Zeit, zu gehen, Herr Löw!

Erstmals ist die deutsche Fußballnationalelf bei einer Weltmeisterschaft in der Vorrunde ausgeschieden. Glanzlos, nach enttäuschenden Niederlagen gegen Teams wie Mexiko oder Südkorea. Die „Schmach von Kasan“ ist kein Betriebsunfall. Das Scheitern war absehbar. Die Verantwortung dafür trägt in erster Linie Trainer Joachim Löw. Er sollte die Konsequenzen ziehen.

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Gilt das bald auch für die Amtszeit von Joachim Löw? Foto: Wikimedia Commons, Autor: Tomukas - Thomas Holbach

Am Samstag beginnt die K.O.-Phase der Fußballweltmeisterschaft. Die schlechtesten Mannschaften des Turniers sind dann nicht mehr dabei: Saudi-Arabien, Panama und…Deutschland. Vier Jahre nach dem Titelgewinn in Brasilien ist die DFB-Elf auf dem Tiefpunkt angekommen. Ein Aus in der Vorrunde, das gab es bei einer WM noch nie. Und das nicht in einer Todesgruppe mit Teams wie Argentinien, Kroatien, Nigeria oder Island, sondern gegen Mexiko, Schweden und Südkorea. Nicht gerade Supermächte des Weltfußballs.

Ideenlos, leidenschaftslos und quasi im Zeitlupentempo spulte die deutsche Mannschaft ihren Stiefel herunter. Die größte Leistung bei diesem Turnier war es wohl, noch schlechter zu spielen als damals, in der Ära des Rumpelfußballs unter dem Trainerduo Erich Ribbeck/Uli Stielike Ende der 90er Jahre. Und so war nicht das Ausscheiden allein die Schmach, sondern vor allem, die Art und Weise, wie es dazu gekommen ist.

Zurück zum Rumpelfußball

Ausreden, Schönreden und „Weiter so“ darf es nicht geben. Auch nicht für den Bundestrainer. Denn die „Schmach von Kasan“ geht in erster Linie auf Löws Konto. Er ist verantwortlich für die unglückliche Zusammenstellung des Kaders, er hat die Defizite ignoriert, die bei den jüngsten Testspielen sichtbar wurden, und er hat sich gegen die Fußballriesen Mexiko und Südkorea zweimal ziemlich vercoacht. Er hat die Gegner falsch eingeschätzt und das eigene Spiel von jedem Überraschungsmoment befreit. Und wäre Toni Kroos nicht gegen Schweden ein Geniestreich in allerletzter Minute gelungen, die DFB-Elf wäre sieglos nach Hause gefahren. Gruppenletzter wurde sie auch so.

Völlig an der Realität vorbei, hielt Löw bis zuletzt an einigen „Helden von Rio“ fest, obwohl diese – wie etwa Manuel Neuer oder Jerome Boateng – nahezu die gesamte Bundesligasaison hindurch verletzt waren. Überhaupt Neuer: Er absolvierte kein einziges Bundesligaspiel, während Konkurrent Marc-André ter Stegen beim FC Barcelona glänzte und nicht nur bei spanischen Journalisten als derzeit bester Torhüter der Welt gilt. Leroy Sané von Manchester City wiederum wurde in England zum besten Jungprofi der Premier League gewählt. Und die ist nicht gerade arm an herausragenden Spielern. Sané musste ganz zu Hause bleiben, während chronisch formschwache Spieler wie Sami Khedira oder Thomas Müller zweimal in der Startelf standen. Das Leistungsprinzip scheint der Bundestrainer außer Kraft gesetzt zu haben.

Und schließlich war da noch das unglückliche Treffen zweier Nationalspieler mit einem ausländischen Autokraten. Diese Aktion konnte vor allem deshalb so viel negative Wirkkraft entfalten, weil das Krisenmanagement von Löw und vor allem von Teammanager Oliver Bierhoff, euphemistisch gesagt, miserabel war.

Fatale Personalentscheidungen

Nicht nur in der Politik sind zwölf Jahre eine lange, manche meinen: eine viel zu lange, Zeit. Joachim Löws sicherlich vorhandenes fachliches Können, hat sich in dieser Zeit abgenutzt. Allzu viel hat sich eingeschliffen, allzu sehr wurden Erfolge für selbstverständlich gehalten. Allzu leicht wurde übersehen, teilweise in einem Anflug von Arroganz, dass sich Bundesliga und Nationalelf in den vergangenen vier Jahren zurück entwickelt haben. Es ist kein Zufall, dass außer Bayern München und, wenn man beide Augen zudrückt, dem Newcomer RB Leipzig alle deutschen Vereinsmannschaften in den europäischen Wettbewerben kläglich versagt haben. Der deutsche Fußball braucht deshalb dringend neue Impulse und die sind von Löw sicher nicht mehr zu erwarten.

Nun lässt sich sicher einwenden, dass die in Frage kommenden deutschen Trainer aktuell gute Verträge in der Bundesliga oder im Ausland haben und nicht gerade vor der Tür des DFB Schlange stehen. Allerdings ist zurzeit ein Arsene Wenger auf dem Markt. Der Elsässer spricht gut Deutsch und wäre zumindest eine höchst charmante Übergangslösung bis, sagen wir einmal, die Verträge von Thomas Tuchel in Paris oder von Jürgen Klopp in Liverpool ausgelaufen sind. Ich fände es interessant, zu sehen, ob die Ideen eines in Frankreich aufgewachsenen Weltbürgers, der seine größten Erfolge in London gefeiert hat, den deutschen Fußball voranbringen könnten. Ansonsten könnte man Uli Hoeneß nach den Telefonnummern von Jupp Heynckes oder Ottmar Hitzfeld fragen, die ja über eine gewisse Expertise als Übergangstrainer verfügen. Und wenn es ganz dumm läuft, könnte der DFB, zumindest für eine gewisse Zeit, seinen „Colt für alle Fälle“ ziehen: Talenteflüsterer Horst Hrubesch.

Der Deutsche Fußball Bund und auch Löw selbst sollten sich daher einen Gefallen tun und sich an Bill Clintons ehemaliges Wahlkampfmotto erinnern: „It´s time for a Change.“ Es ist Zeit zu gehen, Herr Löw!

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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