Oh Franzl, mein Franzl!

Lange mussten wir warten. Aber nun ist es endlich so weit. Clemens Haas Bach & Sachgeschichten sind zurück. Und das gleich mit einer Liebeserklärung an Franz Schubert.


Sie müssen sich diesen Ausruf vorstellen wie aus geröteten Wangen der jungen Romy Schneider an einem munter plätschernden bayrischen Gebirgsbächlein, wie sie ihn mit strahlenden Äuglein den frechen Spatzen entgegentiriliert. Denn es ist geschehen: Ich habe mich verliebt! Bis über beide Ohren! Für alle Ewigkeit!

Das ist ein so fundamentales Ereignis für mich, dass ich mein Schweigen kurz breche, obwohl mir ein signifikanter Anteil der Kolumnisten nach wie vor gehörig auf den Senkel geht. Aber Liebe ist wichtiger als Groll.

Die älteren unter Ihnen erinnern sich: In meiner allerersten Bach- und Sachgeschichte sprach ich von Erweckungserlebnissen, die uns das Tor zur klassischen Musik öffnen können. Auch bei mir: Bach und Beethoven liebe ich zwar, seit ich denken dann, aber auch für Mozart musste mir zunächst der Schlüssel gegeben werden. Das ist über 30 Jahre her, und seitdem liebe ich immerhin schon mal die Heilige Dreifaltigkeit. Wer gleich danach oft noch im gleichen Atemzug genannt wird, ist Franz Schubert. Der Franzl! Und ich dann immer so: Ja, der ist schon echt ziemlich gut. Aber unter uns, wenn Ihnen jemand sagt: „Du, ich find dich schon echt ziemlich gut“, dann würden Sie das nicht unbedingt als filmreife Liebeserklärung werten und vor Rührung weinen, oder?

1001 Nacht

Also es ist jetzt nicht so, dass ich Schubert nicht geil gefunden hätte bisher. Hab ja auch einiges von ihm gern gespielt und gern gehört, immer wieder, tausendundeine Nacht. Aber bisher war das eher so „Wow! Die (Symphonie) sieht ja mal hammer aus!“ und „Jungejunge, hat die (Sonate) geile Triolen und Synkopen!“ und „Alter Falter! Der zweite Satz ist schon ne Sünde wert, hehe!“ bis hin zu „Und charmant, gebildet, nett und tief (sic) ist sie auch noch!“ Also Begehren war da durchaus schon da. Aber Begehren, auch gepaart mit hoher Sympathie, und Liebe – das sind dann doch noch zwei Paar Schuhe.

Dazu kommt noch, dass der von mir höchstverehrte Daniil Trifonov in einem Interview  als sein „Piece of Your Lifetime“ nicht etwa wie von mir erwartet etwas von Scriabin, Rachmaninoff, Medtner, Chopin oder auch Mozart nannte, sondern eine Sonate von Schubert:

I don’t think I would (be) happy about constantly playing only one work — that would be a nightmare after a while. In order to keep the love for my favorite pieces, it’s good to leave them aside for a while and then come back to them. If that is the case, then it’s Schubert’s Sonata in G Major, D. 894. I’m happy to come back to it many times.

Und Marc-André Hamelin antwortete auf die gleiche Frage:

The piano repertoire is so huge that this question is almost impossible to answer. But Schubert’s last sonata holds a very special place in my life. And I’ve always said that if I included it in every recital until the end of my life, I would be perfectly happy. I’m in awe of Schubert’s ability to express the deepest emotions with such simple means. What he conveys in the sonata is so magical and so mysterious that I’ll be forever possessed by it.

Allein, bei mir selbst hatte es bisher noch nicht Zoom gemacht.

Liebeserwachen

Auf das Schuberterweckungserlebnis also habe ich nun schon seit Jahrzehnten gewartet, und fast schon ein wenig die Hoffnung verloren. Und jetzt ist es dann doch noch tatsächlich geschehen! Und zwar, wie es sich für wirklich Großes gehört, völlig unspektakulär. Wie an fast jedem anderen Montagmorgen kam also mein Kollege, der in wenigen Tagen in den wohlverdien… jedenfalls in den Ruhestand geht, neulich ins Studio: „Guck mal, hab ich am Wochenende/grad im Autoradio/beim rumzappen auf youtube gehört!“, worauf wir dann zusammen das betreffende Werk in der Mediathek/auf youtube/auf Spotify noch mal zusammen gehört haben, was dann in aller Regel mündete in „komisch, am Wochenende/grad eben/nach dem Stammtisch fand ich´s viel geiler.“ Doch dieses Mal war alles anders. Denn er hatte im Autoradio die letzte Klaviersonate von Franz Schubert gehört. Nr. 21 B-Dur D. 960. Vom Franzl! Sein bedeutsamstes Werk hat sich mein Kollege damit für die allerletzten Berufstage aufgehoben, gnihihi.

Diese Sonate bestimmt seitdem mein Leben. Im Ernst. Die jüngeren unter Ihnen erinnern sich: Wenn man gerade frisch verliebt ist, kommt man praktisch nicht mehr aus dem Bett. Dort gibt es dann wichtigeres zu erledigen als außerhalb. Und so sitze ich seitdem so gut wie ständig wahlweise vor youtube oder spotify, um mir verschiedene Interpretationen anzuhören, oder sitze selbst am Flügel, auch mit meinen beiden kleinen Mädchen auf dem Schoß, und staune und bewundere und entdecke neues und verliebe mich mit jeder Sekunde noch mehr. Und wenn ich nachts im Bett liege, dann liegt neben meiner Frau und meinen kleinen Mädchen auch der Schubert und begleitet mich in den Schlaf. Und ich bin mir sicher, daß sich das Staunen und Bewundern und Entdecken und Lieben bis zum Ende meiner Tage nicht mehr ändern wird.

Schwanengesang

Das Ende seiner Tage war für Schubert nach der Schaffung und Uraufführung der Sonate Nr. 21 ziemlich nah. Ich verschone Sie und mich mit Details, die ich im Zug meiner Verliebtheit natürlich ergoogelt habe wie ein verknallter Teenager. Wenigstens soviel aus wikipedia: „Wahrscheinlich begann Schubert mit Skizzen zu den Sonaten ungefähr im Frühling des Jahres 1828; die Endversion entstand im September. In diesen Monaten erschienen u. a. auch die drei Impromptus D. 946, die Es-Dur-Messe D. 950, das Streichquintett D. 956 und die Lieder, die posthum den sog. Schwanengesang bildeten.[14] Die letzte Sonate, D. 960, wurde am 26. September abgeschlossen, und zwei Tage später spielte Schubert aus der ganzen Trilogie bei einer Abendveranstaltung in Wien.[15] In einem Brief vom 2. Oktober 1828 bot Schubert die drei Sonaten dem Verleger Probst zur Veröffentlichung an.[16] Aber Probst war an den Sonaten nicht interessiert,[17] und am 19. November 1828 starb Schubert.“

Mit 31. Sein naher Tod dürfte ihm bewusst gewesen sein.

Für die einen ist es Duplo, für die anderen die schönste Kathedrale der Welt

Ich komme nochmal kurz zurück auf Marc-André Hamelins Aussage zu dieser Sonate „to express the deepest emotions with such simple means“. Das ist perfekt gesagt. Deepest emotions: Oh ja. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie tief mich dieses Werk berührt. Und simple means: Oh ja. Bachs handwerkliche Meisterschaft ist geradezu gottgleich und für alle Zeit unerreichbar, und auch Beethoven ist so überstrahlend, dass Schubert in seinem Schatten lange als „vernachlässigbar“ galt. Mozart und Schubert dagegen sind die Götter der Einfachheit. Überheblichkeit der Nachgeborenen und damit Besserwissenden beiseite: Das Einfache hat auch mich damals schon bei Mozart gestört. Ach, das ist ja simpel! Doch wenn Mozart mit Lego-Steinen arbeitet, dann Schubert hier mit Duplo. Und mit diesen Duplo-Steinen erschafft Schubert hier eine Kathedrale, vor der ich demütig stehe und denke: Das ist die großartigste und wundervollste Kathedrale, die ich je gesehen habe.

Und jetzt dürfen Sie sich die Sonate auch anhören. Ich habe eine Aufnahme gewählt von Swjatoslaw Richter, googeln/spotifyen/youtuben Sie aber gern andere. Von Grigori Sokolov, Alfred Brendel, Murray Perahia, Maria João Pires, Krystian Zimerman, ….

Und danach, weil eine Bach-und Sachgeschichte mit Trifonov enden MUSS, eine Aufnahme von Schuberts Sonate G-Dur D. 894, seinem Piece of a Lifetime.

Clemens Haas

Clemens Haas

Clemens Haas, geb. 1968, hat Mathematik und Philosophie durchaus studiert mit eifrigem Bemühn, dann aber doch zurück gefunden zur ersten Liebe, Klavier und Tonmeisterei und dieses Studium dann auch abgeschlossen. Er arbeitet als freier Toningenieur und Komponist für ÖR und private Rundfunk- und Fernsehanstalten und für die Werbeindustrie.

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