Der deutsche „Siegfrieden“ im Osten – Zum Ausscheiden Russlands aus dem Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren

Bereits einige Monate nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, als der Schlieffen-Plan des deutschen Generalstabes scheiterte, wurde in Deutsch-land der Wunsch nach einem Separatfrieden mit Russland wach. Da aber in der politischen Klasse Russlands die patriotisch gesinnten Kreise, die einen solchen Frieden ablehnten, eindeutig dominierten, begann man in Berlin auf die entgegengesetzte Karte zu setzen – auf die Bolschewiki, die Russlands Teilnahme am „imperialistischen Krieg“ mit äußerster Schärfe kritisierten. Diese „bizarre“ Allianz der deutschen Konservativen mit den radikalen Gegnern der bestehenden europäischen Ordnung erreichte letztendlich ihr Ziel – Russland schied aus dem Krieg aus.


Die pazifistische Propaganda gehörte zu den stärksten Waffen Lenins in seinem Kampf gegen die nach dem Sturz des Zaren im Februar/März 1917 errichtete Provisorische Regierung. Er erzielte damit beträchtliche demagogische Erfolge bei den russischen Soldaten, die infolge des berühmt gewordenen Befehls Nr. 1 des Petrograder Sowjets (1. März 1917) von den Fesseln der Militärdisziplin weitgehend befreit waren. Man muss jedoch betonen, dass es sich bei Lenin keineswegs um einen Pazifisten handelte. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges war für ihn, anders als für Rosa Luxemburg und viele andere Vertreter des linken Flügels der marxistisch orientierten Arbeiterbewegung, keineswegs ein Anlass für Verzweiflung. Im Gegenteil. Er betrachtete diesen Krieg als einen gigantischen Beschleuniger der revolutionären Prozesse in Europa und bezeichnete ihn sogar als den „größten Regisseur der Weltgeschichte“.

Lenins Friedensversprechungen

Das Ziel der revolutionären Parteien sollte nach Lenin nicht die sofortige Beendigung dieses Krieges, sondern seine Verwandlung in einen weltweiten Bürgerkrieg sein. Nur auf diese Weise könne man, so Lenin, die Hauptursache dieses Krieges und der Kriege überhaupt – den „Imperialismus“ – beseitigen. Dennoch stand nicht diese Langzeitstrategie im Vordergrund der bolschewistischen Propaganda im Revolutionsjahr 1917, sondern Lenins griffige Parole „Beendet sofort den imperialistischen Krieg!“, die eine beträchtliche Resonanz bei den russischen Soldaten fand und die Auflösungserscheinungen in der russischen Armee beschleunigte. Nicht zuletzt deshalb standen der Provisorischen Regierung zur Zeit der bolschewistischen Machtergreifung im Oktober 1917 so gut wie keine Streitkräfte zur Verfügung. All diese Entwicklungen entsprachen natürlich den Interessen der Führung des Wilhelminischen Reiches, die Lenins Friedenpropaganda mit erheblichen finanziellen Mitteln unterstützte.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die Friedensversprechungen der Bolschewiki ihnen die Machtergreifung in Russland erheblich erleichterten. Wollten sie aber diese Macht behalten, mussten sie ihre Zusagen ohne Zögern einhalten.

Lenins Rede über den Frieden, die er einen Tag nach der bolschewistischen Machtübernahme hielt, war zwar weniger an die Regierungen als an die Völker und Arbeiter der Welt gerichtet. Sie enthielt aber auch versöhnliche Töne:

Unser Aufruf muss sowohl an die Regierungen als auch an die Völker gerichtet werden. Wir können die Regierungen nicht ignorieren, denn das würde die Möglichkeit des Friedensschlusses hinauszögern … (Wir) dürfen … unsere Bedingungen (nicht) ultimativ stellen. Deshalb haben wir auch den Satz mit aufgenommen, dass wir jegliche Friedensbedingungen, alle Vorschläge erwägen werden.

Am 3. Dezember 1917 erschien eine sowjetische Delegation im weißrussischen Brest-Litowsk, um mit den Mittelmächten zunächst über einen Waffenstillstand und später über die Bedingungen eines Separatfriedens zu verhandeln.

Das neue Kräfteverhältnis in Europa nach dem Ausscheiden Russlands aus dem Krieg

Die bolschewistische Revolution, die Russland endgültig aus dem Krieg ausschaltete, änderte das Kräfteverhältnis auf dem europäischen Kontinent grundlegend. Zum ersten Mal seit der Marneschlacht vom September 1914, also mehr als drei Jahre nach Kriegsbeginn, hatte der deutsche Generalstab nun wieder Grund zu der Hoffnung auf einen Sieg.

Der Münchener Historiker Thomas Nipperdey schrieb in diesem Zusammenhang:

Das weltgeschichtliche Ereignis der russischen Revolution(en) hätte beinah noch das Kriegsschicksal des Reiches wenden können, beendete es doch das, was deutsche Politik seit Bismarck fürchten mußte und was die Situation seit 1914 so bedrängend machte: den Zweifrontenkrieg.

Von der Ostfront flossen jetzt ununterbrochen die deutschen Divisionen nach Frankreich, die Westmächte wurden immer unsicherer. Im Dezember 1917 schrieb der damalige Marineminister im Londoner Kabinett, Winston Churchill:

Das Land (England) schwebt in einer Gefahr, wie sie nicht bestand, seit Paris durch die Marneschlacht … gerettet wurde. Die Sache der Alliierten ist in Gefahr. Die Zukunft des britischen Weltreiches, der Demokratie, ja der Zivilisation sind auf dem Spiele … Russland ist von den Deutschen vollkommen geschlagen. Sein großes Herz ist gebrochen, nicht nur durch die deutsche Macht, nein, auch durch deutsche Intrigen, deutsches Gold. Russland liegt zu Boden, erschöpft und im Todeskampfe.

Die bolschewistische Regierung wurde von den Entente-Mächten wegen Verrats an der gemeinsamen Sache nicht anerkannt. Sowjetrussland musste also mit den Deutschen und ihren Verbündeten allein verhandeln: der zusammengebrochene Staat praktisch ohne Armee mit der stärksten Militärmacht Europas! Die früheren Verbündeten waren zu Feinden geworden, der Bürgerkrieg hatte schon begonnen. So stellte die sogenannte proletarische Weltrevolution – die revolutionär gesinnten Werktätigen der Welt – im Grunde den einzigen hypothetischen Verbündeten der Bolschewiki dar. Mit ihr verknüpften die Bolschewiki auch all ihre Hoffnungen.

Im Januar 1918 fanden in der Donaumonarchie und in Deutschland Unruhen statt, die die Bolschewiki als Vorboten einer proletarischen Revolution auffassten. Ende Januar 1918 wurde in Berlin ein Generalstreik proklamiert. Dennoch wurden all diese Proteste Anfang Februar vom Militär mit eiserner Faust unterdrückt. Als Lenin sah, wie schnell die proletarische Bewegung in Deutschland bezwungen werden konnte, verlor er die Hoffnung auf den sofortigen Ausbruch der Weltrevolution. Jetzt stand für ihn fest, dass die Bolschewiki völlig isoliert waren und sich nur auf ihre eigene Geschicklichkeit und ihre eigenen Kräfte verlassen mussten.

Die Bolschewiki waren sich zunächst über die genaueren Pläne der deutschen Führung in Bezug auf Russland nicht im Klaren. Viele träumten von einem „Frieden ohne Annexionen“. Dies war allerdings nur ein Wunschdenken der neuen Machthaber Russlands. Sie überschätzten den Weitblick der deutschen Generäle. Je schwächer und hilfloser Russland wurde, desto kühner wurden die Annexionspläne der Obersten Heeresleitung (OHL). Am 19. Dezember 1917 fand in Kreuznach eine gemeinsame Konferenz der OHL und der Reichsregierung statt. Ludendorff und Hindenburg forderten den Anschluss Polens und der baltischen Provinzen Russlands an Deutschland. Als der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von Kühlmann Hindenburg fragte, wofür er diese Gebiete brauche, antwortete der Feldmarschall: „Für die Manövrierung der Truppen im nächsten Krieg.“

Lenins Autoritätsverlust

Die neuen Machthaber im Kreml verstanden allmählich, dass sie, um Frieden schließen zu können, gewaltige Gebiete an die Mittelmächte abtreten mussten. Da die Bolschewiki zu den leidenschaftlichen Verfechtern eines „sofortigen Friedens ohne Annexionen und ohne Kontributionen“ zählten, reagierten sie mit Entrüstung auf diese Forderungen der Deutschen. Die Gegner eines Annexionsfriedens, die das Ultimatum der Mittelmächte mit einem revolutionären Krieg beantworten wollten, dominierten zunächst in der bolschewistischen Partei. So sprach sich die überwältigende Mehrheit der bolschewistischen Fraktion im Moskauer Sowjet gegen den von Lenin vorgeschlagenen Separatfrieden mit Deutschland aus. Lenins Vorschlag wurde nur von 13 Delegierten unterstützt, 387 waren dagegen. Lenins Kompromissbereitschaft gegenüber den Deutschen drohte seine Autorität in der Partei zu untergraben.

Am 9.1.1918 wurden die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk nach einer kurzen Unterbrechung wiederaufgenommen. Die sowjetische Delegation wurde nun vom Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Trotzki, angeführt, der die Verhandlungen zu verzögern suchte. Er zwang die Delegierten der Mittelmächte zu endlosen Disputen über das Selbstbestimmungsrecht der Völker, über soziale Gerechtigkeit, über die Verbrechen des kapitalistischen Systems usw. Die deutschen Generäle wurden immer ungeduldiger. Am 18. Januar 1918 zeigte der Generalstabschef der deutschen Ostfront, Hoffmann, Trotzki auf der Landkarte die Gebiete, die Russland an die Mittelmächte abtreten sollte. Nun wurde es Lenin klar, dass eine weitere Verzögerung der Friedensverhandlungen für die Bolschewiki verhängnisvoll werden könne. Am 20. Januar 1918 legte er dem Zentralkomitee seine 21 Thesen über „den sofortigen Abschluss eines Separat- und Annexionsfriedens“ vor. Er machte geltend, die sowjetische Regierung benötige viel Zeit für die Konsolidierung und Organisation des neuen Systems in Russland. Sie müsse auch mit einem Bürgerkrieg rechnen. Für die Lösung all dieser Aufgaben bräuchten die Bolschewiki den sofortigen Frieden. In Deutschland habe die extremistische Partei gesiegt. Deswegen sei es gefährlich, die Verhandlungen weiter in die Länge zu ziehen. Die russische Armee sei nicht in der Lage, den Deutschen Widerstand zu leisten. Die russischen Bauern wollten nicht mehr kämpfen, und wenn die sowjetische Regierung sie zur weiteren Kriegführung zwingen werde, bestünde die Gefahr ihres Sturzes. Nur die Weltrevolution könne die sowjetische Regierung retten. Sollte diese nicht ausbrechen, dann sei eine Fortsetzung des Krieges für die Bolschewiki Selbstmord.

Solange die Deutschen Annexionen, nicht aber den Sturz der bolschewistischen Regierung forderten, war Lenin zur Abtretung fast aller verlangten Gebiete bereit. Aber die linksgerichtete Mehrheit der bolschewistischen Führung, die von Nikolaj Bucharin angeführt wurde, war gegen den „imperialistischen“ Frieden mit Annexionen und Kontributionen.

Trotzkis politische Demonstration

Ende Januar 1918 fuhr Trotzki zurück nach Brest-Litowsk mit dem Auftrag, die Verhandlungen weiter zu verzögern. Lenin hielt eine solche Lösung für sinnlos. Er konzentrierte seine ganze polemische Kraft, seine ganze Autorität in der Partei auf die Bezwingung der Gegner eines sofortigen Friedens.

Inzwischen verstärkten die Deutschen ihren Druck auf die Bolschewiki, und zwar mit Hilfe der Ukrainer. Eine Delegation der „bürgerlichen“ ukrainischen Regierung, der „ukrainischen Rada“, nahm auch an den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk teil. Am 9.2.1918 schlossen die Mittelmächte mit ihr einen Separatfrieden. Die Rada wurde als die einzige legitime Regierung der Ukraine anerkannt, das Deutsche Reich versprach der Ukraine militärische und politische Hilfe, um deren Regime zu stabilisieren. Als Gegenleistung versprach die Rada den Mittelmächten die Lieferung von einer Million Tonnen Getreide wie auch anderer Nahrungsmittel. Der sog. „Brotfriede“ mit der Ukraine versprach den Mittelmächten wenigstens theoretisch gewaltige wirtschaftliche und politische Vorteile. Trotzki beantwortete den Separatfrieden der Mittelmächte mit der Ukraine mit dem Abbruch der Verhandlungen. Er sagte, die sowjetische Regierung erkläre die Beendigung des Kriegszustandes, sie demobilisiere die Armee, aber den „imperialistischen“ Annexionsfrieden werde sie nicht unterzeichnen.

Die politische Demonstration, die Lenin befürchtet hatte, nahm jetzt ihren Lauf. Trotzki hatte zu diesem Zeitpunkt noch Illusionen, die Deutschen würden nicht angreifen. Aber Lenin kannte die Psychologie der deutschen Generäle besser. Einige deutsche Politiker, vor allem der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, von Kühlmann, wollten die Bolschewiki nicht gewaltsam zum Frieden zwingen. Kühlmann war der Ansicht, dass eine Erneuerung des Krieges gegen Russland keinen Sinn habe. Er wollte die Ostgebiete weiter okkupiert halten. Dazu brauchte man nur wenig Truppen, weil die Bolschewiki militärisch bedeutungslos waren. Ludendorff war aber mit diesem Vorschlag nicht einverstanden. Er hielt dagegen, die Bolschewiki seien Männer der Tat und könnten in jedem Moment ihre Militärkraft stärken. Die Deutschen brauchen, fuhr Ludendorff fort, die Rohstoffe und Lebensmittel aus der Ukraine, und diese könnten sie nur dann erhalten, wenn sie die Bolschewiki aus der Ukraine gewaltsam vertreiben würden.

Am 18. Februar 1918 begann die deutsche Offensive im Osten. Sie traf praktisch auf keinen Widerstand. Die Reste der demoralisierten russischen Armee brachen sofort zusammen, nur die schlechten Straßen verlangsamten den deutschen Vormarsch.

Lenins Rücktrittsdrohungen

Jetzt wollte Lenin ohne Vorbehalte auf alle deutschen Forderungen eingehen. Aber dazu musste er die Mehrheit des Zentralkomitees der Bolschewiki auf seine Seite bringen. Seine vordringlichste Aufgabe war es jetzt, die Zustimmung Trotzkis für den sofortigen Frieden zu erhalten. Autorität und Position Lenins und Trotzkis in der Partei waren so groß, dass für den Fall ihres gemeinsamen Auftretens die Opposition ohne Erfolgsaussichten war. Trotzki zögerte. Mit seinen Ansichten stand er der Fraktion, die den revolutionären Krieg forderte, viel näher als dem Leninschen Standpunkt. Gleichzeitig aber wusste er, dass die Partei eine Auseinandersetzung mit Lenin nicht überleben würde, und Lenin drohte mit Rücktritt, falls die Partei sich gegen den Frieden erklären sollte. So entschloss er sich, Lenin zu unterstützen, obwohl dieser seiner Meinung nach im Unrecht war. Mit Trotzki an seiner Seite war Lenin jetzt sicher, den Kampf gegen die eigene Partei zu gewinnen.

Bei der Abstimmung im Zentralkomitee am 18. Februar 1918 wurde Lenins Vorschlag über die sofortige Annahme der deutschen Friedensbedingungen mit einer Mehrheit von 7 zu 5 angenommen. Trotzki stimmte dafür. Am 19. Februar erklärten die Bolschewiki offiziell, sie seien mit allen deutschen Bedingungen von Brest-Litowsk einverstanden. Die deutsche Antwort kam erst am 23. Februar. Sie hatte die Form eines Ultimatums, das nur innerhalb von 48 Stunden angenommen werden konnte. Die Bedingungen waren noch härter als in Brest-Litowsk, aber Lenin wollte sie sofort akzeptieren:

Die Antwort der Deutschen stellt uns noch schwerere Friedensbedingungen als in Brest-Litowsk. Und nichtsdestoweniger bin ich absolut überzeugt, dass nur völlige Berauschtheit durch revolutionäre Phrasen imstande ist, irgendjemand zur Ablehnung dieser Bedingungen zu treiben … Wer gegen einen sofortigen, wenn auch noch so schweren Frieden ist, richtet die Sowjetmacht zugrunde.

Lenin drohte mit seinem sofortigen Austritt aus der Regierung, wenn man das deutsche Ultimatum nicht erfülle. Wieder gelang es ihm, die Mehrheit im ZK zu erreichen. Am 3. März 1918 unterzeichnete die sowjetische Delegation den Frieden in Brest-Litowsk. Russland verzichtete hier auf beinahe alle territorialen Gewinne, die es seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in Osteuropa erzielt hatte.

Der Separatfrieden von Brest-Litowsk und seine Folgen

In Russland löste der Brest-Litowsker Frieden einen beispiellosen Schock aus, ungeachtet der Kriegsmüdigkeit, die im Lande vorherrschte und der Tatsache, dass es zur Fortsetzung des Krieges nicht mehr fähig war. Die Koalitionspartner der Bolschewiki – die Linken Sozialrevolutionäre – traten nach dem IV. (Außerordentlichen) Sowjetkongress (14.-16.3.1918), der den Frieden ratifizierte, aus der sowjetischen Regierung aus. Von nun an regierten die Bolschewiki Russland allein, und daran sollte sich bis zur Entmachtung der KPdSU am 21.8.1991 nichts mehr ändern.

Aber nicht nur die Linken Sozialrevolutionäre, sondern auch die Vertreter des linken Flügels der bolschewistischen Partei reagierten mit Entrüstung auf die Friedensbedingungen von Brest-Litowsk. Sie verzichteten auf all ihre Regierungs- und Parteiämter und setzten sich schonungslos mit dem außenpolitischen Kurs Lenins auseinander. Die heftigen Kontroversen, die die Verhandlungen in Brest-Litowsk in den Reihen der Bolschewiki auslösten, zeigen, dass die bolschewistische Partei unmittelbar nach der Machtübernahme noch kein „monolithisches“ Gebilde darstellte. Sie war keineswegs nur eine gehorchende, sondern auch eine diskutierende Partei. Gegenüber ihren politischen Gegnern griffen die Bolschewiki zu den brutalsten Mitteln der politischen Unterdrückung. Bereits unmittelbar nach der Machtübernahme begannen sie sich des sog. „revolutionären“ Terrors zu bedienen, der allmählich auch einen systematischen Charakter annahm. Ein ganz anderer Umgangston hingegen herrschte damals innerhalb der bolschewistischen Partei selbst. Hier beschränkten sich die Kontrahenten in der Regel auf Wortgefechte.

Während der Auseinandersetzung um den Frieden von Brest-Litowsk errang Lenin sicher einen seiner wichtigsten Siege nach der bolschewistischen Machtübernahme. Hätten damals die Gegner des Friedens die Oberhand gewonnen, so wären die Tage des bolschewistischen Regimes wohl gezählt gewesen. Trotzki schrieb später, Lenin habe mit genau der gleichen revolutionären Energie die Bolschewiki zur Kapitulation gegenüber den Deutschen zu bewegen versucht, mit der er kurz vor der Oktoberrevolution seine Partei zu mehr Kampfentschlossenheit aufgefordert hatte.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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