Die Bayern raus aus der BuLi!

Gedanken über die langweiligste Liga der Welt und ein Lösungsvorschlag. Neue Fußballkolumne von Henning Hirsch

Bild: pixabay

»Ihr schreibt immer so superintelligentes Zeug«, sagt mein alter Kumpel Jupp, mit dem ich mich an jedem zweiten Wochenende in einer Sky Sportsbar in Troisdorf treffe, wo wir uns gemeinsam die Bundesligaspiele anschauen.
»Wen meinst du?«, frage ich.
»Na, dich und deinen Kolumnistenverein.«
»DU liest das?«
»Hältst du mich für einen kompletten Banausen? Aber ständig Politik. Kultur, Jura und all so ein hochgestochener Kram. Macht doch mal was anderes.«
»Was schwebt dir denn da vor?«
»Fußball.«
»Fußball?«
»Hast du was an den Ohren? JA: Fußball!! Damit ihr auch die breite Masse erreicht und nicht auf immer und ewig eine Nischenpublikation bleibt.«
»Okay, ich überlege mir was.«

Jupp hat völlig Recht. Die Rubrik Sport existiert bisher nicht bei uns. Keine Ahnung, weshalb sich keiner darum kümmert. War auch nie Thema auf einer Redaktionssitzung. Also werde ab sofort ich das tun. Eigentlich wollte ich heute was über Catherine Deneuves Frauenbild und Eugen Gomringers konkrete Poesie schreiben. Das Hohe Lied der plumpen Anmache und die Blume-Straße-Frau-Fantasie in einen Kontext setzen. So in die Richtung: wer avenidas & mujeres gut findet, grapscht auch gerne ungefragt an den Arsch der Sekretärin. Ich hatte sogar schon eine moderne Version des altväterlichen Gedichts vorbereitet:

Dosen
Dosen und Ravioli

Ravioli
Ravioli und Titten

Dosen
Dosen und Titten

Dosen und Ravioli und Titten und
ein alter Sack

Früher war mehr Straßenfußball

Ich werde diesen Gedanken jedoch auf eine spätere Kolumne verschieben und mich heute stattdessen auf den Fußball konzentrieren. Muss da aber etwas weiter ausholen und erzählen, wie Jupp und ich uns kennengelernt hatten. Das war Mitte der 70er Jahre in der Pfarrdisco gewesen, die am frühen Sonntagabend im Keller unter dem Gemeindesaal von St. Josef stattfand. Wir balzten beide um dasselbe Mädchen herum, kamen jedoch nicht zum Zuge, weil Angelika, so hieß sie, sich für einen Jungen aus der Oberstufe entschied, der ihr mit einem Ford Granada und Karten für ein Bay-City-Rollers-Konzert imponierte. Jupp und ich hatten uns bis zu diesem Zeitpunkt in einem erbitterten Wettbewerb um die Gunst Angelikas befunden, waren, als wir die Neuigkeit mit dem Abiturienten erfuhren, ein paar Tage lang zu Tode betrübt, kamen allerdings beide unabhängig voneinander zu dem Resultat, dass tagelanges Zu-Hause-Grübeln bei gleichzeitigem Hören von Uriah Heeps „Lady in Black“ den Schmerz bloß künstlich verlängerte, anstatt ihn zu beseitigen. Eine Woche später reichten wir uns auf dem Schulhof die Hand, begruben unsere Rivalität und schlossen Freundschaft. Jupp ging in die Parallelklasse, war ein pfeilschneller Rechtsaußen, hatte sein Zimmer mit Bravo-Starschnitt-Postern zugekleistert, sprach am liebsten über Fußball und am allerliebsten über den FC. Meine Ballkünste waren seinen weit unterlegen, ich galt jedoch als solider Verteidiger, der in Zeiten, als die variable Raumdeckung noch nicht erfunden worden war, seinem Gegenspieler neunzig Minuten lang kreuz und quer über den Platz folgte. In dieser prähistorischen Epoche ohne Computerspiele, Internet und mit streng reglementiertem Fernsehkonsum verbrachten wir unsere Freizeit oft draußen auf der Straße. Und auf der Straße war zu 90 Prozent gleichzusetzen mit Fußballspielen. Jupp und ich verbredeten uns nun oft nach der Schule auf einen Kick im nahegelegenen Blücherpark oder auf der Jahnwiese. Er war es auch, der mich zum ersten Mal zum FC mitnahm, der damals noch in der Radrennbahn logierte und kurz darauf ins neu erbaute Müngersdorfer Stadion umzog.

Das erste Match, das ich damals sah, war gegen den HSV. Ein mageres 1 zu 1; aber für einen 13-jährigen schon ein Erlebnis, seine Idole Overath, Flohe und Dieter Müller unten auf dem Rasen wirbeln zu sehen. Die Stehplatzkarte Südkurve kostete für einen Schüler vier Mark. Zwar das Taschengeld einer gesamten Woche. Das war mir der im Abstand von 14 Tagen stattfindende Spaß jedoch wert.

70er und 80er Jahre: Titelrennen offen und spannend

Es war dies überhaupt eine schöne Fußballepoche, weil die Bundesliga spannend war. Nahezu jede Mannschaft die andere schlagen konnte. Okay, jetzt nicht unbedingt Uerdingen die Bayern, aber die im oberen Drittel der Tabelle platzierten Teams waren alle gut für den Titel. Die Liste der Meister von 1975 bis 1984 liest sich so: Gladbach, Gladbach, Gladbach, Köln, HSV, Bayern, Bayern, HSV, HSV, Stuttgart. Die Pokalsieger in derselben Dekade hießen: Frankfurt, HSV, Köln, Köln, Düsseldorf, Düsseldorf, Frankfurt, Bayern, Köln, Bayern. Für meinen Kölner Geschmack ein bisschen viel Gladbach bei den Meistern und definitiv zu viel Düsseldorf im Pokal; ABER weit entfernt von der heutigen Monotonie, die da lautet: München ist beim Double gesetzt, und wenn eine Saison mal superspannend verläuft, verlieren die Bayern das Pokalfinale im Elfmeterschießen. Die BuLi ist aufgrund der bajuwarischen Vorherrschaft stinklangweilig geworden. Es sei denn, man interessiert sich für solche Feinheiten wie: wer wird Vizemeister? (in 80% der Fälle der BVB), welche Teams erreichen die Europa League, wer wird absteigen, welcher Verein rettet sich durch die Relegation ? (immer der HSV). Was ist daran unklar, sorgt für Nervenkitzel? Eigentlich nur noch die Frage, ob die Münchner mit zehn, zwanzig oder dreißig Punkten Vorsprung die Meisterschale holen.

Nun kann man ja den Bayern keinen Vorwurf daraus machen, dass sie jedes Spiel gewinnen wollen. Auch das Die-Münchner-kaufen-der-Konkurrenz-die-guten-Spieler-weg-Mimimi zieht nicht. Die Wir-bedienen-uns-beim-Nachwuchs-des-Nachbarn-Philosophie praktizieren ja alle Clubs. Die einen räubern bei den Bochumern, die anderen plündern Mainz. Fragt mal die Freiburger, wie die sich fühlen, wenn ihnen jedes Jahr der halbe Kader weggekauft wird.  Die Bayern können es sich aufgrund solider Haushaltsführung und genügend Kohle in der Kriegskasse eben leisten, Hummels aus Dortmund und Goretzka von Schalke wegzulotsen. Zumal es sich unter dem blauen Münchner Himmel eh angenehmer leben lässt als im wolkenverhangenen Ruhrgebiet. Aber für das bessere Klima kann man die Bayern ebenfalls nicht zur Rechenschaft ziehen. Ist halt so.

Seit zwei Jahrzehnten: Langeweile pur in den nationalen Ligen

Ändert aber alles nichts an der Tatsache, dass die BuLi, was die Frage der Meisterschaft angeht, mittlerweile zur langweiligsten Liga der Welt degeneriert ist. In Spanien kommen immerhin noch zwei Teams (Real und Barca) dafür in Frage, in England ist es ein Quintett, das um den Lorbeerkranz streitet, in Italien stehen zumeist Juve, Inter oder die Roma oben auf dem Siegertreppchen, einzig in Frankreich mit dem Milliardärsverein PSG ist es mittlerweile genauso öde wie bei uns in Deutschland.

Jupp und ich fantasieren deshalb mitunter am Rande der FC-Spiele über die Einführung einer europäischen Supermeisterschaft. Die Fantastilliontruppen aus den nationalen Ligen rauslösen und für die einen neuen Wettbewerb ins Leben rufen. Sowas wie die CL an jedem Wochenende. Aus Deutschland kämen als Teilnehmer einzig Bayern und der BVB in Frage. Der Rest ist zu arm und zu schwach, um dort mithalten zu können. Unsere Clubs schaffen es ja noch nicht mal mehr, die Gruppenphase der EL zu überstehen. Was natürlich ebenfalls eine Folge der mittlerweile zwei Jahrzehnte andauernden Dominanz der Münchner ist. Wenn es mir von vornherein ausreicht, punktemäßig weit abgeschlagen auf den Rängen 5 bis 7 in der BuLi zu landen, bin ich einfach nicht stark genug, mich mit den Teams aus enger ablaufenden Ligen zu messen. Kein Wunder, dass Spanier und Engländer das unter sich ausmachen.

Im Zeitraum 1975 bis 1984 holten deutsche Teams drei Mal den UEFA- und einmal den Pokal der Pokalsieger, standen häufig in den Endspielen und in den Halbfinals (1980 gar vier heimische Mannschaften im HF des UEFA Cups: Bayern, Frankfurt, Gladbach und Stuttgart. Die Eintracht hatte am Ende knapp die Nase vorn). Die Bayern errangen von 74 bis 76 durchgängig die Krone der europäischen Landesmeister, der HSV gewann diesen Wettbewerb 1983. Soll heißen: Länder, in denen die Meisterschaft bis zum Ende hart umkämpft ist, gebären mehr international wettbewerbsfähige Teams als die Monokulturligen.

Und da es bis 2099 nicht absehbar ist, dass die Bayern mal nicht deutscher Meister und Pokalsieger werden und jedes Jahr aufs Neue den nationalen Spielermarkt leerfegen – was ja deckungsgleich ebenfalls in England, Spanien, Italien und Frankreich geschieht –, leuchtet die Idee einer neu zu gründenden Superclubliga jedem Fußballexperten sofort ein. Die zu Hause gebliebenen Vereine machen wie bisher weiter in der BuLi, Premier League, Serie A, Ligue 1, und wir werden dann sogar den Tag erleben, an dem die Schale in Gelsenkirchen und Leverkusen (wenngleich mir als Kölner alleine die Vorstellung eines B04-Titels schon sauer aufstößt) in die Höhe gestemmt wird. Die Bayern messen sich ganzjährig mit Chelsea, Madrid, Turin und Paris. Und schicken ihre dritte Mannschaft – also die Spieler, die nicht mal auf der Ersatzbank sitzen – ins nationale Rennen. Für Platz vier müsste diese Truppe allemal ausreichen. Je länger Jupp und ich über unseren Geistesblitz nachdenken, desto logischer, ja geradezu zwingend notwendig erscheint er uns. Wer die gähnende Langweile aus der Bundesliga vertreiben will, der muss die Bayern aus Deutschland wegloben. Anders wird es nicht funktionieren.

Nun möchten wir uns aber wieder auf das heutige Spiel konzentrieren. Der FC zu Hause gegen Augsburg, und der Kleinstadtverein hat gerade den späten Ausgleich erzielt. Jupp flucht laut und trinkt sein Kölsch in einem Zug leer, ich fluche leiser und verschütte vor Schreck meinen Kaffee. Für uns ist die Mission Klassenerhalt im Moment eh die einzig spannende.

In der Fortsetzung wird ein wehmütiger Blick zurück auf die Zeit geworfen, als Fußballer noch Fußball spielten und sich nicht mit Kinkerlitzchen wie der Farbe ihrer Schuhe und ihrer 30sten Tätowierung beschäftigten.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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