Komfortzone statt Neuanfang

Joachim Löw macht als Bundestrainer weiter. Was für den Deutschen Fußball Bund die bequemste Lösung ist, könnte sich für den deutschen Fußball als falsch erweisen. Nach bereits 12 Jahren in Amt sind vom Badener keine frischen Impulse und keine Gier nach neuen Titeln zu erwarten.

Lässig kann er. Dauerbundestrainer Joachim Löw. Hier im Interview mit der Journalistin Julia Büchler während der WM 2014 in Brasilien. Foto: Wikimedia Commons; Autor: Philipp Eger77

Wie allgemein erwartet, macht Joachim Löw als Bundestrainer weiter. Als andere wäre eine Überraschung gewesen. Richtig ist die Entscheidung trotzdem nicht. Das vorzeitige Ausscheiden bei der Weltmeisterschaft in Russland geht auf Löws Konto. Warum das so ist, haben der Kollege Hennig Hirsch und ich bereits dargelegt.

Entscheidungen trifft man jedoch nicht, wegen dem, was passiert ist, sondern wegen dem, was besser werden soll. Und hier muss ich mit den Worten von Joschka Fischer sagen: „I am not convinced!“ Ich glaube nicht, dass Löw, der nunmehr bereits seit 12 Jahren Cheftrainer ist, die nötigen Impulse für den Neuanfang setzen kann. Für einen radikalen Bruch braucht man neue Ideen und Gier nach Erfolg. Beides spreche ich Löw ab.

Löw fehlen Flexibilität und Gier

Zum einen ist Löw zu sehr auf ein fixes Spielsystem festgelegt. Sein von den Spaniern abgeschauter Ballbesitzfußball funktioniert aber nicht mal mehr bei seinen Erfindern so richtig. Dieses System ist längst entschlüsselt, jeder halbwegs gut organisierten Mannschaft kann es gelingen, die Deutschen oder die Spanier ins Leere laufen zu lassen. So war es einem biederen, aber hungrigen russischen Team möglich, der technisch in allen Belangen überlegenen spanischen Mannschaft den Schneid abzukaufen. Sogar die äußerst talentierten und – meiner Meinung nach – motivierten Belgier blieben gegen Japan eine Halbzeit lang mit Ballbesitzspiel ähnlich wirkungslos wie die Deutschen und Spanier der Jetztzeit. Lukaku & Co. konnten die Partie nur für sich entscheiden, weil sie sich spät, aber nicht zu spät, dazu entschlossen, auf brotlosen Ballstafetten zu verzichten und so dynamisch nach vorne zu agieren wie rd die Franzosen oder Tites Brasilien reloaded tun. Dass Löw die Spiele gegen Mexiko und Südkorea völlig vercoacht hat und es ihm dabei selbst nach Rückstanden schwer fiel, die richtigen Umstellungen vorzunehmen, nährt meine Zweifel an Löws Flexibilität und einem Neuanfang zusätzlich. Ebenso die Nibelungentreue zu formschwachen oder rekonvaleszenten Spielern.

Auch den Hunger nach Erfolg vermisse ich bei Löw mittlerweile. Zu kraftlos, zu uninspiriert war das Auftreten der DFB-Elf, nicht erst bei der Weltmeisterschaft, sondern bei fast allen Testspielen seit vergangenem Herbst. Dennoch wurde die Titelverteidigung zur Pflichtaufgabe und der „Fünfte Stern“ quasi zur Selbstverständlichkeit erklärt. „The best never rest.“ Was für eine Hybris! Wollte oder konnte der Bundestrainer die Signale, dass etwas in der Mannschaft nicht mehr stimmt, nicht wahrnehmen?

Dass Löw nicht mehr mit derselben Energie wie früher unterwegs ist, wäre angesichts seiner früheren Erfolge und seiner langen Amtszeit menschlich. Vor vier Jahren wurde er Weltmeister, mehr kann als Verbandstrainer nicht kommen. Und mehr kam auch bei keinem seiner Vorgänger. Sepp Herberger, dem 1954 das „Wunder von Bern“ gelang, und Helmut Schön, der Weltmeistertrainer von 1974, erlebten vier Jahre nach ihren Triumphen relative Pleiten. Ein Vorrunden-Aus wie jetzt in Russland gab es indes noch nie. Nur Franz Beckenbauer traf 1990 die richtige Entscheidung, nach dem gewonnenen Finale von Rom zurückzutreten. In Erinnerung bleiben von ihm vor allem die ikonischen Bilder, nachts allein auf dem Rasen des Römer Olympiastadions. Vielleicht kann man nur dann zur Lichtgestalt werden, wenn man auch den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören kennt. In Schöns Vita dagegen hat sich das Wort „Cordoba“ eingebrannt, in die von Löw nun das Wort „Kasan“.

Die Macht der Bilder

Und es bleiben die Bilder von Sotchi haften, als der Coach vor einem Schicksalsspiel am Stand joggen ging und anschließend in etwa so an einem Laternenpfahl posierte, wie das auch Heidi Klum auf Instagram hätte machen können (Ok, bei Frau Klum wäre der Textilaufwand vielleicht geringer gewesen). Auch wenn die Kritik an diesen Fotos der Sache nicht gerecht wird: Egal wie ernsthaft tatsächlich trainiert wurde, solche Bilder prägen die öffentliche Meinung mehr als hundert Pressekonferenzen. Und deren gängige Interpretation lautet: Da ist einer, der die Sache entspannter angeht als früher. Noch heute werden Fotos von Berti Vogts hervorgeholt, die den damaligen Bundestrainer einsam am Frühstückstisch im Teamhotel bei Chicago während der ebenfalls verkorksten Weltmeisterschaft 1994 zeigen. Damals titelten die Zeitungen: Vogts erreicht die Mannschaft nicht mehr.

Löw, der durchaus über PR-Berater verfügt, hätte um die Macht solcher Aufnahmen wissen müssen. Ebenso wie um Brisanz der Fotos zweier Nationalspieler, die sich zum Stelldichein mit einem ausländischen Despoten einfinden. Auch hier war das Krisenmanagement von Löw und DFB-Teammanager Oliver Bierhoff schwach bis nicht vorhanden. Und es drängt sich die Frage auf, ob den beiden DFB-Funktionären so etwas früher auch passiert wäre.

Für den DFB ist es natürlich die einfachste Lösung, auf dem bewährten Weg weiterzugehen. Man muss sich nichts Neues ausdenken und sich nicht an neue Strukturen oder Personen gewöhnen. Man bleibt in der Komfortzone und kann sich ganz der Hoffnung hingeben, dass die, die früher einmal erfolgreich waren, es ja unter Umständen wieder sein könnten. Die Spanier hatten dies, nach dem sie 2010 Weltmeister wurden, auch gedacht…

Kein Mut zum Neuanfang

In der vergangenen Woche wurde in den Medien viel über eine Wechselwirkung zwischen deutschem Fußball und deutscher Politik geschrieben und dabei viel Hanebüchenes in die Welt gesetzt. Aber eines viel mir auf: Immer wieder wurde vor italienischen Verhältnissen gewarnt, also davor, dass zu viele Parteien die Regierungsfähigkeit gefährden könnten. Vielleicht warnt ja irgendwann jemand vor „deutschen Verhältnissen“, also davor, dass Leute aufgrund ihrer Erfolge in der Vergangenheit immer weiter und weiter machen dürfen.

 

 

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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