Vom „eigentlich“.

Gastbeitrag von Bruno Schulz, in dem er von einer geplanten Himalayareise berichtet, die er alternativ erstmal zu Hause absolviert hat. Gemäß dem Motto: der Kailash ist in einem selbst.

Bild (gemeinfrei): pixabay

Eigentlich versteht man
viel zu viel von viel zu wenig.
Aber warum nur eigentlich?
Mein „eigentlich“ ist ein Berg.

Sechstausendsechhundertachtunddreißig Meter ist er hoch. Und er liegt im tibetischen Transhimalaya. Genauer dort, wo China, Indien und Nepal zusammentreffen. Er hat viele Namen. Der bekannteste ist „Kailash“. Der für mich schönste ist „Kangrinboqê“, in der Umschrift „gangs rin po che“. Das bedeutet „kostbares Schneejuwel“ und sagt eine Menge aus über seine Anmut wie seine Bedeutung.

Gleich vier Religionen erkennen in ihm einen der bedeutendsten, spirituellen Orte. Und den heiligsten Berg überhaupt: den Berg Meru. Der ist nach der Kosmogonie von Hindus, Jain, Buddhisten und der Bön der Weltenberg im Zentrum des Universums.

Sogar die Umwanderung des Kailash hat einen eigenen Namen. Auf tibetisch heißt sie „Kora“ und „Parikrama“ in Sanskrit. Dreiundfünfzig Kilometer misst eine Runde, die bis in eine Höhe von über fünftausendsiebenhundert Metern über den Pass der Göttin Tara führt. Die „Kora“ ist die wichtigste Pilgerreise für alle Gläubigen in den vier benannten Religionen. Für gewöhnlich braucht man etwa drei Tage für eine Tour. Geübte Tibeter schaffen sie in einem.

Nicht unerheblich ist dabei die Richtung der Kora. Die Bön laufen gegen die Uhr und alle anderen mit ihr. Erst mit der dreizehnten Umrundung des Berges dürfen Pilger auf die innere Kora. Und aufsteigen darf nur der, der noch keine Sünde begangen hat und demnach ohnehin fliegen kann.

Das vorgebliche Ziel im Leben eines jeden Buddhisten ist die einhundertachtmalige Umrundung, die zur unmittelbaren Erleuchtung führt. Das Nirvana im Vollkontakt sozusagen. Der schwarze Gürtel. Und es gibt noch weitere Spielregeln: Dinge, die man sich während der Tour auf der Nordseite des Kailash wünscht, gehen in Erfüllung. Außerdem sieht der tibetische Kalender vor, dass eine zu bestimmten Zeiten erfüllte Kora anders zu bewerten ist als sonst üblich. Im Jahr des Pferdes etwa zählt jede Runde sechsfach. Das macht die Sache etwas leichter. Und nicht nur das mit der Erleuchtung.

2015 war nicht das Jahr des Pferdes im tibetanischen Kalender. Das war 2014 und kommt nicht wieder vor 2026. Dafür war 2015 das Jahr meines fünfzigsten Geburtstages. Und dafür hatte ich mir vorab etwas ausgedacht. Fünf Jahre zuvor im Spätsommer 2010, als ich zusammen mit meinem Freund Markus die Alpen zu Fuß überquert hatte. Von Oberstdorf nach Meran. Ein persönlicher Pilgerweg. So wie man es immer wieder vom Jakobsweg hört oder über diesen liest. Nur eben nicht auf Spanisch. Ohne Kreuz, ohne Muschel und ohne Santiago de Compostela. Ein Scheideweg. Eine Nagelprobe voller Entscheidungen, Ängste, aber auch reich an Perspektiven.

Wenn man stundenlang, tagelang, wochenlang geht, oft ohne jeden Wortwechsel, hat man Zeit, die Dinge von links nach rechts und zurück auf links zu drehen. Vieles zerfällt und manches findet ganz plötzlich zusammen. Knoten platzen, auf dass sich die Fäden erneut knüpfen lassen. Man läuft gedanklich die eigenen Stationen gleich mit ab. Auf vielen Ebenen. Und man versucht, neue zu formulieren. Will Meilensteine setzen. Punkte, die sich verbinden lassen. Zu einem roten Faden. Wie auf jenen seltsamen Zeichenvorlagen, bei denen Figuren entstehen, wenn man nur die richtige Reihenfolge einhält.

Diese Figuren sehen immer etwas eckig und unbeholfen aus. Ein bisschen arg schlicht. Aber so ist das halt, wenn man die Punkte durch Strecken verbindet. Eins zu zwei, zwei zu drei, zu vier, zu fünf … immer auf dem kürzesten Weg. Ohne den Schwung und die Geste der eigenen Handschrift. Ohne echtes Leben. Polygone. Und darum auch nicht mehr. Für mehr Lebendigkeit und Authentizität braucht man eine Inflation an Punkten oder eben beherzte Umwege. Auch da gibt es mehr als schwarz und weiß. Die Mischung macht’s und jeder muss die eigene Linie finden. Sekt oder Selters, barfuß oder Lackschuh.

„Annapurna Circuit!“ Auf diesen Namen hörte mein erster Gedanke. Der frühe Funke. Mein Wunsch, die spirituellen Erfahrungen aus meiner Zeit in einem internationalen Entwicklungshilfeprojekt im kleinen Königreich Bhutan mit den meditativen Momenten einer ausdauernden Wanderung im Himalaya zusammenzuführen. Zu meinem Fünfzigsten. Ein durchaus anspruchsvoller Dauermarsch. Pittoresk. Symbolisch. Der Annapurna als mein Berg Meru? Würde das funktionieren?

Die Kosmogonie beschreibt Erklärungsmodelle zur Welt. Das Wort stammt aus dem Griechischen: kosmogonía – die Weltenzeugung. Es geht um deren Entstehung und Entwicklung. Mythisch oder rational. Philosophie oder Naturwissenschaft. Oder beides. Die Menschheit hat ein ziemlich breites Spektrum an Vorstellungen. In meiner Auseinandersetzung mit meinem Berg Meru ging es mir allerdings vielmehr um die Welt in mir, mehr innen statt außen, ganz ohne allgemeinen Anspruch. Aber warum sollte der Zugang nicht über dieselbe Quelle erschlossen werden können? Der Berg Meru als zentrale Schnittstelle. Vielsprachig, vielsinnig, universell. Ein Art Babelfisch. Es musste der Kailash sein.

Zwischen Planung und Durchführung kam mir ein Warnschuss vor den Bug mit der nachdrücklich vermittelten, medizinischen Empfehlung, künftig große Höhen zu vermeiden und möglichst vorerst auf lange Flugreisen zu verzichten. Das war leider unvereinbar mit einem rituellen Kreisen im Hochgebirge am anderen Ende der Welt.

Übrig blieb die Frage, ob ich tatsächlich den Berg physisch brauchen würde, um ihn zu umrunden? Oder war der nur ein Synonym? Ein Zeichen gleichen Bedeutungsumfangs für andere Fenster zum inneren Kehraus? Was jetzt? Lazarett statt Bergstiefel? Egal. Denn Klassenziel war ja nicht das touristische Panaroma, sondern die bewusste Innenausleuchtung. Der Perspektivwechsel zum Jubiläum durch eine Änderung der Position zum Selbst. Ein Ehrentag mit Kassensturz, Fazit und Neuausrichtung.

Das ist mir geglückt. Ein Satori zwischen Gastroskopie und Dopplerultraschall statt dem Verstehen zwischen Darchen und Drölma La. Dort, wo auf fünftausendsechshundertsiebzig Metern die Göttin Tara in einem Felsen verschwand.

„Eigentlich“ hätte es ja im Himalaya passieren sollen. Vielleicht. Allerdings sollte man immer acht geben, nicht den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Bei allem was man tut. Um nicht an sich selbst vorbeizulaufen. Denn es ist vollkommen gleich, wo man sich sucht: der Kailash ist in einem selbst.

Sonst wird „eigentlich“ zum nirgendwann.

Bruno Schulz

Bruno Schulz

Bruno Schulz ist zweiundfünfzig Jahre alt und Vater eines Sohnes. Er hat Innenarchitektur studiert und einiges Geisteswissenschaftliche. Nach einigen Stationen in Deutschland, Europa, in Asien und in Afrika arbeitet er als Designer, Texter und Moderator. Mit seiner Agentur schulzundtebbe (www.schulzundtebbe.de) entwickelt und pflegt er Marken. Er liebt und lebt das Storytelling und schreibt immer und leidenschaftlich. Essays, Short Stories, Reiseberichte, dies und das. Oft geht es dabei um die Liebe, das Leben, Genuß und Kultur. Und um Frauen, natürlich.

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