Die Perfektionistin

Ulf Kubanke gratuliert Kate Bush zum 60. Geburtstag.

Kate Bush, Hammersmith Apollo, London - 24-08-2014; © by Warnermedia

„And if I only could, I’d make a deal with god.“ (Kate Bush)

Mal ehrlich: Wenn die eigenen Kinder oder jüngere Geschwister im frühen Teenageralter Gedichte oder Geschichten schreiben, lächelt man in der Regel milde und misst dem keinerlei tiefere Bedeutung bei. Das kann sich rächen. Wer weiß, ob manches Talent unentdeckt blieb. Ähnlich lief es bei Kate Bush, allerdings deutlich märchenhafter. Bereits als zwölfjährige verfasste sie eigene kleine Werke. Aus ihnen erwuchs eine der wichtigsten Musikerinnen aller Zeiten und ein Vorbild für nachfolgende Frauen im Musikgeschäft. Nun feiert jene Londonerin, die nicht wenige für ein musikalisches Genie halten ihren 60. Geburtstag.

Doch ohne Hilfe kann auch Begabung nicht erstrahlen. Ohne Unterstützung kann sich kein Talent entfalten. In diesem Fall lautet das Zauberwort: Pink Floyd. Oder konkreter gesagt: David Gilmour! Denn wie es das Schicksal will hatten der Floyd-Gitarrist/Sänger und Kates deutlich älterer Bruder einen gemeinsamen Freund. Der junge Mann namens Ricky Hopper hörte zufällig, was Kate schrieb und mit einfachsten Mitteln aufnahm. Er gab einiges davon an Gilmour weiter. Fast wäre es hier stecken geblieben. Denn Pink Floyd befand sich gerade auf dem Weg zu absoluten Weltstars, mitten zwischen „Dark Side Of The Moon“ und „Wish You Were Here“. Gilmour: „Wir waren völlig ausgelastet und eigentlich hatte ich null Zeit für andere Sachen.“

Doch ein sechster Sinn veranlasste ihn zum Reinhören. Wie vom Donner gerührt verzauberte ihn die feenhafte, entrückte und eigentümlich weise Ausstrahlung der knapp 16 jährigen Kate. Das ging dem Publikum ebenso. Gilmour wurde zunächst ihr Mentor. Später zum Bewunderer, musikalischen Partner und bis heute engen Freund. Bushs legendäre Debüt-LP „The Kick Inside“ erschien als sie nur 18 Jahre alt war. Manche Songtexte, wie etwa den Charterfolg „The Man With The Child In His Eyes“ brachte sie bereits mit 13 zu Papier.

So sprach alles dafür, dass das Publikum irritiert sein würde. Denn diese Klänge waren alles andere als Futter fürs typische Radioformat. Auch Bushs teilweise exzentrische Art zu singen – teilweise inspiriert von Atmung und Ausrufen des Karate-Trainings ihrer Kindheit – sprach nicht gerade für Hitpotential. Doch das Wunder geschah: Die Hörer gerieten in den Bann dieses Wesens, das wirkte als habe man hier eine jahrhunderte alte weise Zauberin in Gestalt einer blutjungen Nymphe vor sich. Als ewige Visitenkarte dieser frühen Phase gilt ihr Top Five-Hit „Babooshka“ aus dem Jahr 1980; eine Melodie, die sich besonders für Einsteiger eignet.

Später betont Bush, wie sehr ihr die hartnäckige Wahrnehmung als eine Art verschrobenen Fabelwesens gelegentlich auf die Nerven fiel. Gleichzeitig ist es genau diese Nichtfassbarkeit, diese Andersartigkeit, die den Kern ihrer Kreativität ebenso bedingt wie auch ihren Weltruhm und kommerziellen Erfolg. Immerhin handelt es sich bei Kate Bush um die musikgeschichtlich erste Frau überhaupt, die die britischen Charts mit selbstgeschriebenem Material knackte.

So ist es kein Wunder, dass Fans wie Medien sie gern und oft mit Peter Gabriel und David Bowie vergleichen. Wie jene war sie schon immer mehr Erscheinung als typischer Popstar. Musikalisch teilt sie deren Unberechenbarkeit. Irish Folk, Art Rock, Glam, Pop, kaukasische Elemente oder Klassik? Jede denkbare Kombination darf eine Rolle in ihrem Kosmos übernehmen. Alles zusammen ergibt einen unverwechselbaren Cocktail, dessen Individualität nicht nachahmbar ist. Viele versuchen es. Niemandem gelingt es.

Auch in punkto Kontrolle und Öffentlichkeitsverweigerung setzt die Londonerin neue Maßstäbe. Das Paradoxon besteht darin, sämtliche Gesetze des Showbiz mit Füßen zu treten, um dennoch als Siegerin durchs Ziel zu gehen. Einerseits gelingt ihr nämlich als einer der ersten Frauen überhaupt die totale Unabhängigkeit und volle künstlerische Entscheidungsgewalt. Sie komponiert, produziert, arrangiert, textet und singt haargenau wie sie es für richtig hält. Den Plattenfrimen räumt sie keinerlei Mitspracherecht ein. Alle fressen ihr dennoch aus der Hand. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, wie sie sich schon früh den Vermarktungsmechanismen entzieht. Promotion mit Fotos, Interviews etc.? Mangelware! Partys meidet sie. Im Alltag sieht man sie kaum. „Wenn ich wegen Kaffee oder Katzenfutter im Supermarkt stehe, mich umdrehe und dann stehen da 40 Menschen, die mich anstarren – ich könnte ausrasten.“

Doch damit nicht genug. Als bislang einziger Star dieser Größenordnung entzieht sie sich fast ihre gesamte Karriere lang dem Tour-Album-Kreislauf. Zwischen 1979 und 2014 gab es keine einzige Konzertreise. In den 80ern wird das Mysterium gleichwohl vollends zur lebenden Ikone. Mag sie noch so sehr hinter dem Mond leben: Ihre Karriere steuert Bush als perfekte Strippenzieherin und moderne Geschäftsfrau. Besonders das Medium der Videoclips nutzt sie geschickt zur Verbreitung, ohne selbst immer wieder in Aktion treten zu müssen. Bereits ab 1978 dreht sie regelmäßig Filmchen zu ihren Singles und wird so zu einer echten Pionierin der damals revolutionären Kunstform.

Mit drei Evergreens wird sie in der nachfolgenden MTV-Ära zum ewigen Aushängeschild der Dekade. An der Seite von Peter Gabriel dreht sie den Welthit “Don’t Give Up“. Mit Filmlegende Donald Sutherland gelingt ihr für „Cloudbusting“ eines der berühmtesten und geschätztesten Videos aller Zeiten. Und mit dem weltbekannten Überhit „Running Up That Hill“ macht sie sich endgültig unsterblich. Für letzteren geht sie tatsächlich den einzig bekannten, relevanten Kompromiss ihrer Karriere ein. Bush: „Ich nannte das Lied „A Deal With God“. Dann wurde uns klar, dass solch einen Titel womöglich alle katholischen, religiösen Länder boykottieren würden. Also benannte ich es um. Doch für mich heißt es noch immer so.“

Das einmalige Nachgeben stellte sich als goldrichtig heraus. Denn besonders dieses Lied trägt Verantwortung für ihren Status als eine der einflussreichsten Musikerinnen überhaupt. Würde man eine Liste aller Künstler verschiedenster Richtungen erstellen, die sich auf Bush berufen, man könnte problemlos den ganzen Planeten damit umwickeln. Von Hiphop bis Grunge, von Tupac bis Lily Allen gibt es ein nimmer endendes Füllhorn absoluter Verehrer. Mit trocken englischem Humor kommentiert sie lakonisch: “Ich strebe eigentlich nicht nach Perfektion. Aber ich möchte schon gern mit etwas um die Ecke kommen, das nicht komplett uninteressant ist.“

 

 

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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