In Deutschland muss niemand hungern

Die Tafeln sind keine Armenspeisung, sagt Jörg Friedrich Dass in Deutschland niemand hungern und obdachlos sein muss, ist eine Leistung der ganzen Gesellschaft.


Ja, es gibt Bedürftige in Deutschland, es gibt Menschen, die haben so wenig Geld, dass sie zu den Tafeln gehen, die kostenlos fast abgelaufenes Essen ausgeben, weil es sonst vernichtet werden würde. Es gibt also Menschen, denen man dieses Essen nicht mehr zum Kauf anbieten würde, und andere, die sich freuen, mit diesen Lebensmitteln ihren kargen Speiseplan aufbessern zu können.

Aber in den Diskussionen um die Essener Tafel sind ein paar Dinge durcheinander gebracht worden.

Tafeln sind keine Armenspeisung

Wer sich bei einer Tafel Essen besorgt, würde nicht hungern müssen, wenn es keine Tafel gäbe.

Dafür, dass in Deutschland niemand hungern muss, sorgt die Sozialgesetzgebung. Auf ihrer Basis versucht der Staat, zu berechnen, wie viel Geld ein Mensch braucht, um nicht hungern und nicht als Obdachloser auf der Straße leben zu müssen. Und dieses Geld wird in Deutschland jedem gezahlt, der zum Sozialamt geht, und sich dort als Bedürftiger meldet und seine Bedürftigkeit auch nachweist.
Die Tafeln leisten eine wertvolle Arbeit, sie tun Gutes in zweifacher Hinsicht. Sie sorgen dafür, dass in unserer überregulierten Überflussgesellschaft Lebensmittel nicht einfach weggeworfen werden, und sie sorgen dafür, dass Bedürftige sich etwas mehr leisten können als nur das allernötigste. Die Ehrenamtlichen, die das jeden Tag leisten, verdienen höchsten Respekt.

Nicht nur „die Steuerzahler“

Aber dafür, dass in Deutschland niemand hungern muss, dass jeder etwas anzuziehen haben kann und ein Dach über dem Kopf hat, sorgen all diejenigen, die dafür sorgen, dass Deutschland so ein reiches Land ist. Das sind ausdrücklich nicht nur „die Steuerzahler“ – es sind alle die, die täglich zur Arbeit gehen und „das Bruttosozialprodukt steigern“, es sind auch die, die ein Leben lang gearbeitet haben und nun eine verdiente Rente beziehen, die nebenbei auch noch ihre Kinder und Enkel auf vielfältige Weise unterstützen, es sind auch die, die mit harter und schlecht bezahlter Arbeit dafür sorgen, dass sie nicht von den Sozialleistungen der Gemeinschaft abhängig sind.

All diese Menschen sorgen dafür, dass die Bedürftigen in diesem Land nicht hungern und frieren müssen. Wir sollten uns das nicht kleinreden lassen, denn das ist eine großartige Leistung, die wir alle durch unsere tägliche Arbeit vollbringen.

Ein breiter Konsens

Wie hoch die Grundsicherung sein muss und wie man sie berechnen sollte – das sind Fragen, die in einer komplexen und vielfältigen Gesellschaft nicht einfach zu beantworten sind. Auch die Frage, wie und ob man Bedürftigkeit nachweisen sollte, ist berechtigterweise Gegenstand des politischen Streits. Das ist gut so. Aber es gibt einen breiten Konsens darüber, dass niemand in Deutschland hungern sollte, und dass wirkliche Armut von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden kann. Diese Solidarität ist eine Selbstverständlichkeit. Sie äußert sich nicht in der großen Geste, mit der man einem Bettler einen Euro zusteckt, sondern darin, dass man jeden Tag aufsteht um für den eigenen Lebensunterhalt und ganz nebenbei für die Versorgung der Bedürftigen zu arbeiten. Das sollten wir schätzen und bewahren.

Jörg Phil Friedrich

Jörg Phil Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Phil Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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