Nackt auf der Motorhaube – das leise Flüstern der Besonnenheit

Tina Schlegel liegt im Frühjahr gerne auf einer Motorhaube und macht sich dort Gedanken über me2, Hashtags und die tägliche Meinungsflut

Bild: pixabay

Alles fing recht harmlos an. Irgendwann im letzten Herbst, als die MeToo-Debatte so schön kochte, schrieb ich eine Kolumne, euphorisch geradezu, über die Hashtag-Jagd im Zeitalter der implodierenden medialen Plattformen. Wer eins setzen kann, fühlt sich wichtig. Der Titel lautete „Nackt auf der Motorhaube“ und naja, ich fand ihn lustig. Ein Freund las ihn Probe und lachte auch, fragte dann aber: „Weshalb willst du dir Ärger einhandeln?“ Ich stutzte, war überrascht, dass ich stutzte. Ärger macht mir nichts, es gibt viele Themen, zu denen ich keine mehrheitstaugliche Meinung habe, aber gut, denke ich einen Moment darüber nach. Die Kolumne ist nie erschienen und andere Arbeiten verdrängten diesen merkwürdigen Moment des Innehaltens.

Basar der Eitelkeiten

Vor ein paar Wochen jedoch eine Wendung. Meine Kollegen hier bei den Kolumnisten hatten die Idee, Pro- und Contra-Kolumnen zu schreiben. Ulf Kubanke hatte sich „MeToo“ vorgenommen, ich sollte ein Contra schreiben, wobei sein Text nicht meiner Meinung widersprach, was ein Contra erübrigte, doch das Thema war wieder präsent in meinem Kopf. Ärger einhandeln. Ich überlegte mir einen neuen Ansatz und Titel, weg von der Motorhaube und der Nacktheit hin zu „MeToo – Befindlichkeiten im Zeitalter medialer Sintflut“ und schrieb los. Vieles an der MeToo-Debatte war tatsächlich Befindlichkeit, die in ihrer Fülle das ernste Anliegen nur überflutet hat, wie es ja leider allzu oft passiert. Anfangs dachte ich noch, Mensch, ich hätte nahezu bei allem mein Hashtag MeToo dahinter klatschen können, aber weshalb? In einer Zeit der sich überschlagenden Nachrichten und Hashtags in sozialen Medien kann man mit dieser Art der Loyalität nicht unbedingt ein Zeichen setzen, zumal die Inhalte doch kilometerweit auseinanderklafften und Besonnenheit wie so oft Fehlanzeige war. Wenn ein womöglich zweideutiges Kompliment in der Wahrnehmungshierarchie auf Hashtag-Niveau plötzlich auf demselben Rang steht wie eine Vergewaltigung, dann ist da gründlich etwas schief gelaufen, und ich für meinen Teil zumindest würde mein zuvor abgegebenes MeToo schnellstens wieder löschen.

Verschleuderte Freiheit

Ohnehin ist dieses grenzenlose Mitteilungsbedürfnis der Menschen an einem Punkt angekommen, wo das eigentliche Ereignis zurückfällt. Meinungsfreiheit ist keine Freiheit im eigentlichen Sinn mehr – es ist der zwanghafte Versuch, sich in diesem Haifischbecken irgendwie bemerkbar zu machen. Wer keine Meinung kundtut, hat Angst zu verschwinden. Es ist somit der Ausdruck der absoluten Unfreiheit. Pathologisch gar. Aus „ich denke, also bin ich“ ist ein „ich hashtage, also bin ich“ geworden. Man poste ein paar Schlagwörter polarisierend und schon reicht man den Strohhalm zum Beweis des Daseins: Hashtag Flüchtlinge, drohende Islamisierung, AFD – schwup, schon sind Massen mit dabei. Wie lange bleibt das spannend? Das Kunstwerk verliere an Bedeutung, erklärte Walter Benjamin in seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ 1935, es verlöre seine Aura durch die technischen Möglichkeiten. Selbiges gilt irgendwie auch für den sachlichen Kommentar. Günther Anders erklärte 1956 in „Die Antiquiertheit des Menschen I und II“ unter anderem, dass die Nachricht an sich kaum noch Bedeutung habe, weil sie mit ihrer Abbildung zusammenfalle. Die Nachricht überholt sich selbst, ein Wahrnehmungsgefälle und eine Verschiebung der Realität. Was würde er nur heute denken? Im Zeitalter von Fake-News und all den Kommentarwütigen? Anders würde vielleicht sagen, dass wir uns in einem nahezu faktenfreien Raum bewegen wie in einer hohlen Blase, die wir füttern und füttern und uns wundern, wenn sich unsere Sicht nie aus diesem runden Raum bewegt. Eine bittere Vorstellung. Im Zeitalter der höchstmöglichen Freiheit bewegen wir uns in diesen sinnlosen Blasen und verpulvern Meinungen, um gesehen zu werden.

Tanz der Seifenblasen

Vor ein paar Tagen schrieb Werner Felten über das Wesen des Kolumnisten, nicht gerade zimperlich, doch beim Lesen stellte ich erleichtert fest, dass er hauptsächlich von Männern sprach, zudem von älteren Individuen – ich konnte mich also entspannt zurücklehnen und denken, ja, ganz unrecht hat er nicht, wobei ich alle meine Kollegen hier ausdrücklich ausklammere. Im Grunde war das auch der Punkt, der mich innehalten ließ bei meiner „Motorhauben“-Story. Es war gar nicht meine Geschichte, sondern nur eine Reaktion auf den aktuellen Themen-Hype, eine Eitelkeit gewissermaßen, zu dem Thema zu schreiben, zu dem grad jeder meint, was sagen zu müssen. Innehalten, sagte ich mir, obwohl ich die letzten Wochen beinahe jeden Morgen mit einer Idee für eine Kolumne aufgewacht bin. Ich hab dann ein wenig herum gelesen und festgestellt, dass meine Idee als hübsche Seifenblase schon recht munter von einer Nadelspitze zur nächsten gehüpft ist – bislang ohne zu zerplatzen, weil ständig weitergepustet; auch eine Kunst. Während wir früher unser Wissen spezialisiert haben, kämpfen wir im Zeitalter der medialen Sintflut offensichtlich vor allem darum, die eigene Meinung zu „spezialisieren“ oder vielmehr – wir sollten darum kämpfen. Wenn jeder meint, zu allem eine Meinung haben und laut kundtun zu müssen, dann verliert die fachkundige Meinung an sich komplett an Bedeutung.

Ich denke wieder an meinen Freund, der mich gefragt hat, weshalb ich mir Ärger einhandeln wolle. Ich habe nicht gezögert aus Angst vor diesem Ärger; allerdings wurde mir bewusst, dass man sich heute sehr gut überlegen muss, welches Thema es einem Wert ist, die Meinungssintflut anzustacheln. Für welche Themen gehe ich übers Wasser? Meinen MeToo-Text mit der hübschen, nackt sich räkelnden Blondine hätte ich schon posten können, aber weshalb? Kolumnen zu schreiben, weil sie gerade Hashtag-tauglich sind, ist nur Geplauder.

So herzschmelzend besonnen

Aber im Grunde, ich muss es hier gestehen, bin ich einfach viel zu langsam für diesen Meinungskampf. Ich denke gerne nach, höre andere Meinungen an, suche nach Austausch und bringe dann alles in mir in Einklang – bevor ich mich äußere. Das ist spannend, dauert aber, und wenn ich dann mit meiner Kolumne ankomme, ist das Thema meist schon durch. Andererseits bin ich gern altmodisch und langsam und ich will, dass meine Texte etwas mit mir zu tun haben und nicht nur mit Hashtags. Sonst müsste ich jetzt doch noch etwas über Skripal schreiben und die Merkwürdigkeit, dass im Zusammenhang mit Geheimdiensten und einem Doppelagent von moralischen Verpflichtungen und Werten gesprochen wird, aber draußen singen die Vögel und es ist Frühling, da gibt es Sinnvolleres. Verlieben zum Beispiel. Wobei: ich verliebe mich sogar langsam, bis auf das eine Mal, naja, der hatte eine Gitarre in der Hand, eine Schwäche hat doch jeder … Ansonsten bin ich eben gern besonnen. Vielleicht weil das Wort etwas mit Sonne zu tun hat und die mich einfach glücklich macht? Gut, beschleunigt auch nicht gerade, aber besser als in dem täglichen Einheitsbrei der nur vermeintlichen Meinungsvielfalt zu ertrinken … #Sonne, Strand und nach Meer schmeckende Küsse … und wer zu diesem # sein MeToo setzten will unter diese Kolumne – nur zu!

Tina Schlegel

Tina Schlegel

Die Kolumnistin Tina Schlegel ist Kulturjournalistin und Autorin. Für die Zeitung schreibt sie über die schönen Dinge im Leben – Kunst, Musik, Theater und Literatur. In ihren Romanen dagegen lotet sie die düstersten Abgründe der Menschen aus und erschrickt oft selbst beim Schreiben. Doch genau so muss es sein: Texte, die fesseln und nachhaltig im Gedächtnis bleiben oder wenigstens eine hübsche Idee wecken, können bleiben, alles andere kann weg, findet sie. Für die Augsburger Allgemeine schrieb sie eine wöchentliche Kolumne über das LiebesLeben einer Alleinerziehenden mit Kind, denn wer über sich selbst lachen kann, hat es grundsätzlich viel leichter im Leben. Nach rund 20 Umzügen quer durch Deutschland lebt sie heute mit ihrer Tochter und einer diäterprobten, aber dennoch übergewichtigen Katze im Unterallgäu und liebt das Leben schon sehr. Die Kolumne: Liebesgeflüster im Haifischbecken Seit sie von ihrer Zeitung für ihre Kolumne als „Alleinerziehende, die gerne denkt“ angekündigt wurde, überlegt Tina Schlegel ob das stimmt. Ihrer Chancen auf sozialen Anschluss hatten sich mit diesem Teaser in der Kleinstadt ohnehin erledigt, steht hinter dieser Beschreibung (gewissermaßen auf ihrer Stirn) doch eindeutig das Prädikat „kompliziert“, blieb also viel Zeit zum Nachdenken. Irgendwann aber lehnte sie sich zurück und gestand sich ein, ja, sie denkt ausgesprochen gern und ausführlich nach. Überraschend oft hat es mit Liebe zu tun, aber als Tochter eines Berufssoldaten und einer Friedensbewegungsaktivistin ist sie im politischen Diskurs groß geworden. Unpolitisch kann sie daher nicht einmal über Kitsch nachdenken … Oder doch? Tina Schlegel im Netz Tina Schlegel ist mit ihrer Autorenseite auf Facebook vertreten und kann selbstverständlich auch abonniert werden. Zwei Romane sind bislang von ihr erschienen: „Schreie im Nebel“ (Emons Verlag, Oktober 2015, ISBN 978-3-95451-723-7) und „Die dunkle Seite des Sees“ (Emons Verlag, April 2017, ISBN 978-3-7408-0078-9), zwei weitere Bücher sind für 2018 geplant.

More Posts - Website

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen