Der letzte Frittenkicker

Nach dem Gewinn der Silbermedaille beim olympischen Fußballturnier wird Horst Hrubesch gefeiert. Später Ruhm für einen Mann, der als Spieler erfolgreich war, als Trainer aber lange Zeit als Auslaufmodell galt. Nun zieht er sich zurück. Bald wird man sein Auge für Talente und seine unaufgeregte authentische Art vermissen.

Feierte im Maracana-Stadion in Rio einen seiner größten Erfolge als Trainer: Horst Hrubesch Foto Hrubesch: Wikimedia Commons, Quelle: www://www.soccer.ru/gallery/889136.shtml - Foto Maracana: Wikimedia Cmmons; Nicole Cristine Leal de França

Alle lieben Horst Hrubesch. Experten und Medien quellen über vor Lob für den Trainer, der Deutschland im Fußball zu Olympia-Silber geführt hat. Und das mit einer auf den letzten Pfiff zusammen gewürfelten Verlegenheitstruppe. Zuletzt war es 1980 eine DDR-Mannschaft, die bei olympischen Spielen ähnlich erfolgreich war. Im gleichen Jahr wurde Hrubesch letztmals so viel Anerkennung zuteil, als er die bundesdeutsche Nationalelf zur Europameisterschaft köpfte.

Dazwischen lagen Jahre, in denen der gebürtige Hammer bei Kollegen und Medien allenfalls als Unikum, häufig aber als Auslaufmodell galt. Genüsslich wurden Hrubesch-Zitate wie „man lässt das alles noch mal Paroli laufen“ oder „da hab ich gedacht, da tu ich ihn ihm rein in ihn ihm sein Tor“ ventiliert. Der Horst halt, einer der den Kopf zum Köpfen hat. Und als Hrubesch im Jahr 2000 ausgerechnet Co-Trainer jener DFB-Elf war, die bei der Europameisterschaft ein nie gekanntes Bild des Elends abgab, hätte wohl niemand darauf gewettet, dass der Mann noch einmal positive Schlagzeilen als Fußballlehrer schreiben wird. Als Co-Autor eines Buches über Dorschangeln hatte er inzwischen mehr Erfolg.

Talenteflüsterer führte DFB-Elf zu Titeln

Doch dann führte das frühere „Kopfballungeheuer“  2008 und 2009 nacheinander zwei Juniorenmannschaften zum Europameister-Titel. Unter ihm erblühten Talente, die später Weltstars und Weltmeister wurden. Neuer, Özil, Boateng und Hummels – um nur die Bekanntesten zu nennen. „Modern ist, was erfolgreich ist“, hatte Trainerlegende Otto Rehhagel einmal treffend gesagt.

Vielleicht ist gerade das „Altmodische“ Hrubeschs Geheimnis. So ist die HSV-Ikone der wohl größtmögliche Kontrast zu Laptop-Trainern wie Pep Guardiola, die in Konzepten, taktischen Winkelzügen und kurzfristigen Zielen denken – weil sie sich ja ohnehin bald an anderen Orten auf andere Projekte stürzen. Und für die ansonsten vor allem ein Mensch zählt: sie selbst. Hrubesch dagegen ist dem DFB seit Beginn des Jahrtausends treu. Auf eine ähnliche Vertrauensbasis setzte er bei seinen Spielern. Sie haben ihm dies meist mit Zins und Zinseszins zurückgezahlt. Seine Taktik richtete er nach den Fähigkeiten seiner Kicker aus. Was er auch deshalb tun musste, weil er sich beim DFB, anders als etwa Guardiola bei einem Spitzenklub, nie das passende Spielermaterial für sein System zusammenkaufen konnte.

Hrubesch war Vorbild für Spieler

Zudem war der gradlinige Westfale immer Vorbild, der Fußball lebte und vorlebte. Dazu hatte der einstige Straßenkicker ein geschultes Auge, mit dem er erkannte, welchen Spieler man auf welcher Position einsetzen muss. Und vor allem hatte er ein Gespür dafür, ob jemand Führungsspieler, Mannschaftsspieler oder Kreativer war. Den Führungsspielern gab er Verantwortung, den Mannschaftspielern Aufgaben und den Kreativen Freiheiten. Für alle galt aber: Fehler werden verziehen. Wer jedoch aus Angst vor Fehlern nichts riskierte, der bekam Probleme mit Hrubesch. Denn nur aus Fehlern, so seine Grundüberzeugung, können junge Spieler lernen und sich weiterentwickeln.

Da Hrubesch als Spieler fast alles gewonnen hat, was man gewinnen kann (nur der Weltmeistertitel fehlt), war er auch sportlich ein maximales Vorbild (DFB-Cheftrainer Joachim Löw etwa kickte für den SC Freiburg hauptsächlich in der Zweiten Liga, bei Eintracht Frankfurt hinterließ er in Liga Eins keine bleibenden Eindrücke). Dennoch blieb der einstige Weltstar ein Mann ohne jede Allüren, der seinen Eleven eher väterlicher Freund als unerreichbarer Fußballlehrer war. Beinahe wirkte der Talentflüsterer wie eine kickende Version von Lehrer John Keating aus dem Film „Club der Toten Dichter“, der seine Schüler aufforderte, auf die Tische zu steigen, um sich neue Perspektiven zu eröffnen.

Fehler dienen der Weiterentwicklung

In einigen Jahren erst werden wir sehen, wie sich Hrubeschs Rückzug auf die Talententwicklung beim DFB auswirken wird. 1:1 wird dieses Original nicht zu ersetzen sein. Einen so authentischen Menschen, bei dem Fußball noch wie in den 70er Jahren nach Frittenfett und nicht nach Soja Latte riecht, findet man heutzutage nur schwer wieder. Selbst Löw, der oberste Fußballlehrer der Nation, der wie kaum einer sonst von Hrubeschs Arbeit profitiert hat, macht ja eher Werbung für Kosmetik und Herrenkonfektion als für Bifi oder Starkbier. Doch auch Konzeptfußball braucht neben Weltläufigkeit vor allem Kicker, die im Zweifel einen Spannschuss besser beherrschen als französische Literatur oder die Zubereitung eines Avocado-Kiwi-Smoothies. Und es war Hrubesch, der vielen Hochbegabten den fußballerischen und menschlichen Feinschliff gab. Bis heute schwärmen viele Zöglinge von seiner feinen Menschenführung.

Selbst wenn die Verantwortlichen beim DFB ihren Erfolgscoach nochmals in irgendeiner Form zum Weitermachen überreden können: Langfristig sollten in der Trainerausbildung wieder mehr Wert auf Hrubeschsche Tugenden gelegt werden. Taktische Moden kommen und gehen – Menschenführung, Teambildung und Motivation werden immer gefragt bleiben. Der Fußballverband täte gut daran, „mehr Hrubesch zu wagen“ – und modischen Schnickschnack hintan zu stellen.

Auch Konzepttrainer brauchen Spieler

Wir aber sprechen dem Angel- und Pferdefreund unseren „högschden Respekt“ aus und verabschieden uns mit einem anderen Hrubesch-Zitat: „Ich sage nur ein Wort: vielen Dank!“

 

 

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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