Und Ritchie ging zum Regenbogen – Eine Rainbow-Kolumne

Rainbows Kultalbum „Long Live Rock’n’Roll“ feierte gerade seinen 40. Geburtstag. Ulf Kubanke nimmt das Jubiläum zum Anlass für ein Bandporträt und hat natürlich auch wieder eine außergewöhnliche Story im Gepäck.

Photo: Albumcover "Long Live Rock'n'Roll" by Polydor-Records

„Lang lebe Rock’n’Roll!“ war und ist die Devise Rainbows. Dieses Ziel haben sie nicht nur erreicht, sondern längst weit überschritten. Genau genommen trug die Band um Ausnahmegitarrist Ritchie Blackmore erheblich zur Unsterblichkeit der Rockmusik bei. Selbst wenn manch damaliger Hauptakteur, u.A. der grandiose Ronnie James Dio, längst den Weg alles Irdischen ging. In diesen Tagen feiert ihr Klassiker „Long Live Rock’n’Roll“ seinen 40. Geburtstag und mit „Memories In Rock II“ veröffentlichen sie simultan ihren ersten Studiosong seit fast einem Vierteljahrhundert. Allemal gute Gründe, die bewegte Geschichte der Kultband näher zu beleuchten. Und die hat es wahrlich in sich.

München im Herbst 1977: Fast alle sind vor Ort. Kamerateams, Licht- und Tontechniker bringen alles für die geplante Rockpalast-Aufzeichnung eines Rainbow-Gigs in Stellung. Ihr Publikum scharrt mit den Füßen. Dabei sollte es für diesen Abend leider auch bleiben. Denn die Band erscheint nicht. Alle sitzen in Wien fest und versuchen ihren in einer Arrestzelle tobenden Gitarrero frei zu bekommen. Blackmore, ohnehin nicht bekannt für diplomatisches Geschick und schon in vergangenen Deep Purple-Tagen kein großer Freund übertrieben sanftmütiger Artikulation, geriet tags zuvor in ein Handgemenge. Er attackierte einen Ordner auf dem dortigen Konzert, der übertrieben grob mit Fans umging.

Erst am übernächsten Morgen entläßt die Polizei den temperamentvollen Bandleader. Das Problem: Man verhängt kurzerhand ein Ausreiseverbot gegen ihn. Was also tun? Dio und Co denken sich „Long Live Rock’n’Roll!“, entdecken ihre Desperado-Seite und schmuggeln den hitzköpfigen Chef getarnt über die Grenze nach Bayern. Angekommen kann ihr Auftritt samt TV-Aufzeichnung endlich über die Bühne gehen. Es sollte eine der besten Shows – wenn nicht gar die mitreißendste ihrer Karriere – werden.

Kein Wunder, dass „Operation Long Live Rock’n’Roll“ und das einhergehend rauschhafte Gefühl musikalische Energie freisetzt, deren Leidenschaft kurz darauf im gleichnamigen Album kulminiert. Den Titelsong gab es bereits im Munich-Gig. Streng genommen ist die LP das Finale jener Trilogie, die drei Jahre zuvor mit „Ritchie Blackmore’s Rainbow“ und „Rainbow Rising“ ihren Lauf nahm. Alle drei Scheiben gelten heute zu Recht als musikhistorisch bedeutende Meilensteine des Gleisdreiecks Rock/Hardrock/Heavy Metal. Ihren prägenden Einfluss kann man kaum überschätzen.

Von Beginn an erfand Frontman und Texter Dio mit Kloppern wie „Man On The Silver Mountain“ oder der Killerballade „Temple Of The King“ eine Art Fantasy-Metal mit romantisch-okkulten Texten und wohldosiertem Pathos. Spätestens mit Scheibe Nr. 3 schließt der Italo-Amerikaner seine Verwandlung zum ewigen Gesangs-Magier ab. Doch auch der Rest des Teams kann sich mehr als sehen lassen. Cozy Powell, einer der besten Drummer aller Zeiten, gerbt die Felle. An den Keyboards steht Tony Carey, ein höchst versierter Musiker, der später als Planet P Project hervorragenden Wavepop abliefert und besonders in Deutschland solo durch seinen Top Ten-Hit „Room With A View“ bekannt wird. Zuletzt sah man ihn als Gaststar auf Peter Maffays erfolgreichem Unplugged-Konzert.

Auch an den Reglern sitzt einer der besten Rock-Produzenten des Planeten. Martin Birch gebührt großer Anteil am Sound von Deep Purple, den frühen Fleetwood Mac, Whitesnake, Iron Maiden oder Black Sabbath nach Ozzy. Die acht Lieder selbst bieten nicht gerade wenig Höhepunkte. Mit der prägnanten „Lady Of The Lake“ nimmt Dio bereits jene Eleganz vorweg, die er ein paar Jahre später auf „Holy Diver“ perfektioniert. „Gates Of Babylon“ beeindruckt durch Blackmores noch immer erstaunlich modern klingende Mischung aus Orient und Hardrock. Auf „Kill The King“ erfinden Rainbow den Power Metal und sind ihrer musikalischen Gegenwart damit fast eine Dekade voraus.

Als hypnotischer Höhepunkt kristallisiert sich gleichwohl die Ballade zum Ende heraus. „Rainbow Eyes“ ist eine Art „Catch The Rainbow“ Teil Zwo und zeigt, wie hervorragend Blackmore hochmelodischen Folk einbetten kann, wenn er auf den Kitsch späterer Blackmore’s Night- Arrangements verzichtet.

Danach ist leider Schluss mit dem hervorragenden Songwriter-Gespann Blackmore/Dio. Der freundliche Sänger galt zeitlebens als ausgeglichener Sympath, dem jegliches Diventum fremd war. Blackmores Starallüren und dessen Hang, Rainbow als sein persönliches Spielzeug zu betrachten, in dem alle weiteren Mitglieder lediglich als Erfüllungsgehilfen auftreten, fiel ihm zunehmend auf die Nerven. Spätestens als Ritchie zu Ronnie sagte, er habe nun genug von Schwertern und Zauberern und möchte die musikalische Ausrichtung deutlich kommerzieller anlegen, entfiel jefliche Grundlage zur weiteren Zusammenarbeit.

Das Lineup zerbrach. Für Dio ein Glücksfall. Tony Iommi holte den Mann aus New Hampshire zu Black Sabbath, gab ihm den vakanten Frontman-Posten und gemeinsam fabrizierten sie u.A. den Klassiker „Heaven And Hell“. Auch für Blackmore lief alles wie am Schnürchen. Mit hervorragenden Sängern wie Graham Bonnet oder Joe Lynn Turner schliffen sich die Hardrock, Blues- und Metal-Wurzeln zwar ab. Gleichwohl entstand im Ergebnis hochwertiger Melodic Rock, der den Rock-Spirit der 80er mitdefinierte.

Auch der von Blackmore angepeilte Erfolg blieb nicht aus. Kurioserweise sind jedoch ausgerechnet die beiden größten Hits, „Since You’ve Been Gone“ und „I Surrender“ keine Rainbow-Kompositionen. Die Songs stammen von Blackmores Kumpel Russ Ballard, seines Zeichens eine der Kernstimmen des Classic Rock („Voices“) und wichtiger Komponist, mit dem so manche Superstar-Combo die stockende Karriere erfrischte. So stammt etwa auch der Kiss-Welthit „God Gave Rock’n’Roll To You“ von Ballard.

Und heute? Über 20 Jahre lag der Regenbogen auf Eis. Blackmore genoss lieber das Eheleben und fabrizierte mit Gattin Candice Night einen Haufen ebenso überzuckerter wie höchst erfolgreicher Alben zwischen Folk, Pop und Schlager. Vor nicht all zu langer Zeit ließ er Rainbow endlich wieder aufleben. In komplett neuer Besetzung absolvierten sie höchst gelungene Shows in Deutschland und Großbrittannien. Der neue Sänger Ronnie Romero erweist sich dabei als absoluter Glücksfall. Zwar ist Ronnie Zwo nur halb so alt wie der Chef. Doch der Frischling wuchs mit allen Klassikern auf und liebt die Tracks abgöttisch. Tatsächlich gelingt ihm das Kunststück, alle so grundverschiedenen Vorgänger in sich zu bündeln und den Liedern dennoch das eigene Brandzeichen aufzudrücken. Alles sehr ansprechend nachhörbar auf den Doppelalben „Memories In Rock I & II“.

Auf letzterem befindet sich mit „Waiting For A Sign“ sogar ein brandneuer Studiosong. Lupenrein ist er allerdings nicht. Insofern ist Vorsicht geboten. Zwar hat die Band das Stück eingespielt. Man hört hier jedoch statt eines Rainbow-Eigengewächses lediglich eine Allerweltsnummer aus der kompositorischen Blackmore/Night-Mottenkiste. Trotz dieses kleinen Wermutstropfens lohnt es sich allemal, diesen Klang gewordenen Regenbogen in all seinen schillernden Facetten zu entdecken. „Go out and catch the rainbow.“

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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