Mutter der Finsternis – Eine Kolumne für Nico

Zum 80. Geburtstag Nicos schenkt Ulf Kubanke der Sphinx aus Eis ein Porträt.

Foto: Nico - „Cheslea Girl“, 1967 by Verve Records

Sein Körper bewegt sich nicht
Im Traume sich endlich sein Zwingen vergißt
Im heulenden Jubel erkenne ich dich,
Der mir den heiligen Frieden zerbricht (Nico)

Fragt man nach deutschen Showbiz-Ikonen, taucht stets ein Name auf: Nico! Nie war der Gegensatz zwischen Glamour und Schattenwelt so präsent wie bei der gebürtigen Christa Päffgen. Aus Köln stammend, machte sie sich auf, die Welt zu erobern. Zwar gelang ihr dies. Der Preis, den sie zahlte war gleichwohl alles andere als gering. Drama, Tragödie sowie das Elend der Sucht begleiteten sie bis zum Ende. In diesen Tagen wäre sie 80 Jahre alt geworden.

In Nicos Leben verlief nichts gerade, nicht einmal der Tod. Als sie 1988 auf Ibiza per Fahrrad eine Herzattacke erlitt, stürzte sie und zog sich Kopfverletzungen zu. Im Hospital hätte sie noch gerettet werden können. Doch den Ärzten unterlief eine Fehldiagnose. Man behandelte einen vermuteten Sonnenstich. Nicht minder kurios verliefen ihre Anfänge. Bereits als Kind arbeitete sie in der Nachkriegszeit als Näherin, verließ die Schule mit 13 Jahren und hoffte auf ein Entkommen aus der grauen Hölle.

Was bei den meisten bloßer Traum blieb, erfüllte sich für Nico überraschend leicht. Mit 16 gelangen ihr erste professionelle Aufnahmen als Model. Ein Jahr später zog sie nach Paris, kam bei Coco Chanel unter Vertrag. Es folgten Filmrollen in Fellinis „La Dolce Vita“ und an der Seite Belmondos. Wo immer sie auftauchte, zog sie ihr Umfeld in den Bann ihrer geheimnisvollen, stolzen und entrückten Aura. Dieses Charisma bescherte ihr den Beinamen „die Sphinx aus Eis“.

Dennoch waren diese Jahre kaum mehr als eine Einleitung. Musikalisch wagte sie Mitte der 60er erste Schritte und arbeitete mit dem unbekannten Jimmy Page vor Led Zeppelin. Doch erst als Bestandteil von Andy Warhols Factory-Clique ging es richtig los. Ihr Gesang auf der legendären Bananenplatte „The Velvet Underground & Nico“ macht sie zur musikhistorisch bedeutenden Künstlerin. „All Tomorrows Parties“ war Warhols Favorit. Die Nibelungenkönigin vom Rhein transportiert ihre Schicksalsmelodie mit hartem Stiefeltreterakzent. Im damaligen New York als arrogante Jetset-Göttin missverstanden, packt sie alle Einsamkeit in die nachhallenden Zeilen. Als besonders empfehlenswertes Zeitdokument hierzu bietet sich „Le Bataclan ’72“ an. Sie singt das Lied auf einem einmaligen Reunion-Konzert an der Seite von Lou Reed und John Cale.

Vor dem Ende der 1967er Aufnahmen löste sie die Beziehung zu Lou Reed. Lange Zeit kam er nicht von „my german queen“ los, die unüberhörbar Pate für sein 1973er Meisterwerk „Berlin“ stand. Dort heißt es „Sie hat keine Angst vor dem Tod./ All ihre Freunde nennen sie „Alaska“.“ Auch sonst ist es erstaunlich, mit wieviel großen Namen sich ihr Schicksal kreuzte. Mit Bob Dylan hatte sie eine Affäre. Er schrieb über sie den Song „Just Like A Woman“. Die Liste ist lang, voller Namen wie Brian Jones, Iggy Pop oder Serge Gainsbourg. Leonard Cohen gab sie einen Korb. Er verfasste daraufhin das ihr gewidmete „Take This Longing“. Zwei Männer erwiesen sich als fatal. Zu Jim Morrison verband sie eine unglückliche Liebe, die sie in Depression und Drogensumpf trieb. Den letzten Tritt gen Abgrund verpasste ihr der „eiskalte Engel“ Alain Delon, der den gemeinsamen Sohn Ari bis heute nicht als sein Fleisch und Blut anerkennt.

Wenig überraschend stand die Sucht ihr handwerklich im Wege. Sowohl Gesang als auch instrumentale Fähigkeiten blieben unfertig. Paradoxerweise unterstreicht gerade diese Eigenschaft ihr Talent als Texterin, Songwriterin und einzigartiger Interpretin. Hieran hat ihr alter VU-Kumpel John Cale großen Anteil, der Nico zeitlebens verbunden blieb, ihre visionäre Musik bewunderte und als Produzent ihre Ideen in archaische, schamanische und nachtschwarze Trance goss.

Aus heutiger Sicht ist Nico deshalb die Urmutter sinistrer Klänge und der Gothic-Popkultur. Ihr vor 50 Jahren erschienener Meilenstein „The Marble Index“ übt bis heute elementaren Einfluss aus. Der Prototyp war durch seine hörbare Kaputtheit, die in elegischen Klageliedern mündet, seiner Zeit weit voraus. Was anno 1968 als nahezu unverkäuflich floppte, wurde später zur Schlüsselinspiration für The Cure, Peter Murphy, Björk, Morrissey, Dead Can Dance, Siouxsie And The Banshees. Auch Enkelinnen wie Anna von Hausswolff oder Chelsea Wolfe berufen sich auf Nico.

Da scheint es mehr als passend, dass diese Königin der Nacht ein Verbot des Vatikan auslöste. 1974 spielte sie in der Kathedrale von Reims ein bis heute sagenumwobenes Doppelkonzert mit Tangerine Dream. Das Publikum hinterließ dermaßen deutliche Spuren orgiastischer Auschweifungen, dass der Vatikan seitdem jegliche Nutzung katholischer Gotteshäuser für Rockkonzerte sperrt.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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