Das Alpha und das Ozzmega – Eine Kolumne für Black Sabbath

Nach einem halben Jahrhundert holen die Erfinder des Heavy Metal, Black Sabbath, die Segel ein und beenden ihre eindrucksvolle Karriere. Grund genug für Ulf Kubanke, in der Hörmal-Kolumne einen Rückblick auf ihren beeindruckenden Werdegang zu wagen und dabei alle wichtigen Alben und Formationen zu durchstreifen.

Foto: Black Sabbath by kind permission of Universal-Music

Sabbath, blut’ger Sabbath! Der Teufelskreis schließt sich. In Birmingham erfanden Black Sabbath am 16. Oktober 1969 mit dem gleichnamigen Song den Heavy Metal. Bleischwere Riffs bahnen sich seitdem ihren Weg ins Ohr der Hörer. “What is this that stands before me?“ Was es auch war: Es endet am 4. Februar 2017 ebenda mit einem allerletzten Bühnenspektakel in der Genting Arena zu Birmingham. Die wichtigste, legendärste und dienstälteste Metal-Kapelle legt das Mikro zur Seite. Diese allerletzte Show hat es noch einmal in sich. Tony Iommi, Ozzy Osbourne und Geezer Butler spielen auf.wie in besten Zeiten und bieten alle relevanten Hits und Schlüsselsongs der Osbourne-Ära.

Wenn eine so musikhistorische bedeutende Band sich selbst zur Ruhe schickt, lohnt es sich, einen Blick auf all jene geschichtsträchtige Unruhe zu werfen, die Black Sabbath hervorbrachten. Das auf den ersten Blick recht unübersichtliche Wirken spaltet sich im wesentlichen in vier große Blöcke auf, deren einzig konstantes Mitglied von 1968 bis heute Tony Iommi ist. Es gibt den Beginn und das Ende mit Ozzy als Leadsänger, die nicht minder großartige Ära der Dio-Jahre und die Zwischenschübe einiger Alben mit nahmhaften Drittsängern. Alle Kapitel bieten große Augenblicke des Rock.

Die goldene Ära bis 1979
Die goldenen Sabbath-Jahre mit Osborne am Mikrofon darf man getrost als Kinderstube des Heavy Metal bezeichnen. Sie endete 1979 vorerst mit dem Ausstieg Ozzys, der kurz darauf eine beeindruckende Solokarriere startet. Vorher sind Black Sabbath Pioniere und Taufpaten der sich bis heute entwickelnden Musikrichtung. Alles baut auf Black Sabbath auf. Mit dem gleichnamigen Song des ebenfalls gleichnamigen Debütalbums erfinden sie bereits Ende 1969 die angedunkelte Zeitlupenvariante des Doom. Man glaubt es kaum: Diese bahnbrechende LP nahmen sie tatsächlich innerhalb eines halben Tages auf. Mehr als 12 Stunden brauchte es nicht, diesen Meilenstein zu erschaffen.

So eilen sie von Innovation zu Innovation. Das aus damaliger Sicht ultraschnelle – „Symptom Of The Universe“ („Sabotage“ 1975) etwa gilt musikgeschichtlich heute als Urknall des später aufkommenden Speed- und Thrashmetal-Genres. An der Balladenfront machen sie mit dem brillanten „Solitude“ („Master Of Reality“ 1971) und dem höchst erfolgreichen Evergreen „Changes“ („Vol. 4“ 1972) ebenfalls eine gute Figur. Mit „Sweet Leaf“ („Master Of Realitiy“ 1971) legen sie nebenbei den Grundstein zum späteren Stoner-Rock und werden u.A. von Acts wie Red Hot Chili Peppers oder Queens Of The Stone Age als wichtiger Einfluss genannt. Erstere nutzen das Kernriff in ihrem Hit „Give It Aweay“. Das geloopte Husten ist übrigens kein künstlicher Effekt. Ozzy reichte Tony während der Aufnahmen einen Joint. Iommi verschluckte sich, und man entschied, das Geräusch in den Song einzubauen.

Diese überbordende Kreativität ist kein Zufall. Iommi haut den Hörern seine Gitarrensalven stoisch und meist ohne erkennbare Emotion punktgenau um die Ohren. Der grundsympathische „motherfuckin‘ prince of darkness“ Ozzy erfindet und modelliert per Stimme seine Rolle als Mischung aus besessenem Psychopathen und knuffig quietschendem Hundespielzeug (vgl. nur „Paranoid“ vom gleichnamigen Album 1970). Und Bassist Geezer Butler sorgt als Haupttexter dafür, dass BS nie Gefahr laufen, zum Metal-Klischee zu verkommen. „N.I.B.“ (Black Sabbath 1970) etwa spielt gekonnt mit den Vorwürfen, sie seien Okkultisten und Satanisten. Der Teufel selbst verliebt sich in diesem Lied und mutiert vom ewigen Antagonisten kurzerhand zum freundlichen Menschenfreund und Romantiker. Butler spielt hier zu Beginn ein musikhistorisch bedeutendes Bass-Solo. Vor 1970 war es alles andere als üblich, ein Rockstück dergestalt zu eröffnen.

Neuerfindung mit Dio ab 1980
Mit Ronnie James Dio erfand Black Sabbath Mark II sich komplett neu. Besonders Iommi verstand sich blendend mit dem ehemaligen Rainbow-Frontman. Das 1980 erschienene Album „Heaven And Hell“ gilt heute berechtigterweise als eine der großen Genre-Perlen, was nicht zuletzt am epischen Titelsong liegt. Mit Unterbrechungen fanden beide sich bis zu Ronnies Tod immer wieder zusammen und rückten dabei gern und sehr ansprechend die Doom-Seite in den Mittelpunkt. Aus rechtlichen Gründen taten sie dies ab 2006 unter dem Namen Heaven & Hell. Ein Muss für alle Freunde dieser Besetzung ist die gelungene Platte „The Devil You Know“ (2009). Als besonderes Schmankerl empfehle ich die auf manchen Samplern vertretene Slow Motion-Verson des Weihnachtsliedes „God Rest Ye Merry Gentlemen“.

Hier zunächst „Heaven And Hell“:

 

Hier die „God Rest Ye“-Version. Normalerweise sind große Teile der mit Hardrock/Metal lackierten Weihnachtstracks eine Peinlichkeit sondergleichen. Dio/Iommi hingegen wählen (das ohnehin songwriterisch großartige) „God Rest Ye Merry Gentlemen“ mit gewohnt feinem Spürsinn aus und machen daraus eine ebenso wuchtige wie charismatische Nummer mit leichtem doomy Touch.

 

Lückenbüßer oder Joker? – Die Gastsänger zwischendurch:
Besonders in den 80ern und 90ern rotiert das Personalkarussel teilweise schwindelerregend. Selbst wenn man Tour-Musiker nicht zählt, führt die Liste offizieller Bandmitglieder insgesamt 25 Namen. Die Ergebnisse sind teilweise skurril, teilweise bemerkenswert und ziehen weite Kreise im Kosmos von Black Sabbath/Deep Purple/Rainbow. Mit Ian Gillan machen BS das kommerziell zwar erfolgreiche, kompositorisch aber weitgehend enttäuschende Supergroup-Album „Born Again“. Als Gillan & Iommi bringen beide 2012 „Who Cares“ heraus, auf dem sich u.A. eine kongeniale Version des Purple Klassikers „When A Blind Man Cries“ befindet. Mit Glenn „The Voice“ Hughes (ebenfalls Deep Purple; später auch die Stimme auf KLFs „What Time Is Love“) hingegen macht Iommi 1986 „Seventh Star“. Durch eingängige Melodien und eine gut abgehangene Mischung aus Bluesrock und AOR überzeugen beide fachlich, landen aber einen veritablen Flop.

Der beste Joker dieser Phase ist folgerichtig ein damals noch recht unbekannter Nobody namens Tony Martin. Fünf Alben gibt es von BS in der Iommi/Martin-Konstellation, zu der u.A. auch Drummer-Legende Cozy Powell zählt. Zwei davon braucht man unbedingt: „Headless Cross“ (1989) und „Tyr“. Besonders Ersteres gilt unter Fans wie Kritikern gleichermaßen als großes angedunkeltes Rocktheater. Die beiden Tonys ergänzen sich hervorragend in ihrer wuchtigen Darbietung.

Hier der Nachtbrecher „Headless Cross“:

Und hier die Klang gewordene Finsternis „Anno Mundi“ von „Tyr“:


Das Alpha und das Ozzmega – Osbournes Rückkehr.
Abgesehen vom 1998er Livekonzert „Reunion“ kehren BS erst 2013 wieder in der Urformation Iommi/Osbourne/Butler zurück, allerdings ohne den mit ihnen im Clinch liegenden Trommler Bill Ward. „13“ erweist sich nicht nur als würdiges letztes Studioalbum, sondern beeindruckt auch auf der kommerziellen Seite. Weltweit entert die Scheibe die Top 10 der Charts und schießt u.A. in Großbrittannien, den USA und Deutschland sofort auf die Pole Position. Berühmt ist Ozzys sehr englisches, selbstironisches und unwiderstehliches Bonmot: „Ich wusste, dass es ein verdammt gutes Album war, aber als mir jemand erzählte, dass es in fünfzig Ländern an die Spitze der Charts ging – ich wusste ja nicht einmal, dass es fünfzig Länder gibt – und ich bin dort überall die Nummer eins. Das macht mich ganz fertig.“
Hier der Opener des Albums:

 

Und nun soll das alles Zu Ende sein? Alle Kreuze umgedreht, alle Vorhänge gefallen? Nun, nicht ganz! Immerhin sprach Tony Martin bereits über eine Neuauflage der Zusammenarbeit mit Iommi und Ozzy kündigte vor wenigen Tagen eine große, letzte Welttournee mit seinen Solosongs im Gepäck an und schließt ein weiteres Studioalbum nicht aus.

„So it goes on and on and on. It’s Heaven and Hell….Farewell!“

PS. Wer ausführlicher über den Final Gig informiert werden möchte, greife getrost zur hier bereit stehenden Review.
http://www.laut.de/Black-Sabbath/Alben/The-End-Live-in-Birmingham-108105

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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