Muslimischer Antisemitismus

Wenn muslimischer Antisemitismus erwähnt wird, lässt die Reaktion meist nicht lange auf sich warten: „Wir“ sollten uns lieber um unseren eigenen Antisemitismus kümmern. Das verhindert nicht nur jede vernünftige Debatte, sondern exkludiert Muslime. Sie sind offensichtlich nicht Teil dieses „Wir“, schreibt unser Kolumnist Heiko Heinisch.


Die Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Berliner TU, Juliane Wetzel, behauptete unlängst, es gebe „keinen muslimischen Antisemitismus“, sondern nur „einen Antisemitismus unter Muslimen“, was den Publizisten Henryk Broder zu einem seiner bissigen, aber treffenden Kommentare reizte. Auch in den sozialen Medien geht es bei diesem Thema immer wieder heiß her. Wer über muslimischen Antisemitismus reden will, wird umgehend in Diskussionen über den „eigenen“ europäischen Antisemitismus verwickelt. Hinweise auf muslimischen Antisemitismus werden schnell mit dem Hinweis auf den Antisemitismus der Rechten gekontert (interessanterweise nie mit Hinweisen auf linken Antisemitismus) oder als rechtes Ablenkungsmanöver denunziert.

Auf der Präsentation des von der Stadt Wien eingerichteten Netzwerks Deradikalisierung, Prävention und Demokratiekultur vor einigen Jahren in Wien erwähnte die Moderatorin, dass in den letzten Jahren immer wieder von einem neuen Antisemitismus gesprochen würde, der zu dem bereits vorhandenen autochthonen Antisemitismus hinzukomme, und richtete an eine SP-Politikerin die Frage, ob die Stadt Wien darin ein Problem erkenne und wie damit umgegangen würde? Die Antwort der Politikerin war symptomatisch: Wir bräuchten uns nicht auf den Antisemitismus der Anderen herausreden, denn wir hätten genug eigenen. Eine Analyse des und Debatte über muslimischen Antisemitismus war auf der Veranstaltung zu Extremismus und Prävention nicht erwünscht. Der Politikerin war aber auch nicht bewusst, dass sie Eingewanderte und deren Nachfahren mit dieser Antwort aus der Gesellschaft ausgrenzte, deren Antisemitismus ja dann eben nicht der unsere ist, die also demnach auch nicht Teil des angesprochenen „Wir“ sind. Hier wurde in „Wir“ und „die Anderen“ unterschieden, wo es um Probleme in der heutigen Gesellschaft ging.

Dahinter ist ein Muster aus Ängsten erkennbar: Die Angst, „den Rechten“ in die Hände zu spielen, wenn man ein Thema aufgreift, das diese auch bearbeiten und andererseits die Angst, des Rassismus und der „Islamophobie“ geziehen zu werden, wenn man über Judenfeindschaft und andere bedenkliche Einstellungen innerhalb mancher muslimischer Communities spricht. Weil Teile des rechten Lagers, die selbst antisemitisch sind oder sich zumindest in einem antisemitischen Umfeld bewegen, ihre Liebe zu Juden und Israel zu entdecken vermeinen, nur um Muslimen Antisemitismus vorwerfen zu können, fällt es großen Teilen der Linken und Liberalen schwer, einen muslimisch geprägten Antisemitismus überhaupt noch zu erkennen. Stattdessen wird umso vehementer auf den antisemitischen Bodensatz „unserer Gesellschaft“, also der Gesellschaft ohne Muslime, hingewiesen.

Studien belegen Antisemitismus

Alle seriösen Studien weisen in eine andere Richtung: Antisemitismus ist in muslimischen Communities weiter verbreitet als in jeder anderen Gruppe der Bevölkerung. Bei einer Wiener Studie über Jugendliche in der offenen Jugendarbeit, bei der auch die Religion erfasst wurde, fanden sich bei 48% der muslimischen Jugendlichen antisemitische Einstellungen und bei 27% der christlich-orthodoxen, während sich solche Einstellungen nur bei 7% der katholischen Jugendlichen nachweisen ließen. In einer österreichischen Studie aus dem Jahr 2017 stimmten rund 54% der türkischstämmigen Befragten der Aussage zu „Juden haben zu viel Macht auf der Welt“, wobei es einen deutlichen Unterschied zwischen in der Türkei geborenen (61% Zustimmung) und der sogenannten 2. Generation (46%) gab.

Neben der Religion spielt offensichtlich auch die nationale Herkunft eine wesentliche Rolle: Aus Bosnien stammende Menschen stimmten dieser Aussage „nur“ zu 35 bzw. 26% (1.+2. Generation) zu, neu aus Syrien eingewanderte hingegen zu 62%. Die geringste Zustimmung fand die Aussage mit noch immer 18% bei Einwanderern aus dem Iran. Bei einer im vergangenen Jahr durchgeführten Studie über muslimische Flüchtlinge in Graz fanden sich bei über 40% eindeutig antisemitische Einstellungen. Ähnliche Ergebnisse liegen auch aus deutschen Studien vor.

Warum fällt es so schwer, über diese Befunde zu reden, ohne sich, wie Gerald Wagner in der FAZ schreibt, zunächst absichern zu müssen?:

Wer über den neuen Antisemitismus der Zuwanderer schreibt, kann sich das offensichtlich nicht erlauben, ohne zunächst stets den alten Antisemitismus der Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund zu erwähnen, auch wenn nach dem gar nicht gefragt wird.

Tödliche Angriffe auf Juden

Dabei sind es nicht allein die Einstellungen, die Sorgen machen sollten, sondern auch die geringe Hemmschwelle für deren Umsetzung in verbale und physische Attacken bis hin zu den Morden an Juden in den letzten Jahren. Jüdische Schulen und Synagogen in Europa stehen unter Polizeischutz, einige gleichen von außen Hochsicherheitstrakten; ohne Sicherheitskontrolle gibt es keinen Einlass. Kein jüdisches Kultur- oder Filmfest kommt mehr ohne Sicherheitspersonal aus. Und dennoch häufen sich die Angriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen in Europa, von Beschimpfungen, Anspucken und Tätlichkeiten auf offener Straße bis hin zu Überfällen und Mordanschlägen. Zumindest letztere gehen in den letzten Jahren ausschließlich auf das Konto von radikalen Muslimen. Dazu zählen unter anderem die Mordanschläge auf das jüdische Museum in Brüssel (4 Tote), auf den jüdischen Supermarkt Hyper Cache in Paris (4 Tote) oder auf eine jüdische Schule in Toulouse (4 Tote). Hinzu kommen vor allem in Frankreich mittlerweile eine ganze Reihe von Morden an einzelnen Menschen, von denen die Täter wussten, dass sie Juden waren.

Auf den Straßen und in den Schulen wird das Klima gegenüber Juden rauer, „Du Jude!“ avancierte zum Schimpfwort und während des Gazakrieges im Jahr 2014 kam es in vielen europäischen Städten zu judenfeindlichen Demonstrationen mit lange nicht gehörten antisemitischen Parolen – bis hin zu „Juden ins Gas!“ und anderen Vernichtungsphantasien.

Aus Frankreich, aber auch aus Schweden, wandern immer mehr Juden aus. Sie flüchten nach Israel, in die USA oder nach Kanada. 50% der gemeldeten rassistischen Übergriffe in Frankreich richteten sich im vergangenen Jahr gegen Juden, obwohl diese weniger als 1% der Bevölkerung ausmachen, so Raya Kalenova, Vizepräsidentin des European Jewish Congress im Interview. In Deutschland spiegelt die Kriminalstatistik diese Entwicklung nicht wider, da antisemitische Straftaten, deren Täter unbekannt bleiben, automatisch in die Kategorie „Politisch motivierte Kriminalität Rechts“ eingeordnet werden. Das ist irreführend und bildet die Realität nicht länger ab.

„Was als Antisemitismus in Frankreich registriert wird, kommt nicht aus dem rechten Eck“, bei den Tätern handele es sich fast ausschließlich um muslimische Jugendliche, heißt es auch in der österreichischen Tageszeitung Kurier. Das hat, auch wenn viele es nicht hören wollen, etwas mit dem Islam zu tun – was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass alle Menschen mit muslimischem Familienhintergrund antisemitisch eingestellt sind, aber signifikant viele. Auch das muss übrigens nur im Zusammenhang mit dem Islam betont werden. Bei einem Bericht über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche kämen kein Journalist und keine Journalistin auf die Idee, darauf hinzuweisen, dass nicht alle katholischen Priester Kinderschänder sind – und kein/e Leser/in käme auf die Idee, den Artikel so zu verstehen.

Der politische Islam ist antisemitisch

Die großen und bekannten islamischen Organisationen sind, auch wenn sie heute in Europa gern mit jüdischen Organisationen zusammen arbeiten, in ihren Grundzügen antisemitisch, die Muslimbruderschaft ebenso wie Millî Görüş[i] und ihre diversen europäischen Ableger. Man lese ihre grundlegenden Werke, die Schriften eines Hasan al-Banna, Sayyid Qutb oder Necmettin Erbakan, auf die sich diese Gruppen nach wie vor berufen. Antisemitismus findet sich darüber hinaus in saudischen Schulbüchern, die auch an einigen islamischen Schulen in Europa Verwendung finden. Antisemitische Pamphlete wie Hitlers Mein Kampf, Die Protokolle der Weisen von Zion oder Henry Fords The International Jew, the World’s Foremost Problem gehören nach wie vor zu Bestsellern in der arabischen Welt; ihre Inhalte werden von dort über diverse islamistische Organisationen auch in Europa verbreitet.

Der ehemalige Großscheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, der 2010 verstorbene Mohammed Sayyid Tantawi, ist Autor eines Buches mit dem Titel Das Volk Israel in Koran und Sunna, in dem er den Nahostkonflikt aus religiöser Perspektive behandelt. Im Kapitel Das jüdische Unheilstiften auf Erden kombiniert er alle gängigen Stereotypen der islamischen Judenfeindschaft mit denen des christlichen sowie des modernen Antisemitismus. Die mittelalterliche Ritualmordlegende wird um muslimische Opfer erweitert. Der Großscheich der Al-Azhar kann als eine der höchsten sunnitisch-islamischen Autoritäten betrachtet werden.

Im Jahr 2003 hatte der langjährige Premierminister von Malaysia, Mahathir bin Mohamad die Jahrestagung der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) vor 2200 Journalisten aus aller Welt mit seinen Vorstellungen von der „jüdischen Weltverschwörung“ eröffnet: „Die Juden beherrschen heute mittels ihrer Strohmänner diese Welt. Sie lassen andere für sich kämpfen und sterben.“ Am Ende seiner „Ausführungen“ erhielt er Standing Ovations.[i] Grob antisemitische Hetze gehört zum selbstverständlichen Umgangston in vielen arabischen Medien, die auch in Europa konsumiert werden.

Originär muslimischer Antisemitismus

Beteuerungen, das habe alles nichts mit dem Islam zu tun, helfen niemandem, schon gar nicht den betroffenen Juden. Es geht nicht um einen idealen, friedlichen und toleranten Islam, wie er in der Vorstellung vieler Muslime existieren mag, sondern um jenen Islam, der heute auf der ganzen Welt am sichtbarsten in Erscheinung tritt, weil seine Proponenten am lautesten für ihre Sache werben – es geht um den politischen Islam, wie er auch von vielen islamischen Organisationen in Europa vertreten wird. Und dieser Islam ist antisemitisch. Er vergiftet das Klima in Europa ebenso wie das diverse rechte Gruppierungen tun.

Diese alte und anhaltende Judenfeindschaft kann als originär muslimisch bezeichnet werden. Sie zieht ihre Grundlagen aus einer antijüdischen islamischen Tradition, die im 19. Jahrhundert um Motive des europäischen Antisemitismus erweitert wurde. Ihre Wurzeln finden sich in der religiösen islamischen Überlieferung von Koran, Sunna und Prophetenbiographie. In islamistischen wie islamisch-orthodoxen Kreisen gehören die Geschichte der Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Stämme von Medina und die vielen antijüdischen Koranzitate zum Grundbestand der Propaganda gegen Juden, der in Koranschulen und im Religionsunterricht, auch in Europa, gelehrt wird.

Dieser Antisemitismus ist älter als der Staat Israel und er bezieht sich unmittelbar auf die Menschen, auf alle Juden. So kursiert in islamistischen Kreisen ein Hadith (einer der Aussprüche und Handlungen Mohammeds in der islamischen Überlieferung), in dem es heißt, der Prophet habe gelehrt, dass die Zeit der Auferstehung nicht anbrechen werde, „bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten; bevor sich nicht die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt; komm und töte ihn!“ Dieser Satz findet sich, neben Verweisen auf die Protokolle der Weisen von Zion, auch in der Charta der Hamas. Im Internet kann man wieder und wieder auf diese und ähnliche Hetze gegen Juden stoßen.

Es ist wahr, dass es einen durch die Geschichte des Christentums geprägten Antisemitismus in Europa gab und gibt, der nach wie vor virulent ist. Der Autor dieser Zeilen hat lange zu diesem Thema geforscht und publiziert. Es gibt autochthon europäische Antisemiten, auch solche, die Straftaten begehen, von Beschimpfungen über Schmierereien bis hin zu physischen Angriffen auf Juden. Diese Feststellung sollte aber kein Argument dafür sein, Debatten über muslimischen Antisemitismus zu beenden. Dieser wird nicht weniger gefährlich, weil es auch den anderen gibt und nur weil es schon den anderen gibt, brauchen wir nicht auch noch diesen. Beide sind ein Problem für das friedliche Zusammenleben in der Gesellschaft, mit beiden müssen wir uns auseinandersetzen, beide sind Phänomene unserer Gesellschaft.

Nina Scholz und ich haben in unserem Buch Europa, Menschenrechte und Islam am Ende des Kapitels Judenfeindschaft geschrieben: „Die Tatsache, dass Migrantinnen und Migranten gegenüber Juden und zum Teil auch gegenüber anderen Minderheiten (Roma, Homosexuelle) dasselbe diskriminierende Verhalten an den Tag legen, dem sie selbst häufig ausgesetzt sind, mag für manche eine verstörende Erkenntnis sein, die fest gefasste Weltbilder und Überzeugungen ins Wanken bringt. Das sollte jedoch nicht dazu führen, Antisemitismus in islamischen Communities zu verschweigen oder gar zu rechtfertigen, dieser bedarf vielmehr einer ebenso entschiedenen Absage, wie der Antisemitismus des rechtsextremen Milieus. […] Der alte Spruch „Wehret den Anfängen“ ist weiter gültig – auch gegenüber islamischer Judenfeindschaft.“ – Das scheint heute aktueller denn je.

[i] Siehe: Bundesamt für Verfassungsschutz, Antisemitismus im politischen Extremismus. Ideologische Grundlagen und Argumentationsformen, 2016
[i] Matthias KÜNTZEL, Islamischer Antisemitismus und deutsche Politik, Berlin 2007, 42.

Heiko Heinisch

Heiko Heinisch

Nach Abschluss des Geschichtsstudiums arbeitete Heiko Heinisch u.a. am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaft. Nach längerer freiberuflicher Tätigkeit arbeitet er seit Mai 2016 als Projektleiter am Institut für Islamische Studien der Universität Wien. Nach längerer Beschäftigung mit den Themen Antisemitismus und nationalsozialistische Judenverfolgung wuchs sein Interesse an der Ideengeschichte, mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Ideen von individueller Freiheit, Menschenrechten und Demokratie. Er hält Vorträge und veröffentlichte Bücher zu christlicher Judenfeindschaft, nationalsozialistischer Außenpolitik und Judenvernichtung und widmet sich seit einigen Jahren den Problemen, vor die Europa durch die Einwanderung konservativer Bevölkerungsschichten aus mehrheitlich islamischen Ländern gestellt wird. Daraus entstand das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?“ im Wiener Passagen Verlag (2012). Er ist Mitglied des Expert_Forum Deradikalisierung, Prävention & Demokratiekultur der Stadt Wien. Im Dezember 2016 erschien das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Charlie versus Mohammed. Plädoyer für die Meinungsfreiheit“ im Passagen Verlag.

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