Kaffee-Kolumne

„Schreib mal was über Kaffee“, sagt sie.
Kolumnist Henning Hirsch versucht‘s


»Man kann über alles eine Kolumne schreiben«, sagt sie und nippt an einem Glas Apfelwein.
»Tatsächlich über alles?«, hake ich erstaunt nach.
»Natürlich. Ich habe schon Texte über nackte männliche Oberkörper und das Dirndl, beides sind übrigens patriarchale Bevormundungsinstrumente, zu Papier gebracht.«

Wir sitzen in einer Gaststätte im Frankfurter Stadtteil Alt-Sachsenhausen und fachsimpeln übers Kolumnenschreiben. »Der Apfelwein hier ist selbstgekeltert, und den Handkäse musst du UNBEDINGT probieren.« Vom Apfelwein lasse ich als Abstinenzler die Finger weg, bestelle mir alternativ – weil Coke Zero nicht im Angebot ist – eine Apfelschorle. Der Handkäse, der hier Frankfurter und nicht Mainzer heißt, wird in einer Essig-Zwiebel-Kümmel-Tunke serviert – leicht blumig als „mit Musik“ deklariert –, schmeckt ganz okay. Bei mir zu Hause hätte ich noch ein paar Tropfen Tabasco drüber gegeben. Aber sei’s drum.

»Kolumnen kannst du auch übers Wetter und Kaffee tippen«, sagt sie.
»Meinst du wirklich?«
»Klar!«

25 in meiner Apfelschorle abgesoffene Wespen später trennen wir uns, und auf der Fahrt zurück nach Bonn überlege ich, ob ich mich am Kaffee versuchen soll. Fürs Wetter fühle ich mich definitiv noch ein paar Jahre zu jung. Das ist ein Thema für Rentner und Herrn Kachelmann.
Also: nun was zum Kaffee.

Ziegen waren es, die den Kaffee entdeckten

Dass der Kaffee ursprünglich aus dem abessinischen Hochland stammt, sich das Wort von Kaffa* (Name eines kleinen Königreichs in Äthiopien) herleitet und der Samen (altarabisch Bunn oder Bon, daher rührt wiederum die heutige Bohne) einer roten Frucht von einem immergrünen Strauch ist, der wiederum der Gattung Rubiaceae angehört und am besten zwischen 23° Nord und 25° Süd wächst, weiß jedes Kind.

Die Legende erzählt, dass Ziegen die ersten waren, die sich an den Kirschen probierten, woraufhin sie wie toll durch die Gegend sprangen und tagelang nicht mehr beruhigten. Einige Wochen danach rasteten die Hirten mit ihrer Herde in einem nahe gelegenen Kloster und erzählten dort von diesem Erlebnis. Die Mönche, neugierig geworden, testeten nun ihrerseits die Beeren und stellten fest, dass man das geschmacklich interessanteste Ergebnis durch Röstung der Kerne erzielt. Sie priesen das neue Getränk, das sie dazu befähigte, nun auch nachts ihre Gebete zu verrichten, ohne dabei einzuschlafen. Die Kunde von der muntermachenden Wirkung des Suds verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der arabischen Welt, wo der Kaffee ab dem 11ten Jahrhundert zum Standardgetränk avancierte, das in keinem Haushalt fehlen durfte.

Europäische Forscher und Handlungsreisende lernten das Hallo-wach-Rauschmittel am Ende der Renaissance-Epoche bei Ausflügen nach Istanbul und Aleppo kennen und verfrachteten den Stoff auf allerlei Wegen – die oft über Venedig führten – ins christliche Abendland. Die Verbreitung der roten Frucht geschah schnell und folgte den alten Handelsrouten über die Alpenpässe und die Rhone entlang nach Norden. Erste Kaffeehäuser entstanden in Italien, kurz danach in Frankreich, Österreich, Deutschland und England. Der Kaffee trat in Konkurrenz zum Alkohol und schickte sich an, diesem Platz 1 als Volksdroge streitig zu machen. Das war auch dringend nötig, denn der Branntweinkonsum im Europa der frühen Neuzeit hatte in einigen Gebieten beängstigende Ausmaße angenommen, ganze Landstriche drohten, in Suff und Verwahrlosung abzugleiten. Da kam der Kaffee als Antidot gerade recht. Die handelstüchtigen Holländer transportierten die Sträucher nach Indonesien, um die Pflanze dort anzubauen. Dasselbe taten die Portugiesen in Brasilien und die Spanier in Mittelamerika. Das Produktionsmonopol der Araber war zur Mitte des 18ten Jhrd.s gebrochen.

Kaffee wurde entweder in Apotheken als Arzneimittel

Belebt den Geist und erfreut das Herz. Ist sehr gut gegen Augenleiden, vertreibt Vapeurs und Kopfschmerzen, beugt Schwindsucht und Lungenentzündung vor, eignet sich vorzüglich zur Heilung von Wassersucht, Gicht, Skorbut, Melancholie, Hypochondrie, verhindert Fehlgeburten. Er wirkt allerdings nicht abführend noch adstringierend
gefunden in: Kaffee – eine Kulturgeschichte, von Felipe Ferré

oder in speziellen Lokalen als Modegetränk verkauft. Nicht jeder war jedoch von seiner die Gesundheit fördernden Wirkung überzeugt; es gab durch die Jahrhunderte immer wieder Mahner, die vor Unfruchtbarkeit, Debilität und frühem Tod bei zu häufigem Genuss warnten.

Das muss jetzt zum historischen Hintergrund reichen. Soll ja eine Kolumne und keine Seminararbeit werden. Nun also zum Abschnitt: Kaffee im Alltag.

Hilft bei Morgenverdauung und Mittagsschläfrigkeit

Ich weiß nicht, wofür Sie Kaffee einsetzen, oder ob sie ihn überhaupt zu sich nehmen. Für mich persönlich ist ein Dasein ohne Kaffee zwar theoretisch vorstellbar, jedoch in der Praxis nicht lebenswert.

Ausgangs der Jugend, kurz vor Eintritt in die Phase des Erwachsenwerdens, trifft jeder Mensch eine Menge wegweisender Entscheidungen: werde ich hetero oder schwul, bin ich ein Kreativer oder gelten meine Neigungen eher Finanzwesen und Buchhaltung, werde ich eine Familie gründen oder besser Single bleiben, will ich Karriere machen oder mich auf die Optimierung meiner Work-Life-Balance konzentrieren, UND: starte ich mit Tee oder Kaffee in den Tag? Meine beiden ersten Gedanken um halb sieben, wenn der Wecker klingelt, lauten: Scheiße, ist die Nacht schon wieder vorüber UND ist noch Kaffee im Haus? Ein  Morgen ohne den Stoff wäre eine mittlere Katastrophe, vergleichbar nur mit Nicht-Funktionieren des Internets oder Explosion des Handy-Akkus.

Ich trinke Kaffee im Auto, kaufe ihn mir an Tankstellen, im Büro muss stets eine volle Kanne griffbereit auf dem Tisch stehen. Ich kann spätabends kurz vor dem Zubettgehen einen Espresso runterkippen und trotzdem fünf Minuten später komatös einpennen. In jeder Kolumne – die übrigens ohne ihn noch misanthroper ausfallen würden – stecken ungezählte Tassen des von mir hoch geschätzten Heißgetränks. Kaffee dient mir sowohl zur Stimulierung der Verdauung als auch zur Vermeidung des Mittagsschlafs. Er ist aus meinem Leben schlichtweg nicht wegzudenken. Ich bin übrigens der erste Koffeinjunkie in der Familie. Meine Eltern und Großeltern bevorzugten Tee. Kaffee – in der Variante „deutscher Mokka“ – wurde einzig zum Sonntagnachmittagkuchen serviert.

Für den Hausgebrauch reicht völlig eine 49€-Maschine

Bei all meinem Konsum bin ich jedoch komplett emotionslos in Blickrichtung auf Herkunft und (angebliche) Qualität der Bohne. Mir völlig wurscht, ob die in Guatemala, Kolumbien oder dem Senegal angebaut, ein-, zwei-, dreimal gebrannt und weiter veredelt wurde. Das Zeug muss dunkelbraun, stark, heiß und leicht gesüßt sein. KEINE Milch!!

Ein Graus sind mir Szenelokale, in denen Flavored Latte oder Java Chip angeboten werden. Kaffee, der nach Karamell, Vanille, allem Möglichem, aber halt nicht nach Kaffee schmeckt.  Ich käme auch nie auf die Idee, sündhaft teuren Katzenkackekaffee, exotisch klingend als „Kopi Luwak“ angepriesen, zu kaufen. Wozu? Wenn ich Katzenkacke sehen will, besuche ich meine Nachbarin mit ihren zwei Siamkatern. Vollautomaten, die, wenn man sie um 6.30 dringend braucht, beim Einschalten erstmal gereinigt, entkalkt oder entleert werden müssen, hasse ich. Was anderes ist Kaffee aus Hochdruckmaschinen à la Cimbali, die den Dampf mit 15 Bar durch das Pulver jagen, damit ein hocharomatischer Espresso aus dem Siebträger heraustropft. Die Teile sind super und bedeuten tatsächlich eine fulminante Verbesserung der Lebensqualität.

Als Student fuhr ich Mitte der 80er mit meinem VW Käfer 1302 – Farbe babyblau – von Köln nach Sizilien. Bei einem kurzen Zwischenstopp am malerischen Hafen von Pozzuoli bestellte ich dort einen Espresso und war erstaunt, als die ohnehin kleine Tasse bloß daumennagelhoch gefüllt vor mich auf den Tresen gestellt wurde.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Un caffèèèèè«, antwortete der Barista.
Der Stoff schmeckte bitter, brannte beim Runterschlucken leicht in der Speiseröhre, verströmte ein angenehmes Wärmegefühl im Magen, und als ich zwei davon getrunken hatte, war ich so hellwach, dass ich die noch fehlenden 500 Kilometer bis Reggio in einem Rutsch durchraste. Und dieses Ergebnis kann man einzig mit professionellen Apparaten erzielen. Wer anderes behauptet, hat keine Geschmacksnerven.

Mir zu Hause reichen völlig eine 49€-Melitta- und eine Senseo-Maschine, sowie ein 70er-Jahre-Alu-Espressokocher, die ich täglich oder wöchentlich abwechselnd bediene. Alles andere ist kostspieliger und überflüssiger Schnickschnack. Die Vollautomaten kann man deshalb getrost in die Elektroschrotttonne kloppen.

Keinerlei Auswirkungen auf die Libido

Zum Ende der Kolumne hin noch ein brandaktuelles wissenschaftliches Forschungsergebnis: Kaffee verhält sich komplett neutral zur männlichen und weiblichen Libido. Aber Sie bleiben nach einem Mitternachtsespresso beim Sex natürlich länger wach und schlafen nicht wie der gemeine europäische Biertrinker sofort nach dem Orgasmus ein.

Und nun bekomme ich wirklich Kaffeedurst und werde im Belluno schräg gegenüber einen Espresso trinken.

* andere Forscher leiten den Begriff Kaffee vom arabischen „Kahwe“ oder „Qahwa“ ab, was so viel wie Lebenskraft oder Stärke bedeutet.

 

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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