Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden …

Henning Hirsch liest Raymond Carvers „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ und verliebt sich in den minimalistischen Stil des Autors

Bild: pixabay

Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden

… lautet der Titel einer Kurzgeschichtensammlung aus der Feder von Raymond Carver, die mir vor ein paar Tagen mal wieder in die Hände fiel.

In 17 Short Stories schildert der Autor alle möglichen Irrungen und Wirrungen, die sich aus intimen zwischenmenschlichen Beziehungen ergeben können. In lakonischer Sprache und minimalistischen Sätzen. Geschichten, die oft kein richtiges Ende haben, weil unsere Liebe eben auch nie so ganz endet.

Raymond Carver, geboren 1938 in Oregon, gestorben 1988 im Nachbarstaat Washington, hat in seinem kurzen Leben ein paar Erzählbände und einige Gedichte hinterlassen. Als langjähriger Alkoholiker lenkt er das Augenmerk seiner Texte oft auf die Themen Sucht, damit verbundener Wahnsinn, Verarmung und Verwahrlosung.

Das Personal der 17  Geschichten, das Carver in seinem dritten Band Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden vereinigte, ist dasselbe wie in allen zuvor veröffentlichten Geschichten: Paare, die sich nichts mehr zu sagen haben, Arbeitslose, Säufer.

Die Stories beginnen so:

Ich hab so einiges gesehen. Ich wollte zu meiner Mutter und ein paar Nächte bei ihr in der Wohnung bleiben. Aber als ich oben am Treppenabsatz ankam, guckte ich, und sie saß auf dem Sofa und küsste einen Mann. Es war Sommer. Die Tür stand offen. Der Fernseher lief. Das ist eine von den Sachen, die ich gesehen habe. (Mr. Coffee und Mr. Fixit)

oder so:

Bill Jamison war mit Jerry Roberts immer eng befreundet gewesen. Die beiden wuchsen im Südteil der Stadt auf, nahe dem alten Messegelände, besuchten zusammen die Grundschule und die Junior High School und wechselten dann über auf die Eisenhower High School, wo sie, soweit sie konnten, dieselben Lehrer wählten; sie trugen einer des anderen Pullover und abgetragene Hosen und gingen mit denselben Mädchen, bumsten sie auch – was immer sich so ergab. (Sag den Frauen, dass wir wegfahren)

oder so:

Veras Auto stand da, sonst keines, und Burt war dankbar dafür. Er bog in die Einfahrt und hielt neben der Torte, die er am Abend zuvor hatte fallen lassen. Sie lag immer noch da, mit der Aluminiumform nach oben und mit einem Hof von Kürbisfüllung ringsherum auf dem Pflaster. Es war der Tag nach Weihnachten. (Ein ernstes Gespräch)

Und immer geht es dabei um alle möglichen Facetten von Liebe:

Terri sagte, der Mann, mit dem sie zusammenlebte, bevor sie mit Mel zusammenlebte, habe sie so sehr geliebt, dass er versucht habe, sich umzubringen. Dann sagte Terri: »Er hat mich eines Abends zusammengeschlagen. Er hat mich an den Fußgelenken durchs Wohnzimmer geschleift. Er sagte immer wieder: Ich liebe dich, ich liebe dich, du Drecksstück. Er schleifte mich weiter im Wohnzimmer herum. Mein Kopf schlug dauernd gegen Dinge. Terri blickte in die Runde am isch. Was machst du mit so einer Liebe?« (wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden)

»Holly, du bist immer noch eine stolze Frau«, sag ich. »Du bist immer noch die Nummer eins. Komm schon, Holly.«
Sie schüttelt den Kopf.
»Etwas ist in mir gestorben«, sagt sie. »Es hat lange gedauert, bis es so weit war, aber es ist tot. Du hast etwas getötet, so als hättest du mit der Axt draufgeschlagen. Alles ist nur noch Schmutz.« (Pavillon)

Nun ja, und da hab ich sie geküsst. Ich drückte ihren Kopf zurück aufs Sofa und küsste sie, und ich spürte, dass ihre Zunge es ziemlich eilig hatte, in meinen Mund zu kommen. Verstehst du, was ich meine? Da kann einer dauernd alle Regeln beachten, und auf einmal zählt das alles nicht mehr. Sein Glück verlässt ihn einfach, verstehst du? Aber es war im Nu vorbei. Und danach sagt sie: »Du musst denken, dass ich eine Hure bin oder so was«, und dann geht sie einfach. (Tüten)

Die Stories sind wenig spektakulär und verzichten auf äußerliche Effekte. Carvers Thema, das sich durch sämtliche Erzählungen zieht, sind die Alltagsbanalitäten; unter dem zuweilen sehr amerikanischen Kolorit schimmert oft eine existentielle Leere durch. Der Autor ist ein Meister des ersten Satzes, mit dem der Leser oft mitten ins Geschehen springt.

Ein Mann ohne Hände kam an meine Tür und wollte mir ein Foto von meinem Haus verkaufen. (Sucher)

Die eigentlichen Erzählungen sind häufig die Tragödien, die sich hinter der vordergründigen Handlung abspielen. Dabei enthält sich Carver jeglichen Kommentars oder gar einer Wertung. Manchmal ist eine geschilderte Nebensächlichkeit das eigentlich Wichtige in der Geschichte.

Carvers Stories werden von geborenen Verlierern bevölkert, denen es unmöglich ist, ihrem Schicksal zu entrinnen. Sobald sich ein Prota aus seinem gewohnten Umfeld heraus wagt, lauert an der nächsten Ecke schon die Katastrophe. Unheimlich sind diese Texte, und am unheimlichsten wirken die Geschichten, die auf geradezu rabiate Kürze reduziert sind. Auf die Frage nach dem Warum darf man keine Antwort erwarten.

Und so enden die Kapitel oft, wie sie begonnen haben: unspektakulär.

Mein Dad starb im Schlaf, betrunken, das ist fast acht Jahre her. Es war ein Freitagmittag, und er war vierundfünfzig. Er kam von der Arbeit in der Sägemühle nach Hause, holte sich zum Frühstück ein Stück Wurst aus dem Kühlschrank und kippte einen Liter Four Roses. (Mr Coffee und Mr Fixit)

Aber Holly sitzt nur da, auf dem Bett, mit ihrem Glas in der Hand.
Ich seh ihr an, dass sie es nicht begreift. (Pavillon)

Mel stieß sein Glas um. Der Gin lief über den Tisch.
»Gin ist alle«, sagte Mel.
Terri sagte: »Und jetzt?«
Ich hörte mein Herz schlagen. Ich hörte die Herzen der anderen. Ich hörte das Menschengeräusch, das wir machten, während wir dasaßen, ohne dass sich einer von uns rührte; auch nicht, als der Raum dunkel wurde.« (Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden)

Carvers Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden ist ein Buch für Leser, die sich nicht scheuen, mehr über die teils glitschigen, teils tiefmorastigen Pfade der Liebe in US-amerikanischen Vororten erfahren zu wollen. Der emotionale Wahnsinn, der hinter der Kleinstadtidylle lauert. Erzählt in kurzen, knappen Sätzen. Stets sachlich, nie auf die Tränendrüse drückend.

Ich habe mich vor allem in seinen minimalistischen Satzbau verliebt.

PS. von einem Interviewer darauf angesprochen, weshalb er stets so kurze Stories zu Papier bringe, antwortete Carver, dass er keine Zeit und Lust für lange Geschichten habe.

Raymond Carver: Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden (What we talk about when we talk about love, 1981, aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus. Fischer Taschenbuch Verlag. 2. Auflage 2013. ISBN: 978-3-596-90388-7)

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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