Die Entzauberung des russischen Revolutionsideals

Im letzten Herbst erschien im Suhrkamp Verlag die deutsche Übersetzung eines Buches, das bereits kurz nach der Oktoberrevolution in Russland entstanden war. Die Herausgeber der übersetzten Fassung, die Osteuropahistoriker, Ulrich Schmid und Karl Schlögel, hielten dieses Buch für relevant genug, um es der deutschsprachigen Öffentlichkeit hundert Jahre nach seiner Entstehung zu präsentieren. Diesem Band, den der Suhrkamp Verlag als einen „epochalen Band“ charakterisiert, und der den Titel „Aus der Tiefe“ (De profundis) trägt, ist diese Kolumne gewidmet.


Die Oktoberrevolution von 1917 leitete ein neues Zeitalter sowohl in der russischen als auch in der gesamteuropäischen Geschichte ein. Mit ihr begann eine Epoche beispielloser sozialer Experimente, die „Utopie gelangte an die Macht“, wie die russischen Historiker Michail Heller und Alexander Nekritsch diesen Vorgang später nannten. Wie reagierte die intellektuelle Elite Russlands auf den damaligen Zivilisationsbruch, dem der russische Schriftsteller Wassili Rosanow die Bezeichnung „Die Apokalypse unserer Zeit“ verliehen hatte? Besonders deutlich spiegelten sich diese Reaktionen im Sammelband „De profundis“ von 1918 wider. Aufgrund der Bestimmungen der bolschewistischen Zensur konnte diese Schrift allerdings die breite Öffentlichkeit lange nicht erreichen. Erst im Jahre 1967 wurde der Band publiziert, und zwar im Pariser Exil. Bezeichnenderweise erschien er ausgerechnet in einer Zeit, in der sich in der Sowjetunion die Bürgerrechtsbewegung und mit ihr auch die unabhängige Gegenöffentlichkeit zu konstituieren begann. Teile der nonkonformistisch gesinnten Intelligenz suchten nun nach geistigen Anregungen außerhalb des von oben verordneten marxistisch-leninistischen Kanons und entdeckten dabei die Denker der russischen religiös-philosophischen Renaissance des beginnenden 20. Jahrhunderts, die auch zu den wichtigsten Autoren des Bandes „De profundis“ zählten. Durch verschiedene inoffizielle Kanäle begannen die in der UdSSR verbotenen Abhandlungen dieser Autoren, auch die Schrift „De profundis“, in ihr Heimatland zu gelangen und den sich nun anbahnenden regimekritischen Diskurs zu beeinflussen. Da der Sammelband zu den ersten Reaktionen der intellektuellen Elite Russlands auf die Ereignisse von 1917/18 zählte, möchte ich nun etwas genauer auf ihn eingehen, insbesondere auf  den Aufsatz des Philosophen Semjon Frank, der ebenso wie das gesamte Buch den Titel „De profundis“ trug und in gewisser Hinsicht eine programmatische Bedeutung besaß.

Die Verantwortung der Eliten

 Der Aufsatz Franks beginnt mit folgender Zustandsbeschreibung:

Wenn jemand vor einigen Jahren jenen Abgrund vorausgesagt hätte, in den wir jetzt gestürzt sind…, hätte kein Mensch ihm geglaubt. Selbst die düstersten Pessimisten sind in ihren Voraussagen niemals so weit gegangen, sie sind in ihrer Einbildungskraft nicht bis zum letzten Rand der Hoffnungslosigkeit vorgestoßen, an den uns jetzt das Schicksal geführt hat.

Bei der Suche nach den historischen Analogien für die Katastrophe von 1917/18 kommen Frank vor allem „die furchtbaren Ereignisse voll biblischen Schreckens“ in den Sinn.

Auch andere Autoren des Bandes, so der Theologe Sergej Bulgakow und der Philosoph Sergej Askoldow,  betrachten die Entwicklungen von 1917/18, ähnlich wie der bereits erwähnte Wassili Rosanow, als ein  „Ereignis voll biblischen Schreckens“, als eine Art Apokalypse.

Wie konnte es dazu kommen? Der Zusammenbruch von 1917/18 hatte sich für Frank zunächst in den Köpfen vollzogen, in den Köpfen der intellektuellen Elite, die das Volk statt zu neuen Ufern ins Verderben führte. Das Gejammer vieler Vertreter der russischen Bildungsschicht über die „Unvernunft“ und die zerstörerische Wut der ungebildeten Massen rief bei Frank kein Mitleid hervor. Die Verantwortung für die Schicksale des jeweiligen Landes trügen in erster Linie seine politischen Eliten und nicht die unteren Volksschichten, denn

 in keiner Gesellschaftsordnung und unter keinen gesellschaftlichen Umständen (sind die Volksschichten) Initiator und Gestalter des politischen Lebens. Selbst in einem noch so demokratischen Staat ist das Volk immer ausführendes Organ, Werkzeug in den Händen einer führenden und inspirierenden Minderheit. … Nicht die amorphe Masse agiert, sondern nur eine Organisation; jede Organisation aber basiert auf der Unterordnung der Mehrheit unter eine führende Minderheit.

Nach dieser Feststellung analysierte Frank den geistigen Zustand der russischen Eliten, die aus seiner Sicht die Hauptverantwortung für den „Selbstmord eines großen Volkes“ trugen. Besonders hart ging er mit den sozialistisch gesinnten Gruppierungen ins Gericht. Sie hätten Russland zu einer Art Experimentierfeld für ihre Programme gemacht, wobei sich deren zerstörerische Kraft besonders deutlich offenbarte. Warum fragt Frank, habe der Sozialismus in Russland einen ganz anderen Charakter als im Westen angenommen? Während er sich im Westen in eine friedliche ökonomische und politische Bewegung zur Verbesserung des Schicksals der Arbeiterklasse verwandelte, habe er in Russland zum Zusammenbruch des Staates geführt.

Diesen Unterschied führt Frank darauf zurück, dass im Westen konservative und liberale Gruppierungen stark genug waren, um die revolutionäre Wucht der sozialistischen Bewegung einzudämmen und sie in eine friedliche, reformistische Richtung umzulenken. In Russland hingegen hätten sich diese Gegenkräfte als extrem schwach erwiesen. Die russischen Liberalen hätten im Grunde kein geschlossenes weltanschauliches Konzept gehabt. Sie seien deshalb nicht imstande gewesen, „jenes politische Pathos zu entfachen, das die Anziehungskraft jeder großen politischen Partei ausmacht“.

Bei den russischen Liberalen habe es sich im Grunde nur um gemäßigte, lauwarme Sozialisten gehandelt. Dem Glaubenseifer der sozialistischen Fanatiker hätten sie nichts Wirksames entgegensetzen können. Was den russischen Konservatismus anbetrifft, so befinde sich diese Strömung in einem inneren Zerrüttungsprozess und verliere jeglichen Zugang zu ihren ursprünglich religiösen Quellen. Das konservative Establishment des Zarenreiches, so Frank, sei eine geistlose Bürokratenschicht gewesen, die die revolutionäre Gefahr nicht mit Hilfe von Ideen, sondern lediglich mit Repressalien bekämpfen wollte. Ein aussichtsloses Unterfangen, wie dies das Jahr 1917 gezeigt habe.

Der Ost-West-Vergleich

Franks schonungslose Analyse schien lediglich den besonderen Charakter der russischen Katastrophe aufgezeigt und die in Ost und West weit verbreitete These von einer tiefen Kluft zwischen Russland und dem Westen bestätigt zu haben. So schrieb z.B. der Kultursoziologe Alfred Weber im Jahre 1925: Die bolschewistische Herrschaft habe die Reasiatisierung Russlands bewirkt. Russland habe nur zeitweise und versehentlich der europäischen Staatengemeinschaft angehört. Sein Wiederausscheiden aus Europa sei seine Rückkehr zu sich selbst.

Als Alfred Weber diese Worte schrieb, bahnte sich gerade in Deutschland eine Katastrophe an, die den gesamten europäischen Kontinent in einen noch tieferen Abgrund stürzen sollte, als dies die bolschewistische Revolution getan hatte. Das angeblich „asiatische“ Russland hat also viele Entwicklungen des Westens bloß um einige Jahre vorweggenommen. Und gerade deshalb hatte die von Frank 1918 unternommene Analyse der russischen Katastrophe eine Relevanz, die weit über das spezifisch Russische hinausging. Denn die tiefe Krise des Liberalismus und des Konservatismus, die in Russland die wichtigste Voraussetzung für den Siegeszug einer totalitären Partei schuf, erfasste einige Jahre später auch den Westen. So weitete sich die russische Katastrophe zu einer allgemeineuropäischen aus. Nach 1933 begannen einige Autoren auch die deutsche Katastrophe mit biblischen bzw. metaphysischen Begriffen zu beschreiben und von der Dämonie sprechen, die den Nationalsozialismus auszeichnete. Für Hannah Arendt stellten die totalitären Regime unter Beweis, „dass es ein radikal Böses wirklich gibt“.

Der literarische Prolog zur Revolution

Welche Rolle spielte die russische Literatur bei der Genese der Revolution? Diesem Thema widmete der Philosoph Nikolaj Berdjajew seinen Beitrag, der den Titel „Die Geister der russischen Revolution“ trug.

Besonders intensiv befasst sich Berdjajew mit dem Werk Fjodor Dostojewskis, der die russische Katastrophe von 1917 mit einer außerordentlichen Einfühlung vorausgesagt hatte. So durch die Beschreibung des sentimentalen moralischen Rigorismus der russischen Revolutionäre, die diese Welt, in der das Böse nicht gänzlich auszurotten sei (die Träne eines gemarterten Kindes), nicht für erhaltenswert hielten. Im Kampf gegen eine unvollkommene Gesellschaft, die das Böse zulasse, seien alle Mittel legitim, erklärt einer der Romanhelden Dostojewskis, Iwan Karamasow. Dieser moralisierende Amoralismus, so Berdjajew, stellte Generationen lang das Credo der russischen Intelligenzija dar. Eines habe sie aber nicht vorausgesehen: nämlich welche Folgen die Devise „Alles ist erlaubt“ haben würde, wenn die einfachen russischen Volksschichten sie verinnerlichten. Der moralisierende Amoralismus der Intelligenzija sei nun zum Volksglauben geworden.

Berdjajew ist voller Bewunderung für Dostojewski als Visionär und Diagnostiker. Weniger überzeugt ist er allerdings von den therapeutischen Fähigkeiten des großen Schriftstellers. Und in der Tat, die von Dostojewski propagierte Verklärung des einfachen russischen Volkes, eines „Gottesträgervolkes“, vermochte nicht die mächtige nihilistische Woge aufzuhalten, die den russischen Staat 1917 weitgehend aushöhlte.

Die nihilistischen Ideen verfügten aus der Sicht Berdjajews nicht zuletzt deshalb   über eine beinahe unwiderstehliche Anziehungskraft in Russland, weil sie von Denkern propagiert wurden, die zu den höchsten moralischen Instanzen im Lande zählten. Eine geradezu verhängnisvolle Rolle schreibt Berdjajew hier Lew Tolstoj zu. Dieser wohl einflussreichste russische Schriftsteller spielte für Berdjajew bei der russischen Katastrophe von 1917 eine ganz andere Rolle als Dostojewski. Er habe sie nicht vorausgesehen, sondern mitverursacht. Als radikaler Moralist habe Tolstoj weder den russischen Staat noch die Kultur als solche akzeptiert, weil sie seiner Meinung nach auf Ungerechtigkeit und Gewalt basierten. Diese Auflehnung gegen Institutionen und Hierarchien aller Art, gegen gesellschaftliche Differenzierung und Arbeitsteilung, habe der alles nivellierenden und zerstörerischen Wut der russischen Volksschichten quasi eine höhere Weihe verliehen. Obwohl Tolstoj Gewalt verabscheute, habe sein nihilistischer Moralismus paradoxerweise zu der 1917 ausgebrochenen Orgie von Gewalt maßgeblich beigetragen.

Die Verantwortung der Intelligenzija 

Der Sammelband „De profundis“ stellte bereits den dritten Versuch der Verfechter der bereits erwähnten religiös-philosophischen Renaissance in Russland dar, den bedingungslosen Glauben der russischen Intelligenzija an die Revolution in Frage zu stellen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1902) taten sie dies im Sammelband „Probleme des Idealismus“ und sieben Jahre später – mit einer besonderen Vehemenz – im Sammelband „Wechi“ (Wegzeichen), der von vielen Vertretern der russischen Bildungsschicht als eine beispiellose Provokation empfunden wurde. 1917 stellte es sich indes heraus, dass die Warnungen der „Wechi“-Autoren durchaus begründet waren. Der Rechtswissenschaftler Pawel Nowgorodzew nimmt in „De profundis“ ausdrücklich dazu Stellung: „(Die „Wechi“-Autoren) wollten die russische Intelligenzija dazu aufrufen, ihre alten Glaubenssätze zu überdenken“, so Nowgorodzew. Dann schildert er die entrüstete Reaktion großer Teile der russischen Öffentlichkeit auf diesen Appell: „Die Intelligenzija muss nichts überdenken, sie muss nichts ändern – so lautete der Tenor der Kritik“. So sei die Mehrheit der Intelligenzija ihrer utopistischen Denkweise, die bereits von den „Wechi“ scharf angeprangert worden war, treu geblieben, einer Denkweise, die, so Nowgorodzew, „statt Heil nur Übel (bringt)“, die „zwar das Paradies auf Erden (verspricht), doch häufig, die Hölle auf Erden (entfesselt)“.

Was die „Wechi“-Autoren mit ihren eindringlichen Appellen nicht zustande gebracht hatten, vermochten die revolutionär gesinnten russischen Massen im Jahre 1917 zu erreichen. Sie hatten der Intelligenzija vor Augen geführt, welche gefährlichen Folgen die utopistischen Schwärmereien haben konnten. Das Volk habe die Ideen der Intelligenzija wörtlich genommen und sie in die Tat umgesetzt, schreibt der Publizist und Diplomat Walerian Murawjow in seinem Beitrag.

Man muss allerdings anmerken, dass die Bolschewiki, die diesen Volksaufruhr bewusst schürten, sich keineswegs als Verfechter der Interessen der anarchisierten Massen verstanden. Ihr Bündnis mit den russischen Volksschichten war nur vorübergehender Natur. Sofort nach dem Sieg der Oktoberrevolution strebten die Bolschewiki danach, ihre „Verbündeten“ zu entpolitisieren und bloß in ein Rädchen eines totalitären Mechanismus zu verwandeln. Ihr Ziel war die Anpassung der russischen Wirklichkeit an die marxistische Utopie. Die ersten Konturen der neuen Ordnung – des ersten totalitären Regimes der Moderne – waren bereits Mitte 1918 (also zur Zeit der Entstehung des Sammelbandes „De profundis“) sichtbar. Dazu schreibt der Rechtswissenschaftler und Publizist Alexander Isgojew in seinem Beitrag Folgendes: „In Bezug auf das politische Leben bietet der Sozialismus (so nannte Isgojew das von den Bolschewiki errichtete „kriegskommunistische“ System – L.L.) en Bild übelster Despotie mit Ausnahmegesetzen, Ungleichheit der Bürger, tagtäglichen Gewalttaten, Abwesenheit jeglicher Freiheiten, mit Folter in Gefängnissen…, mit Massenexekutionen und Einzelerschießungen unbewaffneter Menschen“.

Manche Thesen, die der russische Historiker Sergej Melgunow im Jahre 1923 in seinem Standardwerk über den „Roten Terror“ formulieren sollte, wurden von Isgojew bereits einige Jahre zuvor vorweggenommen.

Isgojews Beitrag enthält allerdings auch wenig überzeugende Momente. So sieht er im Grunde keinen grundlegenden Unterschied zwischen der Programmatik der demokratisch gesinnten russischen Sozialisten und derjenigen der Bolschewiki: „Die Bolschewiki setzten lediglich konsequent um, was andere gesagt und wozu andere angeregt haben… (Gemäßigte Sozialisten) sagten und predigten das, was prinzipiell zur Herrschaft der Bolschewiki führen musste“.

Diese Vermischung der demokratischen und der totalitären Aspekte der russischen Umwälzung von 1917 ist indes kaum begründet. Die bolschewistische Phase der russischen Revolution basierte, anders als Isgojew behauptet, auf qualitativ völlig entgegengesetzten Prinzipien als die Februarrevolution. Die wohl freieste Gesellschaftsordnung in der russischen Geschichte wurde durch die unfreieste abgelöst.

Deutsch-russische Parallelen

Das im Sammelband „De Profundis“ beschriebene Phänomen der Entzauberung des revolutionären Ideals hat einen paradigmatischen Charakter und lässt sich auf vergleichbare Entwicklungen in anderen Ländern und Epochen übertragen. Frappierend ist in diesem Zusammenhang die Ähnlichkeit zwischen dem Schicksal der russischen Intelligenzija und demjenigen der deutschen Konservativen in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. So wie die Intelligenzija durch ihre Verklärung der revolutionären Ideale der bolschewistischen Herrschaft den Weg geebnet hatte, erleichterten die deutschen Konservativen, nicht zuletzt die Verfechter der „Konservativen Revolution“, durch ihre Ablehnung der mit dem Westen assoziierten pluralistischen Werte den Aufstieg Hitlers. Nur allmählich begannen zahlreche Vertreter der Konservativen Revolution, ähnlich wie viele Vertreter der russischen Intelligenzija nach 1917, zu verstehen, welche Geister sie gerufen hatten. Eine allgemeine Desillusionierung machte sich breit: „Während der Geist an der Wirklichkeit vorbeidachte, fiel die Wirklichkeit dem Ungeist anheim“, kommentierte später der Philosoph Helmut Kuhn diese Entwicklung.

Eigenwillige Thesen

Kurz nach dem Erscheinen der deutschen Übersetzung des Sammelbandes „De Profundis“ veröffentlichte der Bochumer Osteuropahistoriker Stefan Plaggenborg in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (24.10.2017) eine Besprechung des Bandes, die einige strittige Thesen enthält. Für den Autor versinnbildlicht dieses Buch, das der Suhrkamp Verlag als einen „epochalen Band“ charakterisierte „die vollständige intellektuelle Bankrotterklärung der hier schreibenden Vertreter der russischen Intelligencija …Schon im Jahre 1918 brauchte niemand dieses Buch“.

Wie begründet Plaggenborg dieses eigenwillige Urteil? Aus seiner Sicht hatten die Autoren des Sammelbandes „bis auf eine  Ausnahme (A. Isgojew – L.L.)… den Kompass verloren“, sie hätten ihre Gegenwart nicht verstanden und seien der „Analyse unfähig“ gewesen.

Beim Lesen dieser herablassenden Worte, darf man nicht vergessen, dass sie im Jahre 2017 formuliert wurden, also hundert Jahre nach dem Beginn des Jahrhunderts der Extreme, der Lager und des totalitären Terrors. Plaggenborg kann also diese beispiellose geschichtliche Zäsur, die die Oktoberrevolution verkörperte, aus einem sicheren zeitlichen Abstand betrachten. Die Autoren des Sammelbandes „De profundis“ hingegen mussten den Zivilisationsbruch, den die bolschewistische Revolution eingeleitet hatte, in dem Moment einordnen, in dem er begann. Sie waren die ersten Opfer eines wohl beispiellosen anthropologischen Experiments der Anpassung der politischen Wirklichkeit eines von den totalitären Machthabern beherrschten Landes an die totalitäre Utopie. Kein Wunder, dass sie auf diesen nie dagewesenen Vorgang mit Entsetzen reagierten. Dessen ungeachtet gelangen einigen von ihnen scharfsinnige Einsichten, die der Aufmerksamkeit Plaggenborgs im Wesentlichen entgehen. So wurde vieles von dem, was die Analytiker der deutschen Katastrophe von 1933 formulierten, von einigen Autoren des Sammelbandes bereits vorweggenommen. Als der sozialdemokratische Hitler-Biograph Konrad Heiden 1936 von einer beispiellosen Desertion der deutschen Eliten am Vorabend der nationalsozialistischen Machtübernahme, vom „Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ sprach, klangen diese Worte wie eine Paraphrase dessen, was Semjon Frank  oder der Initiator des Sammelbandes Pjotr Struve bereits 1918 über die Verantwortung der russischen Eliten für die russische Katastrophe gesagt hatten. Als der deutsch-russische Sozialdemokrat Alexander Schifrin die deutsche „Konservative Revolution“ für ihren antidemokratischen Utopismus kritisierte, mit dem sie den Nationalsozialisten den Weg geebnet hatte, setzte diese Analyse im Grunde die Auseinandersetzung des Sammelbandes „De profundis“ mit dem Utopismus der russischen Intelligenzija fort. Und vieles mehr.

Anders als die Zeugen und Opfer der deutschen Katastrophe von 1933 hatten die Zeugen des russischen Zivilisationsbruchs von 1917/1918 keine Vergleichsmöglichkeiten. Nicht zuletzt deshalb griffen sie auf das biblische Vokabular zurück, um das Unfassbare, was sie erlebten, einigermaßen einordnen zu können. Diese Verwendung des biblischen Vokabulars durch manche Autoren des Sammelbandes stellt für Plaggenborg indes ein Zeichen ihres analytischen Unvermögens dar. Statt „an der Spaltung der russischen Seele und dem Verlust Gottes“ zu verzweifeln, hätten sich die Autoren des Bandes lieber mit solchen Begriffen wie Industrialisierung, Arbeiterkontrolle oder Acht-Stunden-Tag befassen sollen, meint der Bochumer Historiker. Als ob dies allein gereicht hätte, um den Eintritt des modernen Menschen in ein vollkommen neues, nie dagewesenes Zeitalter der totalitären Experimente, besser einordnen zu können. Karl Schlögel ist diesbezüglich einer anderen Meinung als sein Bochumer Kollege. In seiner Einleitung zur deutschen Übersetzung des Sammelbandes schreibt er: „“Die Sprache der Apokalypse ist … auch die Sprache einer apokalyptischen Erfahrung, die sich dann einstellt oder zu der man dann Zuflucht nimmt, wenn die ´gewöhnliche´ Sprache nicht ausreicht, um zu beschreiben, zu erfassen, was vor sich geht“.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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