Und täglich grüßt der Islam

Wie viel verbale Prügel und Spaltung verträgt eine Gesellschaft, fragt Kolumnist Henning Hirsch


Ich hätte eine Wette drauf abschließen sollen: nach Burka, Kopftuch, (angeblicher) Gewaltbereitschaft arabischer, junger Männer und der Causa Özil & Gündogan geht’s nun los mit dem Thema „Ramadan für Jugendliche“ … als ob Muslime ihre Kinder verhungern und verdursten lassen.

Mir geht diese dummdreiste Islamophobie des deutschen Spießbürgers, der seinen eigenen Nachwuchs mit Fastfood vergiftet, mittlerweile derartig auf den Sack. Ich kann’s gar nicht in den passenden Worten ausdrücken, ohne Gefahr zu laufen, von Facebook für mehrere Monate gesperrt zu werden

schrieb ich am Samstagmittag in meinem Facebookprofil und erntete binnen weniger Stunden mehr als 200 Kommentare, die vom Tenor her weit streuten:

(a) Und dann wird sich im zweiten Atemzug drüber aufgeregt, dass der Islam dauerpräsent ist und man das Thema nicht mehr sehen, lesen, hören mag. Ja, warum bloß, ihr Idioten!

(b) Nur, dass Dehydratation und in der Folge Exsikkose, besonders bei Kindern und Jugendlichen, rein gar nichts mit Religion zu tun haben.

(c) Fasten für Kinder ist Affenscheiße. Vegane Ernährung für Kinder ist Affenscheiße. Einseitige Fast Food Ernährung für Kinder ist Affenscheiße. Wer so etwas macht? Keine Ahnung. Wenn aber, dann Sorgerecht entziehen.

(d) Es fasten nur die Eltern: Kinder, Kranke, Schwangere fasten nicht, jedenfalls nicht bei den Muslimen in meinem Umfeld.

(e) Ganz ehrlich, es geht doch ohnehin keinem davon wirklich um die Kinder. Das sind meist genau die Menschen, die jubeln wenn ein solches Kind sterben würde.

(f) Nun aber es geht auch darum das diese Kinder sich nicht im Unterricht konzentrieren können und man Rücksicht nehmen soll … keine Prüfungen (ab Mai sind aber alle Prüfungen), Kein Sport usw.

(g) Ist doch ganz einfach geht doch in die Türkei oder einengenderen Islamischen Staat, dann müsst ihr angeblichen nicht Spießer das nicht mehr hören.

(h) Vielleicht machst du es dir doch ein bisschen einfach , das Thema scheint doch etwas komplexer zu sein !

(i) Und Kinder mit Nahrungsmittelentzug zu quälen ist Kindesmisshandlung. Für diese Erkenntnis muss man nicht im Gesamtpaket des braunen Dreckspacks stecken. Dafür reicht schlichter Humanismus.
(a) bis (i) FB-User

(j) Lieber Henning, sprich mal mit Lehrer/Innen an Schulen, an denen immer mehr Kinder und Jugendliche fasten, an denen Eltern fordern, im Ramadan keine Sportfeste zu veranstalten, keine Klassenarbeiten zu schreiben und auch ansonsten einen Monat lang auf alles zu verzichten, was ihre fastenden Kinder zusätzlich belasten könnte, an denen Kinder attackiert werden, die in den Pausen ihr Brot auspacken und an denen es – wie in diesem Jahr – fast zu Schlägereien kam, weil die türkischen Kinder schon am 16. fasteten, während die tschenischen erst am 17. mit dem Fasten begannen und am 16. noch genüßlich ihre Pausenbrote gegessen haben. Es ist nicht die sogenannte Mehrheitsgesellschaft, die solche Themen in die Öffentlichkeit trägt, sondern eine wachsende Gruppe identitärer Muslime, die den Rest der Gesellschaft mit ihren religiösen Forderungen belästigt.
(c) Mit-Kolumnist Heiko Heinisch

Ein Kommentator verstieg sich zu der Behauptung, ich würde mit meinem Post Volksverhetzung betreiben, da ich alle, die anders denken als ich, in die Fascho-Ecke stelle. Was natürlich voraussetzt, dass Spießer immer rechts zu verorten sind.

Islam zieht immer

Islam zieht halt immer. Keine andere Materie schafft es, so viel Aufmerksamkeit und Empörung zu generieren. Kein anderes Thema – hier in Köln selbst der FC nicht – wird mit dieser Hartnäckigkeit und Penetranz bespielt. Gut für uns Kolumnisten, weil wir ständig was darüber schreiben können, allerdings schlecht für die Gesellschaft. Denn losgelöst vom hellblau-braunen Wir-brauchen-einen-Sündenbock-Mantra schwappt die trübe Der-Islam-gehört-nicht-hierher-Brühe mittlerweile weit ins bürgerliche Lager hinein.

Da erklären dann in Facebook der brandenburgische Sanitärtechniker Hubert K., der am Samstagabend betrunken gerne mal seine Familie verprügelt, dem türkischstämmigen Mehmet, weshalb das patriarchale Menschenbild des Islam nicht zum christlich-jüdischen Abendland passt. Die ihre Kinder mit Fastfood und Schokoriegeln vergiftende Hausfrau Magdalene B. aus Gelsenkirchen-Buir regt sich im Thread nebenan über die Knabenbeschneidung und das an Ramadan geltende Fastengebot auf. Ehepaar Huber aus Traunstein, sie zu Hause in Schürze und draußen im Dirndl unterwegs, weil ihr Mann das schön findet, weiß zu berichten, dass das Kopftuch ein Unterdrückungssymbol darstellt, während Oberstudienrat Meier, der im vergangenen Jahr seinen Sommerurlaub im Heiligen Land verbrachte, darauf hinweist, dass der Islam von den drei Buchreligionen die jüngste und damit zwangsläufig intoleranteste ist, was logischerweise bei seinen Anhängern zu hohem Aggressionspotenzial führt. Weshalb diese Glaubensrichtung nicht kompatibel mit unserem Grundgesetz sei. Heinz W. aus Köln-Nippes macht sich große Sorgen wegen des importierten Antisemitismus, vertritt aber im kleinen Kreis hinter vorgehaltener Hand die Meinung, dass die Juden schon auch selbst ein bisschen Schuld an ihrem Schicksal haben, weil sie sich halt partout nicht assimilieren wollen, gerne geheimbündeln und mit den Rothschilds das internationale Finanzkapital dominieren und dies zum Nachteil des deutschen Sparbuch- und Reihenhausbesitzers perfide lenken. Von den hochwissenschaftlichen Facebook-Debatten zur Burka, dem Halal-Schlachten und dem Wunsch einiger muslimischer Frauen, von Männerblicken ungestört in deutschen Hallenbädern zu schwimmen, will ich gar nicht erst anfangen. Dieser textliche Wahnsinn würde den Umfang der Kolumne sprengen.

Deutschland: unselige Tradition von Kulturkämpfen

Es geht den Islam-Bashern, und das sind mittlerweile erschreckend viele, allerdings gar nicht ums Einzelthema. Über das man unter vernünftigen Leuten durchaus diskutieren kann. Beispielsweise ist es wirklich übel, wenn Kinder im Hochsommer weder essen noch trinken und in der Folge in ihren schulischen Leistungen abfallen. Aber: es ist nur eine kleine Minderheit der Muslime, die so verfährt. Der Großteil liebt seine Kinder genauso wie wir Christen, Juden, Atheisten etc. es tun und lässt sie selbstverständlich auch während des Ramadans Nahrung zu sich nehmen. Aber das interessiert den gemeinen Durchschnitts-Islamophoben gar nicht. Die einzelnen Aspekte der Kritik dienen bloß dazu, negative Stimmung gegenüber einer Volksgruppe zu schüren und durch ständiges Zündeln einen Keil in die Gesellschaft hineinzutreiben. In der unseligen Tradition der Kultur- und Religionskämpfe, wie sie Bismarck gegen die Katholiken, die Nazis gegen die Juden und die Adenauer-CDU gegen die Sozialisten betrieben. Am Ende nie ein Sieger, nur Verlierer.

Ich frage mich deshalb manchmal: Welches Ziel, abgesehen von der Lust am hemmungslösen Pöbeln und faktenfreien Diskutieren, steckt dahinter? Alle Muslime raus aus Deutschland oder gar Europa? Gute Türken sind nur diejenigen, die schweigend für wenig Geld die Arbeiten erledigen, auf die wir selbst keine Lust haben? Und sobald sie das Rentenalter erreichen, verschwinden sie wieder ohne zu murren zurück in ihre ostanatolischen Bergdörfer. Ist es das, was wir wollen? Falls ja: es wird nicht funktionieren.

Strategischer Unsinn

Es ist, strategisch betrachtet, kompletter Unfug, den Islam und die Umma zu künstlichen Feindbildern hochzujazzen. Sie sind viele, bekommen mehr Kinder als wir, sind fleißig, genügsam, zäh, noch fähig, an irgendwas jenseits des Bruttoinlandsprodukts zu glauben und werden uns verweichlichte und einem ungesunden Individualismus frönende Westler sicher überleben. Aber: Menschen, die an Phobien leiden oder sich gar in ihrer Politik davon leiten lassen, denken nie strategisch. Meist beschränken sie sich auf das Operative (z.B. Bau von Ankerzentren oder „ab sofort nur noch Sachleistungen für Flüchtlinge“), hin und wieder begegnet man einem Taktiker, der die negative Stimmung auffängt, kanalisiert und zu seinem eigenen Vorteil nutzt. Einige Innenminister praktizieren das im Moment so. Das war’s dann aber auch schon mit Überlegungen zu diesem Thema. Über die größeren Zusammenhänge, wie schafft man es, die beiden – räumlich eng beieinander liegenden – Kulturkreise miteinander in Einklang zu bringen, darf sich dann der Papst Gedanken machen. Aber den mögen die Hardliner ja ebenfalls nicht, weil er ständig zu Versöhnung an Stelle von Spaltung aufruft.

Anstatt also jeden Tag aufs Neue mit irgendeinem frisch aus dem hellblauen Zylinder gezauberten Thema knapp fünf Millionen Menschen, von denen 99.9% friedfertig unter uns leben, hart arbeiten und genau wie der deutsche Michel pünktlich ihre Steuern zahlen, zu belehren und deren Glauben zu beleidigen, sollten wir uns den wirklich drängenden Problemen in unserem Land zuwenden. Sie kennen kein dringenderes als den Islam? Tut mir echt leid für Sie. Ich schon.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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