Syrien und das Grauen im Kurtz’schen Sinne

Ulf Kubanke, Nahostkenner und ehemaliges Mitglied der Deutsch-Israelischen Juristenvereinigung ärgert sich über die oberflächliche Diskussion zum Thema Syrien, Luftangriffe, USA und Russland. Gern verdeutlicher er uns hier die Komplexität des Konflikts.

Kubanke by Zizino

Das Grauen und der moralische Terror sind deine Freunde. Falls es nicht so ist, sind sie deine gefürchteten Feinde. (Colonel Walter E. Kurtz alias Marlon Brando in „Apocalypse Now“)

Skepsis gegenüber allen dort handelnden Akteuren ist angebracht. Es ist jedoch wichtig, bei der Beurteilung der Lage nicht etwa das (sozial)mediale Deppengame zu spielen, wonach zwar jeder Kommentar eine bauchladenhaft ideologisch aufgeladene Meinung verkündet, die meist stereotyp „der Westen, wa!“ oder „der Osten Wa!“ daherplärrt, während man von Tuten und Blasen dieses hochkomplexen Gebildes im Grunde keinerlei Ahnung hat. Momentan fühlt sich jeder Meinungskreti als Syrien- und Nahostexperte, bleibt dabei jedoch oft lediglich Tischführer des eigenen masturbativen Trollkaffeekränzchens. Das ist vor allem deshalb traurig, weil so der Erkenntniswert etlicher Diskussionen den Jordan herunter geht und wirklich interessierte und empathische Beobachter keine Chance haben, einen eigenen Durchblick zu erhalten.

Selbstverständlich ist meine Kolumne letzten Endes auch nur ein subjektiver Einwurf, dabei jedoch bemüht, Fakten und Plausibilitäten zu präsentieren, die zumindest ein wenig mehr Licht ins Dunkel bringen.

Meine These

Der Angriff ist weder faktisch noch politisch ein echtes Problem. Die Fokussierung darauf verstellt den geboten analytischen Blick auf die tatsächlichen, hochkomplexen Probleme.

1. Die USA
Die USA ziehen sich immer weiter zurück. Dass der Irakkrieg ein Desaster war, hat sich als Erkenntnis jenseits des Teichs ohnehin längst durchgesetzt. Der IS gilt als weitgehend besiegt. Energiemäßig ist man unabhängig von externen Ölquellen. Es gibt dort keine große Motivation, sich weiter in Syrien zu engagieren. Insofern wird doch das gesamte Nahostengagement erkennbar momentan eher zurückgefahren bis auf den richtigen und wichtigen zu beschützenden Kernpunkt Israel. Diese Doktrin hat Obama bereits erfunden als „Constructive Disengagement“ und bewusste Abkehr vom „Nation Building“. Trump führt sie anscheinend fort. Der Angriff auf ein paar Gift- bzw. Rüstungslabors von Assad ist doch nur eine Fußnote. Eine nachhaltige oder erkennbare Strategie ist hieran jedoch (leider) offenkundig nicht geknüpft. Zum Angriff allerdings kann man nicht ohne Sarkasmus nur sagen: So what! We have worse there.

2. Die Russen
Insofern kein Wunder, dass der Kreml sich aus seiner komfortablen Position aus in eastwoodscher Coolness zurückhält und den Vorfall lässig aussitzen kann. Er befindet sich immerhin auf der gefühlten, wenn auch trügerischen Siegerstraße. Denn Putin hat hier sein ganz eigenes Dilemma. Denn Wahlsieg hin oder her: Zur politischen Legitimation benötigt er den russischen Großmachtstatus. Nicht umsonst steigt seine Beliebtheit trauriger- und primitiverweise, wenn der hegemoniale Trieb des dortig vorherrschend imperialistischen Ungeistes befriedigt wird. Mit anderen Worten: Er kommt aus der Nummer nicht mehr raus. Simultan hat Russland aber nicht entfernt die Kapazitäten, die Nackriegsphase finanziell und aufbauend zu stemmen. Spätestens dann wird Russland wohl dieselben Erfahrungen machen, wie Amerika, nämlich die Wahrnehmung als Besatzer. Sie werden die internationale Staatengemeinschaft also trotz allem derzeitigen Selbstbewusstsein wieder brauchen, sobald die Waffen schweigen.

3. Das Grauen und seine Herleitung
Das Grauen im ganz und gar Kurtz’schen Sinne ist jedoch weit vielfätiger, da sich die Natur des Konflikts mehrfach zerplitternd gedreht hat. Hier haben sich Russen und USA aus meiner Sicht gleichermaßen übernommen. Man schaue nur einmal verständig die Entwicklung an:

A Story of Doom
Immerhin begann alles als dynamischer Massenprotest im Zuge des arabischen Frühlings 2011. Die Wurzel des Protests war mithin zu Beginn demokratischer Natur, gepusht durch Ägyptens Protestwelle, Tunesien etc. Assad hat jedoch extrem repressiv und gewaltbetont reagiert. Das überrascht nicht. Denn im Bezug auf quantitative Gräuel stellt dieser Massenmörder im Buchhalteranzug wirklich alles in den Schatten, was wir im 21. Jh. bislang sahen, sogar das System Saud oder die Mullahs in Teheran oder die ägyptische Militärdiktatur. Auch der weitaus größte Anteil der Kriegstoten (ich glaube, mittlerweile weit über eine halbe Million) geht auf Assad zurück. Er stellt sogar den IS in den Schatten. Aus eben dieser Dimension der Widerwärtigkeit des Clans resultiert die globalpolitische Bedeutung des Konflikts und des Regime-Wechsels. Es ist eben nicht nur ein Diktator unter vielen, sondern wäre im Falle von „Gettin‘ Away With Murder“ die ultimative Ermutigung von Diktatoren auf der ganzen Welt. Nicht umsonst gibt es die Sicherheitsresolution 2254. Letztere wirkt als rechtliche Legitimation und wird gern ignoriert, wenn es um Bedenken bei Aktionen gegen das Regime geht.

Ausweitung der Hölle
Doch genau diese Erkenntnis hilft makabrerweise nicht. Das liegt am Verlauf des Konflikts nach Assads Eingreifen gegen sein berechtigt aufbegehrendes Volk. Die Militarisierung hat dann als zweite Stufe die Ebene des Stellvertreterkriegs Russland/USA erreicht. Da haben sich beide Big Chiefs wie meist üblich eben nicht mit Ruhm bekleckert. Die Russen an der Seite des syrischen Pol-Pot, die USA weitgehend nicht in der Lage, zu verhindern, dass die oppositionellen Kräfte von Islamisten – mithin Klerikalfaschisten – unterwandert wurden, die effektiv von der auch logistischen Unterastützung profitierten. Alles notdürftig getarnt von scheinbarer Einigkeit aller im Bereich IS.

4. Die Konsequenz
Und jetzt kommt die Horror-Pointe des Versagens:

USA
Durch Amerikas obig erläuterte Strategie des langsamen Verschwindens entstand eine Regionalisierung des Konflikts – bestärkt durch die Heterogenität Syriens, das aus verschiedenste Volks- und Religionsgruppen besteht – die die oppositionellen Kräfte längst in jene provinzielle Warlordstruktur überführte, die wir in Afghanistan, Libyen oder Teilen des Irak sehen. Dieses Gemisch zu befrieden, ist eine nahezu unmögliche Sisyphusaufgabe.

Russland
Auf der anderen Seite hat Putin (ebenfalls obig dargelegt) im Wissen darum, nur den Krieg evtl. gewinnen zu können, mangels finanzieller Stärke nicht jedoch den Frieden, die umliegenden Regionalkräfte ins Kanonenboot geholt, die allesamt ohnehin längst ihr eigenes Süppchen kochen. Da wäre z.B. Erdos ethnische Säuberung, damit er zwei Fliegen mit einer Klappe schlage (Kurden loswerden und arabische Flüchtlinge. Letztere dort ansiedeln und sich als großer islamischer Führer präsentieren). Durch das Einbinden der türkischen Staatschefs per „Friedens“konferenz wurde dessen Wirken quasi legitimiert. Nicht anders läuft es mit dem Iran. Die sind schon jetzt dabei, schiitisch privilegierende Strukturen in Damaskus etc. auf zu bauen, um die angestrebte Vormachtstellung auch gegen das sunnitische Haus Saud zu stärken. Durch deren Einbindung bei der Konferenz hat Putin die Teheraner Frauenfreunde ebenso quasi geadelt.

Ergebnis
Das wird natürlich alles nach hinten losgehen. Denn die verschiedenen Gruppen sind sich ja auch untereinander nicht einig und haben vollkommen unterschiedliche Ziele. Und hier haben wir noch nicht einmal die Unkontrollierbarkeit Assads berücksichtigt, die Präsenz der fundamentalisten Terrororganisation Hisbollah dank Teheran und die ebenfalls oft übersehene Einmischung irakischer Verbände. Geschweige denn die Kurden, die sich zu Recht von allen Seiten im Stich gelassen fühlen. Auch die zerstreuten IS-Mitglieder können sich momentan der Warlord-Struktur anschließen und werden sicher keine demokratische Zierde werden.

Fazit

Die Zersplitterung vom internationalen Konflikt bis hin zum lokalen Warlord-Gebilde, somit die befürchtete Libyisierung ist de facto längst passiert. Beide Großmächte sind erkennbar keine Hilfe und agieren auf lange Sicht betrachtet eher überfordert als babylonische Gefangene eines Spiels der Throne, an dem sich in Nahost bislang noch jeder verhoben hat.

Und die Welt? Sie scheint machtlos.

Und die Öffentlichkeit? Sie diskutiert überwiegend täppisch über einen Luftangriff, der vollkommen unmaßgeblich ist, nichts zum Guten oder Schlechteren wenden wird und ergeht sich in tumbem Lagerdenken, das uns allen plus dem gebeutelten syrischen Volk noch in Form weiterer Toter und Flüchtlingswellen um die Ohren fliegen wird. Es ist deprimierend.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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