Mehr Komplimente, bitte!

Wenn einer in aller Öffentlichkeit einer Frau sagt, dass sie jung ist und schön, ist er dann Sexist? Oder Vorreiter für eine schönere Welt?


Sicherlich, es gab Zeiten, in denen Männer untereinander die wichtigen Dinge der Gesellschaft besprachen, während sie für Frauen nicht mehr als ein paar nette Worte über ihr attraktives Aussehen, ihre Kochkünste oder ihre geschmackvolle Kleidung übrig hatten. Und ja: diese Zeiten sind noch nicht ganz vorbei. Deshalb ist es richtig, aufmerksam zu bleiben, ob Komplimente letztendlich nichts weiter als Mittel sind, Frauen aus den Diskussionen und letztlich aus den Entscheidungen herauszuhalten, die Männer für die wichtigen und entscheidenden halten.

Aber Komplimente sind weit mehr als eine freundliche Art, zu sagen, dass die Person, an die sie gerichtet sind, den Mund halten und freundlich lächeln sollte. Sie waren im Kern vielleicht nie ein Mittel der Ausgrenzung, auch wenn sie von Frauen nachvollziehbarer Weise so empfunden wurden. Sie waren schon in früheren Jahrzehnten vielleicht vor allem der unbeholfene Versuch, mit den unbekannten Wesen, denen der Mann im Geschäftsleben und in der Politik nie begegnete, ins Gespräch und in Kontakt zu kommen.

Heute sind Komplimente die Weise, uns gegenseitig deutlich zu machen, dass wir uns auch als Menschen und nicht nur in einer Rolle, nicht nur funktional wahrnehmen. Sie sind eine Form des Small Talks, der Beziehungen auf der emotionalen Ebene aufbaut.

Im Kompliment sagt der, der es ausspricht, zweierlei, und zwar nicht nur zu der Person, an die das nette Wort gerichtet ist, sondern an alle gerichtet, die es hören: Einerseits gibt er zu erkennen, dass er ein Mensch ist, nicht nur ein Rollenträger, und dass er mit allen Anwesenden eine wichtige menschliche Eigenschaft teilt: die der ästhetischen Wahrnehmungsfähigkeit, auch wenn er in der aktuellen Situation vielleicht eine bestimmte trennende Rolle einzunehmen hat. Andererseits sagt er eben auch: Ich nehme euch alle, und stellvertretend für euch diese Person, der mein Kompliment gilt, als Menschen wahr, nicht nur als Rollenspieler, die eine Funktion für mich haben.

Ästhetische Wahrnehmung, als Teil des emotionalen Beziehungsgefüges, das wir gestalten, um unsere Verhältnisse zu anderen zu stabilisieren, gehört zum Kitt der Gemeinschaft, der auch hält, wenn funktionale, ökonomische, rationale Interessenskonflikte auftreten. Deshalb brauchen wir sie, um unser Zusammenleben menschlich zu gestalten.

Und deshalb sind Komplimente auch aus einem weiteren Grund wichtig: Sie spornen uns an, uns selbst und damit unsere Welt schöner zu machen, angenehmer. Das Kompliment ist die Anerkennung für diese Bemühungen.

Also brauchen wir nicht weniger sondern mehr Komplimente, auch in der Öffentlichkeit. Wenn heute immer noch mehr Frauen Komplimente bekommen als Männer, sollte das nicht im Interesse einer anzustrebenden Gleichstellung zum Kampf gegen Komplimente als angeblichem Ausdruck von Sexismus führen, sondern im Gegenteil dazu motivieren, auch Männern Komplimente zu machen. Es ist angenehm, für einen geschmackvollen Anzug oder ein mutig gemustertes Hemd gelobt zu werden, sicherlich freut es auch, wenn jemand bemerkt, dass meine Bemühungen beim Joggen auch von einem äußerlich erkennbaren Erfolg gekrönt waren.

Wenn ältere Männer heute jungen Frauen in aller Öffentlichkeit Komplimente machen, um über schwierige Momente der Kommunikation hinweg zu kommen, sollten wir sie nicht als Sexisten beschimpfen oder als Dinosaurier einer fremden fernen Zeit verurteilen, sondern als Botschafter einer vielleicht kommenden schöneren Welt ansehen, in der auch Frauen den Männern, denen sie begegnen, sagen, dass sie gut aussehen und attraktiv gekleidet sind, bevor man gemeinsam zur Tagesordnung übergeht.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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