Manchmal regnet es im April – Eine Kolumne für Prince

Prince gehört in die Riege genialer Erneuerer wie Miles Davis oder Duke Ellington. Gleichzeitig war er ebenso Sexsymbol wie entrückter Einsiedler. Zu dessen 60. Geburtstag bastelt Ulf Kubanke uns eine lila Kolumne von Musikverstehing bis Mystery.

Photo by kind permission of Universal Music

I am something that you’ll never understand
(Prince)

Prince wäre am 7. Juni 60 Jahre alt geworden. Im ewigen Tower of Song füllt seine Kunst lässig eine ganze lila Etage. Knapp 40 Studioalben hinterlassen einen kolossalen Notenberg, der lustvolle Ehrfucht gebietet. Musik und Inszenierung des Prince Rogers Nelson waren popkulturell wegweisend, musikhistorisch bedeutend und unentrinnbar sexy. Gönnen wir uns einen Streifzug durch die schillernde Ära jenes Prinzen, der ein König war.

Der junge Thronfolger – Princes Frühphase

Die ersten Alben Ende der 70er waren kein kommerzieller Erfolg. Unterhaltend, ihrer Zeit voraus und unfassbar souverän klangen sie dennoch. Obgleich die Songs mitunter noch mit einem Bein in zeitgenössischem Funk- und Discosound stehen, zeigt sich der Innovator bereits. Statt typischer Bläser nutzt er die damals revolutionär neuen Synthies und stößt die Tür zu den 80ern bereits einen Spalt auf. Als Anspieltipp empfehle ich “We’re Dancing Close And Slow”; ein lasziver Höhepunkt dieser Periode. Das Stück zählt zu seinen atmosphärisch stärksten Tracks überhaupt.

Die Prinzenrolle – Drei Meilensteine für die Ewigkeit

Folgende drei Scheiben sind absolut essentiell:

“Purple Rain” (1984)

Schon das bunte “1999” war 1982 ein Trendsetter. Hier perfektioniert er alles. Sein gelegentlich nach New Wave duftender Synthie-Funk trifft auf lupenreinen Pop, harten Rock plus einer ordentlichen Kelle Soul. Jede relevante “Best Albums of all Time”-Liste platziert diesen innovativen Giganten auf den vorderen Rängen. Zwei Lieder stechen heraus.

Das Titelstück ist eine der besten Rockballaden aller Zeiten. Prince: “Wenn Blut im Himmel ist, mischen sich rot und blau zu lila. Der lila Regen bezieht sich auf das Ende der Welt, wenn du von der Einen, die du liebst und deinem Glauben durch den lila Regen geführt wirst.”Die spirituell-metaphorische Grundhaltung etlicher Texte taucht hier erstmals auf. Hinzu tritt das unwiderstehliche “When Doves Cry”. Der Clou: Einerseits serviert der Hit ansteckend sympathische Eingängigkeit. Andererseits punktet er mit unkonventionellen Ideen wie fehlender Basslinie und mehreren Soli. Trotz letzteren geht der Sog nicht verloren. Trotz Basslosigkeit groovt es wie die Hölle. Brillant!

Parade (1986)

Viele bezeichnen “Parade” als seine europäische bzw. französische Platte. Mehr Pop aber sehr sophisticated. Die Kompositionen und reduzierten Arrangements klingen auch nach 32 Jahren zeitlos. “Sometimes It Snows In April” ist ein purer Gefühlskokon. “Girls & Boys” erweist sich als optimaler Playlist-Nachbar von “When Doves Cry”. Und den weltweiten Monsterhit “Kiss” trällert sogar Julia Roberts in der Badewanne („Pretty Woman“).

“Sign O‘ The Times” (1987)

Diese Zeichen der Zeit ergeben den dritten ultimativen Höhepunkt. Mit dem Titelstück erfand seine Hoheit das erste relevante Lyricvideo. Die intelligenten Zeilen präsentieren – weniger entrückt als sonst – gallige Sozialkritik. Stilistisch so breit aufgestellt wie gewohnt, erstrahlt gleichwohl eine Aura, die sich atmosphärisch komplett von anderen Prince- LPs unterscheidet.

Sexgott, Rassismus und rätselhafter Einsiedler

Mr Nelson verstand es wie kaum ein anderer, Rassismus und Stereotypisierung zu entkommen. Weder schwarz noch weiß war er The Purple One. Treffend erklärt er „I am something that you’ll never understand!“ („Would I Die 4 U“). Sehr passend stellt er diesem Rahmen ein gelungenes Mr. Eros-Image zur Seite. Fort von der Gattung, hin zum individualisierten Unikat. Nebenbei lehrt er Teenager und Erwachsene sexuelle Schamlosigkeit. Denn wofür auch sollte man sich schämen? Durch viele intelligente Zeilen beugt er simultan der Gefahr vor, als rein körperlich wahrgenommen zu werden. Eine Lehrstunde in Selbstinszenierung, die ihresgleichen sucht.

Private Zurückgezogenheit, Scheu und Abgewandtheit von der Welt verkörpern indes das Gegenteil seiner Kunstfigur. Sie tragen ihr übrigens zur endgültigen Mystifizierung bei. In 4 Dekaden Showbiz gibt er lediglich ca ein Dutzend Interviews. Live-Auftritte geraten mit den Jahren zur Rarität . Wenn, dann furios, makellos und lang. Unfreiwillige Schnappschüsse aus der Öffentlichkeit existieren quasi nicht. Damit verdient er sich ein schönes Plätzchen zwischen berühmten Phantomen wie Marlene Dietrich, Greta Garbo oder Bobby Fischer.

Der nimmermüde Workaholic

Prince ein Arbeitstier? Welch groteske Untertreibung! Sein schöpferischer Schaffensdrang war ebenso ausgeprägt wie der Hang zur Abschottung. Eine „Lila Pause“ legte er nie ein. Tag und Nacht arbeitete im hauseigenen Paisley Park und vermietete das Studio nie an Dritte, weil er es jederzeit zur spontanen Verfügung benötigte. Den Satz „Produced, arranged, composed and performed by Prince“ erhob er zum Markenzeichen; wurde damit Blaupause für das Ideal totaler küststlerischer Kontrolle. Fast alle Instrumente spielte er auf den Studioplatten selbst ein. So veröffentlichte Prince ca 500 Songs. Weitere 400 sollen nach eigenen Angaben in den Archiven auf das Licht der Welt warten.

Prince oder Michael Jackson? – Die falsche Fragen

Die Frage ob Prince oder Michael Jackson der größere Gigant war, ist ebenso hartnäckig wie degradierend. Sie trifft den Kern nicht ansatzweise und mischt Äpfel mit Birnen. Jackson nämlich war als Songwriter/Instrumentalist keine Leuchte. Er benötigte Autoren und Produzenten. In Ausdruck, Performance und Entertainment war er gleichwohl ein Titan wie Frank Sinatra oder Tina Turner. Prince dagegen zeigt sich als Ausnahmekomponist, Multiinstrumentalist und schöpferischer Entdecker. Er gehört somit nicht ins Regal der erwähnten drei Ikonen, sondern in jenes großer Erneuerer wie Duke Ellington, Miles Davis, Hendrix oder Bowie.

Das April-Hysterium

Schicksal oder Zufall? Folgendes Detail hätten Poe oder Lovecraft nicht besser erfinden können. Seine Ballade „Sometimes It Snows In April“ ist der Nachruf auf einen verstorbenen Freund. Er veröffentlichte das Quasi-Requiem am 21.4. 1986. Datum und Todesbezug schlängeln sich von hieran als roter Faden durch sein Leben. Am 21.4. 1996 lieferte man Peince ins Hospital, wo er beinahe verstarb. Schlussendlich markiert der 21.4. 2016 sein tatsächliches Ableben. Seltsam, nicht wahr? Manchmal schneit es eben im April.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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