbst doch eine Ausgeburt des Friedens und der Harmonie“. Stinklangweilige Selbstbemitleidungsarien. Interessant einzig für Menschen, die Miniaturskandale lieben und beim Friseur die In Touch der Tageszeitung vorziehen.

Warum das so ist, wollen Sie wissen? Weil’s juristisch möglich ist, lautet die simple Antwort. Und weil es für die Admins einfacher ist, eine Sperre aufgrund eines indizierten Begriffs auszusprechen, als sich mühsam in die vorangegangene Kommunikation – in der mit 99%iger Wahrscheinlichkeit schon jede Menge niederschwellige Gemeinheiten enthalten waren – einlesen zu müssen.

Arschloch kann, bei allen negativen Attributen, die diesem Menschentyp zugeschrieben werden, mitunter auch durchaus bewundernd gemeint sein. Nicht zu Unrecht fragt der Prota in Bukowskis Der Mann mit der Ledertasche: »Was hast du denn gegen Arschlöcher, Baby?«, als die Frau, mit der er den gesamten Nachmittag gevögelt hat, sich im Nachgang darüber beschwert, dass er sich ihr gegenüber emotional zu wenig öffne. Und Jack Nicholson wird folgendes Zitat zugeschrieben:

Ich vermute, ich bin ein Arschloch. Aber man könnte Schlechteres über mich sagen, meinen Sie nicht auch?

Arschloch: es kommt immer auf Betonung und Uhrzeit an

Wenn eine Frau ihren Partner abends nach 20 Uhr drei Mal mit, »Du bist das größte Arschloch, dem ich in meinem ereignisreichen Leben je begegnet bin, und das waren viele, das kannst du mir glauben«, beschimpft, steigt die Chance auf eine sich anschließende heiße Liebesnacht um den Faktor 5. Wussten Sie das? Es kommt beim Arschloch eben immer auf Uhrzeit und Betonung an.

Es wird also höchste Zeit, den sprachlich nicht unschönen (gibt echt hässlichere Worte als dieses) Begriff Arschloch samt seiner kleinen Schwester Arsch zu entkriminalisieren. Mich persönlich juckt es Null, wenn jemand in Facebook „Sie Arschloch“ zu mir sagt. Die Erfahrung lehrt aber, dass er mich, sobald ich mit, „Sie sind auch nur ein Kleinstadtidiot“, reagiere, erst screenshoten und dann bei den Admins verpetzen wird. Die dann der Einfachheit halber mich, und nicht ihn als Verursacher, sperren. Weshalb ich mich, solange bei Facebook Maschinen und denkfaule Human-Admins beschäftigt werden, bei der Verwendung von justiziablen Beleidigungen weiterhin vorsichtig verhalte. Einige Sachen kann man prima denken, ohne sie gleich in die Tasten hämmern zu müssen.

Kleine Statistik am Ende des Textes: In dieser Kolumne wurde der Begriff Arschloch insg. 25x verwendet (zzgl. 1 Arsch).

PS. die Auswahl des Zebrafotos geschah in Ermangelung anderer, den Begriff plakativer demonstrierender, Bilder. Von gestreiften Arschlöchern ist dem Autor, der in seinem Leben viele Schimpfworte gehört hat, bisher nichts zu Ohren gekommen

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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