Wo Leben ist muß Wirtschaft werden!

Auf meinen zugegeben anspruchsvoll-anstrengenden Essay „Tango tanzende Jünglinge“, der auf der Folie der Schriften des Marquis de Sade und ihrer Rezeption den internationalen Rechtsruck und seiner Jünger erklärt, habe ich wütende Reaktionen bekommen – weniger von Rechten selbst, die sich jener anspruchsvoll-anstrengenden Lesearbeit gar nicht unterzogen, sondern eher von Liberalen, deren Liberalismus ich gnadenlos als Vorstufe des Faschismus sehe.


Margaret Thatcher und die Borg

Der Faschismus ist nur noch konsequenter bei der Entmenschlichung als der Liberalismus, er ist gleich bereit zum Mord. Die sich empörten, waren Liberale, die noch immer jauchzend das hohe Lied des „Freien Marktes“ anstimmten; recht eigentlich also “Neoliberale“, Hayekianer, die in der vollständigen Freizügigkeit und Allgegenwart des Marktes die einzige Garantie der Liberalität auch auf allen anderen gesellschaftlichen Gebieten sahen, ach was – die in ihrem Liberalismus, der die totale Wirtschaftlichkeit des Lebens und der Berechtigung zum Leben verstanden – die also Leben mit Ökonomie gleichsetzen..

Ich mußte also einsehen, daß sie das Leben nur unter ökonomischen Auspizien verstehen und völlig unfähig sind, einen Schritt zurückzutreten und ihre angebliche Ideologielosigkeit tatsächlich eine Religion ist, ohne Menschlichkeit oder Empathie. Sie stecken fest in der vulgärevolutionären Vorstellung vom Fressen und Gefressen werden – und Kooperation ist bei ihnen auch nur eine Frage der Nützlichkeitserwägungen; ein Miteinander kennen sie nicht – wie ja auch Margaret Thatcher die menschliche Gesellschaft nicht als eine des Miteinanders, sondern der neoliberalen Individuen definierte; tatsächlich meinte sie aber eine Borggesellschaft..

Und – was soll ich sagen. Sie hatte Recht. Der Neoliberalismus ist ja nichts weiter als ein zuende gedachter moderner Manchesterkapitalismus oder die Ausweitung der Evolutionstheorie auf wirklich all Gebiete des Lebens; ohne Miteinander und Empathie.

Was und Wer keinen Nutzen bringt, ist überflüssig und bleibt allsobald auf der Strecke, wird wegevolutioniert. Wie ja auch Menschen überflüssig sind. Die gesamten HartzIV-Reformen z.B. sind ja nicht aus ethischen Überlegungen heraus entstanden, sie dienen nur dazu, Menschen in den Prozeß der Mehrwerterzeugung wieder einzugliedern – unter allen Umständen (wie z.B. auch die Psychotherapie, nichts weiter als ,autoritäre Dressurakte).

Sehr praktisch, daß die HartzIV- Strukturen schon gleich so ausgerichtet sind, daß „Individuen“, die sich dem nicht fügen wollen oder können so lange kujoniert werden, bis sie psychisch oder physisch zerbrechen und sich dem Rädchensein ergeben oder irgendwann einem früheren Ende zustolpern. Arme, die die Schweinereien der Reichen nicht mitmachen können, sterben erwiesenermaßen früher als neoliberale Reiche. Nicht bloß in der 3.Welt, was sich ja nicht leugnen läßt, sondern auch im kapitalistischen Kernuhrwerk des Westens. Man sorgt schon für die Reduzierung dieser Überflüssigen z.B. durch Luftverpestung oder die Denunzierung z.B. der Arbeitslosen durch Infamien wie „wer arbeiten wolle, der kriege auch Arbeit“, die zu schweren psychischen Problemen führen. Diese Ausgestoßenen sterben hinweg durch gesellschaftliche Vernachlässigung oder Suizid. Auch die gerne „Problem“ genannte Tatsache pflegebedürftiger Alter wird ja bereits fleißig neoliberal gelöst, in dem man ihre Betreuung dem Markt unterwirft. Ihre Vernachlässigung hat schon ein Mehrwertergebnis: sie sterben schneller oder früher – und so verdienen Gesundheitskonzerne dennoch am Elend. Je mehr man zu Tode pflegt, desto mehr Gewinn macht man. Oder man verlängert das Elend wie der Herr Gröhe durch das Verbot der Sterbehilfe; selbst das unwürdige Abkratzen kann doch Gewinn verschaffen!

Jetzt kommt aber ein Aufschrei…! darum wird es nach dem neuen Koalitionsvertrag nur 8000 neue Pflegekräfte geben, aber keine Änderung der Strukturen. Daß sich da Pfleger selber zur Erschöpfung und zu Tode pflegen, ist ja gleich mit einberechnet. Die Zahl der Kaputtgemachten wird sogar noch um 8000 Punkte erhöht.

Die Entsorgung der Unproduktiven durch Kannibalismus

Was hält eigentlich die Neoliberalen noch davon ab, die letale Entsorgung der Unproduktiven zu fordern? Das wäre ja mal wahrlich evolutionär. Die Natur läßt Alte, Kranke, Behinderte und in der Sippe oder Herde zum Funktionieren des Betriebes Unfähige ja auch krepieren. Das dient der evolutionären Hygiene. Warum sind wir nicht auch allökonomisch evolutionär-konsequent und richten solche Gesundheitspolizeien wie die Aasgeier oder die Verwesungswürmer ganz offen im Wirtschaftssystem ein. Noch hält eine gewisse Sentimentalität die Verfechter des allumfassenden Kapitalismus davon ab. Aber Parteien wie die AfD und ihre vielen Adepten sind – man muß nur das Programm der Politbande AfD lesen – fleißig dabei für eine neue Vernichtungsmaschinerie wie dereinst vor 80 Jahren zu sorgen. Als erstes, so haben wir es damals gelernt, muß man die Überflüssigkeit, ja die infektiöse Gefahr gewisser Menschen erklären, die dann ausgeschaltet werden dürfen, damit das eigene Überleben gesichert ist.

Ja, warum eigentlich nicht – wie ich in meinem „Tango-Text“ gezeigt habe – Überflüssige nicht bloß beseitigen, sondern aus diesen Massen gleich noch Mehrwert rausquälen? Fleisch wird immer teurer, weshalb Unsummen verschwenden für die Entwicklung von Kunstfleisch, weshalb nicht gleich probaten Kannibalismus („Soylent Green“) einführen, damit diese Elenden noch einen Nutzen haben. Oder sie – wie es uns Eli Roths gar nicht so utopischer Film „Hostel“ vorgeführt hat – zur Lustgewinnung der Besitzenden, die dafür zahlen können, verwenden.

Das ist Evolution, das ist Natur! – Als Filmbuff sage ich: Splatterfilme zeigen uns die Evolution bei der Arbeit; nicht den Tod bei der Arbeit, wie Sam Fuller meinte, sondern die natürliche Arbeit des Tötens.

Neoliberalismus –Konsequente Evolution

Der Neoliberalismus ist konsequente Evolution – beide interessieren sich nicht für einen Zweck oder Sinn des Ganzen. Die Evolution hat keine „Stoßrichtung“ – sie legt los: alles ist natürlich, auch die Krankheit, ob Tuberkulose oder Krebs. Es gibt keine Unnatur, schon gar keine Widernatur. Wenn beim Fortstürmen der evolutionären Entwicklung eine Art ausstirbt, ist das natürlich und egal. Und wenn wir Menschen uns gegenseitig auffressen oder endgültig umbringen, ist auch das natürlich und gleichgültig.

Die Evolution wird weitergehen, der Motor wird immer weiterlaufen – selbst wenn die Verstrahlung nach dem Atomkrieg das Leben fast ausrottet, wird es Mikroben geben, die wie besessen immer weiter machen. Die Wirtschaft muß am Laufen bleiben. Der Atomkrieg ist ein Konjunkturprogramm für die Evolution. Das ist Wirtschaftlichkeit!

Das neoliberale Thatcher-Hayek-Individuum ist irrelevant. Der Individualismus, den angeblich die Marktwirtschaft garantiert, ist eine sentimentale Maske. Es geht nicht um die Entfaltung des Ichs, sondern nur die Nutzung der individuellen Eigenarten, damit dieser immer laufen müssende Motor des Verzehrs, am Funktionieren gehalten wird.

Oder um im Filmbild zu bleiben: in „Hostel“ ist die Individualität des schönen Hinterns des einen oder der der blauen Augen des anderen nur interessant, weil man diesen Hintern nur einmal tranchieren oder dieses blaue Auge nur einmal ausstechen kann (Originalität als Gewinnsteigerung!

Individualität im Neokapitalismus ist deshalb so wertvoll, weil man sie eben nur einmal auf eine bestimmte Weise brechen oder vernichten kann… daß das in der Menge wieder nur öde wird, zeigt daß Individualität eine Chimäre ist. Zwar stirbt jeder zum Tode verurteilte nur einen Tod, aber dem Henker wird das irgendwann langweilig, darum muß man wie bei der Anbetung des Wachstums im Kapitalismus, immer noch eine Infamie drauflegen.

Oder ganz KleinKlein gesagt: der Individualisms, von dem die FDP und ihre Klientel schwätzen, ist am End gar keiner; in Wirklichkeit gestattet die Marktdemokratie nur Eigenheiten- und Arten, die dem Mehrwert dienen, sonst bräuchte man z.B. keine HartzIV-Sanktionen.

Bertelsmannstiftung – Geistesödkathedrale des Neoliberalismus

Selbst Kunst und Kultur, deren „Produkte“ (ja eben!) als Gipfel des Individualismus gelten, sind auch nur als Standortvorteile interessant, wie das die Bertelsmannstiftung, diese Geistesödkathedrale des Neoliberalismus, nennen würde.

Mein Exkurs über den Neofaschismus als Leichenwurmfortsatz des Neoliberalismus beschreibt ja genau dies: die Vernichtung aller Individualität zum Endzweck aller Evolution, die tatsächlich ja nichts anderes ist als Fleisch gewordene Ökonomie.

Tscha – wenn nun also Liberale empört sind über meine Gedanken, dann liegen sie falsch: Liberale, ich stimme Euch ja „zuhu“! Aber seid ehrlich undschwiemelt nicht rum: Ihr seid die totalen Evolutionisten und bestätigt eigentlich die Darwin´sche Erkenntnis: es geht immer um den Verbrauch von Allem und Allen. Es interessiert die „Evolution“ nicht einmal ob der Säbelzahntiger ausstirbt, weil er so überperfekt ist. Seine Fähigkeiten zur Jagd, seine Waffen, lassen ihn jede Beute erwischen und fressen, ohne daß die Beutetiere die Chance erhalten, sich reproduzieren zu können. (Wie es ja auch Frau Merkel mit den anderen Parteien gemacht hat, nebenbei gesagt). Zwar hat der Säbelzahntiger damit sein Verdikt zum Aussterben selbst gefällt, aber das ist im Großen und Ganzen von keinerlei Interesse.

Motor des Fressens

Was aber diesen ewig ratternden Motor des Fressens und Gefressenwerdens stört, ist die tatsächliche Individualität derer, die etwas Unnatürliches wollen: als Ich Überleben.

Marktwirtschaft, Kapitalismus oder Neoliberalismus aber leben vom Krebs – für eine Weile. Wir haben das Nützlichkeits- und Verwertbarkeitsdenken, das ewiges Wachstum braucht, durch unsere Technisierung so weit getrieben, daß die Menschen immer überflüssiger werden und sogar schädlich sind, hinderlich im Prozeß der Mehrwerterzeugung.

Damit wir uns recht verstehen: ich habe gar nichts – oder nur punktuell etwas gegen die Weiterentwicklung der Technik; darum geht es hier gar nicht. Aber sie macht Wirtschaft als Menschenverbrauchsprogramm wie den Säbelzahntiger überflüssig – und damit auch den Menschen als Faktor dieser Entwicklung überflüssig.

Tatsächlich könnten natürlich all diese Entwicklungen den Menschen freimachen vom evolutionären Zwang zum sozialökonomischen Krebs. Die wahren Individualitäten könnten endlich frei werden. Dazu braucht es aber ein Ende der gottgleichen-vergötterten „Wirtschaftlichkeit“, die alles Lebensnotwendige und das andere auch verwertet.

Die Freisetzung der „Individualität“ setzt den freien und unentgeldlichen Zugang zu Wohnung, Nahrung, Wasser, Schutz, Fürsorge, Bildung, Kultur und Gesundheit voraus; DAS sind die Menschenrechte. Alles andere ist nur Zwang zur atemlosen Produktivität…zum Krebs.

Aber diese Voraussetzungen bedingen ein Miteinander der Individuen, brauchen Kooperation.

Um bei der Krebsmetapher zu bleiben…

In einem neoliberalen Internet-Forum mußte ich heute wieder so eine dümmliche Verteidigung der „Marktwirtschaft“ lesen – erst das Gewinnstreben, das man als Motor dieser Art von Evolution ansieht – habe es ja ermöglicht, daß z.B. die Pharma-und Medizinindustrie Medikamente und Kuren gegen tödliche Krankheiten entwickele. Krebs ist also ein Gewinnfaktor. Ohne Krebs kein Gewinn. Ohne Kapitalismus keine Heilung – und damit Erlösung vom Leiden. Merkt man, wie religiös Neoliberalismus ist, wie gesagt auch nur eine Vokabellarve für den älteren Begriff des Kapitalismus?

Wir alle wissen, daß es Medizin nur gibt für die, die sie sich leisten können; auch in unserer angeblich so humanen Krankenkassengesellschaft. Will vor allem heißen: Leben gibt es nur für den, der es sich leisten kann und Mehrwert erschafft. Seine tatsächliche Individualität ist also nicht gefragt, sondern nur die Individaulität als Mehrwertproduktionfaktor… Ja – wie den Kindern schon gepredigt wird – das Leben ist kein Ponyhof, du mußt unbesehen mitmachen. Wenn Du nicht kannst oder willst, wirst Du aufgefressen. Wir sind Borg!

Die wirkliche Individualität, das bedingungslose Sein, die mögliche Entfaltung seiner eigenen Kräfte, die Freiheit zur Kreativität, zum Ich, ist allerdings ein Störfaktor der Evolution – und der Allmacht der Wirtschaft, die nur leben kann, wenn sie krebsmäßig betrieben wird.

Krebswirtschaft

Wie ich schon erwähnt habe, braucht die durchtechnisierte Wirtschaft keine Menschen mehr – sie nähert sich einem perpetuum-mobile Zustand, sie ist sich selbst genug; eine omnipotente und immerwährende Abstumpfungs-Religion.

Der Zustand unserer Welt ist desolat. Die Krebs-Wirtschaft, ihre liberalen oder reaktionären und autoritären Apologeten haben sie dahin getrieben: ethisch, ökologisch, sozial. Solche Würstchen wie Herr Lindner, solche Geisterbahnfiguren wie, sagen wir, Björn Höcke oder solche (hehe) Gottseibeiuns-Monster wie die Herren Schicklgruber oder Dschugaschwili sind ja auch nur Funktionskämpfer der rücksichtslosen Evolution – und das, was wir Wirtschaft nennen und für ewig halten, ist Evolution.

Tatsächliche Individualität ist ein Störfaktor…die ist übrigens in dieser Welt tragisch. Tragisch ist immer die Unangepaßtheit von Ödipus bis Hamlet oder die des Herrn K. Der Kapitalismus erlaubt keine Tragik, höchstens Sentimentalität – deshalb werden wir inzwischen von der Kulturwirtschaft bis zum Platzen mit Rosamunde Pilcher und Tatörtern gefüttert.

Individualität, die ich meine, heißt widerstehen; die Individualität, die der Neoliberalismus und alleseine Geschwister fetischisieren, gibt es gar nicht. Diese Individualität heißt tatsächlich funktionieren als Rädchen mit allerdings individueller Nummer zwecks Fortschreibung der cancerogenen Kubuswelt der Borg!

Und so ist es zu verstehen, wenn ich den neu aufblühenden Faschismus als Instrument des Neoliberalismus oder Kapitalismus sehe; es gibt nur graduelle Unterschiede zum Zweck der Camouflage. Die „illiberale Demokratien“ in Ungarn oder Polen, stehen der Evolutions-Wirtschaft, dieser kafkaesken Sichel-tötungsmaschine in die man sich ohne Widerstand einfügt, nicht im Wege. Ebenso wenig wie die selbstbesoffene Pathoshuberei des durchgeknallten Herrn Trump oder das Vaterlandsgegröle der AfD. Wichtig ist, was man dran verdienen kann. Das Getön vom richtigen Regieren des politischen Vorgartenzwerges Lindner dient ebenso der eigennützlichen Verwertung und Verwirtschaftlichung wie das Marschieren mit der erhobenen Rechten bei Frau von Storch.

It´s the economy, baby! “ Wir begreifen unser Leben nur als sich selbst reproduzierenden Wirtschaftsprozeß. Aber wir werden es nicht wagen, dieses eine schäbige, kurze ohnehin schon allzu mühselige Leben unter anderen Paradigmen zu betrachten und ZU LEBEN!

Wo Leben ist muß Wirtschaft werden! Und wo Tod herrscht erst recht!

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