Wenn Menschen zusammen Dinge tun

Menschen, die zusammen Dinge tun, ziehen häufig Uniformen an. Wenn nicht, gibt es Irritationen – und das ist gut so.


Menschen kommen zusammen, um Dinge zu tun. Und manchmal, wenn diese Dinge langwierig, komplex, aufwändig zu tun sind, dann müssen sich die Menschen ganz auf diese Dinge konzentrieren. Es kommt dann darauf an, sich durch nichts ablenken zu lassen. Man findet sich etwa in standardisierten, schmucklosen Räumen zusammen, in denen sich nichts weiter befindet als das, was die Menschen brauchen, um die Dinge zu tun, die sie zusammen tun wollen, müssen oder sollen.

Menschen lenken ab

Trotzdem ist es fast unmöglich, sich durch nichts ablenken zu lassen, wenn Menschen zusammenkommen. Genau genommen schließt eins das andere aus, denn wenn Menschen zusammenkommen, dann ist immer Ablenkung von dem Ding da, was getan werden soll: die anderen Menschen nämlich.
Zur Erledigung der Sache, die getan werden soll, spielt jede Person eine bestimmte Rolle, sie hat eine bestimmte Funktion. Wir können andere Menschen aber immer nur als ganze Menschen wahrnehmen, niemals nur als Funktionsträger und Rollenspieler. Wir sehen sie, und zwar nicht nur die Teile, die für die Sache wichtig ist, sondern den ganzen Menschen, mit Haaren, Händen und Füßen, großen Ohren und kleinen Nasen. Wir hören sie, nicht nur die Worte, die zur Sache gehören, sondern auch den Klang der Stimme, den Dialekt, auch das Atmen, Schniefen, Schlurfen, Husten. Und wir riechen sie auch, auch wenn wir gerade darauf gern verzichten würden. Zudem spüren wir sie auch noch, manchmal gehört das zur Erledigung der Sache dazu, etwa, wenn wir uns begrüßen, uns die Hand oder anderes reichen müssen, manchmal auch versehentlich, wenn wir uns beim Tun des gemeinsamen Werks zu nah kommen.

Das alles lenkt von der Sache ab, um die es eigentlich geht. Man sagt, wir sollen uns konzentrieren, und Personen, die richtig professionell der Profession nachgehen, für die sie Rollenspieler und Funktionsträger sind, die können, so sagt man, die Dinge ignorieren, die nicht zur Sache beitragen. Das ist vermutlich nicht richtig. Auch wenn wir uns seit ein paar hundert Jahren mehr oder weniger erfolgreich einreden, dass wir im Wesen ja rationale Tiere seien, deren Verstand die unwichtigen Wahrnehmungen ausschalten könnte – wir sind Wesen mit Gefühlen, mit Sinnlichkeit, die umfassend ist und sich nicht abschalten lässt.

Deshalb hat unsere Gesellschaft, die auf Effizienz und aufs Funktionieren hin konzipiert ist, ein paar Tricks erfunden. Sie bestehen im Wesentlichen darin, alle Personen zu uniformieren, die zu der Sache beitragen sollen, die zu machen ist. Die Uniform sorgt dafür, dass alle gleich aussehen, sodass wir uns schnell an einen normalen Anblick gewöhnen und keine ablenkenden Überraschungen mehr wahrnehmen müssen. Die Uniform bedeckt im besten Fall auch so weit wie möglich die Körperteile, in denen wir uns unterscheiden, sodass uns z.B. die Länge und Form der Beinbehaarung einer anderen Person nicht ablenken können.

Uniformen

Die Uniformierung der Personen, die gemeinsam Dinge zu tun haben, war vor Jahrzehnten stärker verbreitet und wurde ernster genommen, als das heute der Fall ist. Und das hat auch seine Vorzüge, denn es ist durchaus sinnvoll, dass die Menschen sich, wenn sie zusammen etwas erreichen wollen, als ganze Menschen wahrnehmen und nicht nur als funktionierende Rollenspieler. Auch der Small Talk, der Austausch von Freundlichkeiten, das Gespräch über Nebensächliches, können die gemeinsame komplizierte Sache befördern. Gerade, wenn man mit fremden Personen zusammenkommt, mit denen man gemeinsam eine Sache voranbringen will, kann das freundliche Gespräch gerade über das Nicht-Uniformierte, etwa über ein überraschendes Accessoire oder die Farbe eines Kleidungsstücks, der anderen Person signalisieren, dass man sie als angenehm empfindet und gern mit ihr in der Sache zusammenarbeitet. Der Austausch von Komplimenten über Äußerlichkeiten kann ein Klima schaffen, in dem die gemeinsame Sache, die man voranbringen will, besser gedeiht.
Ob der Rückgang der Uniformität dieser Einsicht geschuldet ist, oder ob er vielleicht notwendige Folge der Tatsache ist, dass mehr und mehr Personen zum Vollbringen von Sachen zusammenkommen, die sich sonst fremd geblieben wären, kann dahin gestellt bleiben. Sicher ist: Überall, wo heute Menschen zusammenkommen, um gemeinsam Dinge zu tun, gehören immer mehr dieser Personen zu Gruppen, die noch vor Jahrzehnten nicht dazu gehört hätten. Sie sind, aus der Perspektive ihrer Herkunft und ihres übrigen Selbstverständnisses gesehen, zunächst Fremde. Die Uniformierungsgewohnheiten der Gemeinschaft, in die sie hineinkommen, lehnen sie vielleicht nicht ab, aber für sie persönlich sind diese Gewohnheiten oft nicht akzeptabel, unpassend oder wären sogar ganz ungewöhnlich.

Fremde

So werden diese zunächst Fremden, die ja dann auch erst mal in der Minderheit sind, im Umfeld der Immer-Noch-Uniformierten auffallen. Sie bringen Farbe in die graue Eintönigkeit der Uniformen. So werden sie auch – ganz selbstverständlich – diejenigen sein, die man am ehesten nicht nur als Funktionsträger und Rollenspieler wahrnimmt, sondern eben als ganzen Menschen. Und diese Personen werden auch auf der Ebene des Small Talks, des Gesprächs über Nebensächlichkeiten, auf ihr Anderssein hin angesprochen werden, in Form von lobenden Freundlichkeiten und Komplimenten. Das jedenfalls für eine Weile, bis die Uniformität sich ohnehin aufgelöst hat und die Neuen auch nicht mehr die Minderheit sind und auch nicht mehr als Fremde erlebt werden.

Fremd sein, das muss nicht unbedingt bedeuten, als Feind wahrgenommen zu werden, als Person, die entweder schnell so werden soll, wie Alle sind, oder draußen zu bleiben hat. Das Fremde hat auch immer einen verlockenden, verführenden Reiz, es stiftet dazu an, selbst anders zu werden. So oder so hat es jedoch auch immer eine Unsicherheit, eine Gefährlichkeit. Niemand weiß so genau, wie man richtig mit der Überraschung der Fremdartigkeit umgehen soll. Missverständnisse sind kaum ausgeschlossen, und alle müssen nachsichtig miteinander sein. Denn am Ende sind wir eben ganze Menschen, die zusammen Dinge tun wollen.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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