Weihnachtskolumne

Henning Hirsch wünscht allen Lesern schöne Weihnachten und rät dazu, bei der Causa Relotius nicht zu hyperventilieren und mal wieder Felix Krull von Thomas Mann in die Hand zu nehmen


»Du schreibst dieses Jahr die Weihnachtskolumne!«, sagt sie.
»Warum ich?«, frage ich.
»Weil du als einziger an den Apparat gegangen bist.«
»Und was ist mit den anderen?«
»Die sind nicht an den Apparat gegangen«, sagt sie.
»Kann ich nicht stattdessen die Jahresendkolumne schreiben?«
»Erkläre Jahresendkolumne! Dieser Begriff ist mir unbekannt.«
»Vergiss es!«, antworte ich, »werde mich drum kümmern.«
»Gut, dass du kooperierst«, sagt sie. »Und vergiss nicht: Abgabetermin heute bis spätestens 21 Uhr, damit noch lektoriert und Logikfehler korrigiert werden können.«
»Ja ja«, sage ich und lege auf.

Und nun sitze ich, weil ich sonntagsmorgens als einziger an den Apparat gegangen bin, am 23sten in Unterhose und T-Shirt auf dem Sofa und überlege, was um Himmelswillen ich auf die Schnelle in eine Weihnachtskolumne reinpacken soll. Auf jeden Fall ein Gedicht. Allerdings mehr zum Ende des Textes hin. Das ist schon mal die halbe Miete an Heiligabend. Aber womit fülle ich die ersten drei Seiten? Ich gehe ins Schlafzimmer, ziehe mir einen Bademantel über, stelle einen Pott Kaffee neben die Tastatur, putze mir die Zähne, weil mir beim Zähneputzen oft was Kluges einfällt. Nur fällt mir heute leider überhaupt nichts ein, weshalb ich mich erstmal mit einem Band Bukowski-Lyrik aufs Klo verkrümele.

Kolumne = MEINUNGsbeitrag

Bevor ich Sie jetzt mit langweiligen Sachen, die ich morgens nach dem Aufstehen mache, volltexte und Ihre Geduld überstrapaziere, soll’s aber jetzt endlich losgehen mit der Weihnachtskolumne. Wir könnten zum Jahresende hin klären, was eine Kolumne überhaupt ist. Denn da herrscht bei einigen Lesern ständige Verwirrung. Kolumne ist erstmal nichts anderes als eine Druckspalte, die man beispielsweise stets auf Seite 4 links oben findet. Dieser Platz wird dann wiederum in fest getaktetem Zeitabstand für einen Autor reserviert, damit der dort abwechselnd Kluges oder weniger Gescheites zum Besten gibt. Und zwar einen Meinungsbeitrag. Und da Meinung qua Definition was Subjektives ist, wird plakativ formuliert und zugespitzt. Die publizierte Meinung soll zwar nicht faktenfrei oder gar wahrheitswidrig daherkommen – jedoch bleibt es am Ende halt immer eine Meinung. In der Kolumne darf – soll mitunter sogar – polemisiert werden, und mit diesem Wesensmerkmal unterscheidet sie sich vom wissenschaftlichen Fachaufsatz, der nüchternen Zeitungsnachricht, der Reportage, sogar vom nah verwandten Kommentar. Dass Kolumnisten von nichts ne Ahnung haben, wie manche erboste Abonnenten unter die Texte tippen – geschenkt. Natürlich haben wir keinesfalls mehr Ahnung als die Leser; aber wir verfügen über die Gabe, unser Nichtwissen in strukturierter Form aufzubereiten, die passenden Worte auszuwählen, zu Sätzen zu formen und im Wochenrhythmus drei, vier, fünf Seiten zu irgendeinem x-beliebigen aktuellen Thema vollzuschreiben. Und speziell beim Letztgenannten trennt sich in 98 Prozent der Fälle die Spreu vom Weizen: gibt kaum einen Gastautor, der es zum Stammkolumnisten schafft, weil es sich bei den zugesandten Beiträgen zumeist um One-hit-wonder handelt. Sich sonntags mit ner Kolumne beschäftigen – wer tut sowas schon regelmäßig? Hier die Erklärung eines Kollegen:

Der Leserbrief war in alten Zeiten die häufigste Form, unaufgefordert seine Meinung zu verbreiten. Er wurde gern genutzt von pensionierten Oberstudienräten, die vor lauter Verzweiflung, dass schon ihre Schüler ihnen nicht zugehört hatten, um der Menschheit oder wenigstes den Lesern einer Zeitung, die Welt zu erklären. Nun klingt Leserbrief irgendwie hausbacken, Kolumne dagegen staatstragend und erhebt den Verfasser in den Adelsstand der Besserwisserei. Nun ist Besserwisserei das nette Synonym für Klugscheißerei. Jede Menge Meinung, aber keine Ahnung.
© Werner Felten in: Dauerschwellender Bocksgesang

Reportagen wie Theaterinszenierungen

»Nun hören Sie endlich auf, uns die Ohren mit Ihrem harten Kolumnistenleben vollzujammern! Ist ja nicht zum Aushalten das Geheule«, sagen Sie? Da haben Sie völlig Recht. Niemand mag wehleidige Journalisten, und deshalb schlage ich an dieser Stelle einen weiten Bogen zur Causa Relotius, weil ich diese Angelegenheit superspannend finde. Vorab: ich lese vereinzelte Artikel des Spiegel online, kannte bis vor wenigen Tagen weder den Namen Claas Relotius noch die von ihm veröffentlichten Texte. Habe mir seitdem drei seiner Ergüsse reingezogen und gelange zu folgendem Urteil. Stopp! Urteil klingt zu strafrechtlich – ich wandele ab in Eindruck: Mir persönlich ist sein Schreibstil zu ausholend, zu atmosphärisch, zu sehr Theaterkulisse, zu wenig auf den Punkt kommend, zu sehr sich selbst als Autor feiernd bei gleichzeitig zu wenig relevanter Information. »Das ist doch dasselbe, was Sie als Kolumnist ständig tun«, unterbrechen Sie mich? Das stimmt schon, aber ich schreibe halt einen Meinungsbeitrag und keine Reportage.

Der Glaubwürdigkeitsschaden für den SPIEGEL und andere betroffene Redaktionen und damit für unsere ganze Gesellschaft ist nicht groß. Er ist gigantisch.
© Julia Karnick in: Warum mich der Fall Relotius so wütend macht

Fakeskandal beim Spiegel – immer mehr Fälschungen nachgewiesen
© BILD-Zeitung

Lügenpresse endlich entlarvt?

Der Fall Relotius ist ein Verrat an der Wahrheit

Systemfehler Relotius
© drei weitere Fundstücke aus dem Netz

Diese übertriebenen Reaktionen sind typisch deutsch. Nirgendwo sonst auf der Welt wird jemand erst mit Preisen überschüttet und in den höchsten Schreiberhimmel gelobt, um dann, sobald seine Tricksereien auffliegen, in die tiefsten Schlünde der Medienhölle verdammt zu werden. Und – auch das gehört zum Empörungsspiel dazu – niemand hat’s vorher gewusst oder auch nur ansatzweise geahnt. Als ob. In den Verlagen sitzen Profis. Die riechen eine frei erfundene Story meilenweit von Minnesota quer über den Atlantik bis ans Ufer der Elbe. Meine Vermutung: So lange diese Art der Märchenreportage die Verkaufszahlen steigerte, haben die Chefs beide Augen zugedrückt, und die interne Kontrollabteilung hat’s durchgewunken. Dann noch all die Auszeichnungen mit pathetischen Lobeshymnen auf furchtlosen Einsatz im Feindesland, tiefschürfende Recherche, detailbesessene Darstellung etc. pp. Kein Wunder, dass ein junger (der Mann ist gerade mal 33 Jahre alt) Redakteur da vom Boden abhebt, sich nach Hemingway für den größten Kriegsreporter aller Zeiten hält und Realität und Fiktion nicht mehr sauber voneinander trennen kann.

Internet versaut Lesegewohnheiten

Wir gelangen jetzt an einen Punkt, an dem wir als Konsumenten unser Kauf- und Leseverhalten hinterfragen müssen. Denn ein Dauerbeschiss – Relotius hat über den Zeitraum von mehreren Jahren ne Menge frisierter Stories veröffentlicht – ist ja nicht möglich ohne denjenigen, der sich dauerhaft bescheißen – oder nennen wir es weihnachtlich milder: blenden – lässt. Meine Hypothese: ein Großteil der Leser fährt ab auf theatralisch überzeichnete Geschichten. Die Hedwig-Courths-Mahler-Saite in uns, die ständig in emotionale Schwingung versetzt werden muss. Wir möchten vom gemütlichen Sofa aus möglichst nah bei den Protagonisten sein, mitleiden, ergriffen seufzen, ein paar Tränen vergießen, bevor wir uns dann wieder mit profanen Sachen wie der Steuererklärung beschäftigen. Wer will es den unter immensem Umsatz- und Gewinndruck stehenden Medienhäusern verübeln, dass sie zielgerichtet unser Kitschbedürfnis bedienen? Wen juckt es, dass die Reportagen Rosamunde-Pilcher-mäßig aufgepeppt werden? Hauptsache, die Absatzzahlen stimmen. Hand aufs Herz: wer hat noch ne Tageszeitung oder gar ein politisches Magazin im Abo, wer überweist nen Euro für einen Online-Text? Wir sind mittlerweile alle darauf geeicht, unsere Informationen schnell und GRATIS (!!) aus dem Netz zu beziehen. Das Internet hat nicht nur unsere durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne auf maximal hundert Wörter am Stück reduziert, sondern ebenfalls den Willen zur fairen Bezahlung journalistischer Leistung ausgehebelt. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, dann werden wir uns spätestens 2030 nur noch via Facebook und Twitter bilden.

Zwischenfazit: Wir sind durch die elektronischen Medien schlichtweg komplett versaut.

Unser Lamento erinnert deshalb an den Mann, der regelmäßig in den Puff geht, dort jedes Mal ungeschützten Geschlechtsverkehr fordert und ein paar Jahre später vor Gericht zieht, weil er sich bei einer der Huren mit AIDS infiziert hat. Kann man tun; trotzdem wird der Richter mit hoher Wahrscheinlichkeit ein gerüttelt Maß an Mitschuld beim Kläger erkennen.

Geheuchelter Super-GAU

Und dann dieses Wahrheitsgesabbel – was ist schon wahr? Wenn ich eine Spiegel-Reportage lese, weiß ich, dass ich Spiegel-Wahrheit erfahre, dieselbe Story in der Süddeutschen wird einen leicht abweichenden Tenor aufweisen und bei FAZ und WELT klingt es – obwohl der zugrundeliegende Sachverhalt derselbe ist – wieder völlig anders. Ich frage Sie: »Was ist schon wahr?« Sitze ich tatsächlich den halben Sonntag barfuß und im Bademantel vor der Tastatur, um diese Zeilen zu tippen? Trinke ich morgens lieber Kaffee oder doch Tee? Muss ich mich erst aufs Klo hocken, damit mir eine Kolumne einfällt? Es ist ein Einstieg in eine Geschichte. Nicht mehr und nicht weniger. Ähnlich wie syrische Kinder, die nachts von Kanzlerin Merkel träumen. Die Story mit der Frau, die als Hinrichtungstouristin durch die USA tingelt, gefällt mir außerordentlich gut. Auf so eine Idee muss man als Schreiber erstmal kommen. „Se non è vero, è ben trovato“, nennen die Italiener diese Erzähltechnik. Ob man als fantasiebegabter Autor nun in einem „der Wahrheit verpflichteten“ Nachrichtenmagazin gut aufgehoben ist, steht wieder auf einem anderen Blatt. Aber solange dort sämtliche Kontrollinstanzen versagen – warum nicht? Es ist also entweder grenzenlos naiv oder geheuchelt, jetzt plötzlich Ende Dezember 2018 vom Super-GAU des deutschen Journalismus zu faseln. Der Großteil der Redakteure arbeitet sorgfältig gemäß den Grundsätzen ordentlicher Recherche. Trickser gibt es in jeder Branche, wobei ich spekuliere, dass es sich bei Relotius nicht um das einzige schwarze Schaf auf der ansonsten blütenweißen deutschen Presseweide handelt.

Schöne Weihnachten!

Um nun zu Weihnachten zurückzukehren: Ich wünsche Relotius, dass er bei seiner Familie oder Freunden friedlich unterm Baum sitzt und nicht betrunken und selbstmordgefährdet auf einer Landungsbrücke am Hamburger Hafen von der Polizei aufgegriffen wird, Heiligabend in der Ausnüchterungszelle und die Feiertage in der Psychiatrie verbringen muss. Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Schlau wäre es, sobald der Shitstorm abflaut, das Metier zu wechseln und sich aufs Schreiben von Drehbüchern zu verlegen. Vielleicht fängt er mit seiner eigenen Geschichte an. Arbeitstitel: „Wie ich dem Spiegel jahrelang getürkte Stories unterjubelte und dafür sogar mit Preisen ausgezeichnet wurde“. Könnte – wie Kollege Ulf Kubanke heute in einem Post meinte – durchaus ein Felix-Krull-Roman 2.0 werden.

Und natürlich wünsche ich all unseren (Gratis-) Abonnenten besinnliche Tage, sammeln Sie sich und Ihre Kräfte, damit Sie unsere Kolumnen im Neuen Jahr wieder fröhlich kritisieren können. Nichts liegt uns Autoren mehr am Herzen als der Blutdruck unserer Kommentatoren.

Fazit: die Causa Relotius ist ärgerlich; aber sie stellt beileibe nicht den einzigen Treiber für den stetigen Niedergang der Kultur des gedruckten Wortes dar.

»Du musst den Text jetzt abgeben«, sagt sie.
»Es ist 14 und nicht 21 Uhr!?«
»Die Deadline wurde von einem anderen Teilnehmer nach vorne verlegt.«
»Kann ich das ändern?«
»Nein, dir fehlen dafür die notwendigen Administratorenrechte.«

PS. das vorhin versprochene Gedicht entfällt nun wegen zeitlichem Abgabedruck. Im Januar müssen wir uns redaktionsintern dringend darüber unterhalten, ob die Anschaffung einer cloudbasierten digitalen Assistentin wirklich eine gute Idee ist.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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