Motorenöl und Neondschungel – Kolumne für George Young

In der aktuellen Hörmal-Kolumne widmet Ulf Kubanke sich der verstorbenen australischen Musiklegende George Young, einem Mann, der weit mehr war als lediglich der älteste Bruder von AC/DC.

Foto: Ulf Kubanke, taken by Zizino, Copyright by Kubanke/Zizino

Mit George Young verstarb das viersierteste und womöglich talentierteste Mitglied der berühnten Young-Familie um deren Kernband AC/DC. Vielen ist nicht bekannt, wie bedeutend Youngs Wirken für die Entwicklung der australischen Rockmusik war und wie tief sich seine Spuren im weltweiten Kollektivgedächtnis of Song verankerten.
Zusammen mit seinem niederländisch-australischen Kumpel Harry Wanda bildete der schottische Australier Young ein musikhistorisch bedeutendes Duo. Bereits in den 60ern waren sie die berühmte Down Under-Rockband The Easybeats und erschufen den Welthit „Friday On My Mind“ (u.a. gecovert von David Bowie, Gary Moore). Einen ewigen Partykracher aus der Kreidezeit von Rock und Pop, den jeder kennt, der sein Leben nicht unter einem Stein zubrachte.

 Als Vanda & Young mauserten beide sich ab 1969 – nach dem Ende der Easybeats – zu einem renommierten Songwriter- und Produzentengespann. So schrieben und arrangierten beide etwa für John Paul Young den ebenfalls weltweit erfolgreichen Evergreen „Love Is In The Air“. Kurios: Obwohl JP Young ebenfalls aus Glasgow stammt, Young heißt und mit der eigenen Familie in den 50er nach Australien zog, gibt es jenseits der musikalischen Verbandelung keinerlei gemeinsame verwandtschaftliche Berührungspunkte.

Für AC/DC mit Angus usw. war der älteste Young-Bruder ohnehin stets ein Mentor. Doch er stand hier nicht nur mit Rat und Tat zur Seite, war nicht nur Aushilfsbandmitglied am Bass. Nein, zusammen mit Vanda erfand er auch große Teile ihres staubtrockenen Hardrocks. Bis 1978 („Powerrage“) zeichneten sich Vanda & Young für jede Bandproduktion verantwortlich und sorgten für den Schliff im Klangbild ohne den rauhen Grundton zu kippen. Singles aus dieser Zeit waren u.A. „TNT“, „It’s A Long Way To The Top“, „Whole Lotta Rosie“ oder „Jailbreak“. Ebenso produzierten sie das im Jahr 2000 erscheinende, sehr gute Spätwerk „“Stiff Upper Lipp“.

Obwohl somit zu einem guten Stück mitverantwortlich für diesen Sound aus Wüste und Motoröl, ließen sich Young und Vanda nie von einer Szene oder einem Image vereinnahmen. So war es für beide Pioniere auch kein Problem, nebenbei eine der wichtigsten New Wave-Bands zu gründen. Beide waren zwischen 1976 und 1993 Flash And The Pan. Ganz zwanglos gelang ihnen ein Spagat, der sonst quasi nie vorkommt. Egal ob hart rockende Biker, halbwüchsige Dorfkids (AC/DC), Hausfrauen im Friseurwartezimmer („Love Is In The Air“) oder urbane Coolness aus dem Neondschungel des New Wave (Flash): Keiner war vor ihren Liedern sicher.
Besonders Flash And The Pan kann man bezugnehmend auf ihre ästhetische Qualität gar nicht hoch genug über den grünen Klee loben. Sehr früh gelang es ihnen, die 80er bereits vor ihrem Erscheinen vorweg zu nehmen. Tanzbar, oft minimalistisch und gesegnet mit ihrem melodischen Gespür kamen Flash And The Pan bei Clubgängern ebenso an wie bei Postpunkern oder Radiohörern. Die befreundete Kollegin Grace Jones fand Gefallen an jenem wavy Klangbild, dass zu ihrem kühlen Groove eine brüderliche Ähnlichkeit aufwies und coverte auf ihrem 1981er Schlüsselalbum „Nightclubbing“ Flash And The Pans „Walking In The Rain“.

Die Flash And The Pan-LPs sind vom selbstbetitelten Debüt (1978) bis zum 1987er Werk „Nights In France“ allesamt Zierden des Jahrzehnts und einer der bedeutendsten Beiträge Australiens zur damaligen Entwicklung des weltweiten Musikgeschehens. Neben dem erwähnten Grace Jones-Track glänzen FATP ebenfalls mit erfolgreichen Singles, die noch heute in gut sortierten Nachtprogrammen geschmackssicherer Radiosender laufen. Neben dem frühen Erfolgstitel „Hey, St Peter“ sind hier besonders „Ayla“, „Midnight Man“ oder das in mehrereren Versionen erschienene „Waiting For A Train“ zu nennen.
Hier der „Midnight Man“:

Und hier die hymnische „Ayla“:

Mit Fug und Recht sind Young & Vanda Teil der renommierten australischen ARIA-Hall Of Fame, die unter Anderem bereits Crowded House, Kylie Minoque, The Bee Gees, Icehouse, The Saint, INXS oder Men At Work als dauerhafte Mitglieder aufnahm. Ebenso wählte man „Friday On My Mind“ medial zum wichtigsten und populärsten Australo-Rocksong aller Zeiten. Auch wenn Young sich zu Lebzeiten für derlei Ehrungen nicht interessierte, hat er diese Gesten der Wertschätzung mehr als verdient.
Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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